Archiv für die Kategorie „Glosse“

DAS WAR DIE WOCHE: Das will ich auch!

Samstag, 10. November 2012

Was für eine Aufregung – es gibt doch tatsächlich Schüler, die kiffen! Gut, an einer Elite-Sportschule mit Olympiastützpunkt ist das jetzt nicht sooo toll – schon gar nicht, weil dort selbst bei Klausuren überraschend mal ein Dopingtester auftaucht und zum kollektiven Gang zur Toilette bittet. Und bei erst 15-Jährigen ist trotz aller Liberalität Kiffen wirklich noch keine gute Idee: Es bleibt ein Restrisiko dauerhafter psychischer Schäden nach nur einmaligem Konsum. Egal nun aber, wie: Eltern, Schule und Stadt müssen jedenfalls reagieren. Vorschlag: Die Stadt benennt die Einrichtung in „Christoph-Daum-Elitesportschule“ um – der bisherige Namenspatron, Turnvater Jahn, ist ohnehin von vorgestern. Die Schulleiter geben endlich offen zu, dass an jeder Schule gekifft wird, statt schamhaft so zu tun, als gebe es nur das Kiffen der Anderen. Und die schuldgeplagten Eltern verweisen darauf, dass am selben Tag, an dem die Fälle publik wurden, in den USA ein bekennender Ex-Kiffer als Präsident wiedergewählt wurde und ein Bundesstaat Hasch legalisierte. Okay, nicht für Minderjährige, aber wir wollen jetzt nicht kleinlich sein. Die Lage ist schließlich bierernst.

Dass das Thema nicht überall so erschütterte, zeigte sich in der Stadtverordnetenversammlung. Dort stand die Ehrung verdienter Sportler der Eliteschule auf der Tagesordnung, und im Publikum machten schnell kreative Vorschläge die Runde: Koks statt Pflastersteinen mit Siegernamen, Freibier statt freien Nahverkehrs für Olympioniken. Als dann auch noch die „Erhöhung des Stammkapitals“ des Sportareals aufgerufen wurde, kannte die Kreativität kein Halten mehr: „Stammwürze statt Stammkapital“, forderte jemand; seit wann Cannabis auf Bäumen wachse, fragte ein anderer. Erst der Ordnungsruf des Parlaments-Vorsitzenden ernüchterte den Kreativrausch.

Um beim moralischen Zeigefinger zu bleiben: Diebstahl ist nie eine gute Idee, er schädigt andere, er erniedrigt den Dieb letztlich selbst und ganz nebenbei ist er auch noch strafrechtlich verboten. In Potsdam geht die Strafe indes über das juristisch Geforderte weit hinaus, wenn man dem Polizeibericht trauen darf (und wem könnte man noch trauen, wenn nicht der Polizei?): Als die Beamten am Dienstag eine attraktive 18-jährige Tschechin beim Handtaschenklau im Stern-Center erwischten, haben sie – Originalzitat! – „sie zur weiteren Bearbeitung auf ein Polizeirevier verbracht“. Für solche feinsinnigen Formulierungen ist die Polizei in letzter Zeit berüchtigt. Kürzlich explodierte „innerhalb eines überdachten Mülleimers“ ein Böller in einem „ansässigen Hotel“, den „lauten Knall“ nahm ein Zeuge „akustisch wahr“. Da sagt man sich als Schüler doch zurecht: Was die nehmen will ich auch!

