Reichlich, kräftig, frisch

Letscho statt Limoncello-Jus, Bauernfrühstück statt Basilikum-Schaum: im Krug Gollin isst man bodenständig.

Um festzustellen, wie die Verkehrssituation auf der 15 Kilometer entfernten Autobahn A11 ist, genügt Corinna Kühnke ein Blick in den Gastraum. Ist er spärlich besetzt, fließt der Verkehr. Gibt es Stau, platzt der „Krug Gollin“ hingegen aus allen Nähten. „Wir kriechen dann auf dem Zahnfleisch“, sagt die Wirtin. Die A11 ist Segen und Fluch zugleich für den „Krug“. Einerseits schwemmt sie mögliche Gäste in die Uckermark und – wenn es mal wieder staut – auch in den „Krug“, andererseits lenkt sie die Verkehrsströme von Berlin Richtung Ostsee 15 entscheidende Kilometer östlich an Gollin vorbei. Das war nicht immer so: Als noch die B109 durch den Ort führte, füllte sie das Haus zuverlässig, besonders im Sommer.
Jene verkehrsgünstige Lage war auch der Grund, warum Corinna Kühnke sich vor neun Jahren entschloss, den „Krug“ im ansonsten verschlafenen Gollin zu übernehmen. Dass die Autobahn ihr soviele Gäste stiehlt, habe sie nicht kommen sehen, sagt sie. Kühnke ist im „Krug“ einige Jahre aufgewachsen. Ihre Eltern betrieben die Gaststätte von 1970 bis 1975, und die Tochter trat mit einer Kellnerlehre in deren Fußstapfen. Dann verbrachte sie 20 Jahre in einem anderen Beruf, doch der „Krug“ rief sie zurück. Als er 1999 zum Verkauf stand, zögerte die Mittvierzigerin nicht lange. Während des Komplettumbaus verkaufte sie ein Jahr lang Speisen aus dem Fenster heraus.
Die Version, dass der „Krug“ sie zurückgerufen habe, würde Kühnke als romantisierenden Unfug abtun. Sie pflegt einen eher spröden, direkten, bodenständig-uckermärkischen Charme. „Er stand halt zum Verkauf, ick hab mich an früher erinnert, meinen Mann gefragt und dann haben wir es halt gemacht“, sagt sie. Thema erledigt.
Es muss dennoch Herzblut darin stecken, denn die Arbeit ist nicht unerheblich: Corinna Kühnke plant, organisiert, kocht, bedient, füllt Getränke ein, macht Abrechnungen, liefert Bestellungen aus, putzt und räumt auf – unterstützt nur vom Mann, von der Schwiegermutter und, wenn es völlig überfüllt ist, von ein paar Aushilfskräften. Am Wochenende müssen die beiden Kinder mit anpacken, wenn sie sich denn blicken lassen.
Auch heute lebt der „Krug“ noch von den Reisenden – er zog schon um 1850 als Postkutscherstation zwischen Berlin und Prenzlau hungrige, durstige oder müde Reiter und Kutscher an. Heute sind es vor allem Ur-Berliner und Potsdamer, die lieber die schöne Landstraße unter uckermärkischen Bäumen fahren, statt die hektische, anonyme Autobahn. Aus Tradition und wegen der bodenständigen Küche kehren sie gern im „Krug“ ein. Die Karte ist übersichtlich, aber traditionell und regional gehalten: Das Wildangebot richtet sich täglich danach, was dem Jäger am Vorabend vor die Flinte lief, die Pilzauswahl nach der Saison und dem Finderglück der lokalen Anbieter, der Spargel kommt ausschließlich aus Beelitz und die Forellen und Zander aus den Seen der Schorfheide. Darüber hinaus gibt’s, was es immer gibt in ländlichen Lokalen: 1,2 Kilo Rieseneisbein, Sülze, Schnitzel mit Letscho, Rinderrouladen, Rinderleber, Bauernfrühstück, ungarisches Gulasch. Immer reichliche Portionen, immer kräftig gewürzt, immer frisch, zu höchst zivilen Preisen. 13Euro für das Rieseneisbein markieren die Obergrenze der Karte, die auch im Bereich Wein übersichtlich bleibt: zwei Rot- und zwei Weißweine, je einer süß und einer trocken – Punkt.
Corinna Kühnke weiß um den Charme dieses Angebots und erzählt stolz, dass häufiger Gäste aus den „feinen Hotels“ in ihren nicht eben lichten, mit dunklem Holz ausgekleideten Gastraum kommen, um mal ein handfestes Bauernfrühstück oder eine rustikale Roulande zu essen – „den feinen Kram bekommt ja niemand auf Dauer runter“, sagt sie. Viele genießen auch die entspannt-ländliche Atmosphäre. Für die Kinder hält der „Krug“ einen Miniatur-Streichelzoo vor: Hängebauchschweine, Meerschweinchen, Kaninchen, einen Fischteich. So können die Eltern in Ruhe essen, während der Nachwuchs über den riesigen Hof tobt. „Die Kinder“, sagt die Wirtin, „geben doch lieber einem Karnickel einen Nasenstüber, statt sich aus der Entfernung eine Giraffe anzuschauen.“ Das ist die Logik, die das Konzept des „Krugs“ ausmacht: Die meisten essen schließlich auch lieber im urigen Lokal an der Landstraße ein Schnitzel, statt im Stau auf der Autobahn Tankstellenessen aus der Mikrowelle zu verdrücken.

Info: Krug Gollin, Golliner Dorfstraße 36, 17268 Templin, Tel. (039882) 4 91 60

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