Archiv für die Kategorie „Reportage“

Lauwarmer Entzug

Donnerstag, 3. Januar 2008

Nichtraucherschutz: Seit Neujahr gilt das Rauchverbot in Gaststätten, aber nicht jeder hält sich daran

Seit drei Tagen ist die Zigarette im Lokal verboten. Die Gastwirte reagieren mit kaltem Entzug, langsamer Entwöhnung – und strikter Verweigerung.

POTSDAM Richard Putters Welt ist in der Silvesternacht ein kleines Stück heller geworden. Der 33-Jährige, der sich selbst als Gourmet, als Wein- und Kaffeekenner bezeichnet, geht seither mit weniger Vorbehalten in Restaurants und Cafés. „Ich habe nie verstanden, wie man in nikotingetränkter, rauchverpesteter Luft Genuss erleben soll“, sagt der Potsdamer und wedelt imaginäre Rauchschwaden weg. Die Geste ist überflüssig: Im Spezialitätenkaffee in den Potsdamer Bahnhofspassagen, wo Putter seinen Latte Macchiato schlürft, sind die Aschenbecher seit dem 1. Januar abgeschafft worden. Und Putter ist nicht der einzige, den das freut. „Einige Gäste sind froh, jetzt überall sitzen zu können, nicht nur in der Nichtraucherecke“, sagt Filialleiterin Yvonne Sprenger. Einige, aber nicht alle: Fünf Gäste machten auf der Schwelle kehrt, als sie vom kategorischen Rauchverbot im Café erfuhren, zwei weitere haben diskutiert, letztlich aber doch einen Kaffee bestellt.
So rigoros wie dort verfuhr man nicht überall: Die meisten Lokale ließen ihre Gäste in der Silvesternacht auch nach 0 Uhr weiterrauchen. „Aschenbecher einsammeln wäre uns zu albern gewesen“, sagt Bob Demtröder vom Potsdamer Alex-Restaurant. Doch auch bei ihm gilt seit Dienstagmittag: Wer seine Zigarette braucht, muss vor die Tür. Dort stehen Wärmedecken und Heizpilze bereit. Weil einige Kunden ihrem Unmut lautstark Luft machten, wird das Alex künftig bis zum frühen Abend auch das Rauchen zumindest an der Theke wieder erlauben – zu viele drohten, nicht wiederzukommen. Das aber kann nur eine Übergangslösung sein: Spätestens zum 30. Juni ist auch damit Schluss, denn dann werden die im Nichtraucherschutzgesetz bislang nur angedrohten Bußgelder auch erhoben: 100 Euro für rauchende Gäste und 1000 Euro für Wirte, die das nicht unterbinden. Bis dahin kocht jeder sein eigenes Süppchen: Vom rigorosen Entsorgen aller Aschenbecher über die Auslagerung rauchender Gäste in den Raucherraum bis zur maximalen Ausnutzung der Übergangsphase – oder durch radikale Verweigerung. Dabei ist eine Zweiteilung zu beobachten: Während die gehobenen Restaurants und Hotels seit dem Neujahrstag den Tabakqualm aus ihren Räumen verbannt haben, weigern sich die Eckkneipen und Bars noch.