Erschienen am 10.11.2012

DAS WAR DIE WÖÖCHE: Gedeeeehnt

Samstag, 27. Oktober 2012

Dass Zeit ein relativer Begriff ist, wissen wir seit Einstein. Angeblich haben die Relativitätstheorie nur eine handvoll Menschen auf dieser Welt wirklich verstanden. Blödsinn! Weiß doch jeder aus der Alltagserfahrung, dass Zeit relativ ist: Auf dem Zahnarztstuhl können Sekunden zu Jahrzehnten werden, während ein freies Wochenende auf gefühlte zehn Minuten zu schrumpfen imstande ist. Diese Woche jedenfalls gehörte zu denen, die sich dehnen – und das nicht nur, weil es die einzige ist, die 169 statt der üblichen 168 Wochenstunden hat – sondern auch vom Gefühl her. Schon am Montag machte der Begriff „Strohfeuer“ seiner sprichwörtlichen Bedeutung keine Ehre, denn tausende Ähren in Bornim brannten ganze zwölf Stunden lang. Dehnen wird sich für des betroffenen Bauern Vieh nun auch der Winter, denn es muss mit der Hälfte des Futters auskommen, weil es statt ihrer die Flammen verschlangen.

Kröönung des Ganzen war die Nachricht, der pompööse Möödeschööpfer Harald Glööckler, zu dessen Markenzeichen neben Strass und Kröönchen es gehöört, jeden Vokal und vor allem jedes „Ö“ zu dehnen, ebenjener Glööckler erööffne eine Firma am Heiligen Söö … Verzeihung: See. Vön dört aus verkauft Glööckler Fertighäuser – er nennt sie „Kleine Paläste“ – füür Individualistön. Nach dem Studium der Glööcklerschen Presseankündigöng war das Sprachgeföhl jedes Redaktörs schwer gestöört – hoffentlich nur tempöörär. Ein anderer Modeschööpfer, diesmal sogar aus Potsdam, hat es immerhin zu zwei O im Nachnamen gebracht: Wolfgang Joop. Dessen ausgedehntes Lebenswerk ehrte die Bundesregierung diese Woche mit einem Designpreis. Er habe nicht das Gefühl, die Jury habe den Bogen überdehnt, indem sie ihm, dem erst 67-Jährigen, schon jetzt einen Preis fürs Lebenswerk zuspreche, ließ Joop galant die Presse wissen.

Ausgedehnte Stadttouren gegen Bezahlung können demnächst Potsdamer Studenten machen, denn der städtische Verkehrsbetrieb bedarf ihrer als Aushilfs-Tramfahrer. Klug gedacht, denn dank der Gleise ist ein Verfahren selbst für ortsunkundige oder von der Vorabendparty noch leicht mitgenommene Studis ausgeschlossen. Eine gewisse Scheu bleibt aber: „Saumäßig verantwortungsvoll“ nannte ein Sprecher den Job. Eine kleine Orientierungshilfe sei daher erlaubt: Wenn plötzlich Glööcklers Kröönchenpaläste vor der Fröntscheibe auftauchen, seid Ihr in Größ Glienicke und damit ein Stück zu weit gefahren. Es sei denn, das Schienennetz hätte sich inzwischen ausgedehnt. Ist aber unwahrscheinlich, selbst in dieser überdehnten Woche.

Erschienen am 27.10.2012

Kleine Paläste vom Doppel-Ö

Freitag, 26. Oktober 2012

„Modeschööpfer“ Harald Glööckler designt jetzt auch Häuser / Seine Firma sitzt am Heiligen See

