Archiv für die Kategorie „Croissant & CrèmeBrûlée“

WAS BLEIBT: Rauchmelder-Arkadien

Donnerstag, 12. April 2012

Es gibt für fast jede Randgruppe einen eigenen Tag, dieser hat aber selbst uns noch überrascht: Morgen ist der bundesweite Tag des Rauchmelders. Höchste Zeit für ein Interview mit einem Vertreter, fand Jan Bosschaart.

Tag des Rauchmelders – braucht die Welt so etwas wirklich?
Rauchmelder: Nun, wenn nicht gerade die Luft brennt, lassen wir ja nicht eben viel von uns hören.

Stimmt. Ist Potsdam denn ein gutes Pflaster für Ihresgleichen?
Rauchmelder: Sagen wir mal diplomatisch, es wird besser. In vielen Schulen und Kitas der Stadt waren wir ja lange Zeit deutlich unterrepräsentiert, aber seit ein paar Jahren wächst unsere Community auch dort zuverlässig.

Sie müssen immer gleich an die Decke gehen – nervt das nicht?
Rauchmelder: Das ist eine ambivalente Geschichte. Am Boden oder an der Wand gäbe es natürlich weniger zu tun, aber wenn man seine Aufgabe wirklich ernst nimmt, führt kein Weg an der Decke vorbei.

Verstehe. Nun ist die Zahl der Brände ja seit Jahren rückläufig. Ist Potsdam eine Art Schlafstadt für Sie, ein Rauchmelder-Arkadien?
Rauchmelder: Das würde ich nicht so sagen. Es kommt ganz drauf an, wo Sie stationiert sind. Im Stadthaus zum Beispiel gibt es viel zu tun. In Beigeordnetenkonferenzen ist die Luft so dick, dass teilweise mehrfach pro Sitzung die Batterien gewechselt werden müssen, ähnlich ist es im Plenarsaal, wenn’s ums Schwimmbad geht. Letztes Jahr hatten wir monatelang bei den Stadtwerken Großeinsatz, da brannte eigentlich ständig die Luft.

Und im Büro des Oberbürgermeisters?
Rauchmelder: Ach, da ist es vergleichsweise ruhig. In den letzten Monaten hatten wir nur zwei Einsatzfälle. Einmal, als sich der Baudezernent zum Haushalt geäußert hatte und dann zur „Aussprache“ gebeten wurde und einmal, als der OB sich nach Dienstschluss allein wähnte und eine Zigarette ansteckte.

Der Rauchmelder als Petze? Wie gemein! War das Schadenfreude?
Rauchmelder: Ich habe im Nachhinein mit dem Kollegen gesprochen. Er litt wohl schlichtweg unter einem Defizit an Zuwendung. Die Batterie war lange nicht getauscht, und auch der Probealarm ewig nicht geschaltet worden. Da ist ihm wohl die Sicherung durchgebrannt. Im übertragenen Sinne, versteht sich.

Ist das Rauchverbot seit 2008 eigentlich ein Problem für Sie?
Rauchmelder: Anfangs hatten wir mit einer gewissen allgemeinen Depressivität zu kämpfen, ja. Der Raucher war ja eine Art Komplize. Bevor er sich im Hotel oder Büro eine ansteckte, wanderte der Blick zur Decke, man beäugte den Gegner respektvoll und blies dann in die andere Richtung. Das entfällt nun. Aber wir haben ein Motivationsprogramm aufgelegt und den internationalen Rauchmeldertag eingeführt, und kämpfen uns aus dem Sumpf heraus.

Was kann der Normalverbraucher tun, um dem Rauchmelder dabei zu helfen?
Rauchmelder: Einmal im Monat den Alarm checken und gelegentlich mal das Gulasch auf dem Herd vergessen, das wäre nett. Es zeugt vom Respekt für unsere Arbeit und reduziert die Zahl der Fehlalarme, die einzig aus dem Gefühl der Vernachlässigung entstehen.

Erschienen am 12.04.2012

WAS BLEIBT: Hotz Potz!