So wie Ulrich „Uli“ Kasiske. Kasiske ist Kneipier in Berlin-Friedrichshain und ein erbitterter Gegner des neuen Gesetzes. Gemeinsam mit zwei Stammgästen hat er die „Initiative für Genuss Berlin“ gegründet, die in der Hauptstadt fleißig Unterschriften gegen das Gesetz sammelt. 20 000 benötigt sie in einer ersten Stufe, rund 6000 hat Kasiske schon zusammen. „Bei mir rauchen 95 Prozent der Gäste“, sagt er, „ich will ja nur, dass jeder Wirt selbst entscheiden darf.“ Mit seiner Initiative und mit der Ankündigung, in ein noch einzurichtendes Raucherzimmer seiner Kneipe einen Tunnel einzubauen, damit Nichtraucher nikotinfrei zu den Toiletten gelangen, hat er es in diesen Tagen bereits zu einiger Presseberühmtheit gebracht.
Am Tag zwei der rauchfreien Gaststätten formierte sich auch der Widerstand. Nicht jeder ging dabei so weit wie jener Gast eines Restaurants auf der Nordseeinsel Wangerooge, der aus Wut über das Rauchverbot auf den Wirt mit einer Bierflasche einprügelte: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga etwa beschränkte sich darauf, seine Kritik an den Gesetzen zu erneuern. Bereits kurz vor Weihnachten strengte der Verband eine Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht an, um vor allem die Eckkneipen zu schützen. Bayerische Wirte, die dem strengsten Gesetz ausgesetzt sind, erklärten gestern, sie planten zudem eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe, und die Internetseite „Zigarrenplattform.de“ rief „alle Tabakgenießer und politisch wachen Nichtraucher“ auf, „die Ausbreitung einer Verbotskultur in Deutschland zu bekämpfen!“. Aus einer anderen Richtung kam Kritik von der brandenburgischen Bundestagsabgeordneten Petra Bierwirth (SPD), die Chefin des Umweltausschusses ist: Sie forderte einen Verzicht auf Heizpilze, die Wirte vor ihren Lokalen aufstellen, um rauchende Gäste nicht in der Kälte stehen zu lassen. Die Geräte führten zu einem enormen CO2-Ausstoß.
Auch in Frankreich und Portugal gelten seit dem 1. Januar Rauchverbote in Lokalen. Das fiel vor allem Antonio Nunes auf die Füße: Der Chef der für das portugiesische Nichtraucherschutzgesetz zuständigen Behörde wurde in der Silvesternacht von einer Tageszeitung rauchend in einem Lissabonner Kasino ertappt. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass das Gesetz auch Kasinos einschließe, gab er zu Protokoll und will nochmal nachlesen.