Das Doppel-ÖÖ wird in Potsdam heimisch: Der Modeschöpfer Harald Glööckler (dessen bürgerlicher Name allerdings nur ein „ö“ aufweist), bekannt durch seine strassbesetzten Glitzerkollektionen mit allgegenwärtigen Kröönchen – Verzeihung: Krönchen hat in der Seestraße 14 am Heiligen See ein Unternehmen gegründet – die „Glööckler House & Home“. Von dort aus bietet der Designer Fertighäuser an, die er unter dem Titel „Petit Palais“ unters Volk bringt. Neben Mode, Süßwaren und Hundeausstattung soll das Glööcklers viertes wirtschaftliches Standbein werden.
Die am Glamour orientierte Handschrift des Modeschööpfers ist – wenig überraschend – auch in seinen kleinen Palästen erkennbar: Das Haus hat vier Türmchen und eine pompööse, 3,5 Meter hohe Eingangstür („Grand Entree“), die – selbstverständlich – von einem „Eingangsdiadem“ gekröönt wird, einem „Dorodem“, wie es Glööckler nennt, der sich den Begriff gleich schützen ließ.
„Es war mir ein Herzenswunsch, ein Wohnhaus zu designen, für dessen Bewohner täglich der rote Teppich ausgerollt ist“, beschreibt Glööckler das Konzept hinter den „Fertigbauten für anspruchsvolle Individualisten“, wie es in einem Werbeprospekt heißt. Angeregt zu seinen Kreationen habe ihn dabei der Lebensstil an der Côte d´Azur und in Südfrankreich allgemein, so der Designer. Den letzten Anstoß gaben Kundenwünsche: „Inspiriert durch die steigende Nachfrage von Damen nach einem von Harald Glööckler designten Haus, verspürte ich den Wunsch, mich dieser neuen Herausforderung zu stellen“, ließ der Designer die Presse wissen. Auch in den Innenräumen dominiert das Barocke, Pompööse, an Ludwig XIV. Erinnernde: schwere goldene oder goldbesetzte Vorhänge, weiße Mööbel mit Goldborte, weiße Fliesen in Marmoroptik am Boden, strassbesetzte und/oder goldumrandete Spiegel.
Es sei gar nicht so einfach gewesen, auf rund 220 Quadratmetern in dem Zweigeschosser alles unterzubringen, was ein „glamourööses Lebensgefühl“ erfordere, lässt Glööckler wissen. Seine Firma bietet auf Wunsch auch von Glööckler designte Tapeten, Mööbel, Geländer und Vorhänge an, der Bauherr könne aber gern auch alles nach eigenem Willen gestalten und nur das reine Haus bestellen. Musterflächen für den Bau bietet die Firma im in Enstehen begriffenen Villenpark Groß Glienicke an. Auch eine Finanzierung ist mööglich, damit der pompööse Neubau nicht am Ende in arge Finanznööte führt. Das wäre schließlich nicht sehr glamouröös.

Erschienen am 26.10.2012

DAS WAR DIE WOCHE: Martialisch

Samstag, 13. Oktober 2012

War da noch was außer der Bombe in dieser Woche? Na gut, Hohenzollern: Nachwuchs bei Preußens und Friedrich II. als Popart-Gemälde wird für rund eine Million Euro den Besitzer wechseln. Der alles verdrängende Blindgänger aber (damit ist jetzt die Bombe gemeint, nicht Fritze) scheint jedes weitere Thema der letzten Tage komplett überdeckt zu haben. Einigen wir uns also am besten auf Militarismus als übergreifenes Thema, auch wenn jetzt die Hohenzollern-Fans aufheulen wie die Sirene bei Bombenalarm. Das ist zu reduktionistisch, zugegeben, aber der Platz ist begrenzt. Und es passt doch auch zu gut: Da meldet diese Woche das Militärmuseum (!) in der ehemaligen Kriegsschule (!), dass es aufgeben muss und seine Bestände dem Potsdam-Museum übereignet. Es melden sich die Techno-Veteranen (!) Marusha und Love-Parade-(!)-Gründer Dr. Motte und wollen im Waschhaus nochmal die Stimmung zum Explodieren bringen . Schließlich fasst die Polizei den Feuerteufel, der in Neu Fahrland regelmäßig Autos hochgehen ließ. Eingeschlagen hat schließlich auch die Nachricht, dass die gerade vom CDU-Fraktions- und Landesvorsitz weggesprengte Saskia Ludwig in einer Kampf(!)kandidatur um ein Bundestagsmandat gegen das politische Schlachtross Katherina Reiche antritt. Die nimmt den Fehdehandschuh, den ihr auch der Kreisverband Potsdam-Mittelmark mit Ludwigs Nominierung zuwirft, auf. Dann schlägt die Nachricht vom Blindgänger Am Stern ein, und der Rest sind Entschärfungskommandos, Sperrkreise und Langzeitzünder. Gut, jeder hatte offenbar seinen Spaß. Nächste Woche aber bitte wieder etwas weniger martialisch.

