Das wiedererweckte Wort

In einem Dorf an der Müritz steht Deutschlands einzige Hörspielkirche. Konzipiert und umgebaut wurde sie von einem Potsdamer.

Gemessen an der Größe seines Kirchleins hat Pastor Leif Rother eine geradezu luxuriöse Audioanlage zur Verfügung. Auch ein Beamer-Anschluss und Internet-Verbindung sind für eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert nicht unbedingt der Ausstattungs-Standard. Das wundert um so mehr, wenn man bedenkt, dass es Federower geben soll, die vor fünf Jahren gar nicht mehr wussten, dass ihr 700-Seelen-Dorf am Eingang zum Müritz-Nationalpark überhaupt eine eigene Kirche hat.
Er erregte eben nicht viel Aufmerksamkeit, der fast schon schmucklose Backsteinbau, zwar zentral gelegen, doch ohne weithin sichtbaren Turm und hinter dichtem Fliedergestrüpp verborgen. Mehr als 20 Jahre lang verfiel die stillgelegte Kirche – auf durchaus malerische Art – hinter diesem Dickicht, die Gemeindemitglieder fuhren indes zum Gottesdienst in die Warener Marienkirche oder ins benachbarte Kargow.
Dann kam Jens Franke. Der Potsdamer Architekt besuchte einen ehemaligen Kommilitonen an der Müritz, und die Kirche lag auf dem Weg. „Wenn du eine Nutzungsidee hast, kannst du sie umbauen“, soll der Freund gesagt haben. Für einen wie Franke genügt das, um Feuer zu fangen. „Du kannst tausendmal Architekt sein, wirst aber nie eine Kirche bauen“, sagt er. Weil Kirchen eigene Architekten haben, und weil Kirchenbau in Zeiten schwindender Gemeindegrößen ein seltenes Geschäft geworden ist. Also musste eine Nutzungsidee her. Auf verschlungenen Assoziationspfaden – im Radio hatte Franke vom Hörspielplanetarium in Berlin gehört – kam ihm schließlich eine Hörspielkirche in den Sinn.
Das war 2003, und was folgte, war ausgiebiges Klinkenputzen. Die Kirchgemeinde konnte sich eine Hörspielkirche prinzipiell vorstellen, doch woher das Geld kommen sollte, blieb offen. Also schrieb Franke an den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), denn der hatte auch das sehr erfolgreiche Hörspielplanetarium aus der Taufe gehoben. Dort half man, ein Konzept zu erstellen, doch Geld hatte der RBB auch nicht übrig. Selbst der Mecklenburgische Landesbischof erteilte dem Plan seinen Segen, konnte aber kein Säckel öffnen. So war es schließlich die EU, die mit einer Förderung von 160 000 Euro den entscheidenden Impuls gab: Federow bekam wieder eine nutzbare Kirche, Hörspielfreunde eine neue Pilgerstätte und der Architekt Franke den Auftrag, sie umzubauen.
Wirtschaftlich betrachtet, war es für Jens Franke dennoch ein Verlustgeschäft, aber eines mit Ansage: Unzählige Arbeitsstunden sind inzwischen in die Organisation, die Bekanntmachung und die Betreuung der Hörspielkirche geflossen, während der Spielzeit von Mai bis September fährt Franke jede Woche einmal die 185 Kilometer von Potsdam nach Federow – und zurück. Weil die Kirche keinen Eintritt erhebt, weil immer jemand die CDs starten muss und auch sonst jede Menge Arbeit anfällt, ist das Projekt nach wie vor nicht selbsttragend: Freiwillige Spenden, viel ehrenamtliche Arbeit der Federower Gemeindemitglieder sowie Zuschüsse vom Kultusministerium und nicht zuletzt CD-Verkäufe sorgen aber für einen leidlich ausgeglichenen Haushalt. Zur öffentlichen Einweihung 2005, als die Potsdamer Schriftstellerin Helga Schütz in der Kirche las und der Putz von der Decke rieselte, war das Spendenaufkommen so groß wie später nie wieder. „Wenn wir mehr Geld einnehmen wollten, hätten wir nicht sanieren dürfen“, sagt Franke trocken.
Doch natürlich ist der Potsdamer stolz auf die Kirche, die nun wieder mit frischem Putz zwischen den uralten Feldsteinen und leuchtend gelbem Vorbau erstrahlt. Der Dachstuhl wurde komplett saniert – das marode alte Gebälk drückte bereits die Wände auseinander – und auf besonderen Wunsch der Kirchgemeinde gestaltete Frankes Schwester, die in Berlin als Künstlerin arbeitete, drei neue, farbige Fenster, die das alte Klarglas ersetzen. Einen „schönen, introvertierten Raum“ nennt Jens Franke das Ergebnis, denn ein direkter Blick nach draußen ist nun nicht mehr möglich. Das ist gewollt: Wenig soll den Hörenden vom Text und dem Klang der Stimmen ablenken. Die Voraussetzungen dafür sind gut, denn Kirchräume sind fürs gesprochene Wort gemacht. Franke war daher wenig überrascht, als die Akustik-Berechnungen ein hervorragendes Klangerlebnis voraussagten.
Das ist durchaus ein Argument, wenn der Potsdamer bei den großen Hörspielproduzenten – allen voran den öffentlich-rechtlichen Radiostationen – um günstige Aufführungsrechte ersucht. „Wenn wir hier mit einem Ghetto-Blaster aufliefen, würden viele gleich wieder auflegen“, sagt er. Das Programm umfasst neben Krimis – selbst Derrick gibt es als umfangreiche Hörspielserie – vor allem gut umgesetzte hochklassige Literatur: Hemimgway, Fontane, Tucholsky, vor allem Stücke mit regionalem Bezug wie „Der Stechlin“ oder „Rheinsberg“ laufen gut. Außerdem gibt’s hin und wieder klassische Musik zu hören, und einmal am Tag ein Programm für die Kinder, meist schöne DDR-Aufnahmen bekannter Märchen wie „Zwerg Nase“ oder „Das kalte Herz“. Viele gute Hörspiele rettet Franke auf diese Weise davor, in den Archiven zu verstauben.
Was die Raumnutzung angeht, so hat das Bauwerk durchaus die Gesetze diktiert: Anfängliche Ideen, die Zuschauerplätze im Kreis anzuordnen oder eine Liegelandschaft anzubieten, erwiesen sich schon im Konzeptstadium als unpraktikabel. „Über Jahrhunderte hat sich eine Sitzordnung in Kirchen etabliert, und das hat ganz offenkundig seinen Sinn“, musste der Architekt lernen. Die harten Sitzbänke verhindern allzu bequeme Haltungen und damit ein Entgleiten der Aufmerksamkeit, die Ausrichtung nach vorn hilft, sich nicht ablenken zu lassen – „nicht mal von der hübschen Frau neben sich“, sagt Franke.
7500 Gäste haben diese Erfahrung im Jahr 2007 gemacht, 6000 davon beließen es dabei, Deutschlands einzige Hörspielkirche zu besichtigen, 1500 hörten auch. Für Franke ist das ein „Super-Schnitt“, denn mehr als 30 Personen zugleich passen ohnehin nicht bequem ins Kirchlein, und dass an manchen Tagen eine der drei Aufführungen leer bleibt, ist bei kostenlosen Vorführungen verschmerzbar. Wichtiger ist ihm, dass die Hörspielkirche bekannter wird. „Der Charme des Neuen ist längst weg“, sagt er, „und dass trotzdem jedes Jahr mehr Leute kommen, zeigt, dass wir es richtig gemacht haben.“ Wiederholbar ist das allerdings nicht ohne Weiteres: Sein Nachfolgeprojekt, einen Hörspielbahnhof in Joachimsthal (Märkisch Oderland) hat Franke mittlerweile für gescheitert erklärt. Er nennt das die „Evolution des Erfolgs“ und freut sich um so mehr, zumindest in Federow „einen vergessenen und verlorenen Ort aus dem Dunkeln ans Licht geholt“ zu haben – mit Kirche, Kunst und Kultur als Paten.