Donnerstag, 23. Februar 2012

Dass Verkehrsplaner zu den sympathischsten Exegeten einer verständlichen, klaren deutschen Sprache gehören, ist spätestens seit dem Moment bekannt, als der erste unter ihnen auf die ruhmreiche Idee kam, die schlichte, unmissverständliche und jedermann bekannte Ampel als „farblich differenzierte Lichtsignalanlage“ zu betiteln. Schwups hatte er aus zwei handlichen Silben und einer klaren Ansage 13 den Selbstwert und den Expertenstatus vermeintlich enorm hebende Silben gemacht, die außerhalb seines Büros kein Aas mehr verstand. Da aber auch Verkehrsplaner sprechfaul sind, wurde daraus flugs die „FDLSA“, die nun wiederum nur noch über fünf Silben verfügt, dafür aber selbst den größten Ratefuchs unter den freiwilligen wie unfreiwilligen Verkehrsplanerzuhörern (vulgo: Bauausschussmitglieder und Journalisten) vor unüberwindliche Rätsel stellt. Darüber, dass unter Verkehrsplanern jede Wiese eine Grünfläche, jede Baumreihe ein Grünzug und jeder Feldweg eine Zuwegung ist, reden wir ja schon gar nicht mehr. Auch nicht über den Unsinn des Begriffes – Verzeihung: der Begrifflichkeit – „Ortsverbindungsstraße“ – als ob eine Straße je etwas anderes getan hätte, als Orte zu verbinden. Aber auch die Straße heißt ja nicht Straße, sondern Verkehrsraum – immerhin eine Silbe gewonnen, und ein Abstraktionsniveau erklommen. Soweit, so gut. Nun ist aber bekanntlich das Bessere der natürliche Feind des Guten, und so kam ein optimierungswütiger Verkehrsplaner auf die Idee, man könne ja mit der Zeit gehen und auch noch ein paar Anglizismen in die Verkehrsplanersprachsoße rühren, auf dass jedes Restrisiko gemildert werde, dass doch jemand unter den Zuhörern noch folgen kann. Im als Berufsgeheimnis behandelten und daher öffentlich kaum bekannten Verkehrsplanersprachverhunzungshandbuch steht unter dem Stichpunkt „Ausführungsbestimmungen“ dann noch, dass ebenjene Anglizismen möglichst deutsch ausgesprochen werden sollen, dschast in käs, dass jemand sonst verstünde. Und so ward dann am Dienstagabend bekannt, dass, wer bei rasch Aua an einem der Hotz Potz im Schdobbäntgoh steht, keine guten Karten hat. Alles klar? Nein? Also: In der Rush-Hour (Feierabendverkehr) an den Hot Spots (Brennpunkten) kann’s schon mal nur ruckweise vorangehen (Stop-and-go). Das hätte leider jeder verstanden. So aber war’s perfekt. Warum das so sein muss, hat ja der Baubeigeordnete erst letzte Woche eindrücklich belegt, als er auf einer Pressekonferenz Klartext sprach: Bums, Disziplinarverfahren. Hätte er das Minuswachstum in der Zuwendungsausstattung für die Instandhaltung des kommunalen Verkehrsraumvermögens thematisiert, es hätte niemand „Skandal!“ geschrien. Denn für Skandale muss man wach sein.

Erschienen am 23.02.2012

Zuviel ist zuviel

Freitag, 1. August 2008

Jan Bosschaart über eine Erkenntnis, die nur schwer zu verkraften ist

Dass der Mensch das einzige Tier ist, das lachen kann, wissen wir schon seit Aristoteles. Dass er das einzige Tier ist, das lügen kann, wissen wir seit der leidigen Geschichte mit Eva und dem bisschen Apfel. Dass er sich selbst belügt, wissen wir immerhin seit der Psychoanalyse. Dass dies alles Quark ist, wissen wir hingegen erst seit gestern und nur dank jener Potsdamer Forscher, die herausfanden, dass Fische beim Sex lügen. Diese Nachricht verliert auch dadurch nichts von ihrer glaubenserschütternden Brisanz, dass es nur der wenige Zentimeter lange mexikanische Zahnkärpfling ist, der dem etablierten Menschenbild diesen Schlag versetzte: Er neigt dazu, sexuelle Konkurrenten abzulenken, indem er Interesse für ein anderes Weibchen heuchelt. Fällt der Störenfried darauf herein und stellt der anderen nach, gilt des trickreichen Kärpfleins ganzes Streben wieder der ursprünglich Umschwommenen. Schön und gut – dennoch, liebe Forscher: So geht’s nicht weiter! Wir haben es mittlerweile gut verkraftet, dass wir nicht der Mittelpunkt des Universums sind; wir haben ohne großes Murren geschluckt, dass wir vom Affen abstammen, und wir ringen noch immer damit, womöglich keinen freien Willen zu haben. Dass ihr uns nun auch noch das Monopol auf das Lügen beim Sex nehmt, das geht uns dann aber doch einen Flossenschlag zu weit.

Erschienen am 01.08.2008

Dürre Argumentation

Dienstag, 20. Mai 2008

Die klassische Reaktion auf Ohnmacht ist Aktionismus. Auch Ulla Schmidt ist in diese Falle getappt: Angesichts der Ohnmacht der Gesundheitspolitik gegenüber der Magersucht fordert sie ein Laufstegverbot für zu dünne Models. Die Ministerin hat knochige Mannequins als Schuldige am verzerrten Körperbild der kranken Teenager ausgemacht, und auf diese Fehldiagnose folgt nun ein untauglicher Therapievorschlag. Das findet jede Stammtischrunde einleuchtend, und die Ministerin steht als Retterin der Töchter da.