Erschienen am 13.10.2012

DAS WAR DIE WOCHE: Mit der Keule

Samstag, 22. September 2012

Wenn es stimmt, was Platon sagt, dass das Staunen der Anfang aller Philosophie ist, dann war dies eine gute Woche für Philosophen. Nehmen wir die einzige Ausnahme gleich vorweg: Staunen ließ sich hier nicht über die Nachricht, dass in Deutschland die zehn Prozent der Reichsten 50 Prozent des Geldes besitzen und die 50 Prozent der Ärmsten gerade mal ein Prozent – das weiß jedes Potsdamer längst, denn in seiner Stadt ist es freundlicherweise so eingerichtet, dass die zehn Prozent mit dem Geld die Seeufer bevölkern und die 50 Prozent ohne die Plattenbauten. Das erspart den Armutsforschern eine Menge Laufarbeit. Nur ganz repräsentativ ist Potsdam nicht, denn dank emsigen Drehens an der Mietenschraube, das (fast) alle Parteien indirekt mitmachen, dürfte die Stadt bald deutlich mehr Reiche als der Bundesdurchschnitt aufweisen und die Geringverdiener in die Peripherie verdrängt haben. Da gibt’s dann Seeufer immerhin mal kostenlos und ohne Zaun zu bestaunen.

Staunen mussten indes die Potsdamer Geoforscher, die aus der Presse erfuhren, dass ihnen der Landtag großzügig und kostenfrei sein marodes Domizil überlassen will, sobald er vom Berg in die schicke Mitte herabsteigt. Blöd nur, dass die Geoforscher sich mit instabiler (Archi-)Tektonik auskennen und deshalb merken, wenn man ihnen spröde Gesteinsschichten andrehen möchte. Sie ziehen lieber neben das Gebäude und messen die Erschütterung, sobald die Decke herunterkommt. Das Land hätte es ahnen können: Schon Einstein warnte, Wissenschaftler seien ständig auf der Flucht vor dem Staunen.

Was wiederum alle Nicht-Kunsthistoriker diese Woche in Erstaunen versetzte, war die Restaurierung eines Puttos namens „Herkules-Amor“ im Foerstergarten. Der Bud Spencer der griechischen Mythologie und der knabenhafte römische Liebesgott in einer Person, das scheint so überraschend und unpassend wie das Lob der NPD für die Gewerkschaft der Polizei, das diese Woche ebenfalls zu bestaunen war. In Potsdam, so lernen wir staunend, zieht der Liebesgott mit der Keule los. Das wiederum erklärt, warum die hiesige Linke trotz Dauerangriff auf den SPD-Oberbürgermeister noch von einer rot-roten Stadtkoalition träumt. Hier werden Waffen halt nicht mit sanfter Hand geführt, um Zuneigung zu signalisieren.

So betrachtet, war die Deo-Attacke mit einer chemischen Keule der Marke „Axe“ auf eine Aldi-Kassiererin, die diese Woche vor Gericht verhandelt wurde, wohl auch nur eine verdeckte Liebeserklärung. Ob die Liebe allerdings der zwangsparfürmierten Dame oder dem Kasseninhalt galt, muss offen bleiben. Schließlich warb das Deo einst mit dem Slogan: „Der Duft, der Frauen provoziert“.

