Was der Senkel hergibt

Schnüren scheint das Gebot der Stunde, doch die Jury ist gnadenlos

Rettungspaket wird das Wort des Jahres werden – soviel lässt sich schon jetzt sagen. Es wird dieser Tage grandios geschnürt in Deutschland: Jeder, der was zu retten hat, schnürt, was der Senkel hergibt. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass Armut ausnahmsweise mal tröstlich ist: Wer nichts hat, kann nichts verlieren, muss nichts retten. Die vielzitierte Angst des Mittelstands vor dem Abrutschen ins Prekariat, hier wandelt sie sich in ein sanftes Ruhekissen. Nur des wirklich Wohlhabenden Konto trägt böse Früchte: „Hätte ich kein Aktiendepot, ich könnte ruhiger schlafen.“ Das ist die Strafe dafür, dass er sich dem Trend zur Armut standhaft verweigerte – doch der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers. Großmut und Opferbereitschaft sind daher das Gebot der Stunde. Der Chef der Deutschen Bank verzichtete, nachdem er sich gründlich umgeschaut hatte, ob auch alle Kameras angeschaltet und alle Bleistifte gespitzt sind, auf seine Boni und begnügt sich nun mit einem schmalen Grundgehalt von 1,2 Millionen Euro. Auch er schnürt also mit, und er spendet die Millionen den Bedürftigsten: verdienten Mitarbeitern seines Geldhauses. Das ist konsequent, denn wenn wir eines gelernt haben aus der Finanzkrise, dann dass es die schwer arbeitenden, bis zur Selbstaufgabe am Gemeinwohl orientierten Banker sind, die nun wirklich am wenigsten dafür können, aber am schlimmsten gebeutelt werden. Sie haben schließlich die gefährdeten dicken Depots, während sich der gemeine Hartz-IV-Lümmel auf seiner Schadenfreude darüber ausruht, dass er ja nichts zu verlieren habe. Sie ist ungerecht, die Welt, und der Pöbel ohne Mitgefühl.
Das Schnüren macht indes Schule. Bei der Miss-Wahl am Mittwoch in Diedersdorf versuchte eine Kandidatin, die Auswirkung der skeptischen Jury-Blicke auf ihr Selbstbewusstsein in den folgenden Runden durch beherzten Eingriff in die Feinjustierung ihres BHs abzumildern. Danach hätte sie zwar freihändig Maßkrüge über den Laufsteg balancieren können und freie Auswahl an Mitfahrgelegenheiten nach Hause gehabt, im Gesamtklassement brachte sie das aber auch nicht spürbar nach vorne. Atemnot und ein farblich ihrem feuerwehrroten Abendkleid nacheifernder Teint lehrten sie immerhin, dass „Schnüren“ und „Abschnüren“ den selben Wortstamm haben. Das wiederum ist eine Lektion, die zu lernen Politikern und Bank-Chefs erst noch bevorsteht. Und wenn es ganz mies läuft, selbst uns armen Prekariern.

Erschienen am 18.10.2008

Wadenkrampf und Freudentränen

Wettbewerb: Bademode im Bierdunst: Auf dem Diedersdorfer Oktoberfest wurde wieder eine Miss gesucht

Sie konnten sich direkt fürs Landesfinale der „Miss Germany“ qualifizieren, die elf Teilnehmerinnen im Vorausscheid.

