NACHSCHLAG: Der guten Würze zu viel

Das „Café Heider“ nennt sich zu Recht das Wohnzimmer der Stadt: Gemütlich, freundlich, kleine Macken

Ob Spitzenrestaurant, Café, Kneipe, Ausflugslokal oder Döner – Mitarbeiter des Potsdamer Stadt- und Landkuriers sind als anonyme Tester unterwegs.

Den Potsdamern das Café Heider zu erklären, das ist ein bisschen, als zeige man ihnen, wo der Park Sanssouci liegt. Wir wagen es dennoch, schließlich bezeichnet sich das Restaurant und Caféhaus als „Wohnzimmer der Stadt“ – und über fremde Wohnzimmer redet man gern. Es ist wochentags, der letzte Sommernachmittag, kurz nach 14 Uhr, das Café Heider ist halbvoll, dafür gibt’s draußen keinen freien Platz mehr – alles genießt die letzten Sonnenstrahlen. Also rein, neben der Tür zum Platz ist ein Tischchen frei, vier Kellner bespielen Haus und Platz und haben enorm zu tun, bleiben aber freundlich – untereinander und zum Gast. Einem redebedürftigen Rentnerpaar zuliebe bleibt die hübsche Kellnerin (das hat Tradition im Heider, hier hat sogar Wolfgang Joop Franziska Knuppe entdeckt) sogar nach dem Zahlen noch zu einem Mini-Schwatz stehen, obgleich von draußen jemand wenig galant ihre Aufmerksamkeit fordert: „Kommt ooch eena raus oda watt?“ Sie enteilt.
Die Karte ist lang und zeigt, warum Café Heider auf dem ersten Wort betont wird: Mehrere Seiten voller Tees, Kaffeespezialitäten, heißen Schokoladen, dazu ein umfangreiches Frühstücksangebot – und zwei Seiten mit Essen, darunter Caféhaustypisches wie Wiener Schnitzel mit lauwarmem Kartoffelsalat, aber auch Suppen und Snacks für den kleinen Hunger. Den Mittagsgast zwischen 11.30 Uhr und 14 Uhr erwartet ein wechselndes Gericht für 6,90 Euro – in dieser Woche von Hähnchencurry über Königsberger Klopse und Currywurst bist Pasta – und ein wöchentlich wechselndes Gericht von der Hauptkarte, das um 15 Prozent günstiger und mit einem Kaffee zum Nachspülen angeboten wird.
Dafür ist es aber etwas zu spät, daher greifen wir in die Vollen – heißt: zum teuersten Gericht – und ordern das Rumpsteak nebst quarkübergossener Ofenkartoffel und Salatbeilage (17,50 Euro), dazu – es ist ja noch Mittag – eine große Fassbrause (3,40 Euro), obschon die kleine, aber hervorragende Weinauswahl lockt. Obwohl die Kellner viel zu tun haben, kommen sie schnell und bleiben auch beim Tester ausnehmend freundlich. Ebensoschnell kommt das Essen – nicht so schnell, dass wir die Mikrowelle im Verdacht haben, hier unterstützend eingegriffen zu haben, aber auch nicht so spät, wie wir angesichts des touristengefluteten „Heider“ befürchteten.
Die Backkartoffel ist riesig und anfangs noch heiß, was natürgemäß wegen des Quarks schnell nachlässt. Das Rumpsteak lässt nicht auf überzogenen Sparwillen schließen, wurde aber seines kleinen Fettrandes beraubt, eine Unsitte, die angesichts des Trends zur gesunden Küche zwar zunehmend um sich greift, das Rumpsteak aber streng genommen zu einem teureren Hüftsteak degradiert, denn der kleine Fettrand im ansonsten mageren Fleisch ist eigentlich Teil der Definition. Caféhaustypisch werden keine großen Locken auf dem Teller gedreht, das Auge freut sich aber über die dicke Schicht aus Pfeffer, Salz und Gewürzen, die das Steak auf dessen gesamter Länge bedeckt. Die Zunge nicht. Es ist einfach zuviel. Zu salzig, zu pfeffrig, zu würzig. Nach dem ersten Bissen gebrauchen wir das Messer daher als Schabehilfe, und ein Berg Gewürze häuft sich neben das Steak. Das war übrigens „medium“ gebraten bestellt, kommt aber durchgebraten an. Nur in der absoluten Mitte hält sich trotzig ein Minikern rosafarbenen Fleisches. Schade. Zum Abschluss darf’s noch ein doppelter Espresso (3,40 Euro) sein, um die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen. Der ist wie erwartet klein, stark, schwarz und lecker. Am dazu gereichten Wasserglas indes klebt ein schokoladiger Fingerabdruck. Besser könnte man den Besuch nicht zusammenfassen: Kleine Mängel, aber gemütlich, freundlich, zentral gelegen, kurzum: ein typisches Wohnzimmer.