Erschienen am 22.09.2012

DAS WAR DIE WOCHE: Betroffenbesoffen

Samstag, 15. September 2012

Angesichts des Hypes um das Abrechnungsbuch der 598-Tage-Bundespräsidentinnen-Gattin Bettina Wulff und all der medialen Nebenwirkungen in den bunten Blättern und bunten Talkshows haben wir immerhin eines gelernt – dass es eine neue Buchgattung gibt, die Betroffenheitslektüre heißt. Nicht so sehr, weil der Leser von der Lektüre so betroffen wäre, sondern weil den Autor sein eigenes Schicksal so betroffen macht, dass er es anderen zur Lektüre empfiehlt. Quasi eine Betroffenheitsbesoffenheit. Dennoch: Hübsche Idee, mit therapeutischem Schreiben noch Geld zu verdienen, statt einen Therapeuten bezahlen zu müssen. Die sichersten Merkmale der Betroffenheitslektüre, so die Forschung, sind ein wehleidiges Kreisen um die eigenen Sorgen – „ Ich musste zurückstecken, als der Christian Präsident war, ich hatte davon Hautrötungen, ich leide sehr unter den Gerüchten über ein Rotlicht-Vorleben“ – und die völlige Abwesenheit von Selbstironie oder Humor, die solchen Leidens-Zentrismus aufbrechen könnten. Mag sein, dass „Tattoo-Betty“ darin deutsche Meisterin wird, wir können aber auf regionaler Ebene durchaus mithalten.

Wir wurden vom bösen Oberbürgermeister angegriffen, der unsere schöne Demo schlecht machen wollte, klagte etwa die NPD ihre Betroffenheit dem Verwaltungsgericht. Das wiederum zeigte Ironie, indem es dem Oberbürgermeister einer Stadt mit Toleranzedikt eine Auszeit von der gesetzlich gebotenen Neutralität gewährte, die es anderen Bürgermeistern verwehrte. Unsere Wertung: Betroffenheit: Kreisliga. Ironie: Bundesliga.

Die Stadt ist voll fies. Jahrelang lässt sie uns auf einem Filetwassergrundstück für kleines Geld wohnen, und nun will sie, dass wir umziehen. Und lässt uns nur ein halbes Jahrzehnt Zeit dafür. Das war die Klage der Wagenbürger von Hermannswerder diese Woche, und ja, das ist wirklich hart – Betroffenheit: Champions League!

Die Presse in Brandenburg ist so gemein. Sie wird von der SPD gelenkt und ist total ganz doll gegen die CDU, speziell gegen mich, klagte auch Saskia Ludwig, damals noch Fraktions- und Landesvorsitzende, in einer, nun ja, nicht wirklich die politische Mitte vertretenden Postille. Es war nicht mal die erste Klage dieser Art, doch ihre Fraktion entzog ihr daraufhin das Vertrauen. Darüber klagte Frau Ludwig vermutlich auch, aber nicht mehr öffentlich. Selbstironie haben aber selbst ihre engsten Mitstreiter nie an ihr bemerkt. Betroffenheit: Landesliga, mit guten Abstiegs-Chancen. (Hinweis: Der letzte Absatz wurde wie gewohnt auf Anweisung der Staatskanzlei aufgenommen.)

Erschienen am 15.09.2012

SAMSTAGMORGEN: Notstand ist Notstand

Samstag, 4. August 2012

Das ertrage er einfach nicht, erklärte diese Woche ein Leser am Telefon. Er sprach nicht vom Abschlachten in Syrien oder von Kindesmissbrauch, sondern von etwas, das er „einen drohenden Notstand an Beachvolleyballplätzen in Potsdam“ nannte. Gemeint ist ein Platz im Bornstedter Feld, der einer seit 15 Jahren geplanten Wohnbebauung weichen muss. Direkt neben-
an gibt es vier weitere Plätze, die bleiben. Doch Notstand ist Notstand. Wir sehen daher schon das UN-Flüchtlingshilfswerk, von Blauhelmen beschützt, ins Bornstedter Feld einziehen, wo aus dem Sand gesperrter Uferwege dieser Stadt ein erster Beachvolleyballplatz improvisiert wird, um die ärgste Not zu lindern. Auf eben jenem schlägt dann Matthias Finken, Chef des Bürgerforums Nord und eifriger Unterschriftensammler gegen die Bebauung, im CDU-farbenen Bikini auf – auf der Gegenseite sein Lieblingskontrahent aus alten Kampftagen um den Badstandort, Thomas Hintze, im Borat-String. Auf den Bällen stehen Argumente wie: „Vergesst den Norden nicht“, „Potsdam braucht Wohnungen“, „Der Brauhausberg muss frei bleiben“ und „Gemeinwohl? Nein danke!“. Die beiden schmettern sie sich nur so um die Ohren, und wir hören schon den Oberbürgermeister warnend rufen: „Bis einer weint!“. Doch da schreiten die Punktrichter, vier Drewitzer Kita-Erzieherinnen in Resozialisierung, ein. Sie können zwar nicht unfallfrei bis 33 zählen, aber bis 21 hat es gereicht. Als sie gerade den Sieger küren, klingelt der Wecker. Zum Glück.

