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Krampnitz: Streifzug durchs Sperrgebiet

Samstag, 12. Juli 2014

Oberbürgermeister Jann Jakobs lud zur Tour über das marode Kasernenareal — die Vermarktung hat schon begonnen

Krampnitz — Sie haben immer etwas von „Klassenfahrt mit Beigeordneten”, die Oberbürgermeisterspaziergänge — es werden nicht nur Vorhaben präsentiert, seien sie nun kurz vor dem Beginn oder kurz nach dem Abschluss, es wird sich auch mal locker gemacht. Lockerer zumindest als in Sitzungen, so locker, wie sich Verwaltung halt „locker” vorstellt. Von dieser Regel bildete auch die gestrige Tour durch die Kaserne Krampnitz keine Ausnahme.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) erschien mit verspiegelter Sonnenbrille, in der Baudezernent Matthias Klipp (Grüne) den Sitz seiner Frisur prüfte. Bürgermeister Burkhard Exner (SPD) kam im Bus zwischen zwei Journalistinnen zu sitzen und fühlte sich „von der vierten Gewalt in die Mangel genommen”. Der OB dozierte während der Fahrt und aus dem Radio bat Madonna flehentlich „Papa don’t preach”. Dann waren alle erstens das erste Mal durchgeschwitzt, da die Klimaanlage nur den OB kühlte und zweitens in Krampnitz angekommen.

Mittels einer Entwicklungsmaßnahme will die Stadt das 125 Hektar große Areal in ein Wohngebiet verwandeln, um dem stetigen Zustrom von Einwohnern — derzeit etwa 1500 pro Jahr — Herr zu werden. In rund 1600 Wohnungen werden 3800 Menschen ein Zuhause finden. Da die Flächen noch dem Land gehören, war auch Daniela Trochowski, Staatssekretärin im Finanzministerium, mit dabei. Die Flächen seien noch nicht an die Stadt übertragen worden, weil das Land noch im Rechtsstreit mit der TG Potsdam liege, die gern einige Filetstückchen das Areals hätte, weil sie dereinst eine Kaufoption abschloss, sagte sie (siehe Infokasten). Diese Option hat nach Auffassung des Landes aber keinen Bestand, nichtsdestotrotz klagt sich die TGP durch alle Instanzen. Der Kampf ist aussichtslos, denn selbst wenn sie gewönne, würde die Stadt sie dank der Entwicklungsmaßnahme sofort enteignen. Der Rechtsstreit dürfte schon jetzt teurer sein als die mögliche Entschädigung bei Enteignung, schätzten sowohl die Stadtbauexperten als auch das Land, aber offenbar kämpfe die TGP aus Prinzip.

Die eigentliche Tour startete dann an der Ketziner Straße, wo denkmalgeschützte Zweigeschosser stehen, die für je vier Familien erbaut wurden. Hier will die Stadt über ihren Entwicklungsträger zuerst an die Erschließung und Vermarktung gehen, denn Denkmal-Immobilien sind stark nachgefragt, weil die Restaurierungskosten von der Steuer abgesetzt werden können. „Der Andrang ist sehr groß”, sagte Bert Nicke, Geschäftsführer des zuständigen Entwicklungsträgers Potsdam (ETP), einer Stadttochter. Der ETP erschließt das Gebiet, reißt ab, baut Straßen und zieht Leitungen und verkauft dann die Flächen unter Vorgaben an Investoren — genau nach dem Vorbild des viel größeren Bornstedter Feldes. Nur die Originalbauten aus den 1930er Jahren wie Turm, Casino, Heizhaus, Stabsgebäude und Fähnrichsheim sowie T-förmige Bauten bleiben erhalten, die in den 1970er Jahren von der Sowjetarmee errichteten Plattenbauten hingegen komplett abgerissen, um neuen Angerdörfern Platz zu machen. Über viele Details wie Zuwegung, Tramtrasse, Platzierung der Angerdörfer und vieles mehr werden im Zuge der Entwicklung Wettbewerbe entscheiden. Klar ist nur, dass Anfang 2015 erste Baumaßnahmen geplant sind und die Vermarktung schon läuft.

Dass die Nachfrage trotz fünf Kilometern Entfernung zur Innenstadt so groß ist, liegt laut Nicke auch daran, dass das Areal an zwei Seen liegt und an die Döberitzer Heide grenzt. Es sei ruhig, naturnah und damit familientauglich. Seit im Mai die Kommunalaufsicht grünes Licht für die Entwicklungsmaßnahme gab, arbeiten Stadt und ETB emsig an Plänen, Wettbewerben und Vermarktung.

Nach soviel Information blühte dann wieder der Flachs: Auf dem ehemaligen Exerzierplatz stellte sich Jann Jakobs auf den Kommandostand und sein Baudezernent, ganz gegen sonstige Gewohnheit, salutierte vor ihm. Der ETP sei für die Maßnahme angetreten und kampfbereit. Lächelnd nahm Jakobs das Defilee der Zuständigen ab. Danach durften alle noch einen Blick in die teils sehr maroden historischen Gebäude werfen, um sich von der Größe der Aufgabe zu überzeugen, bevor es bei einer Tasse Kaffee — die Pressestelle wollte auch humorvoll sein und servierte „Jacobs Krönung” — wieder schwitzend zurück in die verstopfte Innenstadt ging. „Tja”, sagte ein Verantwortlicher, während die Karawane im Stau stand, „für den Verkehr gen Norden müssen wir uns wohl auch noch was einfallen lassen.” Da war es plötzlich ganz ruhig im Wagen. Selbst Madonna schwieg.