DIEDERSDORF| Der Wadenkrampf sollte sich am Ende lohnen. Doch vor die Schärpe haben die Götter den Schmerz gesetzt: Nicole Reimer lächelte eisern durch, aber über ihren 10-Zentimeter-Stiletto-Absätzen krampften die Wadenmuskeln erkennbar. Doch was soll man tun, wenn man nur 1,60 Meter groß ist, aber trotzdem Miss Germany werden möchte?
Sie hatte auch noch die längste Stehzeit, die 21-jährige Berlinerin, denn ihr war die Startnummer 1 zugelost worden. Im cremefarbenen Abendkleid musste sie am Mittwochabend als erste auf den weiß-blau karierten Laufsteg im Diedersdorfer Oktoberfestzelt, zehn weitere Miss-Anwärterinnen folgten. Das Zelt war nur gut halb voll, aber die Stimmung – auch dank genügend Maßkrügen – von Beginn an gut. Zweimal auf und ab, unter den prüfenden Blicken der Jury, dann galt es, ein einminütiges Kurzinterview zu überstehen, das von Moderatorin Carmen Franke mit einer Vorstellung eingeleitet wurde. So erfuhren die staunenden Gäste, dass Nicole eine Violine spielende Reisekauffrau sei, die gern nach Griechenland reist und ihre Maße 84-58-84 betrügen. Nuria, deren Name nach eigenem Bekunden „so was wie Sonnenaufgang auf arabisch oder jüdisch oder so“ bedeutet, turnt gern am Trapez und hat im Übrigen 82-52-89, war zu erfahren. Die 17-jährige Jennifer, 84-62-92, kann vier Sprachen, will Stewardess werden und hatte das Preisschild unter den Schuhen kleben lassen. Denise, 25, beeindruckte das Publikum mit einem bedrohlich ausladenden Dekolleté und dem Hinweis, Cocktails seien ihr größtes Hobby. Schließlich kam Juliane, 86-68-99, Polizistin und Exsoldatin – „weil ich für mein Leben gerne schieße“ –, die als besonderes Talent die Fähigkeit zum Telefonieren beim Autofahren nannte, zur Freude des bierseligen Publikums, als Hobbys Reiten und ihre zwei Katzen (Zuruf: „Geil! Drei Muschis zuhause!“) aufzählte. Sie durften noch zwei-, dreimal paradieren, dann wurde der Ruf der Menge („Ausziehen! Ausziehen!“) erhört, und die elf möglichen Missen verschwanden, um sich in Bademode zu werfen.
Im grün-blauen Tankini kehrten sie einige Saalrunden später zurück, und das Spiel wiederholte sich. Das Publikum goutierte das entweder enthemmt-gröhlend mit „Mach-Dich-nackig“-Rufen oder fachlich-abschätzig mit ausgefeilten Potenzialanalysen: „Ganz annehmbar“, urteilte ein Herr im Anzug, „kommerziell kaum verwertbar“, entgegnete ein anderer, und ein dritter diagnostizierte kühl hier und da „Hautstrukturprobleme an den Oberschenkeln“. In der Tat zeigte sich, dass es nur ein Vorausscheid war: Von zu großen Schritten bis Trampeln, von Speckröllchen bis zu viel Push-Up, von unnatürlichem Dauerlächeln bis dem gefürchteten „Oh-Gott-sind-diese-Absätze-hoch“-Gang waren alle Anfängerfehler mehr oder minder häufig vertreten. Carmen Franke aber moderierte über solche Spitzfindigkeiten elegant hinweg, und den meisten Gästen waren diese Nickligkeiten ohnehin längst egal. Nachdem alle Sponsoren zum wiederholten Male aufgezählt waren und die Jury ihre Punktelisten abgegeben hatte, riss der DJ mit „Heidi“, „Biene Maja“ und dem „Holzmichl“ das Publikum von den Bänken, und eine Stunde später standen die Siegerinnen fest: Nicole Reimer wurde für ihre verhärtete Wadenmuskulatur mit dem ersten Platz, Schärpe und Krone, einem Ring, Champagner und zahllosen anderen Preisen entschädigt, die anwesenden Eltern wollten vor Stolz schier platzen, Carolin Ludwig (84-62-92) wurde Vize-Miss Schloss Diedersdorf, Platz drei ging an Merit Büttner. Damit hatten sich drei Berlinerinnen durchgesetzt. Die Siegerin darf nun zum Landesausscheid und könnte sich dort für das Bundesfinale qualifizieren.

Erschienen am 17.10.2008

Lautäußerungen, tierische

Der alte Zosse über Gemeinsamkeiten zwischen Unpaarhufern und Zweibeinern

Die Ausdrucksmöglichkeiten eines Pferdes sind naturgemäß begrenzt: Außer Freude (Hinlaufen), Angst (Weglaufen), Ablehnung (Schütteln) und Sympathie (Anstubsen) steht unsereinem nicht viel zur Verfügung. Dieses begrenzte Kommunikationsrepertoire lässt sich bestenfalls noch mit einem wohlplatzierten Pferdeapfel (pferdisch für „Hier lass ich mich gehen!“) krönen. Der Rest ist Schweigen. Dachte ich nun zunächst, diese kommunikative Beschränkung sei ein quasi bauart-bedingter Nachteil meines Pferdseins und fühlte mich damit den Menschen hoffnungslos unterlegen, so durfte ich am Mittwoch bei der Misswahl auf Schloss Diedersdorf lernen, dass auch die Herren Zweibeiner – insbesondere nach emsigem Gebrauch der Tränke – ähnlichen Einschränkungen unterworfen sind: Außer Zustimmung (erkennbares Speicheln, hervortretende Augen, „Boah“-Geräusche) und Ablehnung (demonstratives Wegdrehen, Buh-Geräusche“) war wenig differenzierte Meinungsäußerung zu hören. Nur die demonstrative Krönung, die wurde bis zu meinem Abritt unterlassen. Aber da war die Tränke auch noch lange nicht leer.