Info-Box: Hörspiele, Kinderprogramm und Klassik
Federow liegt direkt an den Toren des Müritz-Nationalparks. Rund 700000 Touristen kommen jedes Jahr durch das beschauliche 700-Seelen-Dorf.
Die Hörspiel-Saison der Kirche begann in diesem Jahr am 11. Juli und endet am 14. September.
Täglich ab 11 Uhr stehen die Kirchentüren offen, um 15 Uhr steht ein Kinderhörspiel auf dem Programm, ab 16.30 Uhr tönt klassische Musik aus der Anlage, ab 18.30 läuft ein Hörspiel für Erwachsene.
Jeden Mittwoch bieten die Veranstalter zusätzlich eine „blaue Stunde“ an: Ein gruseliges Krimi-Hörspiel, das um 20 Uhr beginnt.
Auch Lesungen stehen auf dem Programm: Am 5. September wird der in Potsdam lebende Fernsehjournalist Dirk Sager von „Russlands hohem Norden“ berichten.
Im Kinderprogramm laufen etwa „Der kleine Muck“, „Zwerg Nase“, „Das kalte Herz“, „Die Bremer Stadtmusikanten“ oder „Pinocchio“.
Im Musikprogramm erklingen Operngalas, Mozarts Requiem und der Thomanerchor.
Im Hauptprogramm sind unter anderem Fälle von Sherlock Holmes und Prof. van Dusen ebenso zu hören wie Werke von Edgar Allen Poe, Heinrich Heine, Edgar Wallace, Homer, Hemingway und Schiller.
Das volle Programm sowie weitere Informationen – auch zur Anreise – stehen im Internet unter der Adresse www.hoerspielkirche.de

Erschienen am 23.08.2008

Reichlich, kräftig, frisch

Letscho statt Limoncello-Jus, Bauernfrühstück statt Basilikum-Schaum: im Krug Gollin isst man bodenständig.