Erschienen am 03.01.2008

Manchmal ist Montagnacht mehr los

Mittwoch, 2. Januar 2008

Polizeireport_ Die Landeshauptstadt blieb weitgehend ruhig / Eine Silvesternacht im Streifenwagen

Tausende auf den Straßen, reichlich Alkohol im Spiel und jeder Zweite hat ordentlich Feuerkraft im Gepäck – Silvester kann ein Albtraum für Polizisten sein. Kann es, muss es aber nicht.

Um 23.50 Uhr senkt sich eine seltsame Ruhe über die Polizei-Wache Potsdam-Mitte. Während ringsum alles aus den Häusern und Restaurants strömt, während vor der gegenüberliegenden Spielbank die Zocker ihre Raketen in Position bringen und der Lärmpegel, der durchs Wachenfenster dringt, stetig anschwillt, herrscht drinnen Stille. Drei Funkwagen sind gerade mit Geheul davongebraust, Richtung Luisenplatz, wo jemand eine Zusammenrottung meldete, die sich als Irrtum herausstellen wird. Im Hinterzimmer koordiniert jemand per Funk die Wagen, vorn, am Thresen, tippt ein Beamter konzentriert Berichte in den Computer. Die Minuten rinnen dahin. Punkt 0 Uhr erhebt sich ein Heidenlärm vorm Fenster – vor der Spielbank detoniert der Parkplatz. Der Tippende hebt kurz den Kopf zur Uhr. „Oh,“ sagt er, „is schon soweit.“ Es ist eine Mischung aus Frage und Feststellung, gefolgt von einem zu sich selbst gemurmelten „Nadann: Frohesneues!“.
Dienstgruppenleiter Jens Kneip und seine Stellvertreterin Peggy Wölk haben in dieser Nacht Dienst – von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Kurz nach 0 Uhr sitzen sie wieder im Funkwagen. Zwischen der Nichtzusammenrottung am Luisenplatz und der Routinerunde durch die Stadt lag ein kurzer Halt in der Wache, kurze Neujahrsgrüße an die Kollegen, dann zurück in den Wagen.
Im Slalom geht es zunächst die Zeppelinstraße entlang. Dicke Nebelschwaden von detonierten Böllern und aufgestiegenen Raketen erschweren die Sicht auf die Fahrbahn – was angesichts vieler auf der Straße stehender Potsdamer und allgegenwärtiger Flaschen, die als Raketenabschussrampen dienten, durchaus ein Sicherheitsrisiko ist. „Wir wollen ja nicht, das einer als Kühlerfigur endet“, sagt Jens Kneip trocken, während Peggy Wölk die Funkgeräte überwacht. Der erste Wunsch der beiden ans neue Jahr lautet: Es möge wenig passieren in dieser Silvesternacht. Bislang ging das in Erfüllung, aber vorerst garantiert nichts, dass es dabei bleibt. Kritisch sind die Zeiten direkt nach Mitternacht und noch einmal kurz vor Dienstschluss gegen morgen, wenn der Kehraus der Übriggebliebenen aus den Lokalen und Diskotheken stattfindet. Doch jeder Dienst ist anders: „Wir hatten schon Montagnächte, da war mehr los als an manchem Silvester“, sagt Peggy Wölk. Es scheint, als sollte diese Nacht ein solche werden. Nur das nie ruhende Funkgerät kündet von kleineren Einsätzen: Brennende Balkone, auf denen eine Rakete landete, ein mitternächtlicher Wohnungsbrand in Babelsberg nahe dem Lutherplatz, gesprengte Briefkästen, deren wütende Besitzer einen Nachweis für die Versicherung benötigen und ein Linienbus, der von einer Flasche getroffen wurde und wegen der durchschlagenen Frontscheibe aus dem Verkehr gezogen werden muss. An der Orangerie liegt eine Laterne auf der Fahrbahn, doch wer auch immer sie umstieß, ist längst verschwunden. In Fahrland haben Gastgeber einen betrunkenen Gast vor die Tür gesetzt, der damit gar nicht einverstanden war, die Haustür eintrat und den Gastgeber schlug. Das alles erfahren die Dienstgruppenleiter nur per Funk: Meist ist ein anderer Wagen schneller. So pendeln Kneip und Wölk in dieser Nacht 250 Kilometer zwischen Bornstedt und Zeppelinstraße, lauschen dem Funk, kommentieren die Kollegen und amüsieren sich verhalten, wenn die Leitstelle zwischendurch kurzzeitig den Überblick verliert und Funkwagennummern verwechselt. Gegen drei Uhr machen sie wieder in der Wache Station. Durchs Fenster ist der noch immer tippende Kollege zu erkennen. Außer einer Feier mit seiner Familie hat er nichts verpasst.

Erschienen am 02.01.2008

Von Schuhputzern und Kaffeetestern

Montag, 3. Dezember 2007

Erlebniseinkauf: Am langen Adventssonntag ließen sich die Händler einiges einfallen – und wurden belohnt

Dichtes Gedränge auf den Straßen der Innenstadt: Die dritte „Lange Nacht der Nikoläuse lockte“ so viele Besucher wie nie zuvor an.