Erschienen am 17.10.2008

Kann ja mal passieren

Von Missen und Missverständnissen

Da haben wir nun, ach!, die Verwerfungen der CDU in Berlin und der CSU in Bayern studiert, haben uns über Eitelkeiten geärgert, uns an eiskalten Machtkämpfen erschreckt und am gegenseitigen Demontieren der Spitzenkandidaten geweidet, dabei lag das Gute doch so nah: Rangsdorfs CDU produzierte eine politische Provinzposse ersten Ranges, indem sie am Mittwoch den Rücktritt ihres Vorsitzenden bekannt gab, um den armen Mann am nächsten Tag widerrufen zu lassen: Er habe seinen Rücktritt wegen der Verluste bei der Kommunalwahl zwar angeboten, das Angebot aber nach zwei, drei Tagen zurückgenommen, weil es niemand annahm, erklärte der Vorsitzende. Eine personell-politische Rückrufaktion quasi, die besser keine Schule machen sollte. Der Bürger könnte sonst glatt vergessen, dass es häufig gar nicht die Spitzenleute der Parteien sind, die nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage über ihre Posten entscheiden, sondern die gefürchtete zweite Reihe, die nicht nur Berlins Fraktionschef und das bayrische Spitzenduo, sondern auch Kurt Beck aus Amt und Würden kegelte. Mit einem „unglücklichen Missverständnis“ versuchte die Rangsdorfer CDU gestern die Verwerfungen zu erklären. Ja, es wird grandios missverstanden in Deutschland; ob nun Politiker abgesäbelt werden oder der Finanzmarkt zusammenbricht: Oops, übersehen. Sorry. Missverständnis. Kann ja mal vorkommen.
Nur einem würde das nicht passieren: Alt-Playboy Rolf Eden. Der zählt zwar mittlerweile 80 Lenze, kommt aber jedes Jahr standhaft zum Vorausscheid der Miss-Germany-Wahl auf Schloss Diedersdorf – so auch am Mittwoch. Und schon vorab ließ er uns an seiner Altersweisheit teilhaben, als er die Welt wissen ließ, dass es bei Models nicht auf Ausstrahlung ankomme, sondern auf puren Sex-Appeal.
Danke, Rolf! Du bist wirklich weit vorgedrungen, hast tiefe Einblicke gewonnen. Stolz können wir nun sagen: Endlich, endlich haben wir die Miss verstanden!

Erschienen am 11.10.2008

Bilaterale Entspannung

Post: Ein Zusammentreffen natürlicher Feinde: Briefträger übten den Umgang mit Hunden

Das Verhältnis von Hunden und Postboten ist vielerorts zerrüttet. Man trägt sich gegenseitig Bisse und Revierverletzungen nach. Ein Seminar in Mahlow sollte Abhilfe schaffen

MAHLOW| Warum beißen Hunde bevorzugt Briefträger? An dieser Frage haben sich schon Generationen von Erkenntnistheoretikern erfolglos die Hirnzellen wund gemartert. Es existiert eine Hypothese, die besagt, wenn Stubenhunde, deren Alltags-Temperament der Rubrik „Sofarolle“ zuzuordnen ist, plötzlich gegen jede Gewohnheit nach dem Postillion schnappen, sei eine genetisch bedingte Abneigung gegen Uniformen im Spiel. Andere Kynologen wiederum vermuten, das überkommene Gerücht, der Briefträger nutze die Abwesenheit des Ehegatten, um Hausfrauen nicht nur mit schönen Päckchen zu beglücken, habe unter den Fiffis dieser Welt die Runde gemacht, und sie verteidigten Muttis Ehre an Vatis Statt.
Von solchen epistemologischen Feinheiten mussten sich die 25 Mitarbeiter des Zustellstückpunkts Mahlow gestern früh nicht irre machen lassen. Ihr Interesse war ein ganz handfestes – sie wollten weniger gebissen werden. Nicht, dass das noch an der Tagesordnung wäre: Nur 31 Mal schnappten Vierbeiner in Brandenburg 2007 nach dem Briefträger, ein deutlicher Rückgang zum Jahr davor, als sich noch 63 Mal die Zähne des Haushundes ins Fleisch eines Postboten gruben. „Hunde und Postboten verstehen sich immer besser“, titelte daher die Pressestelle der Post ganz verwegen, und Tiertrainer Jörg Ulbricht wusste auch anzugeben, warum: Weil der Briefträger aus Hundesicht langsam lernt, sich anständig zu benehmen.
Was das heißt, erklärte er den 25 aufmerksam zuhörenden Zustellern an diesem Morgen. Kardinalfehler Nummer eins sei noch immer der Brief- oder Paketwechsel über dem Hund, erinnerte Ulbricht, der in Freital bei Dresden eine Hundeschule betreibt und der für Post in Sachsen und Süd-Brandenburg Seminare gibt. Von fremden Füßen umstellt, fühle sich der Hund eingeengt, und alles, was über seinem Kopf geschehe, mache ihn zusätzlich nervös, so der Trainer. Bei aggressiven Tieren empfahl er Ruhe, auch wenn’s schwerfalle: Keine hektischen Bewegungen, kein Weglaufen. „Wenn sie trotzdem gebissen werden, war’s ohnehin nicht zu verhindern. Aber wenn sie fuchteln oder weglaufen, provozieren sie womöglich einen Biss, den sie sonst nicht bekommen hätten“, erklärte er. „Na toll“, kommentierte eine Zustellerin, „was für eine Auswahl.“ Wer Patentrezepte erwartet hatte, musste zwangsläufig enttäuscht sein. Doch die Tipps und Strategien des Hundetrainers können immerhin das Risiko senken. Wie das Briefing vor einem Geheimdiensteinsatz nahm sich Ulbrichts Gefahrenanalyse aus, zu deren Durchführung er ein typisches Grundstück an die Wand warf und besonders gefährliche Punkte, Aktionsradien, Vermeidungsstrategien und Fluchtweganalysen durchsprach.
Im Praxisteil auf dem Parkplatz des Zustellstützpunkts schärfte Ulbricht den Blick der Teilnehmer für typisches Hundeverhalten anhand eines Schäferhundes und eines Terriers: Die Postboten lernten, Hundeverhalten richtig zu deuten, Angst zu erkennen, Schwanzwedeln nicht misszuverstehen und Drohgesten einzuschätzen. Das beste Mittel, gestand der Trainer, sei immer noch, über Leckerli eine Beziehung zu schwierigen Tieren aufzubauen. Das ist bei der Post aber verboten.
Gut möglich also, dass letztlich doch ein Philosoph das Rätsel der besonderen Vorliebe von Hunden für Briefträger lösen muss, bevor die Post titeln kann: „Hunde und Postboten verstehen sich grundsätzlich blendend.“