Um festzustellen, wie die Verkehrssituation auf der 15 Kilometer entfernten Autobahn A11 ist, genügt Corinna Kühnke ein Blick in den Gastraum. Ist er spärlich besetzt, fließt der Verkehr. Gibt es Stau, platzt der „Krug Gollin“ hingegen aus allen Nähten. „Wir kriechen dann auf dem Zahnfleisch“, sagt die Wirtin. Die A11 ist Segen und Fluch zugleich für den „Krug“. Einerseits schwemmt sie mögliche Gäste in die Uckermark und – wenn es mal wieder staut – auch in den „Krug“, andererseits lenkt sie die Verkehrsströme von Berlin Richtung Ostsee 15 entscheidende Kilometer östlich an Gollin vorbei. Das war nicht immer so: Als noch die B109 durch den Ort führte, füllte sie das Haus zuverlässig, besonders im Sommer.
Jene verkehrsgünstige Lage war auch der Grund, warum Corinna Kühnke sich vor neun Jahren entschloss, den „Krug“ im ansonsten verschlafenen Gollin zu übernehmen. Dass die Autobahn ihr soviele Gäste stiehlt, habe sie nicht kommen sehen, sagt sie. Kühnke ist im „Krug“ einige Jahre aufgewachsen. Ihre Eltern betrieben die Gaststätte von 1970 bis 1975, und die Tochter trat mit einer Kellnerlehre in deren Fußstapfen. Dann verbrachte sie 20 Jahre in einem anderen Beruf, doch der „Krug“ rief sie zurück. Als er 1999 zum Verkauf stand, zögerte die Mittvierzigerin nicht lange. Während des Komplettumbaus verkaufte sie ein Jahr lang Speisen aus dem Fenster heraus.
Die Version, dass der „Krug“ sie zurückgerufen habe, würde Kühnke als romantisierenden Unfug abtun. Sie pflegt einen eher spröden, direkten, bodenständig-uckermärkischen Charme. „Er stand halt zum Verkauf, ick hab mich an früher erinnert, meinen Mann gefragt und dann haben wir es halt gemacht“, sagt sie. Thema erledigt.
Es muss dennoch Herzblut darin stecken, denn die Arbeit ist nicht unerheblich: Corinna Kühnke plant, organisiert, kocht, bedient, füllt Getränke ein, macht Abrechnungen, liefert Bestellungen aus, putzt und räumt auf – unterstützt nur vom Mann, von der Schwiegermutter und, wenn es völlig überfüllt ist, von ein paar Aushilfskräften. Am Wochenende müssen die beiden Kinder mit anpacken, wenn sie sich denn blicken lassen.
Auch heute lebt der „Krug“ noch von den Reisenden – er zog schon um 1850 als Postkutscherstation zwischen Berlin und Prenzlau hungrige, durstige oder müde Reiter und Kutscher an. Heute sind es vor allem Ur-Berliner und Potsdamer, die lieber die schöne Landstraße unter uckermärkischen Bäumen fahren, statt die hektische, anonyme Autobahn. Aus Tradition und wegen der bodenständigen Küche kehren sie gern im „Krug“ ein. Die Karte ist übersichtlich, aber traditionell und regional gehalten: Das Wildangebot richtet sich täglich danach, was dem Jäger am Vorabend vor die Flinte lief, die Pilzauswahl nach der Saison und dem Finderglück der lokalen Anbieter, der Spargel kommt ausschließlich aus Beelitz und die Forellen und Zander aus den Seen der Schorfheide. Darüber hinaus gibt’s, was es immer gibt in ländlichen Lokalen: 1,2 Kilo Rieseneisbein, Sülze, Schnitzel mit Letscho, Rinderrouladen, Rinderleber, Bauernfrühstück, ungarisches Gulasch. Immer reichliche Portionen, immer kräftig gewürzt, immer frisch, zu höchst zivilen Preisen. 13Euro für das Rieseneisbein markieren die Obergrenze der Karte, die auch im Bereich Wein übersichtlich bleibt: zwei Rot- und zwei Weißweine, je einer süß und einer trocken – Punkt.
Corinna Kühnke weiß um den Charme dieses Angebots und erzählt stolz, dass häufiger Gäste aus den „feinen Hotels“ in ihren nicht eben lichten, mit dunklem Holz ausgekleideten Gastraum kommen, um mal ein handfestes Bauernfrühstück oder eine rustikale Roulande zu essen – „den feinen Kram bekommt ja niemand auf Dauer runter“, sagt sie. Viele genießen auch die entspannt-ländliche Atmosphäre. Für die Kinder hält der „Krug“ einen Miniatur-Streichelzoo vor: Hängebauchschweine, Meerschweinchen, Kaninchen, einen Fischteich. So können die Eltern in Ruhe essen, während der Nachwuchs über den riesigen Hof tobt. „Die Kinder“, sagt die Wirtin, „geben doch lieber einem Karnickel einen Nasenstüber, statt sich aus der Entfernung eine Giraffe anzuschauen.“ Das ist die Logik, die das Konzept des „Krugs“ ausmacht: Die meisten essen schließlich auch lieber im urigen Lokal an der Landstraße ein Schnitzel, statt im Stau auf der Autobahn Tankstellenessen aus der Mikrowelle zu verdrücken.

Info: Krug Gollin, Golliner Dorfstraße 36, 17268 Templin, Tel. (039882) 4 91 60

Am Markt vorbei

Jan Bosschaart über dringend nötige Innovationen im Obst- und Gemüsehandel

Die Probleme der Menschheit lassen sich nicht in einer einzigen, großen Geste lösen. Es gilt, klein anzufangen, sich mit Trippelschritten zu begnügen und zu hoffen, dass es sich am Ende zu einer besseren Welt fügt. Das hat endlich auch der Einzelhandel verstanden: Eine britische Supermarktkette bietet seit kurzem eine Orangen-Art an, die leichter zu schälen ist. In rund 35 Sekunden sei die Spezialzüchtung ihrer Hüllen entrissen, teilt das Unternehmen mit und hofft, der seit Jahren rückläufige Absatz bei Zitrusfrüchten erhole sich nun. Offenbar ist der Brite schälfaul geworden. Die Idee kann nur ein erster Schritt sein – hier tun sich weite, noch unbeackerte Felder auf. Wann kommt endlich der erste Maiskolben, der, wenn man eine Reihe abgenagt hat, mit sanftem „Pling!“, der Schreibmaschine gleich, sich von selbst zum Anfang der nächsten Reihe schiebt? Wann jene mit Fliegengenom gekreuzte Wassermelone, deren Kerne sich beim Aufschneiden selbst entfernen? Dass es immer erst in der Auslage gammeln muss, bevor auch der Handel begreift, dass Mutter Natur völlig am Markt vorbeiproduziert.

Erschienen am 22.08.2008

Zu früh gefreut

Jan Bosschaart über die Tücken der Liebe unter radbewehrten Schildkröten

Glück, schrieb ein sehr kluger, aber auch sehr abgeklärter Mann, sei auch nichts weiter als die Erleichterung, wenn ein lange währendes Unglück plötzlich vorüber ist. So müssen wir uns Jerusalems prominenteste Schildkrötendame als glückliches Reptil vorstellen: Jahrelang war die einst fröhliche Echse völlig am Boden, weil ein böses Geschick ihr die Hinterbeine lähmte. Doch im Zoo, wohin sie kürzlich gebracht wurde, montierte man ihr einen Wagen unters Gesäß. Seither flitzt die Dame quietschend, aber putzmunter übers Gelände. Nun hat sich die behände Kröte gar stante pede ins Herz eines Schildkrötenmanns gerollt. Der Herr sei sehr beeindruckt, heißt es, und laufe ihr – obgleich radlos – unermüdlich hinterher. Jerusalems Behindertenverband feiert das als Beleg, dass selbst im Tierreich Behinderung kein Verhängnis für die Liebe sein muss. Langsam, Freunde! Abgeklärt betrachtet käme auch eine Mischung aus männlichem Vehikelneid und technischer Neugier als Motivation in Frage. Hoffen wir, dass sich die Dame, sobald sie’s entdeckt, keinen Charakterpanzer zulegt.