Kochen auf Rädern

Samstag, 22. Dezember 2012

Finanzminister übergibt Spende für Kochstationen im Jugendclub „Offline“

Eine Suppe. Eine richtig heiße Bohnen- oder Linsensuppe ist alles, was Helmuth Markov möchte. Es dürfte die teuerste Suppe seines Lebens werden, denn Markov musste 7500 Euro überreichen um sie zu bekommen – sein einziger Trost: Er zahlte das Geld nicht aus eigener Tasche, sondern aus Lottomitteln, die in seinem Hause, dem Finanzministerium verwaltet werden.
Wie es der Zufall so wollte, fiel der Besuch des Finanzministers samt Scheckübergabe genau auf den Tag, an dem im Jugendclub „Offline“ des SC Potsdam an der Miami-von-Mirbach-Straße die Weihnachtsfeier auf dem Programm stand – weshalb das Geschenk einen ungewollt adventlichen Rahmen erhielt. „Es wäre aber auch schwer gewesen, an einem Tag ohne Weihnachtsfeier zu kommen“, kommentierte Club-Leiter Peter Schäperkötter trocken. Seit einigen Tagen feiern die verschiedenen Sektionen und Sportgruppen des SC im Multifunktionsgebäude eine nach dem anderen ihr Weihnachtsfest.
Das Geld, das der Finanzminister (Linke) überbrachte, soll helfen, drei mobile Kochstationen zu kaufen. Diese Stationen, je mit Herdplatte, Backofen, Töpfen und Küchenutensilien ausgestattet, sind bereits bestellt und werden dieser Tage im „Offline“ erwartet. Auf Rollen gelagert, können sie bei Bedarf die großzügige Küche des Clubs erweitern oder im Sommer auf der Terrasse benutzt werden. Die Idee dazu hatte die Ehefrau des Sportmoderators Dirk Thiele bei einem Besuch im Club. Die moderne Küche bewundernd, sagte sie, nun bräuchte man nur noch mehrere Platten, um regelrechte Kochduelle veranstalten und die Jugendlichen das Zubereiten gesunder Ernährung lehren zu können.
Bei Schäperkötter fiel die Idee sofort auf fruchtbaren Boden, nur die Finanzierung gestaltete sich noch als schwierig. Doch Helmuth Markov kam kurz darauf anlässlich einer Rundreise im Club vorbei und fragte, ob angesichts der tollen Ausstattung überhaupt noch Wünsche offen seien – da erinnerte sich Schäperkötter der Kochstationen und Markov der Lottomittel, und so nahm die Spende ihren Lauf.
Eine Kooperation zwischen dem „Offline“ und Köchen der IHK-Prüfstelle Teltow gibt es bereits. Sie hat das Ziel, den Jugendlichen eine ausgewogene Ernährung und gesunde Lebensweise näher zu bringen und sie den Spaß am Kochen zu lehren. Nur war bislang das Problem, dass es eng wurde, wenn sich mehr als fünf Teilnehmer um den einen Herd und Backofen drängten. Damit soll es künftig vorbei sein. Wenn es dennoch eng an den Herden wird, lernen die anderen Jugendlichen, eine festliche Tafel zu decken. Das Projekt ist für die offene Jugendclubarbeit am Nachmittag gedacht, es werde keine Schulspeisung oder den Mittagstisch für die Clubbesucher ersetzten können, sagte Peter Schäperkötter.
Rund 30 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren kommen an einem gewöhnlichen Tag in den Club. Die Nutzer der offenen Clubarbeit kommen vor allem aus Drewitz und dem Kirchsteigfeld, die Vereinsmitglieder des SC nehmen auch weitere Anreisen in Kauf, um zum Beispiel das Fitnessstudio im Gebäude nutzen zu könenn. Mit etwas Glück bekommen sie künftig nach dem Krafttraining auch noch ein saftiges Steak geboten. Und Helmuth Markov eine Suppe.

Erschienen am 22.12.2012

No, Champs-Élysées!

Samstag, 1. Dezember 2012

Platzeck klagt über bunten Pariser Advent

Jetzt werden ihm seine Potsdamer vermutlich mit dem Spruch von dem Glashaus und den Steinen kommen, ihrem Matthias Platzeck. Der war nämlich dieser Tage – dienstlich, versteht sich! – in Paris und wurde von einer Nachrichtenagentur am Rande gefragt, wie ihm die weihnachtlich geschmückte Avenue des Champs-Élysées gefalle, die Prachtmeile der Hauptstadt. „Mir ist das ein Tick zu bunt“ ist als Antwort überliefert, und das wirft nicht nur Fragen nach der ministerpräsidialen Grammatik auf – Sprachpuristen hätten „einen Tick zu bunt“ bevorzugt – es spricht auch für eine unzureichende Vorbereitung des Landesvaters, wie er sie etwa durch regelmäßigen Besuch der Internetseite seiner Lieblings-Heimatzeitung hätte leisten können. Dort hätte er nämlich erfahren, dass 60 Prozent der Potsdamer die Beleuchtung auf ihrem Weihnachtsmarkt in der Brandenburger Straße – die berühmte Blaue Tanne, die angeblich bundesweit einzigartig ist – „grauenvoll“ finden. Immerhin 600 Menschen haben ihrem Abscheu per Mausklick Ausdruck verliehen. Doch statt nun kleinlaut und gebückt die Seine entlangzuschleichen, kritisiert Platzeck öffentlich den Geschmack der Franzosen. Die „Stadt des Lichts“ hat sich diesmal für pinke und weiße Girlanden in den Baumkronen entschieden. In Potsdam könnte sich Platzeck so etwas nicht vorstellen, „da hätten wir sicher eine riesige Debatte“, sagte er einem Korrespondenten. Ach Matthias, würdest Du doch nur häufiger auf eine von Ostdeutschlands meistgeklickten Webseiten schauen . . .