Info-Box: Kleine Hundekunde
Um so biss-sicher zu werden wie ein Postbote, empfiehlt es sich, einige Grundregeln zu befolgen:
Hunde fühlen sich vom Eindringen in ihr Revier bedroht, von schnellen Bewegungen oder raschem Entfernen, das als Flucht gedeutet werden kann.
Je höher ein Hund in der Familienrangordnung ist, desto angriffslustiger ist er – er glaubt ja, das Rudel schützen zu müssen.
Angst zu zeigen ist wie eine Einladung zum Angriff, Schreien oder Weglaufen sind daher keine besonders gute Idee.
Auch Drohgebärden, Blickkontakt, Störungen beim Fressen, Weglaufen oder das Entwenden ihres Spielzeugs mögen aggressive Hunde gar nicht.
Der beste Rat ist grundsätzlich, stehenzubleiben und keine Angst zu zeigen, wenn ein Hund auf einen Menschen zukommt. Oft will er ihn einfach nur erschnuppern. Wenn schon Rückzug, dann langsam.

Erschienen am 08.10.2008

„Soll ich bleiben oder gehen?“

Dokumentation Sie lernen Punkrock mit der Leselupe: „Young@Heart“ ist ein Seniorenchor der anderen Art

Eileen Hall hat als einzige im Seniorenheim einen eigenen Schlüssel – weil sie oft so spät von den Auftritten zurückkehrt, dass in ihrem Heim kein Mensch mehr wach ist. Die Eltern der meisten Künstler, deren Lieder Eileen Hall bei diesen Auftritten singt, waren noch nicht geboren, als Eileen schon ihr erstes Kind bekam – sie ist 92 Jahre alt. Doch in ihrem Chor mit dem schönen Namen Young@Heart („Jung im Herzen“) stellt sie keineswegs die Alterpräsidentin: Das Durchschnittsalter der Sänger aus Northampton (Massachusetts) beträgt 81 Jahre, das älteste aktive Mitglied war 101, das bisher jüngste 72.
Nach einem Londoner Konzert der 24 „Alten, die sich schlecht benehmen“ – so bezeichnet der Chor sich selbst – war der britische Regisseur Stephen Walker so begeistert, dass er nach Northampton reiste, um ein Portrait des Chores zu drehen, der allen Erwartungen an eine Seniorensingegruppe widerspricht. Der Film steigt mit einer Szene ein, wie man sie von Livemitschnitten eines Rockkonzerts kennt: Hämmernde Drums, eine noch leere Bühne, dicht gedrängt stehende, jubelnde Fans, die nach ihrem Star rufen. Dann ein orthopädischer Schuh in Großaufnahme, daneben schlägt im Rhythmus des Schlagzeugs eine Gehhilfe auf, schließlich betritt Eileen Hall die Bühne: Klein von Wuchs und gebeugt, doch groß in ihrer Präsenz und Lebensfreude: „Should I stay or should I go?“ (Soll ich bleiben oder gehen?) beginnt sie den berühmten „The Clash“-Song aus den 70ern – und das Publikum rast.
Damit ist das Tempo vorgegeben: Sie singen Punkrock, sie singen „Schizophrenia“ von Sonic Youth und auch sonst alles, was irgendwie selbstironisch auf ihr Alter passt: „We’re on a road to nowhere“ (Wir sind auf der Straße ins Nirgendwo), „I feel good“ oder „Yes, we can“, aber auch balladeskes wie „Fix You“ von Coldplay oder „Killing me softly“. Das tun sie so gut, dass sie nicht nur in der Heimat regelmäßig vor ausverkauften Häusern spielen, sondern auch zwei erfolgreiche Europatourneen absolvierten. Für manche ist der Chor ein neuer Lebensinhalt geworden, einige Mitglieder bekennen vor der Kamera, dass sie aus dem Spaß am Singen soviel Kraft bezögen, dass es sie am Leben erhalte.
Stephen Walker, der behauptet, er habe während der Dreharbeiten 24 neue Großeltern gewonnen, begleitete die Sängerinnen und Sänger über sechs Wochen – von der widerwilligen Probenaufnahme neuer Songs, die sich die meisten unter Zuhilfenahme von Leselupen erarbeiteten, über die immer wieder von Gesundheitsproblemen und zwei Todesfällen unterbrochenen Proben bis zum Konzert. Dass sie häufig auf den Beerdigungen ihrer Sangesbrüder und -schwestern auftreten, gehört ebenso zur Realität des Young@Heart-Chors wie die lebensverlängernde Kraft der Gemeinschaft und der Vorfreude auf die Auftritte.
Stephen Walker gelingt die schwierige Gratwanderung zwischen allzu rührseliger Berichterstattung über Krankheit und Tod auf der einen Seite und dem journalistischen Impuls, dem Publikum den Young@Heart-Chor als menschliches Kuriositätenkabinett anzudienen. Auch wenn der Film Züge von beidem trägt, fängt die fast schon liebevolle, enkelhafte Hingabe des Regisseurs an Chor und Sänger diese Ausschläge wieder auf. Am Ende hat auch der Kinobesucher einige neue Großeltern gewonnen – und etwas weniger Angst vor dem Alter.