Erschienen am 14.09.2012

Blamiert

Über denkbare Deutungen am Ende der Stadtwerkeaffäre

Am Ende bleibt nichts Handfestes kleben an Peter Paffhausen, außer einer Rufschädigung. Das lässt sich auf zweierlei Art lesen: Die eine Version wäre, dass Paffhausen einfach zu clever und zu verschlagen war, dass er zwar gern am Rande der Legalität balancierte, als er Kredite für den SV Babelsberg 03 vergab oder den Pro-Potsdam-Chef von einem Ex-Stasi-Mann bespitzeln ließ. Dass er sich auch gern als heimlichen König sah und gerierte, aber die Grenze ins Strafbare nicht überschritt. Die andere Version wäre, dass Paffhausen stets zum Wohle der Stadt handelte, Geld lockermachte, wo der klamme Haushalt nicht weiter auszupressen war, dem SVB 03 die Viertklassigkeit ersparte, den Stadtoberen aus mancher Geldklemme half, nur um geopfert zu werden, als sich Ärger zusammenbraute: Erst hob man einvernehmlich den gerade verlängerten Arbeitsvertrag auf, als die Spitzel- und Kredit-Vorwürfe ruchbar wurden, dann kündigte der Aufsichtsrat ihm, als die grimmen Stadtverordneten angesichts der millionenschweren Abfindung den Volkszorn fürchteten. Das war offenkundig übereilt, wie nun die Justiz Stück für Stück aufdeckt. Am Ende treffen wohl beide Lesarten der Affäre zu, doch was vor allem hängen bleiben wird: Die Stadt hat sich insgesamt veritabel blamiert.

Erschienen am 08.09.2012

SAMSTAGMORGEN: Notstand ist Notstand

Das ertrage er einfach nicht, erklärte diese Woche ein Leser am Telefon. Er sprach nicht vom Abschlachten in Syrien oder von Kindesmissbrauch, sondern von etwas, das er „einen drohenden Notstand an Beachvolleyballplätzen in Potsdam“ nannte. Gemeint ist ein Platz im Bornstedter Feld, der einer seit 15 Jahren geplanten Wohnbebauung weichen muss. Direkt neben-
an gibt es vier weitere Plätze, die bleiben. Doch Notstand ist Notstand. Wir sehen daher schon das UN-Flüchtlingshilfswerk, von Blauhelmen beschützt, ins Bornstedter Feld einziehen, wo aus dem Sand gesperrter Uferwege dieser Stadt ein erster Beachvolleyballplatz improvisiert wird, um die ärgste Not zu lindern. Auf eben jenem schlägt dann Matthias Finken, Chef des Bürgerforums Nord und eifriger Unterschriftensammler gegen die Bebauung, im CDU-farbenen Bikini auf – auf der Gegenseite sein Lieblingskontrahent aus alten Kampftagen um den Badstandort, Thomas Hintze, im Borat-String. Auf den Bällen stehen Argumente wie: „Vergesst den Norden nicht“, „Potsdam braucht Wohnungen“, „Der Brauhausberg muss frei bleiben“ und „Gemeinwohl? Nein danke!“. Die beiden schmettern sie sich nur so um die Ohren, und wir hören schon den Oberbürgermeister warnend rufen: „Bis einer weint!“. Doch da schreiten die Punktrichter, vier Drewitzer Kita-Erzieherinnen in Resozialisierung, ein. Sie können zwar nicht unfallfrei bis 33 zählen, aber bis 21 hat es gereicht. Als sie gerade den Sieger küren, klingelt der Wecker. Zum Glück.