Erschienen am 01.12.2012

Kleine Paläste vom Doppel-Ö

Freitag, 26. Oktober 2012

„Modeschööpfer“ Harald Glööckler designt jetzt auch Häuser / Seine Firma sitzt am Heiligen See

Das Doppel-ÖÖ wird in Potsdam heimisch: Der Modeschöpfer Harald Glööckler (dessen bürgerlicher Name allerdings nur ein „ö“ aufweist), bekannt durch seine strassbesetzten Glitzerkollektionen mit allgegenwärtigen Kröönchen – Verzeihung: Krönchen hat in der Seestraße 14 am Heiligen See ein Unternehmen gegründet – die „Glööckler House & Home“. Von dort aus bietet der Designer Fertighäuser an, die er unter dem Titel „Petit Palais“ unters Volk bringt. Neben Mode, Süßwaren und Hundeausstattung soll das Glööcklers viertes wirtschaftliches Standbein werden.
Die am Glamour orientierte Handschrift des Modeschööpfers ist – wenig überraschend – auch in seinen kleinen Palästen erkennbar: Das Haus hat vier Türmchen und eine pompööse, 3,5 Meter hohe Eingangstür („Grand Entree“), die – selbstverständlich – von einem „Eingangsdiadem“ gekröönt wird, einem „Dorodem“, wie es Glööckler nennt, der sich den Begriff gleich schützen ließ.
„Es war mir ein Herzenswunsch, ein Wohnhaus zu designen, für dessen Bewohner täglich der rote Teppich ausgerollt ist“, beschreibt Glööckler das Konzept hinter den „Fertigbauten für anspruchsvolle Individualisten“, wie es in einem Werbeprospekt heißt. Angeregt zu seinen Kreationen habe ihn dabei der Lebensstil an der Côte d´Azur und in Südfrankreich allgemein, so der Designer. Den letzten Anstoß gaben Kundenwünsche: „Inspiriert durch die steigende Nachfrage von Damen nach einem von Harald Glööckler designten Haus, verspürte ich den Wunsch, mich dieser neuen Herausforderung zu stellen“, ließ der Designer die Presse wissen. Auch in den Innenräumen dominiert das Barocke, Pompööse, an Ludwig XIV. Erinnernde: schwere goldene oder goldbesetzte Vorhänge, weiße Mööbel mit Goldborte, weiße Fliesen in Marmoroptik am Boden, strassbesetzte und/oder goldumrandete Spiegel.
Es sei gar nicht so einfach gewesen, auf rund 220 Quadratmetern in dem Zweigeschosser alles unterzubringen, was ein „glamourööses Lebensgefühl“ erfordere, lässt Glööckler wissen. Seine Firma bietet auf Wunsch auch von Glööckler designte Tapeten, Mööbel, Geländer und Vorhänge an, der Bauherr könne aber gern auch alles nach eigenem Willen gestalten und nur das reine Haus bestellen. Musterflächen für den Bau bietet die Firma im in Enstehen begriffenen Villenpark Groß Glienicke an. Auch eine Finanzierung ist mööglich, damit der pompööse Neubau nicht am Ende in arge Finanznööte führt. Das wäre schließlich nicht sehr glamouröös.

Erschienen am 26.10.2012

Schaulust und Seitenhiebe

Samstag, 15. September 2012

Fasziniert von Fußballfotos, angeraunzt von Ortsvorstehern: Die Stadt lud zur 65. Stadtwanderung

Es ging um „Wohnen und Arbeiten“ in Potsdam, aber auch um alten Ärger, neue Entdeckungen und das ganz normale Leben.