(Anmerkung für Nichtabonnenten: Den vier Kita-Erzieherinnen war am Vortag gekündigt worden, weil sie ein Kind auf einem Ausflug vergessen hatten – wegen „Verzählens“)

Erschienen am 04.08.2012

Futterneid

Dienstag, 3. Juli 2012

Über tierische Neulinge in der Stadt und ihre nicht sehr nette Begrüßung

Da wird nun immer geklagt, man müsse die Gästezahlen in der Stadt erhöhen, gerade die Amerikaner fehlen, und dann das: Kaum siedeln sich mal einige an, ist es den Potsdamern auch wieder nicht recht. Weil mal eine Mülltonne umfiel, weil’s mal auf dem Dachboden rappelte oder weil mal ein Fischlein aus des Nachbars Teich fehlte. Dabei verfügt der Waschbär – und nur um den geht’s – doch über durchaus sympathische Eigenschaften: Er ist clever, niedlich und versöhnt durch seinen namensstiftenden Bauch die Mehrzahl der Männer mit dem ihren. Doch was passiert in dieser vermeintlich so weltoffenen Stadt, dieser familienfreundlichen Metropole? Freut man sich über junge, gut ausgebildete Waschbärenpaare, die sich für ein Leben in der Berliner Vorstadt entschieden haben, ein Leben mit Blick auf Wasser, Parks, Weltkulturerbe und immer volle Mülltonnen? Mitnichten. Vergrämt soll er werden, der Waschbär, und wenn das nicht gelingt, wird scharf geschossen. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sieht anders aus. Das hinterlässt natürlich Spuren in des Bären Gemüt. Hielten die Neulinge unter Potsdams Tieren dereinst noch eng zusammen, regiert nun der Futterneid: Berichten zufolge räumte ein Waschbär kürzlich einen Teich wertvoller japanischer Koikarpfen leer.

Erschienen am 03.07.2012

WAS BLEIBT: Rauchmelder-Arkadien

Donnerstag, 12. April 2012

Es gibt für fast jede Randgruppe einen eigenen Tag, dieser hat aber selbst uns noch überrascht: Morgen ist der bundesweite Tag des Rauchmelders. Höchste Zeit für ein Interview mit einem Vertreter, fand Jan Bosschaart.

Tag des Rauchmelders – braucht die Welt so etwas wirklich?
Rauchmelder: Nun, wenn nicht gerade die Luft brennt, lassen wir ja nicht eben viel von uns hören.

Stimmt. Ist Potsdam denn ein gutes Pflaster für Ihresgleichen?
Rauchmelder: Sagen wir mal diplomatisch, es wird besser. In vielen Schulen und Kitas der Stadt waren wir ja lange Zeit deutlich unterrepräsentiert, aber seit ein paar Jahren wächst unsere Community auch dort zuverlässig.

Sie müssen immer gleich an die Decke gehen – nervt das nicht?
Rauchmelder: Das ist eine ambivalente Geschichte. Am Boden oder an der Wand gäbe es natürlich weniger zu tun, aber wenn man seine Aufgabe wirklich ernst nimmt, führt kein Weg an der Decke vorbei.