Erschienen am 20.08.2008

Provokanter Brückenbauer

Gedenken: Bob Bahra erinnert an die Toten der Hinterlandmauer/Vor der Ostalgie hat er längst kapituliert

Mauertote sind für Bob Bahra nicht nur die an der Grenze Erschossenen – auch still Gestorbene zählt er zu den Opfern

POTSDAM Die Idee, Ostalgie-Kurse für all jene anzubieten, die der DDR keine Träne nachweinen, gefällt ihm. Da könnten die Teilnehmer ostalgisches Argumentieren lernen: „Wenn sie etwa die Titelseiten der DDR-Zeitungen vom Tag des Mauerbaus in den Händen halten und beim Lesen erschüttert denken: ,Um Gottes Willen, was für Lügen, was für eine Sprache, was für ein Betrug!’, kann der ostalgisch Geschulte antworten: ,Ja, aber schau, die Zeitung kostete nur 15 Pfennig!’“
Bob Bahra provoziert gern, vor allem, wenn er resigniert ist. Die Resignation liegt hier auch räumlich nahe: Bahra steht am Potsdamer Ufer des Griebnitzsees, wo das von ihm gegründete „Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte im Land Brandenburg“ im November ein Holzkreuz am letzten verbliebenen Mauerabschnitt aufstellte und mit einer kleinen Tafel an die Toten erinnert. Der Grafiker Bahra, der in der DDR wegen Regimekritik zweimal im Gefängnis saß, informiert die Presse über eine weitere Veranstaltung: Von 17 bis 20Uhr werden an diesem 13. August Schauspieler, Pfarrer und Autoren Texte verlesen – Grußworte, Erinnerungen, Tagebucheinträge, Protokolle – um an die 17 Menschen zu erinnern, die auf diesem Abschnitt der Hinterlandmauer zwischen Wannsee und Sacrow gestorben sind.
Bahra, 66, mit Rauschebart und immer in Bewegung, geht keinem Streit aus dem Weg, doch er streitet auf eine eigene, versöhnliche Art. Während er am Mauerrest darüber spricht, dass man ehemaligen Stasi-IM die Hand geben müsse – „Wer, wenn nicht wir?“ – mischt sich eine Radlerin ein, die das Gespräch mit anhörte. Unter den IM seien so schlimme Menschen gewesen, dass sie diese Haltung nicht verstehen könne, sagt sie. Doch Bahra lässt sich nicht beirren. „Das ist doch Quatsch“, entgegnet er sanft. Überzeugen kann er die Frau nicht, aber zum Gedenken an die Mauertoten verspricht sie zu kommen.
Mauertote sind für den Michendorfer nicht nur die an der Grenze Erschossenen. Er rechnet auch jene Toten hinzu, die sich wegen des Eingesperrtseins in der DDR das Leben nahmen, dazu Menschen, die in Folge der Grenzkontrollen an einem Herzinfarkt starben, ja sogar den 14-Jährigen, der 1990 beim Pickern an den Mauerresten von einem Segment erschlagen wurde.
Die scheinbar einfachen Wahrheiten über den Umgang mit der DDR sind Bahra suspekt. Für die Aufregung etwa, wenn wieder eine Studie herausfindet, dass ostdeutsche Schüler ein verklärtes Bild von der DDR haben, hat er Verständnis. „Man kann doch nicht sagen, die Leute würden heute verdrängen“, sagt er, „sie haben damals verdrängt!“ Die DDR sei eine einzige Verdrängung gewesen. „Wir haben alle nicht hingeguckt und die Schnauze gehalten. Selbst im Mai 1989 haben noch 95 Prozent freiwillig Honecker gewählt – dabei wäre niemand bestraft worden, der nicht zur Wahl ging.“
Vor der Ostalgie hat er längst kapituliert. Nur manchmal macht er sich noch den Spaß und sprengt ostalgische Runden, in dem er so lange mittut und übertreibt, bis den Ostalgikern ihre Verklärung offensichtlich wird – oder werden müsste. Opfer sind für Bahra aber beide Bevölkerungsgruppen: diejenigen, die noch immer im Schatten der Mauer leben, die Linkspartei als Mauerpartei bezeichnen und keinen Ex-SED-Mann je grüßen würden ebenso wie jene Ostalgiker, deren DDR sich offenbar in Trabi, Club-Cola und kostenloser Kitabetreuung erschöpfte. Der Schatten der Mauer, sagt er, liegt noch immer über dem Land.
Deshalb, und um der Toten zu gedenken, kämpft Bahra um das Mahnmal am Griebnitzsee-Ufer, auch wenn es wohl nie unter Denkmalschutz gestellt werden wird und die Stadt Potsdam es am liebsten weg hätte, wie er sagt. Eine Bank direkt gegenüber fehlt seit einigen Tagen. Bahra hat das Grünflächenamt im Verdacht. Nur die aufgeworfene Erde kündet davon, dass dort ein städtisch gepflegter Platz zum Verweilen war. Dass Ministerpräsident Matthias Platzeck in seinem Grußwort den Erhalt des Mauersegments fordert, ist da willkommene Schützenhilfe, denn das Denkmal, das streng genommen sogar illegal dort steht, sei ein „notwendiger Pfahl im Fleisch“, der beweise, dass jedes Idyll bedroht ist. Dass viele Touristen und Spaziergänger anhalten, begeistert Bahra. Motiviert, es zu pflegen, wurde Bahra durch einen Schreck: Den Schreck, festzustellen, dass 15 der 17 Toten an diesem Mauerabschnitt aus seiner Generation waren.
Was die entidealisierende Wirkung der improvisierten Gedenkstätte angeht, macht sich Bahra dennoch wenig Hoffnungen: „Wenn ich jungen Leuten erzähle, was hier war, und ihr Opa erzählt, er hatte ein schönes Leben in der DDR, kann ich nicht sagen, das hatte er nicht. Das dürfen wir nicht, aber wir dürfen Ostalgie vermiesen durch Stätten wie diese. Den Rest muss man aussitzen.“
In solchen Momenten ist die Provokation nicht weit, und sie kommt zuverlässig, wenn er nachschiebt, dass „in der normalen brandenburgischen Familie 1932 das letzte Mal frei gedacht wurde“ – sei es nun durch Hirnwäsche, Resignation, freiwilligen Verzicht oder Abgeschnittensein von Information. In diesem Augenblick ist Bahra von dem Brückenbauer, der er gern wäre und oft ist, meilenweit entfernt. Es geht auch versöhnlicher: Dass er heute mit der Regierung telefonieren und mit ihr in vielen Punkten einig sein kann, ist für ihn immer noch ein „unglaubliches Gefühl“. Auch 20 Jahre nach dem Fall jener Mauer, an die sein Verein heute erinnert.