Es scheint ihn wirklich zu interessieren. Wer schon einmal Bürgermeister, Minister oder Abgeordnete auf Vor-Ort-Terminen erlebt hat, weiß, wie aufgesetzt das wirken kann – das gedehnte „Lecker!“ beim zwölften Gürkchen auf dem Messerundgang und das fünfte gepresste „Schön haben Sie’s hier“ im Wähler-Wohnzimmer beim Stadtteilrundgang lässt selbst Berufspolitiker mit allumfassendem Bürger-Umarmungs-Drang nicht mehr sonderlich überzeugend wirken. Jann Jakobs dagegen ist entweder sehr breit interessiert oder ein unglaublich begabter Schauspieler. Der Oberbürgermeister steht beim Tischler Gänserich in Fahrland und interessiert sich für Schleifbänke und Spanabsauganlagen, als hinge seine Leben davon ab. Er entdeckt den alten Ofen zum Veredeln von Spanplatten in der Ecke der Werkhalle, den selbst der Chef schon halb vergessen hatte.
Dass selbst das noch steigerbar ist, lernen selbst seine zur Mitreise verpflichteten Beigeordneten im Dachgeschoss von Ralf Grengel. Grengel gehört die „Powerplay Medienholding“, er hat vor zehn Jahren sein Zehn-Mann-Unternehmen und den Familienwohnsitz in eine Villa mit Seeblick verlegt und steuert von dort ein Unternehmen, das die Herzen von Sportfans höher schlagen lässt: Er schreibt Bücher mit, für und über Athleten wie Katarina Witt, Claudia Pechstein und Graciano Rocchigiani, erstellt das Stadionmagazin für Hertha BSC und hält das größte historische Sportfotoarchiv unter seiner Ägide. Jakobs betritt das Büro und ist sofort verzaubert, als er an den Wänden ein großes Foto von der einzigen Saison Franz Beckenbauers beim Hamburger Sportverein entdeckt und eines, auf dem Fritz Walter das Bundesverdienstkreuz von einem seltsam jugendlichen Helmut Kohl bekommt. Auf einem extra Ständer steht die 50 mal 75 Zentimeter große, in Holz und Leder gebundene Edelchronik des FC Bayern, 25 Kilo schwer, 3000 Euro teuer und für 1444 Euro Aufpreis mit einem Bild der „Jahrhundertelf des Vereins“ versehen: einer Fotomontage der besten Spieler der Vereinsgeschichte in einer Mannschaft. Jakobs erkennt sie alle, auf Anhieb, Ralf Grengel ist begeistert, die Kultur- und Sportdezernentin Iris Jana Magdowski applaudiert, der Rest des Trosses schweigt andächtig. Als Jakobs dann noch erfährt, dass der Macher und Sportgeschichtsfanatiker Grengel alle Jahrgänge der Fachzeitschrift „Kicker“ seit 1936 im Keller hat, ist es fast um seine Selbstbeherrschung geschehen. Mitarbeiter müssen Jakobs zaghaft aber bestimmt daran erinnern, dass weitere Termine warten.
Es geht um „Wohnen und Arbeiten in Potsdam“ bei der vierten Stadtwanderung in diesem Jahr. Insgesamt ist es bereits die 65., und Jakobs ist der einzige, der bei allen dabei war. Alles beginnt in Groß Glienicke, wo Ortsvorsteher Franz Blaser Jakobs und den Beigeordneten die Pläne für ein Nahversorgungszentrum und Wohnungen am Kreisverkehr vorstellt. Ein Rewe-Markt, eine Drogeriefiliale, ein Bekleidungsgeschäft und ein Tierfutteranbieter sollen dort den existierenden Discounter auf der anderen Straßenseite ergänzen und die Versorgung sichern, falls der kleine Laden im Seecenter 2014 die Pforten schließt. Außerdem entstehen – hauptsächlich nördlich der Potsdamer Chaussee – 70 bis 100 Wohnungen in Einzelhäusern und im Geschosswohnungsbau, die Stadt kümmert sich um die Erschließung. Der nötige Bebauungsplan ist noch im Werden, Erik Wolfram vom Bauamt zeigte sich aber optimistisch, dass schon im nächsten Jahr die ersten Spaten in die Erde gestochen werden. Für Franz Blaser ist das eine „dringend nötige städtebauliche Abrundung“ des Ortes, nur Ortsbeiratsmitglied Andreas Menzel (Grüne), erklärter Gegner des Projekts, murrt vernehmlich, wofür ihn Blaser anraunzt. Die Kulturdezernentin hatte Menzel bereits mit „Was will denn die Promenadenmischung hier?“ begrüßt und dabei offen gelassen, ob sie Menzel oder dessen mitgebrachten Hund meinte. „Das ist ein ungarischer Mudi“, gab der ungerührt zurück.
Angeraunzt wurde der Stadtwanderungs-Trupp auch von Fahrlands Ortsbürgermeister Claus Wartenberg, der nicht nur wegen der oberbürgermeisterlichen Fußballfaszination wartengelassen wurde, sondern auch sauer ist, dass der Bauherr Semmelhaack in seinem Ort zwar Hunderte Wohnungen gebaut hat und weitere 450 ab dem nächsten Jahr bauen will, „aber die versprochene Infrastruktur nicht herstellt“. Speziell beklagen die Fahrländer das Fehlen eines Arztes und einer Apotheke – erst recht, wenn der Ort demnächst um weitere 1000 Anwohner anschwillt. Die Stadt und Semmelhaack-Vertreter Berko Dibowski betonen daraufhin erneut, dass man keinen Arzt und Apotheker zur Ansiedlung zwingen könne, was Wartenberg noch eine Spur wütender macht: „Diese Ausreden höre ich schon seit fünf Jahren.“ Ihm entgleiten endgültig die Gesichtszüge, als der Trupp nach wenigen Minuten wieder aufbricht, um die beim Fußballfachsimpeln verlorene Zeit aufzuholen.
In Bornim wird am Hügelweg die letzte Freifläche ab nächstem Jahr mit 200 Wohnungen in 40 Häusern bebaut, die Erschließung hat schon begonnen. Erik Wolfram schafft es, das in drei Minuten zu erläutern, exakt eine Oberbürgermeisterzigarettenlänge, dann geht’s zum Schlusspunkt, der Semmelhaack-Siedlung am Krongut Bornstedt. 114 Häuser habe man dort gebaut, sagt Berko Dibowski, seit 2007, nun sei alles so gut wie fertig. Der Bau zog sich, weil das Grundwasser Probleme machte, auch der Verkauf lief schleppend, nun vermietet Semmelhaack einen großen Teil der Häuser. „Das läuft viel besser“, sagt er. „Die sehen alle gleich aus“, bemängelt jemand aus der zweiten Reihe. „Die haben verschiedene Farben“, wendet Dibowski ein.
Ansonsten ist auch diese 65. Stadtwanderung die bewährte Mischung aus „Wir schauen uns auch mal vor Ort an, worüber wir sonst in Sitzungen nur hören“ und Betriebsausflug. Der Baudezernent fehlt, was allgemeinen Unmut hervorruft, der Finanzdezernent sagt kein Wort und ist auf sein Handy konzentriert, die Kulturdezernentin stellt am Ortsschild von Groß Glienicke erschreckt fest, dass das ja „am Arsch der Welt“ liege und die Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger juchzt auf einer Fahrländer Brache, als ihr Handy ihr meldet, dass sie soeben zum fünften Mal Oma geworden ist. Das ganz normale, pralle Leben halt.