INNENSTADT Ratje Müller hatte zweifellos einen der besten Jobs der Langen Nacht der Nikoläuse. Sie stand im Warmen, sie teilte kostenlos aus und sie saß an der Quelle dessen, was es brauchte, um bis 24 Uhr durchzuhalten: Kaffee. Drei Premiumsorten aus Kenia, Äthiopien und Peru brühte die Kaffee-Expertin im Halbstunden-Takt frisch auf und ermunterte Besucher der Confiserie in der Brandenburger Straße, sich auf die Geschmacksreise einzulassen. Sie musste meist nicht lange bitten, denn Ratje Müllers Begeisterung für das heiße Schwarze steckte an. Wenn sie von der feinen Nase, der Fülle und der typischen leichten Säure des kenianischen Hochlandkaffees schwärmte, wurden auch überzeugte Teetrinker neugierig. Es war eine Premiere, bei der Langen Nacht Kaffee verkosten zu lassen, und sie gelang: „Kommt sehr gut an“, resümierte Müller bei einer Tasse Kenia-Hochland. Dass sie einen Kaffeefreund überzeugen konnte, vom Vollautomaten wieder zur Handbrühung zurückzuwechseln, war da nur noch das Sahnehäubchen auf ihrem Abend.
Für Andreas Landersheim ist Handarbeit hingegen Alltag. Den Weihnachtsmann als Kunden hat er dennoch nicht alle Tage. Kurz vor Toresschluss kam der, ließ sich auf den goldenen Thron plumpsen undsagte „Meister, ich brauche Eure Hilfe“. Das ließ sich ein Service-Mann wie Landersheim nicht zweimal sagen: Flugs griff der Show-Schuhputzer zum Werkzeug. Den groben Schmutz entfernte er mit der Bohrmaschine, in die er eine Bürste gespannt hatte. Der abgefallen Dreck kam zur Analyse unters Mikroskop, bevor Landersheim mit der elektrischen Zahnbürste die Creme auftrug und dann polierte. Zwischendrin zauberte, jonglierte und scherzte er, und kaum jemand im Karstadt-Stadtpalais kam an diesem Szenario vorbei, ohne amüsiert stehenzubleiben. Besonders die Kinder mussten fast schon mit Gewalt vom lustigen Schuhputzer weggezerrt werden, doch auch viele Ältere blieben trotz Geschenke-Kauf-Stresses mit einem stillen Lächeln stehen.
Lächeln konnten auch die Hobbymodels im Modegeschäft von Karin Genrich, die wieder zur Modenschau geladen hatte. Vier Damen und zwei Herren zeigten die aktuelle Kollektion, trugen Kaschmirwolle und Missoni-Muster, beantworteten Fragen zum Tragekomfort und ließen das überwiegend weibliche Publikum bei Bedarf auch den Stoff befühlen. Student und Teilzeit-Model Jeffrey sang zwischendrin leise Lieder zur Laute, und Weihnachtspunsch und Stollen sorgten für eine gnädige Aufnahme der Preisschilder. Filialleiterin Simone Möller war zufrieden: Die Sitzplätze im kleinen Laden reichten kaum aus, und der Andrang zur Modenschau machte den eher ruhigen Nachmittag wieder wett.
Gegen 22 Uhr, als der Strom langsam abschwoll, überlegte sie, etwas vorfristig zu schließen. Ein Kenia-Kaffee hätte da helfen können.

Erschienen am 03.12.2007

Filzer, Färber, Fellhändler

Samstag, 1. Dezember 2007

Böhmischer Weihnachtsmarkt lockt mit rustikal-mittelalterlicher Atmosphäre / Schon am ersten Abend überrannt