Erschienen am 02.10.2008

Der mobile Märchenonkel

Wie ein Theater- Schauspieler zu den Grimms zurückfand, warum er Termine hasst und was ihn im Alter von 66 Jahren bewog, auf einem klapprigen Rad durch märkische Dörfer zu tingeln.

Er lässt die Satzenden gern wie lose Fäden in der Luft baumeln. Nicht so, dass sie sich verknoten würden, nicht so, als wären sie achtlos auf einen Haufen geworfen. Maximilian Ruethlein verheddert sie nicht, seine Sätze – dazu ist er zu diszipliniert –, er bricht sie nur zugunsten des folgenden Gedankens mittendrin ab und beginnt übergangslos den neuen. Die übrig gebliebenen Fragmente hängen dann, fein säuberlich aufgereiht, in der Abendluft wie feuchte Wäsche auf einer Leine.
Es ist daher nicht ganz leicht, Ruethlein zu lauschen. Irgendwann wird der Zuhörer es müde, die Sprünge nachzuvollziehen. Und seine Gedanken gehen eigene Wege. Das ist erstaunlich bei jemandem wie Ruethlein, der, wenn er mehr als nur einen Zuhörer hat, Märchen so packend erzählen kann, dass Kinder zu atmen vergessen und Erwachsene bereitwillig wieder zu Kindern werden und sich in Augenblicke zurückversetzt fühlen, in denen sie eingekringelt im warmen Bett lagen oder aufmerksam auf dem Schoß der Oma saßen und mit großen Augen die gruselig-schönen Geschichten vom Rotkäppchen, von der Schneekönigin oder der Scheherazade hörten. Situationen also, die einmal alltäglich waren, doch es nicht mehr sind. Dass sie es nicht mehr sind, dass kaum noch jemand Märchen erzählt, ist Ruethleins Kapital – neben dem unergründlichen Märchenschatz in seinem Kopf, seiner sonoren Stimme und seiner Schauspieler-Seele, die am Theater geformt wurde. Ruethlein erzählt Märchen in Kitas, in Schulen, in Volkshochschulen, in Buchhandlungen, in Kirchen und auf Plätzen. Wann immer jemand möchte, wann immer jemand Zeit hat – normalerweise gegen Bezahlung, jetzt, auf seiner Spätsommertour auch gegen eine Mahlzeit oder eine Unterkunft für die Nacht.
Wenn er im Gespräch gedanklich allzu sehr auszufransen droht, zieht Maximilian Ruethlein die Notbremse. Er wendet dann den Blick von innen nach außen, sieht sein Gegenüber an, als sei er eben erwacht und fragt, ob er gerade wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen komme. Im Grunde erwartet er gar keine Antwort, und ein kurzes Zögern genügt ihm als Bestätigung. Dann lächelt Ruethlein wissend, nippt an seinem Kaffee und nimmt den Faden wieder auf. Einen neuen Faden.
Vielleicht ist daran auch die Einsamkeit schuld. Mehrere Wochen ist der Berliner nun schon mit dem Fahrrad durch die märkische Provinz unterwegs. Die Idee, seine Märchen auf einer spontanen Sommertour durch die Welt zu tragen, kam plötzlich, und Ruethlein gehört nicht zu den Menschen, die zögern, wenn sie plötzliche Ideen haben. Also packte er seinen großen Grimm, einen Schlafsack und etwas saubere Wäsche in den abgelederten Rucksack, der ihn schon durch Südamerika begleitete, holte sein klappriges blaues Fahrrad hervor und radelte los. Ohne Termine, ohne große Absprachen, ohne festes Ziel, ohne fixe Route. Es ging zunächst nach Potsdam, wo Ruethlein im Eine-Welt-Laden erzählte, dann nach Drewitz, weil er dorthin eine spontane Einladung bekam und schließlich im Nieselregen nach Rathenow.
Wenn es beschwerlich oder einsam wird, wenn ihn das Wetter im Stich lässt oder er kein Quartier für die Nacht findet – was allerdings selten ist –, dann tröstet sich Maximilian Ruethlein mit seinen Märchen. „Ich erzähl mir dann eins“ heißt das in seinen Worten. Er schwört auf die tröstende Kraft der Urbilder, als die er Märchen begreift. Märchen tragen zu innerer Zufriedenheit bei, sagt er, sie unterwandern den Verstand, indem sie an Älteres und Größeres rühren und haben daher eine unmittelbare Wirkung.