Magersucht ist aber kein Problem des gesellschaftlichen Schönheitsideals, sondern eines der Selbstregulation, der Körperwahrnehmung und der Familienstruktur, das kann die Gesundheitsministerin in jedem klinischen Lehrbuch nachlesen. Oder in den extra für ihr Haus erstellten Forschungsberichten. Sie hat es vermutlich längst getan – und auf diese Weise erfahren, dass politisch dagegen wenig getan werden kann. Die Hilflosigkeit gegenüber der Magersucht ist offenbar nicht nur für Therapeuten, sondern auch für Gesundheitspolitiker schwer zu ertragen. So fordert Schmidt nun ein Verbot der Magermodels. Das ist billig zu haben, im doppelten Sinne: Es sieht aus, als tue die Ministerin etwas, und es kostet sie keinen Cent. Verdienstvoller, aber mühseliger und teurer wäre es hingegen, die Zwangsdiät in der psychotherapeutischen Versorgung endlich zu lockern. Seit fast zehn Jahren steigt der Bedarf an Psychotherapie in der Bevölkerung, doch weil das Budget dafür gedeckelt ist, erhalten die Patienten immer weniger Stunden. Das entstehende Therapie-Vakuum füllen die Pharmakonzerne gern aus: Sie bringen neue Substanzen auf den Markt, die Leidenszeiten verkürzen und Menschen schneller wieder in die globalisierte Arbeitswelt entlassen. Die Hoffnung auf Spareffekte im Gesundheitssystem ist dennoch trügerisch, weil selbst die beste Pille gegen Angst, Wahn oder Zwang nicht heilt, sondern nur während der Einnahmezeit die Symptome unterdrückt. Gegen viele Krankheiten ist zudem noch kein Medikament in Sicht – die hochkomplexe Anorexie gehört dazu.

Magersucht ist eine Krankheit des Individuums. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie das jeweilige Schönheitsideal beeinflussen nur die Symptomwahl, sie entscheiden nicht darüber, ob ein Mensch krank wird oder nicht. Eine Therapie kann daher nur beim Einzelnen ansetzen. Doch Therapien in ausreichendem Maß bereitzustellen, dazu ist das über jedes gesundes Maß hinaus verschlankte Gesundheitssystem derzeit kaum in der Lage. Diese Versäumnisse der Gesundheitspolitik kann auch Ulla Schmidts dürre Argumentation nicht verdecken.

(veröffentlicht am 20. Mai 2008)

Kultur geht durch den Magen

Montag, 19. Mai 2008

Das Abendland geht schon wieder unter. Nur ein Häuflein aufrechter Eltern stellt sich noch mit Protesten dem kulturellen Verfall entgegen, der diesmal in Form des Verzichts auf Schweinefleisch im Mittagessen von zehn Münchner Kitas daherkommt. Er tut das unter dem Deckmantel des Pragmatismus: Weil bis zu 60 Prozent der Kinder dieser Kitas Muslime sind, will die Schulverwaltung gänzlich aufs Schwein verzichten.
Nicht nur von den Eltern wird das flugs zur vor-auseilenden Selbstaufgabe der westlichen Welt stilisiert. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszei-tung diagnostiziert auf der Stelle einen besonders schweren Fall der vorgeblich überall grassierenden kulturellen Demenz – „einer bis zur Selbstaufgabe übersteigerten Rücksichtnahme“, die auf direktem Wege zum Verschwinden der jüdisch-christlichen Kultur führt. Hurra, wir kapitulieren mal wieder. Das Schandmahl ist angerichtet, und die bitteren Brocken schmecken nach Abdankungsbereitschaft aller westlichen Werte. Denn spätestens jetzt wird klar: Die Transformation Europas in einen islamischen Kontinent ist längst nicht mehr aufzuhalten. Die Horden des Bösen verbreiten nicht nur Angst und Schrecken, sie nehmen uns auch die kulturell verbürgten leiblichen Genüsse.
Soviel Aufregung wegen ein paar läppischer Schnitzel und Bockwürste!
Es muss ein sehr trauriges Bild sein, das diese lustvollen Propheten des Untergangs von ihrer westlichen Welt haben, wenn sie deren Kern schon beim Verzicht auf Eisbein und Bauchfleisch in Kindertagesstätten bedroht sehen. Und nicht nur das: Sie unterstellen der von ihnen so kultisch verehrten westlichen Zivilisation damit eine Fragili-tät, die fast schon beleidigend ist angesichts der Jahrhunderte ihres Bestehens. Das alles erweist sich bei Lichte betrachtet als fataler Fehlschluss, dem aufzusitzen das weitaus größere Übel wäre. Die Stärke des Abendlandes liegt keineswegs in seiner Speisekarte, sondern in seiner Offenheit und Pluralität. Nicht durch einen Rückfall in die Abgrenzung von anderen oder die Überhöhung der eigenen Kultur in eine „leitende“ beweist der Westen seine Stärke. Diesem fatalen Irrtum ist er doch schon mehrfach aufgesessen, und die Folgen sind noch lange nicht verdaut.
Die Bereitschaft zur Integration hingegen ist der einzige Weg aus dem Dilemma. Dass er immer leicht sei und keine Opfer fordert, hat nie jemand ernsthaft behauptet. Diese Bereitschaft zu opfern wäre aber der wahre Rückschritt: ein Rückfall in voraufklärerische Zeiten, der die Diagnose vom Verfall der westlichen Kultur weit eher rechtfertigte als Haxenentzug für Vorschüler.

(Veröffentlicht am 19. Mai 2008)

Ellys Knipser

Donnerstag, 15. Mai 2008

Castingshows und das Internet haben einen neuen Modeltypus geschaffen

Seit Heidi Klum im Fernsehen nach neuen Supermodels sucht, werden Modelbörsen im Internet von Mädchen überrannt. Doch statt Geld und Glamour folgt meist ein Vagabundieren zwischen verhängten Wohnzimmern und muffigen Mietstudios.