Verstehe. Nun ist die Zahl der Brände ja seit Jahren rückläufig. Ist Potsdam eine Art Schlafstadt für Sie, ein Rauchmelder-Arkadien?
Rauchmelder: Das würde ich nicht so sagen. Es kommt ganz drauf an, wo Sie stationiert sind. Im Stadthaus zum Beispiel gibt es viel zu tun. In Beigeordnetenkonferenzen ist die Luft so dick, dass teilweise mehrfach pro Sitzung die Batterien gewechselt werden müssen, ähnlich ist es im Plenarsaal, wenn’s ums Schwimmbad geht. Letztes Jahr hatten wir monatelang bei den Stadtwerken Großeinsatz, da brannte eigentlich ständig die Luft.

Und im Büro des Oberbürgermeisters?
Rauchmelder: Ach, da ist es vergleichsweise ruhig. In den letzten Monaten hatten wir nur zwei Einsatzfälle. Einmal, als sich der Baudezernent zum Haushalt geäußert hatte und dann zur „Aussprache“ gebeten wurde und einmal, als der OB sich nach Dienstschluss allein wähnte und eine Zigarette ansteckte.

Der Rauchmelder als Petze? Wie gemein! War das Schadenfreude?
Rauchmelder: Ich habe im Nachhinein mit dem Kollegen gesprochen. Er litt wohl schlichtweg unter einem Defizit an Zuwendung. Die Batterie war lange nicht getauscht, und auch der Probealarm ewig nicht geschaltet worden. Da ist ihm wohl die Sicherung durchgebrannt. Im übertragenen Sinne, versteht sich.

Ist das Rauchverbot seit 2008 eigentlich ein Problem für Sie?
Rauchmelder: Anfangs hatten wir mit einer gewissen allgemeinen Depressivität zu kämpfen, ja. Der Raucher war ja eine Art Komplize. Bevor er sich im Hotel oder Büro eine ansteckte, wanderte der Blick zur Decke, man beäugte den Gegner respektvoll und blies dann in die andere Richtung. Das entfällt nun. Aber wir haben ein Motivationsprogramm aufgelegt und den internationalen Rauchmeldertag eingeführt, und kämpfen uns aus dem Sumpf heraus.

Was kann der Normalverbraucher tun, um dem Rauchmelder dabei zu helfen?
Rauchmelder: Einmal im Monat den Alarm checken und gelegentlich mal das Gulasch auf dem Herd vergessen, das wäre nett. Es zeugt vom Respekt für unsere Arbeit und reduziert die Zahl der Fehlalarme, die einzig aus dem Gefühl der Vernachlässigung entstehen.

Erschienen am 12.04.2012

SAMSTAGMORGEN: Nackt im Eiskeller

Samstag, 24. März 2012

Über ein Naturgesetz und seine alltagspraktische Anwendung

Dass es ein Naturgesetz, ja geradezu ein philosophisches Prinzip ist, dass sich die Dinge bei Wärme ausdehnen und bei Kälte zusammenziehen, merkt der Mensch schon in recht jungen Jahren, lange, bevor ihm dergleichen im Physikunterricht beigebracht und erklärt wird und lange, bevor er es ganz biologisch-lebenspraktisch in der Pubertät an sich oder anderen erfährt. Schließlich sind, einem Kalauer folgend, ja auch die Sommerferien länger als die Winterferien. Allein, das Prinzip ist allumfassend, es dehnt sich auch in den psychologischen und politischen Raum aus. Während sich etwa im Finanzausschuss die Haushaltsdebatte an nur einem Tagesordnungspunkt im überhitzten Sitzungssaal zwei Stunden lang hinzog, ging es nach kräftigem Lüften mit den restlichen 15 Tagesordnungspunkten in wenigen Minuten zuende. Daraus ergibt sich folgender Rat: Alle weiteren Konsultationen aller Beteiligten zur Schwimmbadfrage sind im Eiskeller abzuhalten. Nackt.

Erschienen am 24.03.2012


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