Seit mehr als 20 Jahren sät und erntet Ruethlein Märchen. Zehn Jahre lang war er zuvor am Renaissance-Theater, spielte in Brechts „Arturo Ui“, spielte Ibsens Dramen und was das damalige Startheater unter Heribert Sasse noch so im Repertoire hatte, verdingte sich als Dramaturg, Regisseur und Stückeschreiber. Doch Ende der 80er Jahre, mit 48 und „voll im Saft“, wie er betont, beschlich ihn das Gefühl, dass er sich dort und mit seinem Universitätswissen nicht finden könne. Also warf Ruethlein hin und gründete die Märchenwerkstatt, weil er in Märchen eine „Anleitung zum kreativen Handeln“ sah und sieht, eine Verbindung von Geist und Seele, die ihm am akademischen Theater fehlte. Es lief ziemlich schnell ziemlich gut. Ins Kreuzberger „Café Graefe“, seine erste Spielstätte, kamen am ersten Abend fünf Leute, am zweiten Abend 20 und am dritten war es bereits so voll, dass die Leute auf dem Boden sitzen mussten. Ruethlein hatte sein Element gefunden, er verdiente gutes Geld, wie er sagt, tingelte tagsüber durch Schulen und Kindergärten und spielte abends sein Programm für Erwachsene. Nebenher bildete er Märchenerzähler aus, die ihm nun Konkurrenz machen.
Aus seinem Bedauern darüber, dass diese Zeiten vorbei sind, macht Maximilian Ruethlein heute keinen Hehl. Zu resignieren entspräche aber nicht seinem Naturell. Als die städtischen Gelder knapper wurden, brach er nach Südamerika auf und fuhr zweimal acht Monate lang mit dem Bus von deutscher Schule zu deutscher Schule, um Grimms Wort nach Lateinamerika zu tragen. Natürlich war er vorher nicht angemeldet, natürlich wusste vorher niemand, dass da einer kommen würde, der den „Froschkönig“ erzählt, singt und tanzt. Das wäre gegen Ruethleins Überzeugung gewesen: Das kreative Handeln verträgt keine Planung. Handeln statt Grübeln ist des Märchenerzählers Credo, er fährt so ziellos durch die Welt, wie er seine Sätze bildet.
Seine größten Glücksmomente entstehen dann, wenn er sich nur von seinem Instinkt leiten lässt, und sich auf wundersame Weise alles fügt. Die Radtour, die Mitte August begann und dieser Tage endet, scheint ein solches Erlebnis zu werden: „Ich bin ohne Erwartungen los, habe meinen Job gemacht, und zwar offenbar so gut wie noch nie, wenn ich an all das Lob denke.“
Ruethlein rollt seinen Schlafsack aus, wo er eine Einladung bekommt, er fährt, wohin der Wind oder der Tipp der Kita-Leiterin vom Vortag ihn tragen, wenn es gut läuft, bleibt er ein paar Tage, wenn nicht, ist er am nächsten Morgen auf und davon. Wenn er erst in fünf Tagen auftreten könnte, wo er gerade ohnehin schon vorspricht, winkt er dankend ab. Zuviel Fixierung. Auch ein Handy hat er nicht dabei, obwohl es manches vereinfachen würde. Wer sich mit ihm treffen will, muss warten, bis Ruethlein von einer Telefonzelle aus anruft und dann zur abgemachten Stunde an einer Bushaltestelle in irgend einem märkischen Dorf auftauchen.
Ist das nicht anstrengend? Darüber denke er nicht nach, sagt der 66-Jährige. „Würde ich nachdenken, bräche ich nie auf. Ich bin jemand, der schnell alle Für und Wider erwägt. Vor allem die Wider, deshalb darf ich nicht ins Denken geraten.“ Ein paar Zugeständnisse hat ihm die Tour dennoch abgetrotzt: Das Schlafen unter freiem Himmel nimmt ihm der Rücken auf die Dauer krumm, und auch ein etwas weniger klappriges Fahrrad hält Ruethlein mittlerweile für ratsam. Falls sich da ein Sponsor fände, würde er nicht nein sagen.
Es ist eine unweigerliche Folge des Ruethleinschen Spontanitäts-Kultes, einzelne Brüche und Abbrüche als Teil des Weges zu begreifen. Sein Studium der Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften hat er nicht abgeschlossen. Mit 19 verdrückte er sich zunächst nach Indien, um per Anhalter den Subkontinent zu ergründen. Das Vorhaben, Erwachsenentheater zu machen, stellte er ein, als er merkte, dass der von ihm dramatisierte „Parzival“ des mittelalterlichen Dichters Wolfram von Eschenbach sich nicht wie ein Märchen inszenieren ließ. Auf der Tour musste der Plan, ein Tagebuch im Internet zu führen, dran glauben. Auch Pläne sind für Ruethlein so etwas wie Sätze: Man kann viel anfangen, muss aber nicht alles zu Ende führen, wenn Instinkt oder Fügung sich der Spontanität in den Weg werfen. Auf diese Weise entschlief Ruethleins Filmkarriere, die neben Auftritten in Otto- und Didi-Hallervorden-Filmen auch internationale Produktionen enthielt.
All diese angefangenen Lebensfäden hängen mittlerweile aufgereiht in der Abendluft, während Ruethlein Kindern vom Rotkäppchen, von der Schneekönigin und von der Scheherazade erzählt. Immer dort, wohin der Weg, der Wind oder ein Wink des Schicksals ihn gerade trugen.

Kontakt zu Maximilian Ruethlein über Horst Edler, Tel. 0172/ 32032 52.