(Anmerkung für Nichtabonnenten: Den vier Kita-Erzieherinnen war am Vortag gekündigt worden, weil sie ein Kind auf einem Ausflug vergessen hatten – wegen „Verzählens“)

Erschienen am 04.08.2012

Aufwachen!

Die Hotel- Entscheidung muss akzeptiert werden – aber mit allen Folgen

Im Grunde war es schon gelaufen, bevor es richtig begonnen hatte: In jenem Moment, in dem Hasso Plattner ankündigte, er wolle über den Kunsthallenbau mit niemandem in Streit geraten, sanken die Chancen für einen Abriss des Hotel-Plattenbaus auf null. Nicht nur, dass es bei mehr als 150 000 Einwohnern schwer möglich ist, keinen zu finden, der einen Einwand hat. Mit Potsdam hat sich Plattner ausgerechnet die Stadt ausgesucht, in der der Streit zwischen dem baulichem Erbe der DDR und der Rückerlangung europäischen Formats so hart ausgetragen wird wie in keiner anderen. Es ist nun müßig, darüber zu streiten, ob der Mäzen die Mimose gibt, wenn er angesichts der Einwände einknickt – es ist sein Geld, und er hat über den Aufbau einer Sammlung von DDR-Kunst klug versucht, den Ostalgikern eine Brücke zu bauen, damit sie den Abriss akzeptieren. Das hat nicht funktioniert. Die Halle wird nun weit draußen liegen und die DDR-Freunde reiben sich die Hände über den Fortbestand der subversiven Platte neben dem Schloss. Der ewige Streit „neu und weltoffen“ gegen „so wie früher“ ist einmal mehr auf die Potsdam-Art ausgegangen. Das ist zu akzeptieren. Die fortdauernde innere Bezirkshauptstadt und der Anspruch auf europäisches Format bleiben aber unvereinbar.

Erschienen am 06.07.2012

Futterneid

Über tierische Neulinge in der Stadt und ihre nicht sehr nette Begrüßung

Da wird nun immer geklagt, man müsse die Gästezahlen in der Stadt erhöhen, gerade die Amerikaner fehlen, und dann das: Kaum siedeln sich mal einige an, ist es den Potsdamern auch wieder nicht recht. Weil mal eine Mülltonne umfiel, weil’s mal auf dem Dachboden rappelte oder weil mal ein Fischlein aus des Nachbars Teich fehlte. Dabei verfügt der Waschbär – und nur um den geht’s – doch über durchaus sympathische Eigenschaften: Er ist clever, niedlich und versöhnt durch seinen namensstiftenden Bauch die Mehrzahl der Männer mit dem ihren. Doch was passiert in dieser vermeintlich so weltoffenen Stadt, dieser familienfreundlichen Metropole? Freut man sich über junge, gut ausgebildete Waschbärenpaare, die sich für ein Leben in der Berliner Vorstadt entschieden haben, ein Leben mit Blick auf Wasser, Parks, Weltkulturerbe und immer volle Mülltonnen? Mitnichten. Vergrämt soll er werden, der Waschbär, und wenn das nicht gelingt, wird scharf geschossen. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sieht anders aus. Das hinterlässt natürlich Spuren in des Bären Gemüt. Hielten die Neulinge unter Potsdams Tieren dereinst noch eng zusammen, regiert nun der Futterneid: Berichten zufolge räumte ein Waschbär kürzlich einen Teich wertvoller japanischer Koikarpfen leer.