Info-Box: Mauer-Opfer
Von 1303 Toten an der Mauer geht das private Berliner Mauermuseum nach neuesten Schätzungen aus.
Das sind 58 Tote mehr als noch vor einem Jahr geschätzt.
Die Zahl fällt höher aus, weil aus der Zeit vor dem Mauerbau mehr Opfer an der innerdeutschen Grenze ermittelt wurden, sagt Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt.
Allein für die Berliner Mauer geht das Museum nun von 289 Opfern aus, von denen 67 vor dem Mauerbau am 13. August 1961 starben.
Alle Angaben sind allerdings noch Schätzungen.
Über die Gesamtzahl wird seit Jahren gestritten, weil es zu keiner Einigung kommt, welche Erfassungs- und Bewertungskriterien gelten.
Das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung etwa ermittelt für die Berliner Mauer lediglich 136 Tote.

Erschienen am 13.08.2008

Fein-bürgerlich im Grafenschloss

Mitten in der Uckermark, zwischen Seen und Wäldern, fühlten sich schon die Arnims Jahrhunderte lang wohl. Ihr einstiger Stammsitz, das Schloss Boitzenburg, steht heute jedermann offen.

Auf dem Portikus sitzt es sich gräflich. Das säulengetragene Dach schützt vor der Mittagssonne, der Blick schweift über den Park zum Schlossweiher, die Kellnerinnen eilen mit voll beladenen Tabletts treppauf, treppab zur weitere 80 Plätze umfassenden Terrasse. Helge Leopold klappt die riesige, ledergebundene Karte zu, lehnt sich in seinem Korbsessel zurück und sagt, beim „saftigen Wildspieß auf Rotwein-Orangensoße mit Bechamélkartoffeln und überbackenem Fenchel“ müsste er nicht mehr weiterlesen – da hätte er sein Wunschgericht gefunden.

Leopold muss es wissen. Gemeinsam mit der Küchenchefin und der Restaurantleiterin kostet der Gastronomie-Chef des Schlosses Boitzenburg – seine genaue Berufsbezeichnung lautet „Food-and-Beverages-Manager“ – jedes Gericht, bevor es auf der Karte erscheint. Das ist eine härtere Arbeit, als es scheint, sagt er lächelnd, denn mit Rücksicht auf die Figur müsse es beim Probieren bleiben. Schloss Boitzenburg ist die zentrale Attraktion des gleichnamigen kleinen Städtchens im Herzen der Uckermark. Die Arnims haben dort – mit kurzen Unterbrechungen – seit dem Mittelalter gewohnt, und da nahezu jeder Schlossherr so seine Aus- und Umbauten an dem Gebäude tätigte, ist ein abenteuerlicher, aber romantischer Mix sämtlicher Baustile der letzten 500 Jahre daraus entstanden. Nach umfangreicher Restaurierung dient das Schloss heute als Hotel, der einst gräfliche Marstall ist zur Schlossbäckerei, Schokoladenmanufaktur und Kaffeerösterei umfunktioniert worden.

Seit 2003 ist das Restaurant in Betrieb, dass sich „fein-bürgerliche Küche mit großbürgerlichen Portionen zu bürgerlichen Preisen“ auf die Karte geschrieben hat. Der Grundgedanke hinter allem lautet Regionalisierung. Es gibt landestypische Gerichte mit Zutaten aus uckermärkischen Wäldern und Seen zu Preisen, die auch in einer strukturschwachen Region bezahlbar sind: Fischsuppe mit Frischkäsepfannkuchen kostet 4,50 Euro, Matjes an jungen Kartoffeln 9,50 Euro und Kräuterschnitzel an Sommerspargel 12,90 Euro. Küchenchefin Regina Rosin hat aber auch Ambitionierteres in petto: Gebratenes Rumpsteak auf Holler-Sternanissoße an Rotweincharlotten und Steckrübenpürree, Kaninchenkeule in Lavendel-Senfsoße oder Scholle auf Cassis-Sahnecremé bekommt der Gast eben nicht an jeder Ecke, auch wenn die zubereiteten Speisen manchmal nicht ganz so inspiriert schmecken, wie sie sich lesen. Das Rumpsteak etwa, immerhin Höhepunkt und teuerstes Gericht der Karte, erweist sich eher als gut durch- denn als medium gebraten, und die Holler-Sternanissoße lässt Ausgewogenheit vermissen, die auch die draufgekleckste Holundermarmelade nicht ausgleichen kann.

Kaffeerösterei und Schokoladenmanufaktur im Marstall sind nicht nur eine zusätzliche Touristenattraktion – den fleißigen Damen kann dank großzügiger Glasscheiben beim Confiserie-Handwerk und der Kaffeeröstung zugesehen werden. Von ihnen profitiert auch das Restaurant: Der Pralinen-Eisteller zum Nachtisch mit handgeschöpften Pralinen im Karamellkörbchen hat dem Schlossrestaurant bereits einigen Ruhm eingebracht, und die selbstgerösteten Kaffeesorten zeichnen sich durch kaum noch wahrzunehmende Restsäure aus. Raritäten wie wilder äthiopischer Waldkaffee sorgen dafür, dass auch experimentierfreudige Kaffeefreunde sich nicht langweilen, die Schlossmischung aus mildem Hochlandkaffee aus Guatemala und Brasil Santos ist höchst magenfreundlich und wer gern fülligen Geschmack in der Tasse hat, greift zum Costa Rica Tarrazu.

Um soviel gutes Essen zu verdauen, empfiehlt sich im Anschluss ein Spaziergang durch den Schlosspark oder der kurze Aufstieg zum Pavillon auf dem Hügel gegenüber, von dem aus sich ein imposanter Blick auf das Schloss eröffnet. Kinder können derweil den Streichelzoo besuchen oder über die weitläufige Anlage toben.