Erschienen am 20.09.2008

Wider die Diktatur des Lächelns

Kino: Brad Breiens Erstling „Die Kraft der negativen Gedanken“ ist eine Feelbad-Komödie mit Hintersinn

Negatives gehört nicht in die Runde. Negatives gehört in den Kotzbeutel – einen kleinen, gehäkelten Sack, dem jeder Teilnehmer seine Frustrationen anvertraut. So kommt sie so leidlich voran, die Gruppentherapie unter Leitung der Kommunal-Psychologin Tori (Kjersti Holmen). Tori hat das Dogma der positiven Psychologie so tief inhaliert, dass sie selbst dann ein freundliches Lächeln aufsetzt, wenn sie andere beleidigt. Sie arbeitet lösungsorientiert mit ihren Patienten, das heißt: negative, destruktive Gefühle werden vermieden.
Ihr Klientenquartett fügt sich brav: Die stets lächelnde Marte, die seit einem Unfall beim Klettern im Rollstuhl sitzt und ihr egomanischer, aber von Schuldgefühlen zerfressener Mann Gard – er hatte das Seil nicht richtig gesichert. Dazu Asbjörn, der einen Schlaganfall hatte und nun nicht mehr richtig sprechen kann sowie Lillemor, Mitte sechzig, furchtbar allein, depressiv, von Ängsten zerfressen.
Mit der oberflächlichen Harmonie ist es aus, als das dauerlächelnde Quartett nebst Sozialdompteuse Tori bei Geirr (Fridjov Saheim) und Ingvild (Kirsti Eline Torhaug) vor der Tür steht. Geirr sitzt nach einem Autounfall im Rollstuhl und kultiviert seither die Kunst des negativen Denkens: Er raucht Joints, verkriecht sich in sein Zimmer, schaut Kriegsfilme, und weist seine Ehefrau Ingvild so weit wie möglich von sich, denn die Lähmung hat ihm auch die Potenz genommen: „Ich stehe nicht auf Frauen, die mit einem Krüppel schlafen würden.“ Die verzweifelte, aufopferungsvolle Ehegattin will vor der Scheidung einen letzten Versuch wagen: Daher die kommunale Positivitätsgruppe.
Doch es kommt anders als geplant. Statt Geirr mit der positiven Geisteshaltung aufzurichten, infiziert der Patient die Gruppe mit seinen negativen Gedanken, und in nur wenigen Stunden brechen unterdrückte Wut, Scham und Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit und Anklagen auf. Erstes Opfer ist Tori, die nicht nur ein blaues Auge davonträgt, sondern bei ihrem trotzigen Auszug aus dem Haus auch die Pläne für eine neues Buch über ihre „Think-positive!“-Philosophie begraben muss. Ihr ehemaliges Feelgood-Kommando ist da längst ein selbst- und fremdzerstörerischer Haufen geworden. Derart entfesselt, dreht die Runde nun erst richtig auf, keiner wird geschont, es folgen ein „Wem-geht-es-am-schlechtesten-Wettbewerb“ und diverse fehlschlagende Suizidversuche, die in ihrer Hilflosigkeit ständig zwischen lächerlich und anrührend changieren.
Der Norweger Brad Breien rechnet in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm grandios mit der so genannten political correctness ab und zeigt, dass man sehr wohl über Behinderte lachen kann, wenn denn Erkenntnis und Verständnis aus diesem Lachen erwachsen und sich der Nichtbehinderte im Behinderten wiedererkennt.
Das nur siebenköpfige Ensemble spielt hinreißend, arbeitet den Humor mit böser Lust heraus, ohne in Stereotypen zu verfallen und ist doch nah genug am Kern der Figuren, um die melancholische Seite dieses typisch nordischen Films herauszuarbeiten. Nach dem Besuch der schon jetzt preisgekrönten Komödie ist über positive Psychologie alles gesagt: Wie das Weglächeln Verarbeitung und Trauerarbeit verunmöglicht, wie es destruktive Gefühle einkapselt, deren Erleben zwar schmerzlich, aber reinigend ist, und wie lebendig sich solche Kräfte den Weg nach draußen bahnen. Wer dennoch wütend aus dem Kino geht und meint, so könne man an dieses Thema nicht herangehen, darf sich vermutlich gern des Kotzbeutels bedienen.