Erschienen am 03.07.2012

NACHSCHLAG: Nostalgie vom Drehgrill

Die „Globus Grillbar“ hat zwar den falschen Namen, aber noch das richtige Flair – und die besten Hühnchen

Ob Spitzenrestaurant, Café, Kneipe, Ausflugslokal oder Döner – Mitarbeiter des Potsdamer Stadt- und Landkuriers sind als anonyme Tester unterwegs.

Über der Tür steht „Globus Grillbar“. Wer diesen Namen benutzt, hat sich allerdings sofort entweder als Zugezogener oder als Unter-30-Jähriger geoutet. Alle anderen nennen die kleine Einrichtung Am Kanal nämlich beharrlich weiter „Goldbroiler“, wie sie bis zur Wende hieß. Man könnte sie auch „Aquarium“ nennen, denn durch die riesigen Fenster zur Straße hat man nicht nur einen schönen Blick hinaus, sondern auch hinein.
Drinnen ist es spartanisch, aber modern eingerichtet; den Raum dominiert eine große, verspiegelte Bar, hinter der die Broiler brutzeln. Der klassische Drehgrill, der es gestattete, dem eigenen Mittagsmahl bei der Vergoldung zuzusehen, fehlt leider. Dank warmer Beleuchtung und ein paar Pflanzen wirken die runden Resopaltischchen mit je zwei Stühlen dran nicht ganz so karg. Es ist Mittagszeit, die Tische sind gut besetzt: Angestellte der umliegenden Läden und Kanzleien, FH-Studenten, Touristen und Rentner auf Einkaufstour dominieren. Ein Pärchen mit hörbar sächsischer Herkunft kommt herein, schaut sich um und er sagt zu ihr: „Gugg ma, fast wie früher“.
Die laminierte Speisekarte ist quietschbunt, aber übersichtlich. Der Broiler heißt touri-kompatibel jetzt Viertel- oder halbes Hähnchen und kostet pur zwei respektive drei Euro, mit Brötchen 25 Cent mehr, mit Pommes einen Euro plus. Wer Majo oder Ketchup möchte, legt nochmal 25 Cent drauf und ist trotzdem preiswert satt geworden. Für den weltgewandten Gast gibt’s auch noch Hähnchen Cordon Bleu (8,40 Euro) und Thaihuhn in Kokossoße mit Reis (5,80), für Geflügelverweigerer Beefsteak mit Röstzwiebeln (6,80) und für das komplette Ostalgie-Gefühl ein Ragout fin vorweg (4 Euro), natürlich in der DDR-Variante mit Huhn statt Kalb. Wir entscheiden uns für den halben „Gummiadler“ nebst Pommes (die in den 1980ern auch im Goldbroiler angebotenen Pommes waren legendär!) und einer Tüte Majo, dazu darfs eine Cola sein, die aber aus dem „imperialistischen Ausland“ kommt. Vita- oder Club-Cola aus dem Osten gibt’s nicht. Dafür sind die Teller „Made in GdR“, Marke „Inglasur Colditz“. Herrlich. Trotz Imbiss-Preisen wird man im Grill bedient von einer netten Dame mit leicht osteuropäischem Akzent. Nur die Dederon-Schürze fehlt. Der Broiler ist schlicht fantastisch. Schön heiß, schön frisch, saftig die Keule, faserig der Flügel, mit Curry und Paprika gewürzt, eine Köstlichkeit, wie sie in der berühmten Neptun-Bar Rostock nicht besser zu bekommen gewesen wäre. Auch die Pommes präsentieren sich ohne Fehl und Tadel, schon leicht abgekühlt zwar, aber reichlich viele, groß und kaum fettig. Die Gemüsegarnitur allerdings erfüllt nur Dekorations- und Alibizwecke. Die paar Gurkenstiftel und das Sechzehntel einer Tomatenscheibe, gekrönt von einem im Sterben liegenden Petersilieblatt, passen zusammen auf eine Gabel.
Nach dieser Riesenportion stellt sich eine fast schon sozialistische Arbeitsmoral ein. Abhilfe verspricht entweder die Abteilung heimisch-hochprozentig (Wilthener Goldkrone, Nordhäuser Doppelkorn oder Wodka Gorbatschow, alles 1,30 Euro) oder modern-aufputschend (Espresso, Cappuccino, Latte Macchiato 1,50–2,50 Euro). Da es noch Mittag ist, entscheiden wir uns für Letzteres und sind erfreut, frisch Gebrühtes aus frisch gemahlenen Bohnen zu bekommen mit einer tollen, nussigen Crema. Wir schämen uns einen Moment, dass wir insgeheim Muckefuck oder gefriergetrockneten Cappucino aus der Tüte, mit kochendem Wasser aufgequollen, befürchtet hatten. Mit dem Koffein flutet ein kindliches Nostalgie- und Wohlgefühl den Körper und wärmt nicht nur den Bauch, sondern auch die Seele. Das gibt es in der Global Grillbar kostenlos obendrauf. Wer’s erleben möchte oder einfach gute Grillhähnchen mag, sollte mal reinschauen. Für Tage mit „Westbesuch“ gibt’s andere Lokale.