Elly hat ihren Rollkoffer dabei. Obwohl er relativ neu ist, wirkt er ziemlich abgewetzt. Die schlimmsten Stellen hat sie mit Aufklebern geflickt. Auf einem steht „Mad world – real life“. Der Koffer sieht aus, als könne er den Inhalt mehrerer begehbarer Wandschränke in sich aufnehmen. Und das tut er offenbar auch. Elly, klein, schlank und etwas überschminkt, hält die frisch gefönten schwarzen Haare mit einer Hand aus dem Gesicht, während sie große Teile des Kofferinhalts auf dem Boden des Wohnzimmers ausbreitet: neun paar Schuhe und Stiefel mit bedenklich hohen Absätzen, eine Kollektion abenteuerlich kurzer Röcke, einen Schwung knapper Oberteile, verschiedene knallenge Jeans, dazu Strümpfe, Strapse, Unterwäsche in allen Formen und Farben, zur Krönung eine Corsage aus Leder und ein Brautkleid. Damit Peter aussuchen kann.
Peter ist noch mit dem Aufbau befasst. Prüfend schiebt er einen von zwei Studioblitzern mal hierhin und mal dorthin, stellt sich dann hinter seine Kamera, sieht hindurch, macht „hmm“ und schiebt den Blitzer erneut. Peter ist ein etwas nachlässig gekleideter Mittfünfziger und kommt aus Berlin gereist, um Elly zu fotografieren. Sein Studio ist das Wohnzimmer eines Potsdamer Freundes, das Peter mit einem schwarzen Tuch über der Schrankwand und seinen Blitzern in ein improvisiertes Set verwandelt.
Gefunden und gebucht hat er Elly über ein Internet-Portal namens Fotocommunity, das Models und Fotografen zusammenbringt. Davon gibt es einige in Deutschland, seit im Internet die Communitys wie wild sprießen. Seit auch noch Heidi Klums „Supermodels“ über den Bildschirm stöckelten, werden diese Angebote förmlich überrannt – auf manchen melden sich pro Tag bis zu 80 neue hoffnungsfrohe Models an. Die Seiten heißen Model-Kartei, Aktfotocommunity, oder 123model, und sie funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip: Anmelden, Fotos einstellen, Arbeitsbereiche eingrenzen – das Spektrum reicht von Portrait über Fashion bis Dessous, Halbakt und Akt – und abwarten. Alles Weitere regeln Angebot und Nachfrage.
An beiden mangelt es nicht. Elly, die unter verschiedenen und ständig wechselnden Pseudonymen bei allen angemeldet ist, sagt, nach dem hundersten Shooting habe sie aufgehört zu zählen. Das war nach vier Monaten im Geschäft und ist jetzt ein halbes Jahr her. Auch Peter kann nicht klagen. Er shootet ein- bis zweimal die Woche, erklärt er unwillig. Vielmehr sagt er nicht, denn das Reden darüber ist Peter unangenehm. Warum er an einem Dienstagvormittag Zeit hat? Wozu er die Fotos macht? Wieviel Erfahrung er hat? Peter winkt ab. Außerdem läuft die Zeit, wie er mit einem demonstrativen Blick auf die Uhr andeutet.
Für drei Stunden hat er Elly gebucht, „bis Dessous“, wie sie sicherheitshalber noch einmal klarstellt. Bezahlt wird bar und im Voraus, die Rechte am Bild behält Peter. Meist sieht Elly von den fertigen Fotos keines. „Manche senden mir ein, zwei davon zu, aber das ist die Ausnahme“.
Was mit den weiteren geschieht, will sie lieber gar nicht wissen. Dann schließt sich die Wohnzimmertür. „Ans Set gehören nur Knipser und Model“, hat Peter entschieden. Natürlich heißt Elly nicht Elly. Wie sie wirklich heißt, weiß im Modelkosmos niemand. Wenn Elly anruft, unterdrückt sie ihre Telefonnummer. Kontaktaufnahme ist nur über das Internet mit seiner schützenden Anonymität möglich. Außerdem behält Elly auf diese Weise die Kontrolle: Sie entscheidet, wen sie wann zurückruft. Das steht in einem gewissen Widerspruch zu ihrer Eigenwerbung im Onlineprofil und den begeisterten Fotografenkommentaren: In beiden kommt das Wort „Zeigefreude“ vor. Doch die gilt nur für Ellys Körper. „Das muss so. Das ist Schutz“, sagt sie, als wäre es ein Befehl und schneidet mit einer ruckhaften Geste jede in der Luft liegende Nachfrage ab.
Adrian ist sauer. Mehr als drei Stunden hat der Eineinhalbjährige seine Mutter entbehren müssen, nun thront er auf seinem Kinderstuhl im Café und buhlt um ihre Aufmerksamkeit, indem er nachdrücklich versucht, seinen Obstsalat mit dem Löffel in die Tischplatte einzuarbeiten. Zudem wirft er Servietten, Schnuller, Brotstücke und alle Gegenstände, derer er noch habhaft werden kann, mit Entschlossenheit hinter sich und schaut dann erwartungsvoll in die Runde.
„Ist manchmal nicht einfach mit Job und Kindern“, kommentiert Elly und schlürft ihren Milchcafé. Der Rollkoffer steht hinter ihrem Sitz. Adrians älterer Bruder Fabian ist derweil noch beim Babysitter, denn Elly hat heute noch ein Shooting. Adrian wird gleich „vom neuen Papa geholt“, der erst seit drei Monaten der neue Papa ist, sich aber „rührend um die Kleinen“ kümmert, wie sie betont. „Es macht den Job leichter“, sagt sie. Es ist das zweite Mal, dass der Begriff „Job“ fällt, und Elly spricht die Anführungszeichen immer mit.
Eigentlich ist sie ja noch im Mutterschutz, eigentlich müsste sie sich ja längst bewerben. Aber auf ihren alten Job als Kellnerin hat sie keine Lust – Schichtarbeit, abends nie da, schlechte Bezahlung, kaum Zeit für die Kinder – da sind ihr ihre Knipser lieber. Während sie erzählt, vertilgt Elly eine riesige Frühstücksplatte, obschon es längst Mittag ist. Am Morgen sei dafür keine Zeit geblieben, und überhaupt gehe sie lieber mit leerem, flachem Bauch zum Shooting.
Elly redet sich in Fahrt. Überhaupt sei das Gewicht bei Community-Models nicht so wichtig wie bei den Hungerhaken im Fernsehen. Im Gegenteil, ihre weiblichen Formen machten sie bei den Knipsern erst recht beliebt. Mit nur 1,62 Meter und viel Oberweite hätte sie bei den Agenturen ja ohnehin keine Chance. Zweimal hat sie es versucht, durch ihre Shootings ermutigt. Die haben sich nicht mal die Mühe gemacht abzusagen. Nein, da bleibt sie lieber bei ihren Knipsern.
Knipsern? Elly kichert. „So nennen wir Models die Fotografen aus dem Internet.“ Es gibt feine Differenzierungen: „Schrankwand-Knipser“ – solche ohne eigenes Studio, die vor dem Wohnzimmerschrank zu Hause belichten -, „Spannerknipser“, die keinen Film oder keine Karte in der Kamera haben, sondern nur die Zeit mit dem Model buchen, und schließlich die „Semis“, Hobbyfotografen mit Ambitionen und Erfahrung, deren Bilder vorzeigbar sind. Elly hat aber keine Präferenzen. „Wer zahlt, gewinnt“, sagt sie und schaut dabei so abgeklärt, als habe sie „das Business“, wie sie es nennt, erfunden.
Was nur begeistert sie an diesem Vagabundieren zwischen Wohnzimmern und muffigen Mietstudios? „Das da“, sagt sie und zeigt auf den Koffer hinter sich, „ist das wirkliche Leben. In andere Rollen schlüpfen, mal Zeit für mich haben, im Mittelpunkt stehen, und dafür auch noch Geld bekommen“. Doch welches Leben sind dann Adrian und Fabian, der neue Papa und der Kellnerjob? Elly überlegt. „Na ja, das ist halt ,dieses Leben’“, antwortet sie und verschränkt die Hände vor der Brust. Es klingt ein wenig, als wäre es nur der Vorhof zu etwas Größerem. Dann sagt sie nichts mehr. Ihre Laune ist spürbar gesunken.
Fast hätte sie beim Gehen den Rollkoffer vergessen, so unangenehm muss das Sprechen über „dieses Leben“ gewesen sein. Doch sobald Adrian im Buggy sitzt, fällt er ihr der Koffer wieder ein. Ein Ruck am Griff, dann geht sie los, schiebt das Kind vorneweg. Das wirkliche Leben zieht sie rumpelnd hinter sich her.