BABELSBERG Angelina wartet nicht auf den Weihnachtsmann. Angelina wartet auf Timo. An den Glühwein-Stand gelehnt, schafft sie das Kunststück, zugleich gelangweilt und genervt auszusehen. Ihrer Freundin gelingt das nicht, obwohl sie redlich versucht, sich Angelina in Kleidung, Haltung und Frisur anzugleichen. Von der Eröffnung des Böhmischen Weihnachtsmarktes um sie herum nehmen die beiden 15-Jährigen nur insofern Notiz, als er ihnen als Bühne dient. Gesehen werden lautet das Motto.
Gehört werden wollen hingegen die vier Tschechen des Ambrosia-Quartetts, die mit zwei Flöten und zwei Trommeln auf der Bühne musizieren. Doch auch das ist schwer: Während die Herren mit ihren Schlaginstrumenten noch zu vernehmen sind, flöten die Damen hilflos gegen den Marktlärm an, gegen Musik aus den Buden und die Gespräche der Besucher. Ihr „Stille Nacht“ verpufft ungehört.
Es ist Freitagabend, kurz vor 18 Uhr, das heißt: kurz vor Stollenanschnitt, und der Markt, der in diesem Jahr erstmals schon am Freitag beginnt, ist rappelvoll mit gut gelaunten Potsdamern, die sich dick eingepackt zwischen 108 Ständen entlangschieben. Bis auf Angelina und ihre Freundin. Die sind bauchfrei erschienen. Das Thermometer an der Glühweinbude, die ihnen als Stütze gilt, zeigt 5 Grad. Von Timo keine Spur. „Der ist bestimmt auf der Brandenburger“, schlägt die Freundin vor, „der Markt ist eh cooler. Mehr Läden da und so.“
Was die Läden angeht, hat sie nicht unrecht: Während auf der Flaniermeile sich Imbissbude an Imbissbude reiht, setzt der Böhmische Weihnachtsmarkt auf traditionelles Handwerk: Schmiede und Sternenfalter, Filzer und Färber, Märchenerzähler und Maroni-Kocher, Kerzenziehen und Kettenfädeln, Fellhändler, Wahrsager, Handleser und Lebkuchenbäcker haben ihre Buden aufgeschlagen.
Auf die Bühne kommt Bewegung: Oberbürgermeister Jann Jakobs ist eingetroffen und freut sich ins Mikrofon, dass sein Wunsch nach drei Tagen Böhmischer Weihnachtsmarkt erhört wurde. Nicht immer würden seine Wünsche so schnell umgesetzt, sagt er. Burkhard Baese, Sprecher der AG Babelsberg, die den Markt quasi erfunden hat, freut sich hingegen darüber, dass der Markt im Weberviertel zwischen all den alten Handwerkerhäusern immer niveauvoller und atmosphärischer wird und es auch mit dem arg hochgejubelten Berliner Pendant am Schloss Charlottenburg aufnehmen kann. Den hat sich Baese diese Woche mal angesehen – zu Vergleichszwecken. Sein Fazit: „Der hat nicht diese Atmosphäre.“ Baese freut sich auch, dass immer mehr Babelsberger sich einbringen, dass das Kulturhaus das Programm auf der Bühne gestaltet, dass mit Simone Kabst zum ersten Mal eine „böhmische Kristallfee“ zu sehen ist und dass der Markt schon am ersten Abend so überrannt ist, dass einige Händler sich ärgern, den Aufbau ihrer Stände auf Sonnabend verschoben zu haben. „Jedes Jahr ein Stückchen besser“, sagt er.
Nur Angelina, die freut sich nicht. Timo ist immer noch nicht da, und die restlichen Besucher haben mehr Augen für den korpulenten Weihnachtsmann als für sie. Sie wechselt den Standort: Ab in die Brandenburger.

Erschienen am 01.12.2007

Die Hauptstadt muss sich warm anziehen

Dienstag, 27. November 2007

Elona Müller eröffnet Brandenburgs größten Weihnachtsmarkt und bescheinigt ihm Konkurrenzfähigkeit

INNENSTADT Sozialbeigeordnete müsste man sein. Schön eingemummelt auf der Kutsche sitzen, von eifrigen Budenbesitzern mit Heißgetränken versorgt, von den Passanten beachtet – ein idealer Zustand. Zumindest aus Sicht des Pressetrosses, der am Luisenplatz steht und der Beigeordneten harrt, die hier den Weihnachtsmarkt eröffnen soll. Sie ist mittlerweile 40 Minuten zu spät dran, die Temperatur liegt bei einem Grad, der Wind pfeifft, die Glühweinbuden duften verlockend, die Termine drücken. Jeder ist bemüht, unauffällig zu frieren. „Ob die Pferde dieses Jahr wieder diese albernen Elchhörner aufgesetzt bekommen?“ fragt jemand in die Runde. „Noch zehn Minuten, und ich hole mir doch einen Glühwein“ – ist das eine Antwort? „Ich bin ja für die Erderwärmung“, wirft eine Kollegin ein und tritt von einem Fuß auf den anderen. Der Mann vom rbb meint, einen Pferdekopf im Getümmel der Brandenburger Straße ausgemacht zu haben, das Fernsehteam stürmt los. „Wenn das mal nicht der Bürgermeister war“, versucht jemand zu witzeln. Funktioniert nicht, keiner lacht. „Der OB hat Meniskus. Die Beigeordnete kommt“, klärt ihn jemand auf. „Klugscheißer“, lautet der Dank. Dann: Pferdegetrappel, Menschenauflauf, Blitzlichtgewitter – die Kutsche kommt doch. Die Pferde haben Elchhörer aufgesetzt.