Erschienen am 15.09.2012

Broschüren statt Bußgeld

Dienstag, 22. Mai 2012

Stadt, Polizei und Behindertenbeirat erinnerten Radler in Babelsberg daran, dass Gehwege für sie tabu sind

Dutzende Radfahrer erwischte ein Infoteam gestern Nachmittag in nur zwei Stunden auf Babelsberger Gehwegen.

Der Absprung ist so schnell und elegant, dass mancher Stuntman vor Neid erblassen würde, das Gesicht danach die reine Unschuld. Binnen Sekundenbruchteilen hat die junge Frau ein Schaufenster im Blick, schiebt das Rad nun, als habe sie seit Stunden nichts anderes getan. Polizeiobermeister Hans-Thomas Christ lässt sie dennoch nicht vorbei. Charmant, aber bestimmt, weist er sie darauf hin, dass sie doch eben auf dem Gehweg geradelt sei. „Waaaas?“ Entsetzter Blick aus grünen Augen. Nein, da müsse er sich verguckt haben. Erst als Christ erklärt, dass er nur aufklären möchte und nicht etwa fünf Euro Bußgeld kassieren, bekommt er ein Geständnis.
So geht es gestern Nachmittag zwei Stunden lang. Die Stadt, der Fahrradclub ADFC, der Behindertenbeirat und die Polizei haben sich zusammengetan, um etwas gegen das Radlerunwesen auf Gehwegen zu tun. Statt Knöllchen verteilen sie Broschüren mit der Aufschrift „Rücksicht kommt an“. Schwerpunkte der Kontrolle sind der Weg vor dem Thalia-Kino und die Mündung der Schornsteinfegergasse auf die Karl-Liebknecht-Straße.
Dass die meisten Radler durchaus wissen, dass sie etwas Verbotenes tun, beweist der Umstand, das 80 Prozent der Gehsteigradler hastig abspringen, wenn sie der Polizei oder auch nur der gelben Warnwesten des Infoteams ansichtig werden. Manche wechseln auch schleunigst die Straßenseite oder müssen plötzlich eiligst etwas im nächsten Geschäft erledigen. Bar jeden Schuldbewusstseins sind hingegen zwei 14-Jährige, die munter auf die Streife zuradeln und erwartungsvoll schauen, was man von ihnen wolle. Sie zeigen sich danach mustergültig einsichtig und sagen sogar „danke“, bevor sie weiter schieben.
So gute Erfahrungen macht Stefanie Seidel eher selten. Sie ist blind, und Radler auf Gehwegen sind für sie ein fast schon existenzielles Problem. „Wenn ich aus dem Weg geklingelt werde und mich schnell zur Seite drehe, verliere ich regelmäßig die Orientierung“, erzählt sie. Selbst wenn sie nur fünf Minuten von Zuhause entfernt sei, verlaufe sie sich dann oft so gründlich, dass sie erst nach einer Stunde wieder den Weg zurück finde. Und viele Gehwegrowdys seien zudem auch noch unfreundlich oder machten sich über sie lustig. Der Aktionstag ist Stefanie Seidel daher ein Herzensbedürfnis, was man ihr anmerkt, wenn sie mit den Erwischten spricht. Seidel wohnt in der Brandenburger Vorstadt, wo es besonders schlimm sei, weil die engen Gehwege auch noch mit parkenden Rädern zugestellt würden. Auch Rollstuhlfahrer kämen da oft kaum durch.
Angesichts der geballten Menschenmenge, der Polizei und der Presse gibt es kaum jemanden, der an diesem Nachmittag nicht Einsicht zeigt oder heuchelt. „Was die Leute allerdings ab der nächsten Ecke tun, darüber sollten wir uns nicht zuviele Illusionen machen“, sagt ein Polizist. Die Gründe für die Fehlfahrten sich vielschichtig: Einer sagt, das Fahren auf dem Kopfsteinpflaster schade seinen Bandscheiben, andere empfinden die Fahrbahn auf der Karl-Liebknecht-Straße als zu gefährlich, weil dauernd Autos ein- und ausparken. Das noch größte Verständnis haben die Polizisten, wenn Eltern ihre Kinder – bis zehn Jahre dürfen die auf dem Gehweg fahren – auch auf dem Gehweg begleiten. Verboten ist es dennoch, und die Ermahnung hilft. Meistens. Nur ein Vater fährt aus der Haut. „Wenn jetzt etwas passiert, mache ich Sie verantwortlich“, ruft er, und fährt schlicht weiter. Da hätte dann wohl doch eher ein Knöllchen geholfen. Die Broschüre lässt er demonstrativ liegen.