Info: Schlosshotel Boitzenburg, Templiner Straße 13, Tel. 039889/ 50930 , www.schloss-boitzenburg.de

Erschienen am 09.08.2008

Sie wäre besser begraben geblieben

Film: „Die Mumie – Das Grabmal des Drachenkaisers“

POTSDAM Sie erwecken mal wieder eine Mumie, und natürlich wieder aus Versehen. Eigentlich hatten sich Rick O’Connell (Brendan Fraser) und seine Frau Evelyn (Maria Bello) längst aus dem Grabräuber-Geschäft ins Rentnerdasein zurückgezogen: Er versucht sich – gewohnt tölpelhaft – im Angeln, sie liest vor hingerissenen Frauenkreisen aus „Mumie“ 1 und 2 vor. Soviel Ruheständlerromantik ist dann doch zuviel des Guten, begeistert nehmen die O’Connells den Auftrag an, ein Artefakt nach China zu überführen, und die Dinge ihren üblichen Lauf – Mumienerweckung, actionreiche Hatz um den Globus, Weltrettung.
Es sind die selben Zutaten wie schon in den ersten beiden Teilen, die selben Figuren, die selben Darsteller – lediglich Rachel Weisz wollte die Evelyn kein drittes Mal spielen – und es ist das selbe Rezept wie schon in den Filmen von 1999 und 2001. Nur dass es diesmal eine chinesische Mumie ist, die des Drachenkaisers Qin, der vor 2000 Jahren die chinesische Mauer errichten ließ und sich mit seiner 10 000 Mann starken Terrakotta-Armee begraben ließ.
Dass das Gericht diesmal dennoch partout nicht schmecken will, liegt daran, dass nicht alles ehemals Lebendige wiederholt ausgegraben werden sollte. Diese Lektion lernen die Protagonisten der „Mumie“ jedes Mal aufs neue, und sie gilt auch für Filme. Können die O’Connells für ihr Tun zumindest Unabsichtlichkeit geltend machen, standen den Produzenten der „Mumie“ offenbar die Dollarzeichen in den Augen: Die ersten beiden Teile spielten 850 Millionen ein.
Also taten sie, was sie immer tun, wenn eine etablierte Marke bis aufs Letzte gemolken werden soll: Sie drehten alles noch ein Stückchen weiter. Brendan Fraser gibt sich noch tolpatschiger und grimassiert auf Jim-Carey-Niveau; sein listiger Bruder Jonathan (John Hannah) mimt den weinerlichen, hysterischen Meckerer noch penetranter, aber dafür ohne Charme, und Jet Li strebt als wütend wiedererweckter Drachenkaiser nach nichts weniger als ewigem Leben und unbegrenzter Macht. Das gab es irgendwie alles schon, nur besser. Man sehnt sich unversehens nach der beklemmden Düsternis des untoten Pharos Imhotep in den ersten beiden Teilen, gespielt von Arnold Vosloo.
Es ist der Fluch der Fortsetzung: Noch mehr Slapstick, brennende Hintern, explodierende Straßenbahnen, Pferde ohne Kopf. Es gibt wieder einen verrückten Piloten, einen völlig aufgesetzten Familienkonflikt und ein überzuckertes Ende. Im Bestreben, nur ja keine Langeweile aufkommen zu lassen, wurde immer noch einer draufgesetzt, noch mehr in den Film gequetscht. Nebensächlichkeiten wie eine schlüssige Story oder gar Atmosphäre bleiben da unter einem Haufen von nicht zündenden Effekte und vorhersehbaren, lahmen Gags begraben.
Technisch lässt sich der „Mumie“ nichts vorwerfen: Atemberaubende Landschaften, die neuesten digitalen Effekte, schnelle Schnitte, die packende Musik sind auf der Höhe der Zeit – lediglich der Yeti, der auch nicht fehlen durfte, ist etwas sehr künstlich geraten. Nur: Effekte allein tragen keinen Film.
Man wünscht den O’Connells am Ende doch sehr, dass sie es mit ihrem Ruhestand diesmal ernst meinen und ihr Sohn Alex (Luke Ford) nicht in die elterlichen Fußstapfen tritt, damit dem Kinogänger eine weitere seelenlose Fortsetzung dieser Art erspart bleibt. Oscar-Preisträgerin Rachel Weisz hatte offenbar den richtigen Riecher, als sie das lukrative Angebot ausschlug.

Erschienen am 09.08.2008

Typische Reizthemen

Jan Bosschaart über die absolute Notwendigkeit psychologischer Einsichten
Diesen Psychologen bleibt aber auch nichts verborgen, nicht die kleinste Regung der unergründlichen menschlichen Seele. Und sie scheuen sich nicht, der Welt davon zu künden. Wie jener Kenner der Seele, der gestern nach Jahren aufreibender Forschung herausgefunden hat, warum so viele Menschen am 08.08.08 heiraten: „Weil es eine tolle Möglichkeit ist, dem Fest eine zusätzliche Bedeutung zu geben“, hat er das Fachblatt „emotion“ wissen lassen. Hut ab! Vor soviel Einsicht hätte auch Freud respektoll das Knie gebeugt. Eine andere Psychologin erhob mit großem empirischem Aufwand die nervigsten Frauensprüche und kam – völlig überraschend – zur der Erkenntnis, dass „Bin ich zu dick?“ und „Was denkst Du gerade?“ auf den vorderen Plätzen landen. Selbst vor einer grundschürfenden Interpretation scheute sie nicht zurück: „Das sind typische Reizthemen“, hat die gute Frau bemerkt, und auch, dass die Frage, was sie gerade denken, die meisten Männer überfordere. Zumindest das ist ein Vorwurf, den man solchen „Erkenntnissen“ nicht machen kann.

Erschienen am 06.08.2008

Magier an der Maus

Olaf Skrzipczyk lässt für die Leinwand Tiere sprechen, Gebäude altern undMenschen jünger werden.Was Filmeffekte angeht, hält er Deutschland dennoch für ein Entwicklungsland.