Erschienen am 02.07.2012

Danke, Lindenpark!

Mensch, danke, Lindenpark! Du warst für fast vier Wochen mein – besseres – Wohnzimmer. Bei Sonne und Regen, in guten (gegen Griechenland!) wie in trüben (gegen Italien!) Stunden warst Du offen für mich und jeden anderen, hattest immer ein kühles Bier und einen warmen Burger zur Hand (auch wenn der Käse öfter mal aus war); wenn ich früh kam, fand ich einen Liegestuhl gar, wenn ich spät kam, nur eine harte Bank – doch so ist das Leben. Rudelgucken bei Dir war eine schöne Erfahrung – weil man keinem Gesinnungszwang unterlag, der an anderen Orten in der Stadt herrscht und dort jeden, der nicht zum Stammpublikum passt, zum Unwohlsein verdammt; weil bei Dir immer ein gewisses Niveau herrschte, im Gegensatz zum Luisenplatz, wo nach einer Niederlage auch schon mal eine Fahne angezündet wurde. Bei Dir aber – vielleicht ist’s die Uninähe? – herrschte immer ein offenes, internationales Klima, feierten hübsche Spanierinnen und enthusiastische Ukrainer Seite an Seite, hier freuten sie sich und schimpften in mindestens 16 Sprachen, all die Potsdamer, die Erasmusstudenten und die Exilberliner. Bei Dir war man nie allein und nie bedrängt, das ist eine reife Leistung, die auch Deinem netten Team zu danken ist. Ach Lindenpark, Du wirst fehlen – bis zur nächsten WM.

Erschienen am 02.07.2012

Broschüren statt Bußgeld

Stadt, Polizei und Behindertenbeirat erinnerten Radler in Babelsberg daran, dass Gehwege für sie tabu sind

Dutzende Radfahrer erwischte ein Infoteam gestern Nachmittag in nur zwei Stunden auf Babelsberger Gehwegen.