„Entschuldigung“, sagt Dezernentin Elona Müller. Sie ist dick eingemummelt und hat ein Heißgetränk in der Hand. Im Laufschritt – Bewegung hält warm! – gehts zur Bühne. Dort warten schon Wolfgang Cornelius als Chef der ausrichtenden AG Innenstadt und ein komplett durchgefrorener Kinderchor vom Treffpunkt Freizeit, der ein niedliches Lied vorträgt. Anschließend wird traditionell der riesige Stollen angeschnitten, die Kinder greifen begierig zu, und Elona Müller freut sich über den „noch schöneren“ Weihnachtsmarkt, der in diesem Jahr nicht so eng steht und zudem über die Friedrich-Ebert-Straße hinaus bis zur Kirche St. Peter und Paul erweitert wurde. Sie betont, man könne „auch mit den Berliner Märkten locker konkurrieren“. Mit mehr als 130 Buden sei es auf jeden Fall der größte Markt in Brandenburg, und genau genommen wohl auch einer der schönsten, ergänzt wenig später Organisator Eberhard Heieck von der Agentur Coex. Mit dem täglichen Märchenspiel um 17 Uhr auf dem Luisenplatz besitzt der Markt zudem ein Alleinstellungsmerkmal, das ihn bundesweit einzigartig macht. Heieck hat noch weitere Zahlen: 3000 blaue und goldene Kugeln sind entlang des Weges zu finden, die Umsetzung des Mottos „blauer Lichterglanz“ erfolge langsam, aber stetig. Wenn er einen Wunsch frei hätte, so würde er den Potsdamern noch die häufig geäußerte Bitte nach weihnachtlicher Beleuchtung von St. Peter und Paul erfüllen, verrät er, aber das scheitert bislang am Geld und an Widerständen. Für die Zukunft ist Heieck aber optimistisch.
„Mir würde schon mehr Pünktlichkeit genügen“, brummelt ein jetzt ganz ungeniert zitternder Reporter. Er bekommt ein Heißgetränk statt einer Antwort.

Erschienen am 27.11.2007

Glassplitter im Geburtstagskuchen

Freitag, 23. November 2007

84-Jährige bei Bomben-Evakuierung von Erinnerungen heimgesucht / Alte Dame will im Luftschutzkeller bleiben