Infoxbox: DER HOBBYMODEL-MARKT IN DEUTSCHLAND

13 500 Models und 9 500 Fotografen haben sich beim Branchenprimus „Model-Kartei“ angemeldet. Das Durchschnittsalter der Frauen beträgt 19 Jahre.
In der „Model-Kartei“ sind etwa sieben Prozent der Teilnehmer jünger als 18 Jahre, 44 Prozent zwischen 18 und 25 Jahren und 24 Prozent zwischen 26 und 35 Jahre alt.
Seriöse Schätzungen gehen von 25 000 bis 30 000Hobbymodels in Deutschland aus.
Mehr als vier Fünftel davon präsentieren sich ausschließlich in der weitgehenden Anonymität des Internets und werden auch dort gebucht.
Üblicherweise gewähren neue Gesichter in diesen Foren zwei bis drei kostenlose Foto shootings, um an vorzeigbares Bildmaterial zu gelangen, mit dem sie dann für bezahlte Shootings werben.
Der Stundenverdienst liegt zwischen zirka zehn Euro für Portraitaufnahmen zwischen 20 bis 30 Euro für (bekleidete) Ganzkörperaufnahmen und bis zu 50 Euro für Aktbilder.
Die meisten Models benutzen diese Fotoshootings als teilweise lukrativen Nebenverdienst neben Schule, Studium oder Job.
Die Durchlässigkeit zu den Berufsmodels ist gering: Bislang ist kein Internet-Model in den Kreis der bekannten Schönheiten aufgestiegen. Die werden nach wie vor von Talentsuchern aufgespürt, unter Vertrag genommen und gezielt gefördert.
In den großen Agenturen gelten die Internet-Models hingegen eher als Schmuddelkinder – nicht zuletzt wegen der häufig publizierten Aktaufnahmen, die in der Branche als anrüchig gelten.
Der Heidi-Faktor: Laut Model-Kartei-Betreiber Hendrik Siemens melden sich während der Ausstrahlung von Heidi Klums Modelcasting-Show mehr und vor allem jüngere Mädchen an als im Jahresmittel.