Schnee. Schöner, weißer, großflockiger Schnee ist derzeit der Renner aus Olaf Skrzipczyks Angebot. Das hat so seine Gründe: Realer Schnee kommt und geht, wann er will, aber immer zum falschen Zeitpunkt – alte Filmregel. Kunstschnee kommt und geht, wann der Regisseur will, doch er ist teuer und er fällt, wie er eben fällt. Nur Olaf Skrzipczyks Schnee tut, was immer Olaf Skrzipczyk will – und was dem Regisseur vorschwebt. Sobald die Regisseure gemerkt haben, was möglich ist, sagt Skrzipczyk, fangen sie an, den Schnee zu choreografieren, ihn der gewünschten Wirkung der Szene anzupassen. Einer habe mal gesagt, „Olaf, der Schnee ist mir zu lyrisch. Ich brauche prosaischeren Schnee“. Für Skrzipczyk ist das kein Problem. Es kostet ihn ein paar Stunden Arbeit, einige Mausklicks und etwas Rechenpower. Danach fällt der Schnee eben prosaisch. Oder theatralisch. Vielleicht sogar sehnsüchtig. Regisseure sind, was das angeht, kreativ.

Das muss Olaf Skrzipczyk, Geschäftsführer der Firma Exozet Effekte im Filmpark Babelsberg, auch sein. Das Geschäft mit den visuellen – heute heißt das vor allem: digitalen – Effekten ist keine Fließbandarbeit und darf auch keine werden. Selbst wenn drei Regisseure für verschiedene Filme digitalen Schnee wünschen, legen Skrzipczyks Leute am Computer nicht einfach ein paar Flocken über die fertige Szene. Im Gegenteil: Wenn es gut läuft, sagt der geborene Dessauer, werde seine Firma schon beim Drehbuchschreiben hinzugezogen, um von Anfang an erklären zu können, was möglich ist und wie es eingebunden werden kann: „Wer uns für Postproduktion hält, die nur hier und da ausbessert, nutzt uns nur unzureichend.“ Nicht zuletzt deshalb besteht Skrzipczyk auch darauf, den ganzen Film zu sehen, selbst wenn sein Team nur an einer Szene tätig wird. Ohne den Kontext zu kennen, sagt er, kann kein Effektspezialist gut arbeiten.

Mit Bernd Böhlich gibt es diese gute Zusammenarbeit. Der zweifache Grimmepreisträger war zunächst ebenso skeptisch wie viele seiner Regisseurskollegen; er hielt die Arbeiten aus dem FX-Center im Filmpark für Effekthascherei. Skrzipczyk aber konnte ihn überzeugen – nicht nur, aber auch mit Kostenargumenten. In Böhlichs neuestem Film „Der Mond und andere Liebhaber“ ließen die Exozet-Leute nun eine nagelneue Brücke digital altern und zerstörten die Straße davor mit einigen Mausklicks – Effekte, die in der realen Welt entweder unmöglich oder kaum bezahlbar wären. Ganz zu schweigen von der Sprengung einer Fabrik im Vorspann. Statt Steine fallen dort nur Pixel einer computergenerierten Detonation zum Opfer und verschwinden in virtuellem Staub. Besonders stolz ist Olaf Skrzipczyk auf die Szenen mit Mond und Sternen. Gerade Sterne sind im Film nicht darstellbar: Zu klein, nicht hell genug. Sie verschwinden, wenn das Filmlicht die Szene ausleuchtet, aus dem Blick der Kamera. Mit der Maus streuten die Exozet-Leute sie wieder ein. Dazu klebten sie nicht einfach ein paar Punkte an den Horizont, sie ließen sie flimmern, funkeln und synchronisierten sie mit den Kamerabewegungen.

Im Grunde ist Skrzipczyk ein Magier: Er lässt die Mongolen Europa überrollen und braucht dazu nur fünf Reiter. Die stürmen hunderte Male durchs Bild, und nach einigen Wochen Arbeit am Computer sind es unüberschaubare Horden, die den Kontinent niederwalzen. Er durchlöchert per Mausklick Menschen mit Gewehrkugeln, die danach putzmunter aufstehen und weder blaue Flecken vom Gummigeschoss noch rote Flecken vom zerplatzten Farbbeutel haben. Er lässt Tiere sprechen, Bauwerke altern und nichtexistierende Hubschrauber fliegen. Er knipst virtuos unerwünschte Lichter in gefilmten Gebäuden aus, ohne den Schalter zu kennen, räumt störende Bauwerke und andere Hindernisse aus dem Filmbild, flutet die Gustloff mit Meerwasser und sorgt dafür, dass Filmtote nicht blinzeln, atmen oder zucken. Es ist die hohe Kunst der schmerz- und trümmerfreien Zerstörung.

Wenn dann der Abspann flimmert und der Zuschauer sich fragt, warum dort digitale Effekte aufgeführt werden – er hat doch gar keine gesehen – hat Skrzipczyk sein Ziel erreicht. Gute Effekte sind Effekte, die nicht als solche wahrgenommen werden. Und sie sind mittlerweile überall, nicht nur in den Effektschlachten wie der „Matrix“ oder dem „Herrn der Ringe“, sondern auch in kleinen, leisen Autorenfilmen mit schmalen Budgets. Entsprechend breit ist das Auftragsspektrum bei Exozet. Die Firma hat in den zehn Jahren ihres Bestehens über 80 Filme bearbeitet – vom Sandmännchen bis zum Erotikthriller. Rund zwei Drittel der Aufträge sind für Fernsehfilme und -serien, das andere Drittel kommt vom Film – oft auch vom Studio gegenüber. Babelsberg hat so seine Synergien. Von den großen internationalen Produktionen dort, speziell jenen aus Hollywood, kann Exozet nicht profitieren. Die bringen ihre eigenen Leute mit, und sie machen ihre Effekte zuhause. Weil die Studios langfristige Verträge mit den Effektfirmen haben, und weil Deutschland im Grunde ein Entwicklungsland ist, was digitale Effekte angeht. Wo in den USA die Effektleute hinzugezogen werden, bevor der erste Satz im Drehbuch steht, sollen sie hierzulande oft am fertigen Film retten, was aus Kostengründen nicht möglich war. Wo amerikanischen Studios zwei Jahre Zeit und 20 Leute für eine Szene zur Verfügung stehen, muss Olaf Skrzipczyk mit drei Leuten und sechs Monaten für viele Szenen auskommen. Dafür bekomme er oft nur den Bruchteil der transatlantischen Honorare, aber die Produktionsfirma will am liebsten alle Effekte aus der „Herr der Ringe“-Trilogie sehen, sagt er. Das sind die Momente, wo Skrzipczyk tief Luft holt, einen Schluck Wasser trinkt und dann einen hundertfach gehaltenen Vortrag über die Möglichkeiten, Grenzen und vor allem Kosten digitaler Effekte hält.