Erschienen am 22.05.2012

Sieben Gramm Geschichte für 7,5 Millionen Euro versteigert

Mittwoch, 16. Mai 2012

Er steckte in der preußischen Krone und gehörte dem Haus 310 Jahre: Der Diamant „Beau Sancy“ wurde gestern an einen anonymen Bieter verkauft

POTSDAM/GENF Es sind nicht einmal sieben Gramm, doch obgleich lupenrein, haben sie es in sich: Mehr als 400 Jahre europäischer Geschichte stecken im „Beau Sancy“, einem Diamanten aus dem preußischen Kronschatz, der gestern Abend auf einer Auktion in Genf für umgerechnet 7,5 Millionen Euro verkauft wurde – an einen anonym bleibenden Bieter. Das Auktionshaus Sotheby’s hatte das Kronjuwel auf 1,5 bis drei Millionen Euro taxiert. Rund sieben Minuten dauerte die Auktion, fünf Bieter steigerten am Telefon und im Auktionsraum um „einen der bedeutendsten historischen Diamanten, der je zur Auktion kam“, so der Auktionator.
Friedrich I., der 1701 die Königswürde nach Preußen holte, ließ den fast 35 Karat schweren Edelstein, der schon damals berühmt und daher prestigeträchtig war, 1702 in die Königskrone einarbeiten. Sein Enkel Friedrich II. schenkte den Stein seiner Gattin, und seither trugen alle preußischen „First Ladys“ den im Doppel-Rosenschliff gehaltenen größten Edelstein des Hauses Preußen (zirka 23 mal 20 mal 11 Millimeter) bei ihrer Hochzeit und anderen hohen Anlässen. Georg Friedrich Prinz von Preußen, dem derzeitigen Oberhaupt des Hauses, dürfte die Entscheidung zum Verkauf nicht leichtgefallen sein. Die Familie habe viele Renten und sonstige finanzielle Verpflichtungen zu erfüllen, die den Verkauf erforderlich machten, sagte eine Sprecherin des Hauses.
Georg Friedrich heiratete ohne Kronschmuck im August 2011 in Potsdam. Zuletzt getragen wurde der Diamant bei der Hochzeit des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. von dessen Gattin Auguste Viktoria. Der Stein stammt aus den berühmten indischen Minen nahe der Stadt Golconda, aus denen die weltweit bekanntesten Diamanten kamen.
Schon bevor der Stein in preußische Hände fiel, hatte er eine bewegte Geschichte hinter sich. Erworben vom „Lord von Sancy“ in Konstantinopel im Jahr 1500, kaufte ihn 1604 der französische König Heinrich IV. auf Drängen seiner Gattin Maria de Medici. Die ambitionierte Adlige sah das Juwel als Prestigeobjekt. Als Heinrich IV. 1610 ermordet wurde und seine Frau vorübergehend den Thron bestieg, ließ sie den Stein in ihre Krone einarbeiten. Maria musste 1631 in die Niederlande fliehen und verkaufte den Beau Sancy an das Haus Oranien-Nassau (Niederlande) für 80 000 Gulden – damals die höchste Ausgabe im Staatshaushalt des gesamten Jahres. Durch die Hochzeit eines Nassauischen Königs mit Maria Stuart gelangte der Stein nach Schottland, später an den Thron von England und fiel schließlich wegen Kinderlosigkeit wieder an Oranien-Nassau zurück. 1702 übernahm der Preuße Friedrich I. das Vermächtnis des Hauses von Oranien und gelangte so in den Besitz des europaweit berühmten Diamanten, der perfekt zur soeben errungenen Königswürde Preußens passte. Dort blieb der Stein 310 Jahre lang. Nach Abzug der Provision von rund 800 000 Euro bleiben dem Haus Preußen nun Einnahmen von rund 6,7 Millionen Euro – und ein schmerzlicher Verlust.

Erschienen am 16.05.2012

Mit Kartenleser und Micro-Kamera

Mittwoch, 18. April 2012

Diebe erbeuten tausende Euro mit präpariertem Geldautomaten im Stern-Center / Mehr als 20 Opfer

Der Schreck vieler Bankkunden am Dienstag nach Ostern war groß: Tausende Euro buchten Betrüger von ihren Konten ab – an Automaten in Brasilien. Ausgespäht wurden sie in Potsdam.

Als aufmerksamer Zeitungsleser und weltgewandter Vielreiser lässt Klaus Feldmann (Name geändert) immer Vorsicht walten. Bevor er einem Geldautomaten seine EC-Karte anvertraut, probt er den Sicherheitsdreiklang: Rütteln am Karteneinzug, Puhlen an der Zifferntastatur und Suchblick nach einer versteckten Kamera – um nicht Opfer einer Betrugsmethode zu werden, die im Fachjargon „Skimming“ heißt. Betrüger präparieren dabei Geldautomaten, in dem sie ein Lesegerät vor den Karteneinzug setzen und so an die EC-Karten-Daten kommen. An die Geheimzahl gelangen sie entweder über eine aufgeklebte Tastatur, die die Zahlen aufzeichnet, oder über eine winzige, am Automaten oder der Decke aufgeklebte Kamera. Diese Daten werden dann ins Ausland weitergeleitet, wo ein Komplize auf eine überall erhältliche Blanko-Karte die Daten programmiert und mit der erbeuteten Geheimzahl Geld abhebt.
Waren diese Manipulationen früher noch leicht zu erkennen, werden die Methoden mittlerweile immer raffinierter – auch, weil Banken, Automatenhersteller und Kunden gewarnt sind. Klaus Feldmann jedenfalls ist kürzlich Opfer eines Skimming-Angriffs geworden – und mit ihm mindestens 20 weitere Potsdamer. Zwischen dem 6. und dem 17. März war ein Automat der Ing-Diba im SternCenter präpariert. Erst nach einigen Wochen schlugen die Täter zu und hoben das Geld ab – in Brasilien, Mexiko und den USA. Gut 2000 Euro waren es bei Feldmann, wie er am Dienstag nach Ostern mit Schrecken feststellte, abgehoben in sechs Schritten in Brasilia und Sao Paulo. Andere traf es noch härter: Die höchste bislang angezeigte Summe liegt bei 3600 Euro, die geringste bei 700 Euro, sagte Polizeisprecherin Kathrin Laurisch. Als die erste Anzeige bei der Polizei einging, war die Spähtechnik schon abgebaut. Indem sie fast einen Monat mit den Abbuchungen warteten, ließen die Diebe sich genug Zeit, alle Spuren am Automaten zu verwischen.
20 Anzeigen gab es bis gestern, die Polizei rechnet aber mit deutlich mehr Geschädigten. Sorge um sein Geld muss indes niemand haben, die Banken unterhalten einen Fonds, der in solchen Fällen das Geld zurückzahlt. Klaus Feldmann hatte bis gestern allerdings noch keine Nachricht von seiner Hausbank, die aber eine schnelle und unbürokratische Lösung versprach, sofern Feldmann einen Antrag stelle und den Fall bei der Polizei anzeige.
Über die Höhe des Schadens wollte die Ing-Diba gestern keine Angaben machen. Man erstatte aber alles „zeitnah“ zurück. Bei auffälligen Abbuchungen würden auch Karten gesperrt und die Kunden benachrichtigt, so ein Bank-Sprecher. Es habe sich um den ersten Skimming-Fall an diesem Automaten gehandelt, so die Bank, die ihre Kunden weiterhin um Aufmerksamkeit bittet.
Auch des Management des Stern-Centers betonte, dies sei der erste Fall von Skimming in ihrem Hause. Für gewöhnlich mieden die Täter gut ausgeleuchtete, gut besuchte und von Wachschutz durchstreifte Center. Allerdings musste das Center aus Datenschutzgründen vor einiger Zeit alle Kameras abmontieren, weil in einem Hamburger Haus desselben Betreibers Beschwerden aufkamen.