Der Absprung ist so schnell und elegant, dass mancher Stuntman vor Neid erblassen würde, das Gesicht danach die reine Unschuld. Binnen Sekundenbruchteilen hat die junge Frau ein Schaufenster im Blick, schiebt das Rad nun, als habe sie seit Stunden nichts anderes getan. Polizeiobermeister Hans-Thomas Christ lässt sie dennoch nicht vorbei. Charmant, aber bestimmt, weist er sie darauf hin, dass sie doch eben auf dem Gehweg geradelt sei. „Waaaas?“ Entsetzter Blick aus grünen Augen. Nein, da müsse er sich verguckt haben. Erst als Christ erklärt, dass er nur aufklären möchte und nicht etwa fünf Euro Bußgeld kassieren, bekommt er ein Geständnis.
So geht es gestern Nachmittag zwei Stunden lang. Die Stadt, der Fahrradclub ADFC, der Behindertenbeirat und die Polizei haben sich zusammengetan, um etwas gegen das Radlerunwesen auf Gehwegen zu tun. Statt Knöllchen verteilen sie Broschüren mit der Aufschrift „Rücksicht kommt an“. Schwerpunkte der Kontrolle sind der Weg vor dem Thalia-Kino und die Mündung der Schornsteinfegergasse auf die Karl-Liebknecht-Straße.
Dass die meisten Radler durchaus wissen, dass sie etwas Verbotenes tun, beweist der Umstand, das 80 Prozent der Gehsteigradler hastig abspringen, wenn sie der Polizei oder auch nur der gelben Warnwesten des Infoteams ansichtig werden. Manche wechseln auch schleunigst die Straßenseite oder müssen plötzlich eiligst etwas im nächsten Geschäft erledigen. Bar jeden Schuldbewusstseins sind hingegen zwei 14-Jährige, die munter auf die Streife zuradeln und erwartungsvoll schauen, was man von ihnen wolle. Sie zeigen sich danach mustergültig einsichtig und sagen sogar „danke“, bevor sie weiter schieben.
So gute Erfahrungen macht Stefanie Seidel eher selten. Sie ist blind, und Radler auf Gehwegen sind für sie ein fast schon existenzielles Problem. „Wenn ich aus dem Weg geklingelt werde und mich schnell zur Seite drehe, verliere ich regelmäßig die Orientierung“, erzählt sie. Selbst wenn sie nur fünf Minuten von Zuhause entfernt sei, verlaufe sie sich dann oft so gründlich, dass sie erst nach einer Stunde wieder den Weg zurück finde. Und viele Gehwegrowdys seien zudem auch noch unfreundlich oder machten sich über sie lustig. Der Aktionstag ist Stefanie Seidel daher ein Herzensbedürfnis, was man ihr anmerkt, wenn sie mit den Erwischten spricht. Seidel wohnt in der Brandenburger Vorstadt, wo es besonders schlimm sei, weil die engen Gehwege auch noch mit parkenden Rädern zugestellt würden. Auch Rollstuhlfahrer kämen da oft kaum durch.
Angesichts der geballten Menschenmenge, der Polizei und der Presse gibt es kaum jemanden, der an diesem Nachmittag nicht Einsicht zeigt oder heuchelt. „Was die Leute allerdings ab der nächsten Ecke tun, darüber sollten wir uns nicht zuviele Illusionen machen“, sagt ein Polizist. Die Gründe für die Fehlfahrten sich vielschichtig: Einer sagt, das Fahren auf dem Kopfsteinpflaster schade seinen Bandscheiben, andere empfinden die Fahrbahn auf der Karl-Liebknecht-Straße als zu gefährlich, weil dauernd Autos ein- und ausparken. Das noch größte Verständnis haben die Polizisten, wenn Eltern ihre Kinder – bis zehn Jahre dürfen die auf dem Gehweg fahren – auch auf dem Gehweg begleiten. Verboten ist es dennoch, und die Ermahnung hilft. Meistens. Nur ein Vater fährt aus der Haut. „Wenn jetzt etwas passiert, mache ich Sie verantwortlich“, ruft er, und fährt schlicht weiter. Da hätte dann wohl doch eher ein Knöllchen geholfen. Die Broschüre lässt er demonstrativ liegen.