Erschienen am 18.09.2008

Medialer Massenauftrieb

Schein und Sein in Zossens Presselandschaft

Vom sich selbst gern wahnsinnig wichtig nehmenden Potsdam aus betrachtet wirkte der Einzugsbereich der Zossener Rundschau wie eine medial befriedete Zone: Die MAZ als einzige lokale Zeitung, keine Radiosender, keine Fernsehanstalt – als gewöhnlicher Volontär erwartet man da keinen besonderen medialen Auftrieb. Bekanntlich kommt es aber erstens anders und zweitens als man denkt, und von dieser vielleicht universellsten aller Weisheiten war auch Zossen nicht bereit, eine Ausnahme zu machen: Da flimmerte plötzlich Zossens Marktplatz über den Fernsehschirm, und ein stellvertretender Bürgermeister versuchte, dem nicht eben sympathisch auftretenden NDR-Filmteam eine nicht existierende Rechtslage klarzumachen: Er behauptete, im öffentlichen Raum dürfe ohne Genehmigung nicht gefilmt werden, und er sagte das mehrfach in die Kamera, zur wachsenden Amüsiertheit des Filmteams, während sich der irritierte Fernsehzuschauer fragte, ob die mediale Befriedung der Stadt so weit geht, dass man sich mit dem Presserecht im Bürgermeisteramt gar nicht auskennt? Mit „glücklos“ ist der Auftritt jedenfalls noch vorsichtig umschrieben. Und das ist pressetechnisch noch nicht alles, was einem Neuen hier begegnet: Auch die „Zossener Stimme“, die dem Amtsblatt beiliegt, kommt recht professionell daher. Gut, es scheint sich eher um ein journalistisch anmutendes Werbeblatt der Bürgermeisterin zu handeln, aber das muss in Wahlkampfzeiten ja kein Nachteil sein. Logisch, dass die anderen Fraktionen da stänkern und die „Stimme“ weghaben wollen. Aber ein Medium muss Widerstand aushalten können, hieß es im Studium immer – eine Lektion, die offenbar auch der NDR kennt: Statt nämlich – wie von der Bürgermeisterin angekündigt – die „manipulierte Darstellung“ öffentlich richtig zu stellen, brachte das TV-Team diese Woche eine zwar arg überzogene, aber muntere Nachklappe zu den Zossener Verhältnissen, in denen die Stadt nun wirklich schlecht wegkam: Hinterwäldlerisch und provinziell waren noch die geringsten Vorwürfe.
Macht also zwei Lektionen. Erstens: In Zossen ist medial die Hölle los. Und zweitens: Das versprechen vier spannende Monate zu werden.

Erschienen am 13.09.2008

Vom Bürohengst zum Superhelden

Timur Bekmambetovs „Wanted“

Er ist zu allem Übel auch noch geräuschempfindlich, der frustrierte Büroangestellte Wesley Gibson (James McAvoy). Wenn nachts die Züge direkt am Fenster seiner Absteige vorbeidonnern oder seine übergewichtige, schikanöse Chefin ihren zur Allzweckwaffe missbrauchten Tacker seinem Ohr nähert: Gibson zuckt ständig zusammen. Auch sonst führt er eine erbärmliche Existenz. Ängstlich schleicht er durch den Arbeitsalltag als verlachte Null im Großraumbüro. Dass sein vorgeblich bester Freund und Kollege währenddessen zuhause Gibsons Freundin beglückt, ist da nur das Sahnehäubchen der Demütigung.
Das ändert sich dramatisch, als beim nächsten Beruhigungsmittelkauf die geheimnisvolle Fox (Angelina Jolie) an der Kasse auf Gibson wartet und ihm in aller Kürze mitteilt, dass er der Sohn eines legendären Auftragsmörders sei. Prompt wird heftig geschossen, denn der Mörder des Vaters will nun auch dem Sohn ans Leder.
Es ist der Auftakt zu einer knapp zweistündigen Actionhatz, in der die Gesetze der Physik, die Logik des Drehbuchs und eine dichte Story nicht viel gelten: Dafür gibt es rasante Action auf der Straße, in Zügen und Schluchten. Dem Anschlag mit knapper Not entkommen, lernt Wesley, dass sein Vater Mitglied eines Geheimbundes war, der sich die „Waffen des Schicksals“ nennt. Aus einem mystischen Webstuhl erfährt diese Bruderschaft um den charismatischen Sloan (Morgen Freeman), wer als nächstes zu töten sei. Fragen werden nicht gestellt, das Urteil des Gewebes ist eine Schicksalsbotschaft. Hinnehmen muss das auch der Kinobesucher, denn Weiteres über den ominösen Webstuhl und die Hintergründe dieser ethisch höchst bedenklichen Clique lässt der Film im Dunkeln. Vor der Aufnahme in den Zirkel und der Rache am Mörder des Vaters muss sich Gibson ebenfalls zum Vollstrecker des Webstuhls ausbilden lassen, eine Tortur, die selbst im Kinosessel Schmerzen bereitet.
Im Grunde sind es längst bekannte Motive, die der in Kasachstan geborene Regisseur Timur Bekmambetov in seinem auf einer Comicvorlage basierenden ersten Hollywood-Film verarbeitet: Der ängstliche Normalo wird unter Druck zum Superhelden, vermeintliche Förderer entpuppen sich als korrumpierte Manipulateure und die Suche nach dem Vater enthält wesentlich mehr als nur einen Spritzer Ödipus.
Dass „Wanted“ dennoch 110 Minuten lang ganz gut unterhält, ist neben dem hohen Tempo, das kaum Zeit zum Nachdenken lässt, vor allem dem hervorragenden Schauspielerensemble zu verdanken: James McAvoy („Der letzte König von Schottland“) gelingt es gar, die vom Film kaum hinterfragte Wandlung vom Bürohänger zum Bruderschaftshelden überzeugend darzustellen, Morgan Freeman wirkt als charismatischer Bruderschaftsvorsteher fast schon unterfordert – und beeindruckt darum umso mehr. Das restliche Ensemble hat kaum Sprechakte und bleibt entsprechend unauffällig.
Lediglich Angelina Jolie beweist erneut, dass ihr die verführerische, arrogante Amazone immer noch am besten liegt: Ein spöttisches Zucken ihres Mundwinkels, und viele Schwächen des Films sind verziehen. Etwa das Ende, das nicht nur vorhersehbar, sondern in seiner gnadenlosen Überfrachtung mit Action und Gewalt nur noch ermüdend ist.

Erschienen am 04.09.2008


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