Erschienen am 18.04.2012

Rechenfehler an der Alten Fahrt

Dienstag, 27. März 2012

Rechnungsprüfer: Grundstücke nicht korrekt vergeben / Unterlegene haben Recht auf Schadensersatz

Drei von acht Grundstücken hätten andere Eigentümer, wenn so gerechnet worden wäre, wie es die Ausschreibung suggerierte.

Ein systematischer Fehler in der Bewertung der Angebote für Neubauten an der Alten Fahrt stellt das Ergebnis des aufwändigen, zweistufigen Wettbewerbs infrage. Nach Auffassung des Rechnungsprüfungsamtes (RPA), der Gerichte und einiger Bieter haben die Stadt und der mit dem Wettbewerb befasste Sanierungsträger durchgehend falsch gerechnet, als es um Barberini, Chiericati, Pompeji und Nachbarn ging. Trifft das zu, dann sind drei Grundstücke falsch vergeben worden: Das Eckgrundstück Humboldtstraße 1–2 hätte statt vom niederländischen Konzern „Kondor Wessels“ vom Elmshorner Unternehmer Semmelhaack erworben werden können, die Brauerstraße 3 wäre an die Firma Elpro statt der Complan gegangen und die Brauerstraße 2 an die Bietergemeinschaft Seisreiner/Malik statt an die Lelbach-Stiftung. Bei den anderen Grundstücken ändert die Rechenart den Gewinner nicht.
Das Problem liegt in der Bewertung des Kaufpreises. Laut Ausschreibung erhielt der Bieter mit dem höchsten Gebot fünf Punkte, der mit dem niedrigsten Gebot null. „Die Punkte der dazwischen liegenden Gebote werden durch lineare Interpolation ermittelt“, heißt es in der Ausschreibung. Demnach hätte, wenn es drei Bieter gäbe, und diese eine, zwei und drei Millionen geboten hätten, Folgendes passieren müssen: Der schlechteste Bieter (eine Million) hätte null Punkte bekommen, der beste (drei Millionen) fünf Punkte und der mittlere (zwei Millionen) 2,5 Punkte. Stattdessen ließ die Stadt aber so rechnen, als hätte der schlechteste Bieter auch null Euro geboten – was die Reihenfolge durcheinander wirbelt. Dadurch sind die Gebote „deutlich breiter gespreizt“, argumentierte Volker Theobald, Leiter des Team „Recht“ beim Sanierungsträger gegenüber dem RPA. „Wir sind trotzdem absolut von der Fehlerhaftigkeit überzeugt“, schrieb Rechnungsprüfungsamts-Chef Christian Erdmann an den Oberbürgermeister – mit Verweis auf die anders lautende Ausschreibung. „Um die Fehlerhaftigkeit zu erkennen, bedarf es keines großen mathematischen Sachverstandes“, fügte Erdmann noch an.
Das schlug hohe Wellen in der Verwaltung. Baudezernent Matthias Klipp war so erbost, dass er die Kündigung der Antikorruptionsbeauftragten Petra Rademacher forderte, die den Fehler zuerst bemerkt hatte, sagen RPA-Mitarbeiter. Deren Chef Christian Erdmann verwahrte sich dagegen. Unterdessen ließ der Sanierungsträger öffentlich erklären: „Rechenfehler gab es nicht! Das Verfahren wurde von Seiten der Antikorruptionsbeauftragten und der Ombudsfrau durchleuchtet und es wurde nichts zu Beanstandendes festgestellt“.
Unterdessen haben die unterlegenen Bieter bereits den Weg zu den Gerichten gesucht. Eine Bietergemeinschaft zog vors Landgericht, um wegen der Rechenfehler zu verhindern, dass mit dem vermeintlichen Gewinner ein Kaufvertrag geschlossen wird. Das Gericht bestritt zwar den Anspruch auf einen Kaufvertrag, wies aber darauf hin, dass die Unterlegenen wegen der Rechenfehler Schadenersatz bekämen müssten. Ähnlich äußerte sich das Oberlandesgericht. Zwar würden andere Gerichte in solchen Fällen durchaus die Stadt gezwungen haben, die Verträge zu lösen und neu zu vergeben, doch sehe sich das OLG außerstande, wegen einer Regelungslücke im Gesetz das Recht selbst fortzuentwickeln. Stattdessen sei der Gesetzgeber gefordert. Schadenersatz stehe den Parteien zu. Die „Elpro“ prüft indes noch weitere rechtliche Mittel, Semmelhaack wollte sich „derzeit“ noch nicht zu weiteren Schritten äußern.
Die Stadtverordneten hatten die Verträge übrigens in Kenntnis der Bedenken beschlossen. Oppositions-Chef Hans-Jürgen Scharfenberg (Linke) sagte, es sei Sache der Gerichte, nicht der Politik, diese Fragen zu klären.