Erschienen am 22.05.2012

Sieben Gramm Geschichte für 7,5 Millionen Euro versteigert

Er steckte in der preußischen Krone und gehörte dem Haus 310 Jahre: Der Diamant „Beau Sancy“ wurde gestern an einen anonymen Bieter verkauft

POTSDAM/GENF Es sind nicht einmal sieben Gramm, doch obgleich lupenrein, haben sie es in sich: Mehr als 400 Jahre europäischer Geschichte stecken im „Beau Sancy“, einem Diamanten aus dem preußischen Kronschatz, der gestern Abend auf einer Auktion in Genf für umgerechnet 7,5 Millionen Euro verkauft wurde – an einen anonym bleibenden Bieter. Das Auktionshaus Sotheby’s hatte das Kronjuwel auf 1,5 bis drei Millionen Euro taxiert. Rund sieben Minuten dauerte die Auktion, fünf Bieter steigerten am Telefon und im Auktionsraum um „einen der bedeutendsten historischen Diamanten, der je zur Auktion kam“, so der Auktionator.
Friedrich I., der 1701 die Königswürde nach Preußen holte, ließ den fast 35 Karat schweren Edelstein, der schon damals berühmt und daher prestigeträchtig war, 1702 in die Königskrone einarbeiten. Sein Enkel Friedrich II. schenkte den Stein seiner Gattin, und seither trugen alle preußischen „First Ladys“ den im Doppel-Rosenschliff gehaltenen größten Edelstein des Hauses Preußen (zirka 23 mal 20 mal 11 Millimeter) bei ihrer Hochzeit und anderen hohen Anlässen. Georg Friedrich Prinz von Preußen, dem derzeitigen Oberhaupt des Hauses, dürfte die Entscheidung zum Verkauf nicht leichtgefallen sein. Die Familie habe viele Renten und sonstige finanzielle Verpflichtungen zu erfüllen, die den Verkauf erforderlich machten, sagte eine Sprecherin des Hauses.
Georg Friedrich heiratete ohne Kronschmuck im August 2011 in Potsdam. Zuletzt getragen wurde der Diamant bei der Hochzeit des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. von dessen Gattin Auguste Viktoria. Der Stein stammt aus den berühmten indischen Minen nahe der Stadt Golconda, aus denen die weltweit bekanntesten Diamanten kamen.
Schon bevor der Stein in preußische Hände fiel, hatte er eine bewegte Geschichte hinter sich. Erworben vom „Lord von Sancy“ in Konstantinopel im Jahr 1500, kaufte ihn 1604 der französische König Heinrich IV. auf Drängen seiner Gattin Maria de Medici. Die ambitionierte Adlige sah das Juwel als Prestigeobjekt. Als Heinrich IV. 1610 ermordet wurde und seine Frau vorübergehend den Thron bestieg, ließ sie den Stein in ihre Krone einarbeiten. Maria musste 1631 in die Niederlande fliehen und verkaufte den Beau Sancy an das Haus Oranien-Nassau (Niederlande) für 80 000 Gulden – damals die höchste Ausgabe im Staatshaushalt des gesamten Jahres. Durch die Hochzeit eines Nassauischen Königs mit Maria Stuart gelangte der Stein nach Schottland, später an den Thron von England und fiel schließlich wegen Kinderlosigkeit wieder an Oranien-Nassau zurück. 1702 übernahm der Preuße Friedrich I. das Vermächtnis des Hauses von Oranien und gelangte so in den Besitz des europaweit berühmten Diamanten, der perfekt zur soeben errungenen Königswürde Preußens passte. Dort blieb der Stein 310 Jahre lang. Nach Abzug der Provision von rund 800 000 Euro bleiben dem Haus Preußen nun Einnahmen von rund 6,7 Millionen Euro – und ein schmerzlicher Verlust.

Erschienen am 16.05.2012

Viele Besucher, viele Fragen

Der Andrang beim Tag der offenen Baustelle im Stadtschloss ebbte zu keiner Zeit ab

Schauen, Staunen, Fragen stellen: ein Rundgang mit einer schloss-skeptischen Besucherin.