Erschienen am 15.05.2008

Kratzen am Kohlrabi

Samstag, 10. Mai 2008

Esskunst: Karsten Kindler fertigt filigrane Wunderwerke aus gewöhnlichem Gemüse

Um eine Chrysantheme aus einem Kohlrabi zu befreien, braucht es Geschick, Konzentration und Hingabe. Doch der Aufwand lohnt, wie ein Nauener täglich beweist.

NAUEN Die chinesische Distel ist die schwerste. Ihre filigranen Strukturen bringen selbst hartgesottene, beherrschte asiatische Meister zum Fluchen. Nicht so Karsten Kindermann. Kindermann liebt seine chinesische Distel – auch wenn, so darf vermutet werden, selbst ihm nicht gleich jede gelang. Doch Kindermann ist ein Perfektionist am Messer, und je kniffliger die Aufgabe, desto konzentrierter und motivierter geht der Nauener zu Werke. Das Ergebnis bringt ihm regelmäßig viele „Ahs“ und „Ohs“ ein, und neben der Reputation des Restaurants, in dem der Koch arbeitet, hebt es auch den Pegel von Kindlers Taschengeldkasse, denn der 45-Jährige beliefert auf Wunsch auch private Feiern oder Firmen mit seiner essbaren Filigrankunst.

Die meisten und lautesten Entzückensrufe erntet Kindermann, wenn er, hochkonzentriert und etwas entrückt wirkend, auf der Grünen Woche die im Kohlrabi verborgenen Chrysanthemen oder die zartblättrigen Rosen aus dem Radieschen freilegt. Dort ist meist viel Trubel am Stand. Trubel, der den eher zurückhaltenden Kindermann fast schüchtern wirken lässt. Dann schiebt er das 32-teilige Spezialmesserset, das ein wenig an die Werkzeuge von Linolschneidern erinnert, und seine Werkstücke zwischen sich und die Welt. Karsten Kindermann tritt gern hinter seinen Werken zurück.

Wie jedes Kunstwerk, sind auch die Rettichrosen, die Ananasvasen, die Kohlrabitauben und das Zucchini-Laub von der Vergänglichkeit bedroht – nur schneller. Höchstens zwei Tage hält sich Kindlers Können, und auch das nur, wenn es feucht gehalten und kühl aufbewahrt wird. „Essen mögen sie das dann aber auch schon nicht mehr“, sagt der Nauener trocken. Deshalb fertigt er für jede Bestellung frisch am jeweiligen Tag. Lediglich an den Kürbissen kann der Besteller auch mal länger Freude haben. Aber eigentlich, sagt Kindler, ist das ja auch nicht der Sinn der Angelegenheit – die Vergänglichkeit gehört wie bei einer Eisskulptur dazu. Und echte Blumen halten schließlich auch nicht ewig.

Sein Erweckungserlebnis hatte Karsten Kindler vor zehn Jahren auf einer Lebensmittelmesse, wo der mehrfache Weltmeister Xiang Wang für sein Gemüseschnitz-Messerset warb. Schwer beeindruckt, versuchte Kindler zu Hause auf eigene Faust das nachzumachen. „Kann man vergessen“, lautete sein Fazit, und so importierte er sich zwei chinesische Lehrbücher, von denen er zwar kein Wort verstand, aber die Bilder studierte. So ging es schon besser, und nach mehreren Lehrgängen beim Meister – Kindler besuchte jeden Kurs, den Xiang Wang anbot – entwickelte er jene Perfektion, die selbst die asiatischen Profis mittlerweile anerkennen.

Dort, in Asien, hat das Gemüseschnitzen eine Jahrhunderte alte Tradition, es prägten sich verschiedene Stile aus. Die Chinesen etwa, erzählt Kindler, benutzen hunderte hochspezialisierter Werkzeuge, in Thailand hingegen wird nur mit dem Messer geschnitzt.

Karsten Kindler geht einen Mittelweg. In seinen Kursen, die er für Senioren oder anderweitig Interessierte anbietet, lehrt er nur jene Figuren, die auch mit dem Küchenmesser zu bewältigen sind, denn kaum jemand gibt mehrere hundert Euro für Spezialwerkzeug aus. Doch Filigranes wie seine Distel könnte er ohne Hilfsmittel nicht aus einem schnöden, runden Kohlrabi befreien.

Nach mehr als zehn Jahren Übung hat der Nauener nun so ziemlich alles geschnitzt, was die einschlägigen Bücher zeigen. Selbst Tiere sind keine echte Herausforderung mehr, weshalb Karsten Kindler vermehrt zu Eigenkreationen wie extravaganten Halloweenkürbissen oder exklusivem Gemüseschmuck für Themenbuffets übergeht.