Erschienen am 27.03.2012

Der Buchstabenbäcker

Mittwoch, 7. März 2012

Friedrich Althausen erfindet Schriften / Seine „Vollkorn“ hat im Internet bereits Karriere gemacht

Von der Erotik geschwungener Linien, der Todsünde der Fettung und den Avancen einer Suchmaschine.

Mit den Schriften, sagt Friedrich Althausen, sei es wie mit Frauen: auf die Kurven komme es an. Er sagt das ganz ernst, ohne zweideutiges Lächeln, und schwärmt dann von der Faszination der Buchstaben, vom Kribbeln in den Fingern, wenn der Bogen an einem B besonders schwungvoll gelungen ist, wenn an der Serife des kleinen l, dem Rand am Buchstabenende, genug „Fleisch“ – genug Dicke – dran ist, wenn beim Betrachten einer Buchseite der „Grauwert“, das Verhältnis von Schwarz und Weiß, ausgewogen wirkt und sich Ober- und Unterlängen der einzelnen Lettern zu einem harmonischen Bild ergänzen. „Wen dieses Feuer gefangen hat, der sehnt sich künftig danach“, sagt Friedrich Althausen, und in dem sonst zwar engagiert, aber eher kühl wirkenden Gesicht zeichnet sich eine Leidenschaft ab.
Der 30-jährige Schriftgestalter hat auf Hermannswerder Abitur gemacht und ist dann nach Weimar gegangen, um an der Bauhaus-Universität Mediengestaltung und Visuelle Kommunikation zu studieren. Seit einem Jahr ist er zurück in Potsdam und arbeitet als Typograf und Schriftgestalter. Schon im Studium begann Friedrich Althausen mit einer Schrift, die er „Vollkorn“ nannte – weil es sich um eine „Brotschrift“ handelt. „Brotschrift“ nennen Schriftsetzer eine Alltagsschrift für längere Fließtexte. Da sich Althausens Schrift als zurückhaltend und klassisch, aber eben auch kräftig, kernig und robust präsentierte, habe der Name Vollkorn nahegelegen, trotz der schlechten internationalen Vermarktbarkeit, sagt er. Althausen stellte die Schrift ins Internet und erlaubte jedem die kostenlose Nutzung. Unter Schriftfreunden erfreute sich die Vollkorn schnell einiger Beliebtheit, viele forderten auch eine fette und eine kursive Version – einen „Schnitt“ – der Schrift. Unter Buchstabengourmets gilt die rein digitale Schrägstellung oder Fettung einer Grundschrift nämlich als Todsünde, da dabei die Proportionen und Formen verloren gehen. Vor dieser Arbeit drückte sich Friedrich Althausen zunächst – eine Schrift zu schaffen und zu perfektionieren, kann Jahre dauern –, bis eines Tages eine E-Mail vom Internetriesen Google in seinem Postfach landete, die er fast als Werbemüll aussortiert hätte. Dort bot ihm ein Google-Mitarbeiter an, die Schrift in eine neue Schriftendatenbank des Unternehmens zu stellen, die auch jedem Nutzer kostenlos offen steht. Da sich Google aber mit Vollkorn schmücken wollte, zahlte das Unternehmen ihm 1000 Dollar für jeden Schnitt, wenn er noch die anderen Schnitte kursiv, fett und fett-kursiv dazuerfände. In einem dreimonatigen Gewaltakt war das vollbracht, und auch die schon vorher begeisterten Vollkorn-Freunde freuten sich über den Zuwachs. „Ich mag, wie edel die Kursive daherkommt, und ich mag, wie selbstbewusst die Fettschrift sich breit macht“, schwärmt Stefan Niggemeier, Medienjournalist und viel gelesener Internetblogger von der Vollkorn, die er für die Renovierung seiner Internetseite nutzte: „Markant, aber unaufdringlich; gediegen, aber kein bisschen maniriert“. Ein bisschen hat er damit auch Friedrich Althausen beschrieben, der zwar stolz auf den Erfolg der Vollkorn ist, mit seinen Schriften aber gern sein Brot verdienen würde. Bislang füllt er sein Konto hauptsächlich mit der Gestaltung und Illustration von Büchern und Plakaten. Eine neue, diesmal kommerzielle Schrift ist aber schon in Arbeit – sie basiert auf alten Drucken der DDR-Kinderbuchreihe „Knabes Jugendbücher“, die Althausen im Zuge seiner Diplomarbeit neu auflegte.

Erschienen am 07.03.2012


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