Das macht er so gut, dass ihn die Filmhochschule, das ZDF und RTL regelmäßig buchen, damit deren Studenten, Mitarbeiter und Regisseure die Effektwelt besser zu nutzen lernen. „Wir sind aufgerufen, die Industrie zu entwickeln“, sagt Skrzipczyk, dessen Firma im FX-Center im Filmpark mittlerweile der einzige Mieter ist. „Viele Unternehmen haben es nicht geschafft, obwohl sie mehr Geld hatten“, betont er, und es ist nicht nur Stolz, sondern auch Bedauern, das in seiner Stimme mitschwingt. Mitbewerber, das hieße auch, eine größere Lobby für den visuellen Effekt zu haben, mehr Bewusstsein bei den Regisseuren. Manchmal komme er sich vor wie ein Vertreter, der einen Trick zu verkaufen hat, sagt der 48-Jährige, der ausgebildeter Kameramann ist, also beide Welten kennt und das als einen einzigartigen Vorteil begriffen hat: Als Grenzgänger zwischen Kamera und Computer, als einziger Geschäftsführer einer Visual-Effects-Firma, der – in Babelsberg! – an der Kamera ausgebildet wurde, kann Skrzipczyk anders beraten, anders helfen, anders am Set agieren. In Deutschland das durchzusetzen, was in den USA, Großbritannien und mittlerweile gar in Neuseeland längst State of Art ist, das wäre sein Traum, betont er. Er wird noch eine Weile träumen müssen, obschon es an Nachwuchs nicht mangelt.

Die Technikfreaks sind ihm aber suspekt. Einen PC bedienen können heute alle jungen Digital Artists, und auch die dafür nötigen Programme kennen sie entweder bereits seit dem Studium oder sie haben sich in kürzester Zeit eingearbeitet. Dafür vermisst der Exozet-Geschäftsführer immer häufiger den Kunstverstand, denn „Digital Artist“ wird auf dem zweiten Wort betont. Als die Exozet-Leute für einen Film einen gotischen Dom bauen sollten, sah das Ergebnis toll aus. Er hatte alles, der Dom: Säulen, Türmchen, Portale – nur nichts Gotisches. Seither schult Skrzipczyk seine Mitarbeiter: Architekturstile, Künstlerbiografien, Ausstellungsbesuche, die Geschichte Babelsbergs als Filmstadt, das alles steht auf dem Curriculum. Futter für Augen und Hirn, damit die Mitarbeiter nicht nur „Digital“, sondern auch „Artists“ sind. Dass derart umfassend gebildete Mitarbeiter auch in London oder Hollywood gefragt sind, nimmt Skrzipczyk dafür in Kauf. Er hofft, dass sich diese Investitionen auszahlen; hofft auf jene noch zu seltenen magischen Momente, wenn Regisseure neue Effekte anregen, die Exozets Kreativität herausfordern, statt sich aus Skrzipczyks Bauchladen bereits gemachter Tricks zu bedienen. Dafür würde er auch Schnee zaubern, der irgendwie „gotisch“ vom Himmel fällt.

Infobox: Exozet effects

Je nach Auftragslage arbeiten zehn bis zwölf feste Mitarbeiter für Exozet effects im Babelsberger Filmpark, in Spitzenzeiten wächst das Team um Olaf Skrzipczyk (Foto: Exozet) auf 25Leute an.
Seit rund zehn Jahren sitzt die Visual-Effects-Firma im sogenannten Special-FX-Gebäude des Filmparks.
Seither ist das Unternehmen kontinuierlich gewachsen. Mit der Offenheit für Effekte bei den Produzenten haben auch die Aufträge zugenommen.
Als Spezialist für visuelle Effekte arbeitet Exozet heute vor allem mit digitaler Nachbearbeitung – aber nicht ausschließlich: Für die ZDF-Tragödie „Die Gustloff“ baute das Unternehmen ein Modell im Maßstab 1:5, das dann mit Wasser geflutet wurde. Am Computer erhielten die Aufnahmen den letzten Schliff.
Den aufwändigsten Auftrag erledigte Exozet, als sie für die ARD „Frau Holle“ bearbeiteten. Die märchenhafte Landschaft entstand nahezu komplett am Computer, die Schauspieler agierten vor blauen Wänden.

Erschienen am 02.08.2008

Zuviel ist zuviel

Jan Bosschaart über eine Erkenntnis, die nur schwer zu verkraften ist

Dass der Mensch das einzige Tier ist, das lachen kann, wissen wir schon seit Aristoteles. Dass er das einzige Tier ist, das lügen kann, wissen wir seit der leidigen Geschichte mit Eva und dem bisschen Apfel. Dass er sich selbst belügt, wissen wir immerhin seit der Psychoanalyse. Dass dies alles Quark ist, wissen wir hingegen erst seit gestern und nur dank jener Potsdamer Forscher, die herausfanden, dass Fische beim Sex lügen. Diese Nachricht verliert auch dadurch nichts von ihrer glaubenserschütternden Brisanz, dass es nur der wenige Zentimeter lange mexikanische Zahnkärpfling ist, der dem etablierten Menschenbild diesen Schlag versetzte: Er neigt dazu, sexuelle Konkurrenten abzulenken, indem er Interesse für ein anderes Weibchen heuchelt. Fällt der Störenfried darauf herein und stellt der anderen nach, gilt des trickreichen Kärpfleins ganzes Streben wieder der ursprünglich Umschwommenen. Schön und gut – dennoch, liebe Forscher: So geht’s nicht weiter! Wir haben es mittlerweile gut verkraftet, dass wir nicht der Mittelpunkt des Universums sind; wir haben ohne großes Murren geschluckt, dass wir vom Affen abstammen, und wir ringen noch immer damit, womöglich keinen freien Willen zu haben. Dass ihr uns nun auch noch das Monopol auf das Lügen beim Sex nehmt, das geht uns dann aber doch einen Flossenschlag zu weit.

Erschienen am 01.08.2008


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