Info: Tel. (03321) 83 58 46 oder (0177) 64 64 963

Erschienen am 10.05.2008

Leih-Omas dringend gesucht

Freitag, 25. April 2008

Soziales: Arbeiter-Samariter-Bund bringt omaferne Kinder und enkelarme Senioren zusammen

Für den Job wird heute Mobilität erwartet. Doch der Umzug zur Arbeit zerreißt Familien. Wunschgroßeltern können das abmildern.

FALKENSEE Manchmal ist es bei den Knobels ruhig. Zu ruhig. „Dann sitzen wir uns abends gegenüber und gucken uns ein bisschen blöde an“, sagt Wilfried Knobel. Die Runde lächelt, das irritiert Knobel. Ihm ist es sehr ernst: „Meine Frau ist auch so’n bisschen krank, aber wenn Kinder da sind, ist sie gesund“, fügt er hinzu. Fast klingt es verzweifelt: „Wir haben zwar vier eigene Enkel, aber die sind aus dem Alter raus, wo sie oft kommen. Deshalb sind wir hier“, sagt Wilfried Knobel und schaut erwartungsvoll in die Runde.

Die Runde im ASB-Kulturhaus ist an diesem Mittwoch auf stattliche 13 Mitglieder angewachsen. Damit hat selbst Koordinatorin Bettina Hegewald nicht gerechnet, weshalb eilig Stühle herangeschleppt werden. Vier Kinder nebst Eltern sind gekommen, um künftige Wunschgroßeltern zu beschnuppern, neben den Knobels sitzen drei weitere interessierte Mietgroßeltern da. Das ginge auf.

Doch es ist eher ein glücklicher Zufall: Der ASB verzeichnet wesentlich mehr Eltern, die nach ehrenamtlichen Omas und Opas suchen, als umgekehrt. Die Idee finden aber alle Anwesenden toll: Wegen der vom Arbeitsmarkt geforderten Mobilität verlieren viele junge Familien den engen Kontakt zu den Großeltern, und viele Großeltern bleiben zurück, wenn die Kinder samt Enkeln wegziehen müssen. Beide zusammenzubringen, ist daher eine naheliegende Idee.

Das findet auch Anke Dommerdich, die mit ihrer dreijährigen Tochter Paula („bin aber schon fast vier Jahre alt“) gekommen ist. Die Großeltern leben in Rostock, ihr Mann ist in der Woche unterwegs, da wünscht sie sich manchmal Unterstützung, einen Rat oder die Möglichkeit, Kummer loszuwerden. Die agile und freundliche Paula erobert indes die Herzen der Anwesenden.

Der fünfjährige Jan sieht seine Großeltern in Nordrhein-Westfalen gar nur zweimal im Jahr. Seine Eltern Heike und Dirk Bäcker wünschen sich deshalb freiwillige Großeltern, die sich idealerweise sogar in die Familie integrieren lassen. Soweit möchte die potenzielle Leihoma Ursula Matzies nicht gleich gehen. Sie geht im Juli in Rente und bietet sich zunächst als Aushilfe bei der Kinderbetreuung an. Mit dem sechs Monate alten Marc-Oliver, einem bildhübschen Mulatten mit riesigen Knopfaugen, hat sie sofort Freundschaft geschlossen und lässt ihn kaum noch von ihrem Arm. Mutter Dagmar Rachner-Nfor sieht das gern: Ihre Eltern sind tot, die anderen Großeltern des Kindes leben in Kamerun.

Koordinatorin Bettina Hegewald bittet nach der Vorstellung alle in die Frühlingssonne hinaus, um Kennenlernspiele zu absolvieren. Auch wenn alle Spaß daran haben – nötig ist das nicht mehr: Die siebenjährige Sandra führt längst Knobels Hund Chico stolz an der Leine, Marc-Oliver fühlt sich bei Ursula Matzies pudelwohl, Irene Marsch umwirbt die fast vierjährige Paula nach Kräften und Knobels stehen mit deren Mutter in Verhandlung. Kämen mehr Senioren, es könnte jedes Treffen so fröhlich unter der sinkenden Frühlingssonne enden. Und Knobels müssten sich abends nicht mehr ein bisschen blöde angucken.

Info: Interessierte melden sich beim ASB unter (03322) 28 44 25. Das nächste Treffen ist am 21. Mai, 15 Uhr.