Während Martin Richter Löcher in den Sandstein schlägt, fragt ihm Else Hoyer welche in den Bauch. Der Steinmetz der sächsischen Sandsteinwerke befreit mit Beitel und Knüpfel eine von 1000 Palmetten fürs Stadtschloss aus dem Reinhardtsdorfer Sandstein, die 78-Jährige Besucherin hingegen legt ihrer Neugier im Schlosshof keine Fesseln an. Wie lange er für eine Palmette brauche? Elf Stunden. Wieso er keine Schablone benutze? Weil er nach der 100. Palmette die Form fest im Kopf hat. Was passiert, wenn er mal zuviel abschlägt? Dann gibt es „Middel und Wege“, sagt Martin Richter mit seinem sächsischen Akzent trocken. Ob er nicht eigentlich eine Schutzbrille tragen müsse? Müsse er, und eine Gesichtsmaske, aber dies sei nun mal ein Tag der offenen Tür und er wolle allen Interessierten zeigen, wie die Palmetten entstünden. Mit Maske ließen sich nur schwer die ganzen Fragen beantworten.
„Aha“ sagt Else Hoyer und schaut, als leuchte ihr wenigstens diese Antwort unmittelbar ein. Sie ist resolut, und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie vom Stadtschloss eigentlich wenig hält. Zwar ist sie vor 13 Jahren „nach der Verrentung“ wegen der Schlösser und Parks aus Chemnitz nach Potsdam gezogen, aber den neuen Landtag im alten Gewand findet sie „affig“. „Unzeitgemäß und affig“, korrigiert sie. Zum Tag der offenen Tür kam sie trotzdem, wie auch 21 500 andere Besucher. Um ihre Vorurteile zu prüfen, wie sie sagt. Und um Experten zu löchern.
Ihr nächstes Opfer ist Sandro Hilmes, beim Baukonzern BAM fürs Kupferdach zuständig. Wie weit das Dach denn nun sei? Im Moment arbeite man am Südflügel, etwa ein Drittel des Daches sei bereits gedeckt. Dann werde man sich auf beiden Seitenflügeln vom Norden nach Süden durchdecken. Wann das denn fertig sei? Bis Oktober, sagt Hilmes, und das müsse es auch, weil Kupfer bei Kälte nicht verlegt werden könne. Was man denn gegen diese Buntmetalldiebe tue? Hilmes lächelt. „Wir haben Tag und Nacht gutes Wachpersonal.“ „Und wenn der Bau fertig ist? Kann ein frecher Dieb das dann nicht vom Dach reißen?“, lässt Else Hoyer nicht locker. Hilmes lächelt breiter und ein wenig angestrengt und sagt: „Das ist eher unwahrscheinlich. Fallrohre und Regenrinnen würden zudem hinter der Fassade verlegt, seien also unerreichbar. So mit Fakten versorgt, geht Else Hoyer zur Bewertung über: Sie finde das Kupfer furchtbar protzig, das glänze wie Gold und sehe bei Sonne „nur großspurig“ aus. Hilmes kann beruhigen. Schon nach zwei Wochen sei der ärgste Glanz vorüber, die Patina brauche allerdings 30 Jahre.
So geht es weiter. Im dichten Besucherstrom durchs Treppenhaus, dessen Ausblick auf Fortunaportal und Nikolaikirchenkuppel Else Hoyer um ein Haar mit dem Schloss versöhnt hätte, am Plenarsaal vorbei („bisschen mickrig für so ein Riesenschloss, finden Sie nicht?“) durch den Ostflügel mit den künftigen Büros, wo Landtagsabgeordnete wie Dieter Dombrowski schon mit dem Zollstock Maß nehmen für die Büroeinrichtung. Die Fragefreudigkeit Else Hoyers ist unermüdlich, doch auf seltsame Weise kreuzen nach gewisser Zeit kaum noch BAM-Mitarbeiter ihren Weg. Sie sind mit Funkgeräten untereinander verbunden. Else Hoyer fragt dann einfach andere Besucher oder stellt sich die Fragen selbst. Nach einer guten Stunde ist der Rundgang beendet. Else Hoyer hat nicht ihren Frieden mit dem Schloss gemacht, sagt sie. Aber sie weiß jetzt eine Menge drüber.

Erschienen am 14.05.2012


%d Bloggern gefällt das: