Archiv für die Kategorie „überregional“

Eine gespaltene Stadt

Samstag, 21. Juni 2014

Potsdam vor der Wahl: Alles wächst und gedeiht, aber die Menschen finden nicht so recht zueinander

Potsdam — Ein schöner Maitag in der Landeshauptstadt. Die Sonne scheint, der Bauminister ist da, Hunderte Kinder jubeln, kreischen, spielen, toben. Der Konrad-Wolf-Park im Stadtteil Drewitz wird eingeweiht. Einst eine vierspurige Durchfahrtsstraße zwischen DDR-Platten, in einem Stadtteil, dem drohte, abgehängt zu werden, während in der Mitte alles schön und barock wiederersteht. Doch die Stadt hat gegengesteuert, einen Bundeswettbewerb gewonnen — und damit EU-Fördermittel —, um Drewitz vor der Ghettobildung zu retten, und nach zähen Debatten um Parkplätze und Verkehrsverlagerung mit den Anwohnern einen Kompromiss erzielt. Der Park ist schon vor der Eröffnung bevölkert. Kinder klettern auf Felsen, Paare knutschen auf der Liegewiese, ältere Leute drehen ihre Runde nebst Dackel direkt vor der Haustür. Idylle pur. Eigentlich.

Doch das Einweihungskomitee aus Politikern, Baudezernent und Landesminister schafft keine Runde durch den Park, ohne kritisch angesprochen zu werden. „Na, ist das nicht schön geworden?” fragt der Minister leutselig, und jedesmal bekommt er ein „Jaja, aber . . .” zu hören. Aber da hinten fehlt noch ein Stein, aber da vorne ist es gefährlich, aber die Mutter muss vorübergehend umziehen, weil alle Platten energetisch saniert werden, ohne dass die Miete steigt. „Das ist so typisch Potsdam”, sagt Dana Stachura, Referentin im Rathaus. Sie ist neu in der Landeshauptstadt. Vorher war sie in Dresden. „In Dresden”, sagt Stachura, „wird vorher auch gemeckert, aber hinterher ist man stolz.”

Von diesem Status ist man in Potsdam weit entfernt. Obgleich sich nach der letzten Kommunalwahl sämtliche bürgerlichen Parteien — SPD, CDU, Grüne und FDP — zu einer Rathauskooperation zusammenschlossen um der Linken als stärkster Fraktion Paroli bieten zu können. Obwohl sie den Stadtschlosswiederaufbau und die berühmten Palazzi an der Alten Fahrt durchsetzen konnten, sodass am Ende einer der schönsten Plätze Europas wiedererstehen wird. Obwohl die Stadt Mäzene hat wie den SAP-Gründer Hasso Plattner (spendete mehr als 20 Millionen für Schlossfassade und Kupferdach) und den TV-Moderator Günther Jauch (spendete Millionen für das Fortunaportal und für das Kinderhilfswerk „Die Arche”), bleibt sie tief gespalten.

Die Kampflinien laufen entlang der Stadtteile. Die Innenstadt und alles rund ums Weltkulturerbe oder mit Blick aufs Wasser ist von reichen Zuzüglern in Besitz genommen worden, die Ur-Potsdamer sind in die Plattenbaugebiete verdrängt oder gleich nach Berlin gezogen. Potsdam hat Zuzug ohne Ende, um 2000 Menschen wächst die Stadt jährlich, während der Rest Brandenburgs immer dünner wird. Potsdam ist die kinderfreundlichste Stadt Deutschlands, hat die besten Taxis, das beste Parkhaus und demnächst wohl auch die besten Radwege, aber das Klagen hört nicht auf. Statt sich des Zuzugs zu erfreuen, stöhnt der Potsdamer Politiker gern über die immensen Kosten für Kitas, Schulen, Straßen, neue Wohnungen, die nun entstehen müssen. Er stöhnt über immer verstopftere Straßen und zu wenig öffentlichen Nahverkehr in den Norden.

Norden ist die einzige Richtung, in die sich die Insel Potsdam noch ausdehnen kann. Die Alternative, die sogenannte Nachverdichtung, also das Füllen von Lücken in der Kernstadt, wo schon alles erschlossen ist, kommt in absehbarer Zeit an ihre Grenzen. Der Elmshorner Immobilienkonzern Semmelhaack hat rund um den Hauptbahnhof unglaublich viele kleine Wohnungen auf unglaublich engstem Raum gestapelt, doch sie werden ihm aus den Händen gerissen. Und er baut jeden weiteren Fleck auf dem Areal zu, sodass die Potsdamer schon scherzen, es gebe neben der Nauener, Brandenburger, Templiner, Teltower und Jägervorstadt wohl bald auch eine Semmelhaack-Vorstadt. Gleichzeitig stampft das Unternehmen auch in den Nordgemeinden in den nächsten Jahren 11 00 Wohnungen aus dem Boden.

Mietwohnungen von unter zehn Euro je Quadratmeter sind kaum zu bekommen. Potsdam ist das München des Ostens geworden, und für Eigentumswohnungen sind Preise von 4000 Euro je Quadratmeter inzwischen normal — und das ohne gute Verkehrsanbindung oder Weltkulturerbenähe. Kommt die oder gar ein Wasserblick hinzu, dürfen es auch schon mal 5500 Euro für den Quadratmeter sein. Man gönnt sich ja sonst nichts — und in Potsdam ist in der Regel jede Wohnung verkauft, bevor der erste Spatenstich erfolgt ist.

Die Stadtentwicklung ist es dann auch, an der sich die Konflikte am stärksten manifestieren: Zwischen jenen, die das alte Potsdam wiedererstehen lassen wollen und jenen, die mit jedem Abriss ihre DDR-Indentität verschwinden sehen. Und so wird auch gewählt in Potsdam. Jedenfalls bisher, eine Trendumkehr zeichnet sich nicht ab. Eigentlich hätte Potsdam mit den vielen zugezogenen jungen, gutverdienenden Familien ein enormes Potenzial an Grünen-Wählern, doch die Grünen bleiben klein, weil sie fürs Pflaster und historische Bauten streiten und sich sonst für Ökologie und andere grüne Kernthemen nur am Rande interessieren. Eigentlich müsste Potsdam mit den ganzen wohlbetuchten Villenbesitzern an den Seen eine starke CDU-Fraktion zusammenbekommen, doch deren Kreisverband ist, schlimmer noch als im Land, so zerstritten, dass sie den meisten als unwählbar gilt. Also wird regelmäßig die Linke stärkste Kraft, dicht gefolgt von der SPD. Doch was auf Landesebene geht, ist in Potsdam unwahrscheinlich: Für Rot-Rot sind die Wunden, die sich beide Fraktionen in den Jahren geschlagen haben, zu tief. Da müsste schon viel geschehen, sollte sich das nach der Wahl ändern.

Wahrscheinlicher ist, dass freie Wählergruppen wie das Bürgerbündnis mit gut gefüllter Kriegskasse — dank eines Immobilienunternehmers an der Spitze — deutlich zweistellige Wahlergebnisse erzielen werden. Spannend wird dann, wie das alles zusammenpasst im Sitzungssaal des sanierungsbedürftigen Rathauses, auf den Fluren und in den Fraktionsräumen .

Eines aber ist sicher: Potsdam wird kein Dresden. Es wird nicht nur vorher gemeckert und nachher stolz gezeigt. Es wird immer gemeckert.

Sieben Gramm Geschichte für 7,5 Millionen Euro versteigert

Mittwoch, 16. Mai 2012

Er steckte in der preußischen Krone und gehörte dem Haus 310 Jahre: Der Diamant „Beau Sancy“ wurde gestern an einen anonymen Bieter verkauft

POTSDAM/GENF Es sind nicht einmal sieben Gramm, doch obgleich lupenrein, haben sie es in sich: Mehr als 400 Jahre europäischer Geschichte stecken im „Beau Sancy“, einem Diamanten aus dem preußischen Kronschatz, der gestern Abend auf einer Auktion in Genf für umgerechnet 7,5 Millionen Euro verkauft wurde – an einen anonym bleibenden Bieter. Das Auktionshaus Sotheby’s hatte das Kronjuwel auf 1,5 bis drei Millionen Euro taxiert. Rund sieben Minuten dauerte die Auktion, fünf Bieter steigerten am Telefon und im Auktionsraum um „einen der bedeutendsten historischen Diamanten, der je zur Auktion kam“, so der Auktionator.
Friedrich I., der 1701 die Königswürde nach Preußen holte, ließ den fast 35 Karat schweren Edelstein, der schon damals berühmt und daher prestigeträchtig war, 1702 in die Königskrone einarbeiten. Sein Enkel Friedrich II. schenkte den Stein seiner Gattin, und seither trugen alle preußischen „First Ladys“ den im Doppel-Rosenschliff gehaltenen größten Edelstein des Hauses Preußen (zirka 23 mal 20 mal 11 Millimeter) bei ihrer Hochzeit und anderen hohen Anlässen. Georg Friedrich Prinz von Preußen, dem derzeitigen Oberhaupt des Hauses, dürfte die Entscheidung zum Verkauf nicht leichtgefallen sein. Die Familie habe viele Renten und sonstige finanzielle Verpflichtungen zu erfüllen, die den Verkauf erforderlich machten, sagte eine Sprecherin des Hauses.
Georg Friedrich heiratete ohne Kronschmuck im August 2011 in Potsdam. Zuletzt getragen wurde der Diamant bei der Hochzeit des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. von dessen Gattin Auguste Viktoria. Der Stein stammt aus den berühmten indischen Minen nahe der Stadt Golconda, aus denen die weltweit bekanntesten Diamanten kamen.
Schon bevor der Stein in preußische Hände fiel, hatte er eine bewegte Geschichte hinter sich. Erworben vom „Lord von Sancy“ in Konstantinopel im Jahr 1500, kaufte ihn 1604 der französische König Heinrich IV. auf Drängen seiner Gattin Maria de Medici. Die ambitionierte Adlige sah das Juwel als Prestigeobjekt. Als Heinrich IV. 1610 ermordet wurde und seine Frau vorübergehend den Thron bestieg, ließ sie den Stein in ihre Krone einarbeiten. Maria musste 1631 in die Niederlande fliehen und verkaufte den Beau Sancy an das Haus Oranien-Nassau (Niederlande) für 80 000 Gulden – damals die höchste Ausgabe im Staatshaushalt des gesamten Jahres. Durch die Hochzeit eines Nassauischen Königs mit Maria Stuart gelangte der Stein nach Schottland, später an den Thron von England und fiel schließlich wegen Kinderlosigkeit wieder an Oranien-Nassau zurück. 1702 übernahm der Preuße Friedrich I. das Vermächtnis des Hauses von Oranien und gelangte so in den Besitz des europaweit berühmten Diamanten, der perfekt zur soeben errungenen Königswürde Preußens passte. Dort blieb der Stein 310 Jahre lang. Nach Abzug der Provision von rund 800 000 Euro bleiben dem Haus Preußen nun Einnahmen von rund 6,7 Millionen Euro – und ein schmerzlicher Verlust.

Erschienen am 16.05.2012

Showdown am Tag der Einheit

Mittwoch, 29. September 2010

Stichwahl: Beim Kampf um den Posten des Oberbürgermeisters in Potsdam gibt es eine Wiederauflage des Duells von 2002

Amtsinhaber Jann Jakobs und Herausforderer Hans-Jürgen Scharfenberg an einem ganz normalen Tag vor der Entscheidung.

POTSDAM| Wenn es wirklich stimmt, dass der frühe Vogel den Wurm fängt, dann sieht es gut aus für Hans-Jürgen Scharfenberg: Es ist erst kurz nach 5 Uhr morgens, als im Musikerviertel, einer Aufreihung von Einfamilienhäusern im Potsdamer Plattenviertel „Am Stern“, das Licht angeht. Kurz darauf fischt der schon sehr muntere Herausforderer drei Zeitungen aus dem Briefkasten – ein festes Morgenritual. In der Küche erhebt sich derweil ein Heidenlärm: Die Wellensittiche Bubi und Karli haben Starterlaubnis und erobern sofort die Lufthoheit über den Kaffeetassen. Mit der Lektüre von zwei Lokalzeitungen und dem unvermeidlichen „Neuen Deutschland“ versüßen sich Scharfenberg und seine Frau Ursula das Frühstück. Es ist, gerade jetzt im Wahlkampf zuweilen der eine oder andere harte Brocken Lesestoff darunter: Scharfenbergs IM-Tätigkeit in den 1980er Jahren verfolgt seine Kandidatur wie ein böser Schatten. „Eigentlich ist das nur ein mediales Problem“, sagt Scharfenberg zwischen zwei Bissen. „Im Gespräch mit den Bürgern spielt es fast keine Rolle.“ Kurze Zeit später fährt er in den Landtag.
Das Holztor in der russischen Kolonie Alexandrowka öffnet sich gegen 8.30 Uhr mit leisem Quietschen. „Das müsste mal gemacht werden“, sagt Amtsinhaber Jann Jakobs lächelnd. Es ist ein Satz, von dem Jakobs Herausforderer behauptet, er tauge auch als Motto für dessen erste Amtszeit. Auch Jakobs hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Tageszeitungen und zwei Tassen Kaffee intus und macht sich zu Fuß auf den Weg zum Rathaus, vorbei an Touristengruppen, die in der milden Herbstsonne die Alexandrowka erkunden und nicht ahnen, dass der zügig schreitende Herr im Anzug der Oberbürgermeister ist. Seinem Herausforderer entkommt er selbst bei diesem Gang am frühen Tag nicht – exakt 17 Mal lächelt Hans-Jürgen Scharfenberg von Laternenpfählen und fordert bezahlbare Wohnungen und sanierte Schulen. Er ist ihm in den letzten acht Jahren keinen Tag von den Fersen gewichen. 122 Stimmen trennten Jakobs und Scharfenberg bei der Stichwahl 2002, den Schreck hat der Amtsinhaber nie ganz vergessen – lag er doch nach dem ersten Wahlgang fast 15 Prozent vor seinem Verfolger. Dass das Duell dieses Mal auf den Tag der Einheit fällt, macht die Sache noch eine Spur brisanter: Dann streiten ein Ostfriese und ein ehemaliger IM um die Hoheit über Ostdeutschlands boomende Landeshauptstadt.
Das Büro ist klein und bis unter die Decke mit Akten vollgestopft. Kein Familienfoto, kein persönlicher Gegenstand, lediglich eine Autogrammkarte des Volleyballteams, dessen Vorsitzender Hans-Jürgen Scharfenberg ist, schmückt die Wand von Raum R606 im Landtag. Und nur ein Wahlplakat des Herausforderers an der Tür weist darauf hin, dass die Tage zwischen Wahl und Stichwahl eben nicht politische Routine sind. Es wirkt ein wenig, als hänge es zur trotzigen Selbstvergewisserung dort. Denn natürlich weiß im Landtag jeder, dass Hans-Jürgen Scharfenberg einen zweiten Anlauf auf den Rathausthron unternimmt. Sie zählen ihn hier ohnehin zum Mobiliar: Seit 1991 arbeitet er auf dem Brauhausberg, zunächst als Angestellter der Fraktion, dann als Abgeordneter. Mit Fleiß und Unermüdlichkeit hat er sich den Ruf eines Innenexperten erworben, sagen die Kollegen anerkennend. Es sind derselbe Fleiß und dieselbe Unermüdlichkeit, mit deren Hilfe sich Scharfenberg auch in der Stadtpolitik einen umfassenden Durchblick erarbeitet hat.
Scharfenbergs Vormittag gehört der parlamentarischen Routine: In der Fraktionssitzung geht es um Agrarstrukturen und Finanzen. Zwischendrin ein schnelles Mittagsmahl in der Landtagskantine, Scharfenberg kommt auf dem Hinweg vor grüßen kaum zum Reden, referiert und gestikuliert zwischen Kassler und Rosenkohl sowie einem Sturzkaffee über die Gestaltungsmöglichkeiten, die ihn am Oberbürgermeisterposten reizen, dann Grußmarathon zurück in die Sitzung, denn bei der Polizeireform ist der Innenexperte gefragt.
Den Amtsinhaber erwartet zunächst die „kleine Morgenlage“. Büroleiter, Chefsekretärin und Pressesprecher planen den Tag. Hinter verschlossenen Türen tagt kurz darauf die Beigeordnetenkonferenz. Danach Treffen mit dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung, um die nächste Sitzung durchzusprechen. Es herrscht Einigkeit, nur über die Nichtöffentlichkeit eines Tagesordnungspunktes ist der Präsident anderer Meinung und sagt das auch deutlich. Jakobs reagiert, wie er immer reagiert, wenn ihm Anwürfe drohen. Er lehnt sich zurück, trommelt nervös mit den Fingern auf der Tischplatte und schaut zuweilen in die Luft. Man einigt sich schließlich, verschiedener Meinung zu bleiben, dann geht der Herr Präsident, dafür kommt der Büroleiter mit einem Stapel Akten: Terminabstimmungen. Zirkusfreikarten? Werden gespendet. Bitten um Grußworte: werden gewährt. Einladungen ohne Grußworte: werden wohl abgewogen und verworfen. Flüche, wenn wichtige Termine zeitgleich liegen. Es ist Oberbürgermeisteralltag, doch Jakobs hat sichtlich Spaß am Dirigieren mit leiser Stimme. „Zu Hause muss ich das manchmal abstellen“, sagt er aufblickend, „da ermahnt mich meine Frau des Öfteren, dass ich nicht immer Chef bin.“ Über ablehnen, zusagen, Vertretung schicken verrinnt die Zeit. Drei Tassen Kaffee später ist es früher Nachmittag, ein Termin mit Schülern im Rathaus steht an. „Haben Sie schon was gegessen?“ fragt die Sekretärin. „Nee, keine Zeit. Aber oben gibt’s ja Kuchen.“
Hans-Jürgen Scharfenberg schwärmt indes in seinem Büro vom Gestaltenkönnen. Opposition mache Spaß, doch brauche er stets die dreifache Energie, um etwas durchzusetzen, was er als Oberbürgermeister mit einem Anruf erledigen könnte. Scharfenberg kann Fragern konzentriert zuhören, wirkt aber immer etwas ungehalten, sobald er zu wissen glaubt, worauf die Frage hinausläuft. Wenn er sich ärgert, zieht sich eine tiefe Falte quer über seine Stirn, als wollte sie den Kopf in zwei Scheiben spalten: Unten der Ärger, oben der Politprofi. Wenn Scharfenberg über die Potsdamer Politik redet, ist die Falte Dauergast auf seiner Stirn. Er bezichtigt den Amtsinhaber abwechselnd der Ignoranz und des Ideenklaus: 120 Millionen für die Sanierung der Schulen, ein „Freiland“ für die alternative Jugendkultur, kostenloses Schüleressen – „das alles waren unsere Ideen, für die wir jahrelang kämpften, und wenn sie dann endlich kommen, stellt sich der Jakobs hin und schlägt sich auf die Brust“. Scharfenberg presst die Sätze heraus, in der Stirnfalte könnten mittlerweile Schwalben brüten. Wenn es ganz schlimm wird mit dem Ärger, geht er zu Hause aufs Rudergerät. „Zehn bis 15 Minuten voller Einsatz, dann geht es wieder“, sagt er und lächelt. Die Stirn ist sofort geglättet. Wer Scharfenberg auf diesem Gerät sieht, könnte es mit der Angst zu tun bekommen: ums Material und die Knochen des Herausforderers.
Im Foyer des Rathauses wartet derweil die Schülergruppe aus der italienischen Partnerstadt Perugia auf Jann Jakobs. Seine Pressechefin instruiert ihn beim Hetzen über die Gänge, dass er die Lehrerin bereits kenne. „Wie hieß die gleich?“ Schulterzucken. Jakobs geht trotzdem auf die Dame zu, als habe man noch gestern Abend gemeinsam gefeiert, und als ihm jemand den Namen zuflüstert, fließt er in seinen nächsten Satz ein, als sei das das Natürlichste der Welt. Überhaupt läuft der Amtsinhaber bei solchen Artigkeiten zur Höchstform auf: Er rühmt die italienischen Einflüsse auf die Architektur Potsdams, und die Lacher gewinnt er, als er einräumt, dass das Potsdamer Nachtleben so aufregend sei, dass die Jugendlichen lieber nach Berlin führen. Dann geht er ansatzlos ins Standortmarketing über, preist Potsdam als Stadt der Medien und der Wissenschaft und muss auch schon wieder weiter. Den Kuchen hat er nicht angerührt, aber wenigstens auch keinen weiteren Kaffee getrunken. Sondern Wasser. „Das darf ich zu Hause sowieso keinem erzählen, diese Kaffeetrinkerei“, sagt der gebürtige Ostfriese.
Wären da nicht die Anrufe im Minutentakt, Hans-Jürgen Scharfenberg könnte jetzt für ein bis zwei Stunden Akten studieren. Stattdessen redet er darüber, worüber er am meisten reden muss und am liebsten nicht mehr redete: die Akte, jene Eisenkugel an seinem Bein, den Hemmschuh seiner Ambitionen. Als Innenminister wurde er nach der letzten Landtagswahl sehr ernsthaft gehandelt, doch: die Akte. Wie oft er wohl gedacht hat, die 122 Stimmen, die 2002 fehlten, wären ohne jene Akte leicht zu bekommen gewesen? „So denke ich nicht. Es ist, wie es ist.“ Glaubt er das wirklich selbst? Er belässt es bei einem undeutbaren Lächeln. Stattdessen fällt ihm ein, dass dem Amtsinhaber die Jacke des Oberbürgermeisters eigentlich zu groß sei. Er ist wieder auf sicherem Terrain.
Konfrontiert mit diesem Vorwurf, lächelt Jann Jakobs und überrascht mit einem Eingeständnis: Er habe in der Tat erst in die Oberbürgermeisterrolle hineinwachsen müssen, sagt er. Schließlich sei die Berufspolitikerrolle nichts, was er je angestrebt habe. In den oberen Zirkeln der Brandenburger SPD blieb er mit dieser Einstellung ein Außenseiter – als profunder Arbeiter geschätzt, aber nie offen für höhere Ämter gehandelt. Er habe zu Beginn seiner Amtszeit ständig das Gefühl gehabt, bei aufkommenden Problemen Feuerwehr spielen zu müssen, sagt Jakobs, „das hat sich gegeben“. Mancher wirft ihm das als Zögerlichkeit oder mangelnde Führung vor – der Amtsinhaber begreift es als Stärke. Früher habe er auch länger zugehört, das leiste er sich heute nicht mehr, sagt Jakobs.
Auf einem sandigen Radweg im Stadtzentrum haben sich eine Handvoll Protestierer gesammelt, um gegen die teure Asphaltierung des Weges zu protestieren. Sie haben große Plakate dabei, doch die Empörung will nicht so recht auf die Passanten überschwappen. Der Weg ist bei Regen ein Pfützenmeer und bei Trockenheit eine Staubwüste, Asphalt ist den meisten Radlern willkommen. Eigentlich ist er auch Hans-Jürgen Scharfenbergs Partei willkommen, denn die setzt sich seit Langem für besseren Verkehr in der Stadt ein und war im Bauausschuss für die Asphaltierung. Doch nun ist Wahlkampf, und Scharfenberg setzt sich mit einer Selbstverständlichkeit an die Spitze des Protestes, als habe er den Widerstand dagegen erfunden. Die SPD legt ihm das als Opportunismus aus – wo immer sich in der Stadt Widerstand regt, führt ihn Scharfenberg gern an, auch wenn er vorher anderer Meinung war. Scharfenberg ficht diese Kritik nicht an. Er wischt sie mit Argumenten weg: Der Asphalt ist teurer, die Art und Weise, wie die Stadt hier vorging, sei „Rambomanier“, das gehöre auf den Prüfstand.
Es ist Abend geworden. Während Jann Jakobs noch in gewohnter Eloquenz und ohne eine Minute Vorbereitung eine Ausstellung zur Rolle der Frau in Wohnungsgenossenschaften eröffnet und dabei die anwesenden Soziologinnen mit seiner Sachkenntnis verblüfft, gehört der Abend des Herausforderers erneut einer Fraktionssitzung der Linken – diesmal auf Stadtebene. Es gibt süßen Sekt auf das Resultat des Wahlkampfs und einen genauen Blick auf die Ergebnisse. Zu Hause arbeitet Scharfenberg an einem Programm für die ersten 100 Tage nach der Wahl und einem Brief an die Wähler. Um 22.30 Uhr erlischt das Licht im Musikerviertel. In der Alexandrowka brennt es noch bis kurz nach Mitternacht. Nachdem er noch etwas Post bearbeitet hatte, überrascht Jakobs seine Frau mit einer Rückkehr vor 21 Uhr. Sie fragt ihn verdutzt: „Was machst denn Du hier?“

Erschienen am 29.09.2010

Warner vor einem beschlossenen Krieg

Samstag, 25. Juli 2009

Alan Chochiev floh aus Ossetien, als der Feldzug begann

Den Kontakt zur Familie und zu Gleichgesinnten hält der Historiker und Oppositionelle heute nur noch per Mail.

Sie kamen bei Nacht: Zwei maskierte Männer, schwer bewaffnet, stürmten Alan Chochievs Haus in Nordossetien. Der damals 62-Jährige hatte Glück, er war nicht zu Hause – dafür seine Mutter und zwei Enkel. Nachdem die Männer Chochiev nicht fanden und die Wohnung hinreichend verwüstet hatten, bedrohten sie seinen 13-jährigen Enkel mit der Pistole: „Wo ist Dein Großvater?“
Er kann noch heute nicht ruhig darüber sprechen. Chochievs ganze Gestalt, die sonst eher an einen Bären erinnert – gedrungen, massig, aber stets wachsam, die grauen Haare militärisch kurz geschoren – diese Gestalt, die sonst nahezu reglos auf dem viel zu kleinen Stuhl thront, gerät in Bewegung, wenn er sich an jene Szenen erinnert. Auch wenn er sie nur erzählt bekam. Er fuchtelt dann mit den Händen, der Stuhl unter seinem Körper ächzt bedrohlich, und seine Stimme wird laut. Die Nachbarn im Potsdamer Asylbewerberheim irritiert das zuweilen.
Chochiev war damals vorsichtig genug, selbst seiner Mutter nicht zu verraten, wohin er gegangen war. Der promovierte Historiker galt schon lange als persona non grata in seinem Heimatland Südossetien. Spätestens, seit er anlässlich einer Ordensverleihung in einem Zeitungsinterview sagte, Russlands Präsident Putin und der ossetische Premier Eduard Kokoity lassen es zum Krieg kommen. Die Botschaft war nicht neu: Immer wieder hatte Chochiev, der als Kulturanthropologe und ehemaliger Vorsitzender des südossetischen Parlaments einigen Ruhm und Einblick genoss, vor dem Krieg gewarnt, der „längst beschlossen war, um die Republik aus Georgien zu lösen und heim nach Russland zu holen“. Für solche Äußerungen war er nicht gut gelitten, und das Interview war eines zuviel: Die Journalistin, die es führte, verlor ihren Job, und nur die rechtzeitigen Warnungen wohlmeinender Nachbarn verhinderten, dass Chochiev inhaftiert und in ein russisches Gefängnis deportiert wurde. Er versteckte sich, kehrte aber einige Monate später zurück. Ein Fehler: Zuhause empfing ihn die Polizei mit einem Haftbefehl. Mit Hilfe eines Anwalts zog Chochiev noch einmal den Kopf aus der Schlinge. „Doch nun war mir klar: Wenn ich bleibe, gibt es zwei Möglichkeiten. Sie töten mich, oder sie sperren mich sehr lange ein.“
Als der Krieg im Spätsommer 2008 wirklich kam, ging er. Auf abenteuerlichen Pfaden floh Chochiev über Bratislava und Wien, wo er sich trotz der Flucht den Jugendtraum erfüllte, einmal in die Wiener Oper zu gehen. Er gelangte nach Potsdam. Deutschland war von vornherein sein Wunschziel, weil er wissenschaftliche Kontakte zur Heidelberger Universität hat. Doch die Mühen waren damit nicht zu Ende, sie änderten sich nur. Statt Ruhe zu finden und publizieren zu können, geriet er in den Umzugswirbel des Potsdamer Asylheims aus einer ruhigen, abseitigen Lage ins quirlige Plattenbauquartier. Aus dem Ärger darüber floh er in die Arbeit – ein druckfrisches Buch über Protosprachen und Religion auf seinem Nachttisch legt davon Zeugnis ab. Und er analysiert weiter die Zustände in Ossetien und den Krieg – unter anderem für die Moskauer Nowaja Gaseta, für die auch die ermordeten Journalistinnen Anna Politkowskaja und Natalja Estemirowa arbeiteten.
Den Kontakt zur Heimat hält Alan Chochiev über einen Laptop, den ihm ein Freund vor der Flucht schenkte – „das größte Geschenk meines Lebens“, wie er sagt. Pünktlich um 18 Uhr zieht seine Schwester in Nordossetien jeden Tag einen Schemel vor ihren Laptop, auf dem dann Chochievs 87-jährige Mutter Platz nimmt. Sie reden über das Wetter, die Politik und das Leben im „Ghetto Asylheim“, denn treffen können sie sich nicht: Mütterchen ist nicht mehr reisefähig, und Chochiev darf als Asylbewerber Potsdam nicht verlassen. Das schmerzt ihn am meisten, denn auch die so wichtige Teilnahme an Konferenzen ist dem Wissenschaftler damit versagt. Er kompensiert es, so gut es eben geht, über das Internet: liest russische Zeitungen, bloggt, videofoniert. Neben mehr Demokratie in Russland sind Reisefreiheit und etwas mehr Ruhe im Heim seine größten Wünsche.

Erschienen am 25.07.2009

Rakkatakka und Dandan

Mittwoch, 8. April 2009

„Van Canto“ mit neuem Album

BERLIN – Da ist er konservativ und ein klein wenig intolerant, der Metal-Fan: „Ihr seid kein Metal. Ihr habt keine Gitarren. Ihr seid Schwuchteln“, schrieb da einer der Band Van Canto ins Internet-Gästebuch. Solch Zuwendung muss aushalten, wer auf die Idee kommt, Heavy Metal als A-cappella-Gesang auf die Bühne zu bringen. Van Canto halten’s aus: „Na endlich sagt’s mal einer“, lautete die Antwort.

Das ungewöhnlichste Heavy-Metal-Projekt nach den finnischen Cello-Rockern von Apokalyptika, kommt aus Deutschland und setzt auf die Kraft der Stimmen – und einen Drummer. Sogar Gitarrenriffs bekommen die vier Herren und eine Dame hin, in dem sie ihr Mikro an den E-Gitarren-Verstärker anschließen. Dennis Schunke und Inga Scharf singen die Melodielinien, die anderen sind für das verantwortlich, was sie Rakkatakka-Töne und tiefe Dandans nennen. Das klingt nicht nur wild, das funktioniert überraschend gut. Van Cantos erstes Album klang so frisch und kraftvoll, dass die Fans sich überrascht die langen Haare aus dem Gesicht strichen, um die Ohren freizulegen. Seit kurzem liegt mit „Hero“ (SonyBMG) das zweite Album vor, heute spielen Van Canto, für die selbst ein einstündiges Konzert Schwerstarbeit bedeutet, in Berlin. Die Arrangements der Stimmen sind diesmal vielfältiger und ausgefeilter, mangelnde Songideen wurden geschickt mit Coverversionen kaschiert: Nach Metallica („Battery“) beim ersten Album ehren „Van Canto“ diesmal Iron Maiden, Manowar, Blind Guardian und Nightwish. Das klingt alles ganz nett und noch immer leidlich frisch, ist aber von der hymnischen, triumphierenden Kraft des ersten Albums dennoch meilenweit entfernt. Bestenfalls das vielstimmige „Fear of the Dark“ mag noch an den Erstling erinnern, in den meisten anderen Stücken wurde die Stimmkraft der fünf Sänger totarrangiert.

Erschienen am 08.04.2009

Heißkalter Februar

Mittwoch, 25. Februar 2009

Integration: Potsdam ist zerrissen: Der geplante Umzug von Asylbewerbern entzweit die Stadt

Wie viel Ruhe brauchen Flüchtlinge? Wie viel Integration verträgt ein Neubauviertel? Und wo beginnt Rassismus? Ein Drama in bislang fünf Eskalationsstufen.

POTSDAM| Es ist kalt dieser Tage in Potsdam. Besonders hier, wo der eisige Wind ungehindert über die Lennésche Feldflur streicht. Die niedrigen Baracken des Asylübergangsheims rauben nur wenig von seiner Wucht. Der Lerchensteig liegt am Nordrand der Landeshauptstadt, mit Bus und Bahn dauert es 45 Minuten bis ins Zentrum. Trotzdem liegen die schneebedeckten Baracken an diesem Vormittag verwaist, nur ein zugeschneites Dreirad kündet vom Leben vor der Kälte.
„Es ist hier nicht kalt“, sagt Alan Chochiev trotzig. „Hier nicht. Aber am Schlaatz. Da ist es polarkalt.“ Wie zum Beleg reibt der 63-Jährige mit seinen gewaltigen Händen sich die Schultern warm. Chochiev war Vize-Parlamentssprecher in Süd-Ossetien – bis zum Sommer 2008. Dann entzündete sich das, was in deutschen Medien „Kaukasus-Konflikt“ genannt wurde, und das Leben des Historikers, der häufig mit den russischen Behörden in Konflikt geriet, war akut bedroht. Er entschied, Flucht sei das einzige Mittel. Seit Dezember ist er in Potsdam. Was er jetzt braucht, sagt Chochiev in lupenreinem Englisch, ist Ruhe. Ruhe, um sich von Todesangst, Stress und dem schlechten Gewissen zu erholen, das ihn plagt, weil er seine Mutter zurückließ.
Es scheint nicht, als wäre ihm die Ruhe vergönnt. Denn in Potsdam ist eine Debatte darüber entbrannt, ob die 165 Asylbewerber aus dem fernen Lerchensteig in den zentrumsnahen Schlaatz umziehen sollen. Dass nicht einmal die Betroffenen davon begeistert sind, ihr integrationserschwerendes, weit draußen gelegenes Domizil zu räumen, ist die vierte von fünf Eskalationsstufen in einem Konflikt, der Bürger, Politik, Wohlfahrtsverbände, Wohnungsgenossenschaften und nicht zuletzt die Medien in Atem hält.
Es geht heiß her dieser Tage in Potsdam. Die erste Eskalationsstufe zündete, als ruchbar wurde, die Asylbewerber sollten in ein umgebautes Lehrlingswohnheim im Neubauviertel Schlaatz ziehen. Das klang sinnvoll: Früher als Problemviertel verrufen, mit hohem Ausländeranteil, vielen Arbeitslosen, perspektivloser Jugend, mit Schlägereien und rechten Parolen an ungepflegten Plattenbauten, wirkt der Stadtteil heute dank vieler Mühen als Schmelztiegel: Es gibt Integrationsangebote an jeder Ecke, darunter das Projekt „Kirche im Kiez“ und Theatergruppen; die meisten Häuser sind saniert, die Polizei hat den Ärger im Griff, und obwohl der dortige Integrationsgarten – eine Art Kleingartenkolonie für Spätaussiedler – regelmäßig abbrennt, wird er stets wieder aufgebaut. Jedesmal besser.
Die Begeisterung außerhalb des Rathauses über die Umzugspläne hielt sich dennoch in Grenzen. Während der neue Träger, die Diakonie, nicht müde wurde, die integrativen Vorzüge der citynahen Unterbringung zu preisen, ächzten Anwohner, die Stadt solle die Integrationsaufgaben auf ihr gesamtes Gebiet verteilen, statt dem Schlaatz noch mehr zuzumuten. Das weckte unschöne Erinnerungen: 2002 sollten 180 Asylbewerber in den Stadtteil Bornstedt umziehen, doch Anwohner wussten das zu verhindern – auch wegen angeblich dadurch sinkender Grundstückspreise. Initiativen, die daran erinnerten, dass Integration ein dem Grundstückswert übergeordneter Wert sei, fanden im aufgebrachten und von latent rechtslastigen Flugblättern flankierten Bürgerprotest kein Gehör.
Es war eisig letzte Woche in Potsdam. Trotz stehender Luft und erhitzter Gemüter fror es manchen im Bürgerhaus am Schlaatz, in das wegen erster Proteste zur Bürgerversammlung geladen war – eine weitere Eskalationsstufe. Zwar mühten sich Diakonie und Stadt redlich, die Vorzüge des Umzugs zu preisen, doch die aufgebrachte Mehrheit im Saal stimmten sie nicht um. Sie hätte sich noch deutlicher artikuliert, hätten nicht ein paar linke Gruppen ihre stimmgewaltigsten Mitglieder entsandt, die jeden zu offensichtlich ausländerfeindlichen Protest einfach niederschrien. Die Präsenz von drei Kamerateams und zahllosen Journalisten war nur weiterer Zunder für Volkes Zorn, der sich darüber empörte, dass der Schlaatz nun endgültig kippen werde, dass man genug Ausländer habe, dass es schon erste Schmierereien gegen die Asylanten gegeben habe und dass nun Ruhe, Ordnung und Sicherheit endgültig zum Teufel gingen. Rhetorisch elegantere Redner versuchten klarzumachen, die 165 Asylbewerber hätten an den engen Wohnungen, die einen der Bewohner jeweils auch noch zur Nutzung eines Durchgangszimmers zwingen, ohnehin keine Freude.
Die umstrittenste Stufe zündete die am Schlaatz sehr präsente Wohnungsgenossenschaft PBG. Sie ließ in einer Zeitungsanzeige wissen, dass sie das Heim als „massiven Eingriff in ihre Wirtschaftlichkeit“ betrachte, der der Entwicklung des Stadtteils im Wege stehe. Die Reaktion darauf kam prompt: Die Vorsitzende des Potsdamer Ausländerbeirats warf dem Unternehmen Rassismus vor, die Integrationsbeauftrage sprach von einem „Stein, der über den Zaun flog“. Die PBG schaltete daraufhin erneut Inserate, in denen sie sich gegen „polemische“ und „diffamierende“ Berichterstattung verwahrte und ankündigte, mit niemandem mehr reden zu wollen. Zeitgleich ließ sie ihre Anwälte auf die Ausländerbeirats-Chefin los. Damit hat sich das Unternehmen bei politisch engagierten Potsdamern weitgehend unmöglich gemacht. Nur betroffene Anwohner am Schlaatz applaudieren öffentlich. Die allgemeine Entrüstung darüber ist wohlfeil und billig zu haben. Denn wie andere Stadtteile in der gleichen Situation reagieren würden, fürchten die meisten Beobachter anhand des Beispiels von 2002 nur zu gut zu wissen.
Auf diesen für ihre Zwecke mit Angst, Verunsicherung und Vorurteilen wohlpräparierten Boden wirft nun – Eskalationsstufe fünf – die NPD seit einigen Tagen Flugblätter. Ein schwarzes Schaf ist darauf zu sehen, das von drei weißen Schafen weggetreten wird. „Gute Heimreise“ steht über den „an alle Deutschen“ verteilten Blättchen. Der Staatsschutz ermittelt.
Alan Chochiev verfolgt die Debatte, die seine neue Heimatstadt entzweit, kaum. Er muss seine eigene Balance zurückerlangen, bevor er sich in den Trubel der Innenstadt wagt, sagt er. Bis dahin ist ihm die winterliche Kälte draußen im Lerchensteig wesentlich lieber als die befürchtete Ablehnung im Schlaatz. Einen Satz aus dem Bericht über die Bürgerversammlung hat er sich aber gemerkt, obwohl sein deutsch noch schlecht ist: „Alle reden immer über die Menschen im Asylheim. Hat schon mal jemand mit ihnen geredet?“ Der Hauptausschuss der Stadt trifft auch ohne Besuch im Lerchensteig heute seine Entscheidung.

Erschienen am 25.02.2009

Neonazi enttarnt sich

Freitag, 28. November 2008

Eklat: Weil er sich nicht unter Kontrolle hat, wissen die Zossener nun, dass ein Holocaust-Leugner in ihrer Mitte lebt

ZOSSEN |  Seit drei Jahren lebte Rainer Link in Zossen (Teltow-Fläming) ein unauffälliges Leben. Er sanierte ein Haus in der Haupteinkaufsstraße und eröffnete dort sein „Medienkombin@t“, eine Mischung aus Internetcafé, Callshop, Kulturraum und „Gay-Bar“ (Schwulenkneipe).
Seine Maske fiel, als vergangene Woche rund 30 Einwohner sich daran machten, einen Beschluss der Stadtverordneten umzusetzen: Sie wollten sogenannte „Stolpersteine“, kleine Erinnerungstafeln an jüdische Einwohner, die von den Nazis deportiert wurden, in den Asphalt vor seinem Laden einbringen. Die Fläche ist „öffentlicher Straßenraum“. Doch Rainer Link wollte sich damit nicht abfinden. Hochroten Kopfes stürmte er aus dem Laden, stieß Umstehende aus dem Weg, schrie und entriss einem städtischen Angestellten die Kamera, wobei er ihn verletzte. Wie ein wildes Tier gebärdete sich der Mann, rief die Polizei, die ihm freilich nicht helfen mochte, und drohte, die Steine noch am selben Abend herauszureißen sowie die Verlegung per Gerichtsbeschluss verbieten lassen zu wollen.
Bei dieser Drohung ist es geblieben: Die Steine liegen noch im Pflaster, auch das Amtsgericht Zossen verzeichnete bislang keinen Einspruch, nur mit einem täglich neu über die Gedenktäfelchen platzierten Bierkasten, an dem ein Aufsteller lehnt, provoziert der Unternehmer die Stadt, die sich bislang nicht in der Lage sieht, ihr Recht durchzusetzen.
Doch der öffentliche Ausbruch warf Fragen auf, die schnell eine Antwort fanden: Nach MAZ-Recherchen ist Rainer Link ein mehrfach angeklagter Holocaust-Leugner aus dem Umfeld des berüchtigten Anwalts Horst Mahler. Link, der aus Berlin nach Zossen zog, weil seine zweifelhafte Prominenz es ihm nahezu unmöglich machte, noch eine Wohnung zu bekommen, war zeitweise Schatzmeister des inzwischen verbotenen „Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“, dem neben Mahler auch weitere prominente Holocaust-Leugner wie Ernst Zündel, Robert Faurisson und Anneliese Remer angehörten. Fotos im Internet zeigen ihn mit anderen Neonazis beim „Aufstand der Wahrheit“ auf der Wartburg im Sommer 2003, wo Plakate wie „Den Holocaust gab es nicht“ in die Kamera gehalten werden. Auf die MAZ-Veröffentlichung hin schrieb Rainer Link einen Brief an Zossens Bürgermeisterin und beklagte sich über das geschäftsschädigende Gebaren der Stadt und darüber, „hinterrücks besteinigt“ worden zu sein. Er forderte die Entfernung der „Schuldkultsteine“. Eine öffentliche Reaktion der Stadt steht bislang aus.
Link ist neben Gerd Walther bereits der zweite prominente Neonazi in Zossen. Ins nähere Umland sind einige NPD-Leute aus der Hauptstadt gezogen, darunter auch Berlins NPD-Chef Jörg Hähnel. In und um Zossen mehren sich nun Stimmen, die einen Imageschaden für die Wachstumsregion befürchten.

Erschienen am 28.11.2008

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Frische Romantik für Hafnarfjord

Samstag, 25. Oktober 2008

Jede Taste, selbst die kleinste Luftklappe für das größte aller Instrumente werden in der Sieversdorfer Werkstatt per Hand gefertigt: Orgelbauer Christian Scheffler ist weltweit gefragt.

Im Grunde ist Christian Scheffler päpstlicher als der Papst. Denn Wilhelm Sauer, der geniale Orgelbauer, dessen Lebenswerk Scheffler und seine 16 Mitarbeiter noch heute ernährt, würde wohl längst mit modernen computergesteuerten Fräsen die Teile seiner Orgeln fertigen lassen. Doch das ist etwas, vor dem Scheffler zurückschreckt. Er schüttelt sich schon demonstrativ, wenn er es nur erwähnt. Und er tut gut daran: Christian Schefflers Orgelbaubetrieb im beschaulichen Sieversdorf (Märkisch-Oderland) ist weltweit gefragt, wenn es um die Restaurierung berühmter romantischer Orgeln geht – vorrangig solcher aus Sauerscher Produktion, aber nicht nur. Einer von vielen Gründen dafür dürfte sein, dass in Schefflers Werkstatt noch alles von Hand gefertigt wird: jede Taste, jedes Register, jede kleinste Luftklappe für das größte aller Instrumente.

Die Qualität aus der Mark hat sich mittlerweile herumgesprochen in den Zirkeln der Kirchenmusik: Mit den Orgeln im Bremer Dom, im Dom zu Tallinn (Estland), in der Leipziger Thomaskirche, der Pfarrkirche im rumänischen Sibiu (Hermannstadt) sowie im norwegischen Trondheim hat Christian Scheffler nahezu alle großen Sauerorgeln Europas restauriert. Lediglich die allergrößte im Berliner Dom fehlt in der Sammlung des umtriebigen Sieversdorfer Orgelbauers. Die Herausforderungen gehen Scheffler deshalb aber nicht aus. Die jüngste ist der komplette Neubau einer 1400 Pfeifen umfassenden Sauerorgel. Eine Stilkopie, nach Sauers Plänen, Sauers Prinzipien und Sauers Materialvorgaben; eine Orgel für Hafnarfjord. Hafnar-fjord in Island, 20 Kilometer vor den Toren Reykjaviks.
Die Anfrage erreichte Sieversdorf auf verschlungenen Pfaden. Der Leipziger Orgel-Professor Stefan Engels erhielt einen Anruf von einem ehemaligen Schüler, der in den USA bei ihm studiert hatte. Der Schüler war mittlerweile wieder in seine isländische Heimat zurückgegangen und hatte als frisch eingestellter Kantor nun den Auftrag für eine romantische Orgel im historischen Stil zu vergeben. Stefan Engels verwies ihn nach Sieversdorf, denn viele „seiner“ Leipziger Orgeln künden mit jedem Ton vom Geschick Christian Schefflers, der im Sauerschen Betrieb das Handwerk lernte.
Scheffler, der schon einiges von der Welt gesehen hat, musste nach dem Anruf des jungen Isländers erstmal den Atlas aus dem Regal fischen. Als er ihn wieder zuklappte, wusste er, dass Hafnarfjord an der Westküste der Insel direkt am Atlantik liegt, 25000 Einwohner hat und offenbar nicht zu den ärmsten Gemeinden gehört. Solch einen Neubau zu finanzieren, sagt er, davon könnten die meisten Brandenburger Gemeinden nur träumen. Zumal sich die isländische Kirchgemeinde zeitgleich bei einer Leipziger Firma auch noch eine große Barockorgel bauen lässt.
Dass es herzliche, überaus musikbegeisterte und mit Vorfreude auf das Instrument geradezu übervolle Menschen sind, lernte Christian Scheffler im April dieses Jahres vor Ort in Island. Für ein solides Angebot, dass die Größe der Kirche, deren klangliche Eigenheiten ebenso einbezieht wie die Wünsche des Organisten ist ein Vor-Ort-Termin unerlässlich, sagt er. Schnell war man sich handelseinig, und schon auf dem Rückflug erteilte Christian Scheffler erste Bauanweisungen an seine Mitarbeiter. Der Zeitplan nämlich ist eng: Spätestens zum zweiten Advent soll die Orgel das erste Mal erklingen.
So wurde den Sommer über emsig gewerkelt in Sieversdorf: Statt baden zu gehen und Luftmatratzen aufzublasen galt es, Holzpfeifen zu schreinern, Klaviaturen zusammenzusetzen, Metallpfeifen zu intonieren und Luftklappen zu leimen. Dann verluden die Orgelbauer alle Teile in große Kisten, die wiederum in einen Container gehievt wurden und auf dem Atlantik ihrem Bestimmungsort entgegenschwammen. Ende September legte das Schiff dort an. Christian Scheffler und drei Mitarbeiter nahmen die Fracht in Empfang und begannen, alles zu einem Ganzen zusammenzusetzen – zum ersten Mal. Für den kompletten Aufbau in der Orgelwerkstatt fehlten der Platz und die Zeit. „Für Überraschung ist also noch genug Raum“, sagt Scheffler trocken. Erfahrung und Vertrauen in die Qualität seiner Arbeit machen ihn zuversichtlich genug für solche Scherze, bei denen seine Mitarbeiter gern etwas zusammenzucken.

Was unterscheidet eine romantische Orgel von den meist barocken, die jedem sofort in den Sinn kommen? Der Märker, sagt Scheffler, kennt ja vorrangig jene mit romantischem Anteil: Zwei Drittel aller Instrumente in Brandenburg sind nämlich nach 1870 entstanden oder umgebaut worden und haben die damals übliche romantische Prägung in die Pfeifen gelegt bekommen.
In fast jeder Epoche bildet die Orgel – von der Spielweise ein Tasteninstrument, von der Klangerzeugung ein Blasinstrument – das zu ihrer Zeit typische Instrumentarium nach: Im Barock waren es Flöten, Gamben und Principale, und so heißen dann auch die Pfeifen der Barockorgel; in der Renaissance entlockte der Organist seinem Instrument Schalmeien-, Dudelsack- und Trompetenklänge. In der Romantik waren vor allem Klänge gefragt, die dem ähneln, was Menschen singen können.
So hat jede Orgel auch die Musikentwicklung ihrer Epoche geprägt: Die französische Romantik, aber auch Max Reger und Franz Liszt wären ohne romantische Orgeln nicht denkbar, sagt Scheffler. Zwar klinge auch Bach darauf wundervoll, doch warne er vor dem Umkehrschluss: Der Versuch, Liszt auf einer Barockorgel zu spielen, sei meist zum Scheitern verurteilt.
Und: Romantische Orgeln haben ihre Tücken. Selbst auf guten gibt es unter den tausenden von möglichen Klängen fünf oder sechs, die der Spieler vermeiden sollte. „Ich kenne allerdings hoch gelobte Organisten, die finden auf so einer Orgel mitten im Konzert zwölf neue, unmögliche Töne“, erzählt Christian Scheffler und wirft die Stirn in Falten, als fahre ihm gerade ein solcher Ton ins Ohr. „Das ist dann nicht eben erhebend“, stöhnt er, als litte er Schmerzen.
Trotz aller Routine und obwohl Scheffler vom Umfang schon weitaus größere Aufträge bewältigte, hat ihn diesmal ein besonderes Fieber gepackt: „Ein reiner Neubau, also alles aus einem Guss zu erschaffen, das hat schon ein spezielles Flair.“ Historische Orgeln sind gereift, in Würde gealtert – „patiniert“ nennt Scheffler das –, sie haben sich abgeschliffen. Den Obertönen fehlt das unangenehm Metallische, das gealterte Holz lässt die tiefen Register wärmer klingen und auch das Raumklima und die Spielweise des Organisten haben sich ins Instrument gegraben. Die Herausforderung für den Orgelbauer als Restaurator besteht dann darin, dafür zu sorgen, dass ausgetauschte Register, Laden und Pfeifen nicht klingen wie ein Saxofon im Barockorchester: schreiend deplatziert.
Ein komplett neues Instrument erfordert solche Anpassungen nicht: Scheffler kann sich ganz auf den bestmöglichen Klang konzentrieren. Zu erleben, wie das Orgel-Neugeborene im Laufe seines Lebens einen Charakter entwickelt, kann eine unübertreffliche Freude sein, sagt er.
Vielleicht sind es jene Freuden, die Scheffler davon abhalten, moderne Orgeln zu bauen. Die können, das räumt er ein, vieles, was auf Sauer-Orgeln noch undenkbar ist, doch er baut lieber mit der Technologie und im selben Stil wie vor 100 Jahren und dem Anspruch, den damaligen Zeitgeschmack zu treffen. Mag sein, dass der alte Sauer mit dem Kopf schüttelte, wenn er das sähe: Der Meister blieb für Neues offen, rüstete noch in reifen Jahren von mechanischen Kegelladen zu pneumatischer Steuerung um und fertigte als echtes Kind der Industrialisierung Orgeln in Serie. Christian Scheffler würde ihm entgegnen, die technische Konstruktion seiner – Sauers – Orgeln, deren Steuerung, diese Klangidee zwischen Orgelklang und Hochromantik, das alles sei so modern und in sich so genial – „der Rolls-Royce unter den Orgeln dieser Zeit“ – dass er keinen Grund erkennen könne, auch nur den kleinsten Filz zu ändern. Da ist er, wie gesagt, päpstlicher als der Papst.

Erschienen am 25.10.2008

„Soll ich bleiben oder gehen?“

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Dokumentation Sie lernen Punkrock mit der Leselupe: „Young@Heart“ ist ein Seniorenchor der anderen Art

Eileen Hall hat als einzige im Seniorenheim einen eigenen Schlüssel – weil sie oft so spät von den Auftritten zurückkehrt, dass in ihrem Heim kein Mensch mehr wach ist. Die Eltern der meisten Künstler, deren Lieder Eileen Hall bei diesen Auftritten singt, waren noch nicht geboren, als Eileen schon ihr erstes Kind bekam – sie ist 92 Jahre alt. Doch in ihrem Chor mit dem schönen Namen Young@Heart („Jung im Herzen“) stellt sie keineswegs die Alterpräsidentin: Das Durchschnittsalter der Sänger aus Northampton (Massachusetts) beträgt 81 Jahre, das älteste aktive Mitglied war 101, das bisher jüngste 72.
Nach einem Londoner Konzert der 24 „Alten, die sich schlecht benehmen“ – so bezeichnet der Chor sich selbst – war der britische Regisseur Stephen Walker so begeistert, dass er nach Northampton reiste, um ein Portrait des Chores zu drehen, der allen Erwartungen an eine Seniorensingegruppe widerspricht. Der Film steigt mit einer Szene ein, wie man sie von Livemitschnitten eines Rockkonzerts kennt: Hämmernde Drums, eine noch leere Bühne, dicht gedrängt stehende, jubelnde Fans, die nach ihrem Star rufen. Dann ein orthopädischer Schuh in Großaufnahme, daneben schlägt im Rhythmus des Schlagzeugs eine Gehhilfe auf, schließlich betritt Eileen Hall die Bühne: Klein von Wuchs und gebeugt, doch groß in ihrer Präsenz und Lebensfreude: „Should I stay or should I go?“ (Soll ich bleiben oder gehen?) beginnt sie den berühmten „The Clash“-Song aus den 70ern – und das Publikum rast.
Damit ist das Tempo vorgegeben: Sie singen Punkrock, sie singen „Schizophrenia“ von Sonic Youth und auch sonst alles, was irgendwie selbstironisch auf ihr Alter passt: „We’re on a road to nowhere“ (Wir sind auf der Straße ins Nirgendwo), „I feel good“ oder „Yes, we can“, aber auch balladeskes wie „Fix You“ von Coldplay oder „Killing me softly“. Das tun sie so gut, dass sie nicht nur in der Heimat regelmäßig vor ausverkauften Häusern spielen, sondern auch zwei erfolgreiche Europatourneen absolvierten. Für manche ist der Chor ein neuer Lebensinhalt geworden, einige Mitglieder bekennen vor der Kamera, dass sie aus dem Spaß am Singen soviel Kraft bezögen, dass es sie am Leben erhalte.
Stephen Walker, der behauptet, er habe während der Dreharbeiten 24 neue Großeltern gewonnen, begleitete die Sängerinnen und Sänger über sechs Wochen – von der widerwilligen Probenaufnahme neuer Songs, die sich die meisten unter Zuhilfenahme von Leselupen erarbeiteten, über die immer wieder von Gesundheitsproblemen und zwei Todesfällen unterbrochenen Proben bis zum Konzert. Dass sie häufig auf den Beerdigungen ihrer Sangesbrüder und -schwestern auftreten, gehört ebenso zur Realität des Young@Heart-Chors wie die lebensverlängernde Kraft der Gemeinschaft und der Vorfreude auf die Auftritte.
Stephen Walker gelingt die schwierige Gratwanderung zwischen allzu rührseliger Berichterstattung über Krankheit und Tod auf der einen Seite und dem journalistischen Impuls, dem Publikum den Young@Heart-Chor als menschliches Kuriositätenkabinett anzudienen. Auch wenn der Film Züge von beidem trägt, fängt die fast schon liebevolle, enkelhafte Hingabe des Regisseurs an Chor und Sänger diese Ausschläge wieder auf. Am Ende hat auch der Kinobesucher einige neue Großeltern gewonnen – und etwas weniger Angst vor dem Alter.

Erschienen am 02.10.2008

Der mobile Märchenonkel

Samstag, 20. September 2008

Wie ein Theater- Schauspieler zu den Grimms zurückfand, warum er Termine hasst und was ihn im Alter von 66 Jahren bewog, auf einem klapprigen Rad durch märkische Dörfer zu tingeln.

Er lässt die Satzenden gern wie lose Fäden in der Luft baumeln. Nicht so, dass sie sich verknoten würden, nicht so, als wären sie achtlos auf einen Haufen geworfen. Maximilian Ruethlein verheddert sie nicht, seine Sätze – dazu ist er zu diszipliniert –, er bricht sie nur zugunsten des folgenden Gedankens mittendrin ab und beginnt übergangslos den neuen. Die übrig gebliebenen Fragmente hängen dann, fein säuberlich aufgereiht, in der Abendluft wie feuchte Wäsche auf einer Leine.
Es ist daher nicht ganz leicht, Ruethlein zu lauschen. Irgendwann wird der Zuhörer es müde, die Sprünge nachzuvollziehen. Und seine Gedanken gehen eigene Wege. Das ist erstaunlich bei jemandem wie Ruethlein, der, wenn er mehr als nur einen Zuhörer hat, Märchen so packend erzählen kann, dass Kinder zu atmen vergessen und Erwachsene bereitwillig wieder zu Kindern werden und sich in Augenblicke zurückversetzt fühlen, in denen sie eingekringelt im warmen Bett lagen oder aufmerksam auf dem Schoß der Oma saßen und mit großen Augen die gruselig-schönen Geschichten vom Rotkäppchen, von der Schneekönigin oder der Scheherazade hörten. Situationen also, die einmal alltäglich waren, doch es nicht mehr sind. Dass sie es nicht mehr sind, dass kaum noch jemand Märchen erzählt, ist Ruethleins Kapital – neben dem unergründlichen Märchenschatz in seinem Kopf, seiner sonoren Stimme und seiner Schauspieler-Seele, die am Theater geformt wurde. Ruethlein erzählt Märchen in Kitas, in Schulen, in Volkshochschulen, in Buchhandlungen, in Kirchen und auf Plätzen. Wann immer jemand möchte, wann immer jemand Zeit hat – normalerweise gegen Bezahlung, jetzt, auf seiner Spätsommertour auch gegen eine Mahlzeit oder eine Unterkunft für die Nacht.
Wenn er im Gespräch gedanklich allzu sehr auszufransen droht, zieht Maximilian Ruethlein die Notbremse. Er wendet dann den Blick von innen nach außen, sieht sein Gegenüber an, als sei er eben erwacht und fragt, ob er gerade wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen komme. Im Grunde erwartet er gar keine Antwort, und ein kurzes Zögern genügt ihm als Bestätigung. Dann lächelt Ruethlein wissend, nippt an seinem Kaffee und nimmt den Faden wieder auf. Einen neuen Faden.
Vielleicht ist daran auch die Einsamkeit schuld. Mehrere Wochen ist der Berliner nun schon mit dem Fahrrad durch die märkische Provinz unterwegs. Die Idee, seine Märchen auf einer spontanen Sommertour durch die Welt zu tragen, kam plötzlich, und Ruethlein gehört nicht zu den Menschen, die zögern, wenn sie plötzliche Ideen haben. Also packte er seinen großen Grimm, einen Schlafsack und etwas saubere Wäsche in den abgelederten Rucksack, der ihn schon durch Südamerika begleitete, holte sein klappriges blaues Fahrrad hervor und radelte los. Ohne Termine, ohne große Absprachen, ohne festes Ziel, ohne fixe Route. Es ging zunächst nach Potsdam, wo Ruethlein im Eine-Welt-Laden erzählte, dann nach Drewitz, weil er dorthin eine spontane Einladung bekam und schließlich im Nieselregen nach Rathenow.
Wenn es beschwerlich oder einsam wird, wenn ihn das Wetter im Stich lässt oder er kein Quartier für die Nacht findet – was allerdings selten ist –, dann tröstet sich Maximilian Ruethlein mit seinen Märchen. „Ich erzähl mir dann eins“ heißt das in seinen Worten. Er schwört auf die tröstende Kraft der Urbilder, als die er Märchen begreift. Märchen tragen zu innerer Zufriedenheit bei, sagt er, sie unterwandern den Verstand, indem sie an Älteres und Größeres rühren und haben daher eine unmittelbare Wirkung.
Seit mehr als 20 Jahren sät und erntet Ruethlein Märchen. Zehn Jahre lang war er zuvor am Renaissance-Theater, spielte in Brechts „Arturo Ui“, spielte Ibsens Dramen und was das damalige Startheater unter Heribert Sasse noch so im Repertoire hatte, verdingte sich als Dramaturg, Regisseur und Stückeschreiber. Doch Ende der 80er Jahre, mit 48 und „voll im Saft“, wie er betont, beschlich ihn das Gefühl, dass er sich dort und mit seinem Universitätswissen nicht finden könne. Also warf Ruethlein hin und gründete die Märchenwerkstatt, weil er in Märchen eine „Anleitung zum kreativen Handeln“ sah und sieht, eine Verbindung von Geist und Seele, die ihm am akademischen Theater fehlte. Es lief ziemlich schnell ziemlich gut. Ins Kreuzberger „Café Graefe“, seine erste Spielstätte, kamen am ersten Abend fünf Leute, am zweiten Abend 20 und am dritten war es bereits so voll, dass die Leute auf dem Boden sitzen mussten. Ruethlein hatte sein Element gefunden, er verdiente gutes Geld, wie er sagt, tingelte tagsüber durch Schulen und Kindergärten und spielte abends sein Programm für Erwachsene. Nebenher bildete er Märchenerzähler aus, die ihm nun Konkurrenz machen.
Aus seinem Bedauern darüber, dass diese Zeiten vorbei sind, macht Maximilian Ruethlein heute keinen Hehl. Zu resignieren entspräche aber nicht seinem Naturell. Als die städtischen Gelder knapper wurden, brach er nach Südamerika auf und fuhr zweimal acht Monate lang mit dem Bus von deutscher Schule zu deutscher Schule, um Grimms Wort nach Lateinamerika zu tragen. Natürlich war er vorher nicht angemeldet, natürlich wusste vorher niemand, dass da einer kommen würde, der den „Froschkönig“ erzählt, singt und tanzt. Das wäre gegen Ruethleins Überzeugung gewesen: Das kreative Handeln verträgt keine Planung. Handeln statt Grübeln ist des Märchenerzählers Credo, er fährt so ziellos durch die Welt, wie er seine Sätze bildet.
Seine größten Glücksmomente entstehen dann, wenn er sich nur von seinem Instinkt leiten lässt, und sich auf wundersame Weise alles fügt. Die Radtour, die Mitte August begann und dieser Tage endet, scheint ein solches Erlebnis zu werden: „Ich bin ohne Erwartungen los, habe meinen Job gemacht, und zwar offenbar so gut wie noch nie, wenn ich an all das Lob denke.“
Ruethlein rollt seinen Schlafsack aus, wo er eine Einladung bekommt, er fährt, wohin der Wind oder der Tipp der Kita-Leiterin vom Vortag ihn tragen, wenn es gut läuft, bleibt er ein paar Tage, wenn nicht, ist er am nächsten Morgen auf und davon. Wenn er erst in fünf Tagen auftreten könnte, wo er gerade ohnehin schon vorspricht, winkt er dankend ab. Zuviel Fixierung. Auch ein Handy hat er nicht dabei, obwohl es manches vereinfachen würde. Wer sich mit ihm treffen will, muss warten, bis Ruethlein von einer Telefonzelle aus anruft und dann zur abgemachten Stunde an einer Bushaltestelle in irgend einem märkischen Dorf auftauchen.
Ist das nicht anstrengend? Darüber denke er nicht nach, sagt der 66-Jährige. „Würde ich nachdenken, bräche ich nie auf. Ich bin jemand, der schnell alle Für und Wider erwägt. Vor allem die Wider, deshalb darf ich nicht ins Denken geraten.“ Ein paar Zugeständnisse hat ihm die Tour dennoch abgetrotzt: Das Schlafen unter freiem Himmel nimmt ihm der Rücken auf die Dauer krumm, und auch ein etwas weniger klappriges Fahrrad hält Ruethlein mittlerweile für ratsam. Falls sich da ein Sponsor fände, würde er nicht nein sagen.
Es ist eine unweigerliche Folge des Ruethleinschen Spontanitäts-Kultes, einzelne Brüche und Abbrüche als Teil des Weges zu begreifen. Sein Studium der Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften hat er nicht abgeschlossen. Mit 19 verdrückte er sich zunächst nach Indien, um per Anhalter den Subkontinent zu ergründen. Das Vorhaben, Erwachsenentheater zu machen, stellte er ein, als er merkte, dass der von ihm dramatisierte „Parzival“ des mittelalterlichen Dichters Wolfram von Eschenbach sich nicht wie ein Märchen inszenieren ließ. Auf der Tour musste der Plan, ein Tagebuch im Internet zu führen, dran glauben. Auch Pläne sind für Ruethlein so etwas wie Sätze: Man kann viel anfangen, muss aber nicht alles zu Ende führen, wenn Instinkt oder Fügung sich der Spontanität in den Weg werfen. Auf diese Weise entschlief Ruethleins Filmkarriere, die neben Auftritten in Otto- und Didi-Hallervorden-Filmen auch internationale Produktionen enthielt.
All diese angefangenen Lebensfäden hängen mittlerweile aufgereiht in der Abendluft, während Ruethlein Kindern vom Rotkäppchen, von der Schneekönigin und von der Scheherazade erzählt. Immer dort, wohin der Weg, der Wind oder ein Wink des Schicksals ihn gerade trugen.

Kontakt zu Maximilian Ruethlein über Horst Edler, Tel. 0172/ 32032 52.

Erschienen am 20.09.2008


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