Erschienen am 25.04.20008

„Wie früher!“

Montag, 14. Januar 2008

Jahrestag: Zehntausende gedachten in Berlin Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs

BERLIN Hilde Ketter ist vorbereitet. Dick angezogen und zusätzlich von einer Decke gewärmt, sitzt die 72-Jährige kurz nach 9 Uhr am Sonntagmorgen auf dem Balkon ihrer Wohnung in der Frankfurter Allee, auf dem Schemel neben sich ein kleines Fernglas und eine Thermoskanne mit frischem Kaffee. Unter ihr, ein Stück die Allee hinab, sammeln sich etwa 50 linke Gruppen zum alljährlichen Gedenkmarsch anlässlich des Jahrestages der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Mit Trommeln, Trillerpfeifen und Parolen vertreiben sie die Kälte, allgegenwärtige Polizisten kontrollieren jeden Neuankömmling auf Waffen und Wurfgegenstände, und die Demonstrationsleitung erinnert per Megaphon an die Regeln: Keine Stahlkappenschuhe, schön zusammenbleiben und Transparente stets in Laufrichtung halten, nicht zur Seite. „Von mir aus kann’s losgehen“, sagt Frau Ketter, die bereits bei der zweiten Tasse Kaffee angekommen ist und langsam ungeduldig wird. Die Kälte kriecht selbst unter die Decke.
Doch unten schert man sich nicht um die Wünsche der älteren Dame, die „aus Nostalgie“ jedes Jahr den Gedenkmarsch zu Ehren der 1919 von rechten Freikorps ermordeten Arbeiterführern beobachtet. Mit „den Sozen“ habe sie zwar „nichts am Hut“, sagt sie, doch „den Aufmarsch“ schaue sie gern an. „Auch wenn früher viel mehr los war“, fügt sie enttäuscht hinzu. Zu DDR-Zeiten organisierte Politbüro das Gedenken an „Karl und Rosa“, Hunderttausende zogen damals zur „Gedenkstätte der Sozialisten“ auf dem Friedhof Friedrichsfelde. An diesem Sonntag sind es immerhin 3400 Demonstranten, die sich in den Zug einreihen, der „mit kommunistischer Pünktlichkeit“, wie der Sprecher betont, um exakt 10 Uhr startet.
Zwei Punkte sind es, die den Umzug in diesem Jahr herausheben: Zum einen haben rechte Gruppen Krawall angedroht, weshalb die Demonstrationsleitung ein wenig nervös wirkt, zum anderen ist es 20 Jahre her, dass eine kleine Gruppe Dissidenten 1988 auf der Demonstration mit einem Rosa-Luxemburg-Plakat für Meinungsfreiheit warb: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ stand darauf, es war nur kurz zu sehen, bevor Sicherheitskräfte das unterbanden, sorgte aber für Wirbel in westdeutschen Medien. Beide Punkte spielen an diesem Sonntag jedoch keine große Rolle: Von Rechten ist weit und breit nichts zu sehen, wohl auch wegen der massiven Polizeipräsenz, und weil eine NPD–Gegendemonstration verboten wurde. Und an die Dissidenten erinnert niemand öffentlich. Die Linkspartei nimmt ohnehin nicht am Umzug der tendenziell sehr linken Gruppen teil, sondern beschränkt sich auf stilles Gedenken und eine Kranzniederlegung, an der unter anderem Parteivorsitzender Lothar Bisky, Fraktions chef Gregor Gysi und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau teilnahmen. Auch viele Nichtparteigänger kommen an diesem Tag zum Ehrenmal, die meisten mit einer roten Nelke in der Hand. Die Veranstaltungsleitung spricht von etwa 70 000 Besuchern.
Als der Demonstrationszug endlich unter ihrem Balkon vorbeikommt, hellt sich auch Hilde Ketters vor Kälte gerötetes Gesicht auf: Sie hat eine DDR- und eine FDJ-Fahne in der Menge ausgemacht. Als der Zug auch noch die „Internationale“ anstimmt, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht: „Wie früher!“ sagt sie.

Erschienen am 14.01.2008

Heirat macht glücklich

Freitag, 28. Dezember 2007

Jan Bosschaart über die Vorteile der Ehe – vor allem, wenn andere sie schließen

Heiraten lohnt sich, behauptet die Wissenschaft. Ökonomisch gesehen leuchtet das ein – aber sonst? Jede Hochzeitszeitung weiß doch von den Schrecknissen der Ehe zu berichten, vom Mann, der als Raubtier startet und als Bettvorleger landet, von der Frau, die wahlweise als Schmusekätzchen oder scharfe Mieze in die Ehe geht und als waffenscheinpflichtiger Kampfdrache der Einsatzklasse wieder herauskommt – wenn überhaupt. Glaubt man den Sozialwissenschaftlern, ist das Mumpitz: Wer heiratet, wird reicher als ein Single, er trinkt weniger Alkohol (weil der Partner es verbietet), bleibt gesünder (wegen des Alkoholverbots), ist glücklicher (weil der Partner befahl, auf dem Fragebogen „ glücklich“ anzukreuzen), hat mehr Sex (ja, aber was für welchen?) und er lebt länger (ist aber viel eher bereit, zu sterben). Zudem würden verheiratete Männer mehr arbeiten und Frauen mehr lachen (darüber, dass er sich krumm macht, aber kein Bier dafür bekommt?). Ob diese „Vorteile“ außer der wissenschaftlichen Signifikanz auch Alltagssignifikanz erlangen, sei dahingestellt. Unstrittig hingegen ist, dass die Heiratsfreude der Potsdamer und ihrer „Hochzeitsgäste“ der Stadt nur Vorteile bringt: ökonomische, moralische und touristische – und die, die machen wirklich glücklich. Jeden. Auch Unverheiratete.

Erschienen am 28.12.2007


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