BABELSBERG Als Hilde Wandel gestern Morgen kurz nach acht ihre Wohnung in der Fritz-Zubeil-Straße räumte, hatte sie das Schlimmste hinter sich: die Nacht. „Es war schrecklich. Alles brach über mir zusammen. Ich dachte: Jetzt ist es soweit. Jetzt sterbe ich wirklich. Doch dann bin ich wach geworden, und ich habe voller Erstaunen gespürt: Ich habe überlebt.“ Diesen Alptraum, der ihr jahrelang schrecklich vertraut war, hat Hilde Wandel ein halbes Jahrhundert nicht mehr gehabt. Warum er gerade jetzt wiederkehrt, daran hat die 84-Jährige keinen Zweifel.
Während sie erzählt, dreht Sprengmeister Manuel Kunzendorf etwa einen Kilometer entfernt gerade den Zünder aus der amerikanischen Sprengbombe. Als das 250 Kilogramm schwere Geschoss 1943 in den weichen Boden der Nuthewiesen an der Fritz-Zubeil-Straße fiel und ohne zu explodieren liegen blieb, hockte Hilde Wandel im Luftschutzkeller in der Gartenstraße – wenige Meter Luftlinie entfernt.
Es ist die 101. Bombenbergung seit der Wende in Potsdam, doch das erste Mal, dass Hilde Wandel deswegen evakuiert wird. Ein Zettel vom Gesundheitsamt an der Haustür hat sie darauf aufmerksam gemacht. Binnen Sekunden sei alles wieder da gewesen, sagt sie: Die Sirenen, die Todesangst, die Sorge um ihre rheumakranke Mutter, die immer von zwei Männern auf ihrem Stuhl in den Luftschutzkeller getragen werden musste, die Geräusche von splitternden Fenstern, das Echo der Druckwellen unter der Haut, die sie mehr als einmal von einer Ecke des Kellers in die andere warfen. Nein, Hilde Wandel braucht keinen Psychologen, um sich ihren Alptraum zu deuten. „Vielleicht“, sagt sie, „ist das eine der Bomben, die an meinem 20. Geburtstag fielen.“ Damals, am 6. März 1943, seien sie besonders nahe gefallen und der Aufenthalt im Keller ein Alptraum gewesen. Hilde Wandel erinnert sich gut an den Erdbeerkuchen, den ihre Mutter der nun erwachsenen Tochter gebacken hatte. Er war von Glassplittern übersät.
Derweil schüttelt Alina Weidemann gerade den letzten Tropfen Tee aus ihrer Thermoskanne in den Becher, den sie dann mit beiden Händen umklammert, um die Wärme herauszusaugen. Das ist ein aussichtsloses Unterfangen: Der Tee ist längst nur noch lauwarm. Seit 8 Uhr morgens bewacht die Auszubildende aus der städtischen Bußgeldstelle mit ihrer Kollegin Janett Meier aus dem Sozialamt einen Trampelpfad südlich der Großbeerenstraße, der direkt in den Sperrkreis führt. Bis auf einen Spaziergänger mit Hund versuchte in den fünf Stunden niemand, hier „durchzubrechen“, und selbst der verstand die Einwände sofort und machte kehrt. Alina Weidemann erzählt das mit Bedauern. Eine angeregte Debatte wäre zumindest eine kleine Abwechslung gewesen. Etwa 200 Verwaltungsmitarbeiter aus allen Abteilungen des Rathauses frösteln für Bombe 101 in gelben Warnwesten rund um den Sperrkreis um die Wette. Leere Kaffeebecher, Pizzaschachteln, Handschuhe und Schals erzählen von ihren Warmhalteversuchen. Gegen Mittag sind alle Themen angesprochen, der Blick auf die Uhr wird häufiger.
Um 11.30 Uhr hellen sich die Mienen auf: Der Einsatzleiter gibt endlich den Sperrkreis frei. Alle Anwohner sind raus, der Sprengmeister rückt nun dem Zünder zu Leibe.
Die Potsdamer waren diszipliniert. Brunhilde Schulz aus der Grünstraße verließ ihre vier Wände aber nur unter Protest: „Wir haben doch einen Luftschutzkeller“, sagte sie. Doch von besonderen Vorkommnissen wissen weder Verwaltung noch Polizei noch Feuerwehr. Ja, einige mussten nachdrücklich überredet werden, die Wohnung zu verlassen; ja, in einem Fall rückte der Schlüsseldienst an, um einen verbarrikadierten Anwohner von der Notwendigkeit der Räumung zu überzeugen; ja, etwa 35 Bürger, die schlecht zu Fuß sind, brachte die Feuerwehr mit dem Auto in die Ausweichquartiere am Schlaatz und in der Goethe-Schule. Aber sonst? Der Einsatzleiter schüttelt den Kopf und gießt sich Kaffee nach. Die Stadt ist Bomben gewohnt.
Hilde Wandel möchte sich nicht dran gewöhnen. Nicht, dass es ihr in der Turnhalle der Goethe-Schule missfiele, die für fünf Stunden ihre Unterkunft ist: 18 Bewohner aus dem Sperrkreis, überwiegend Rentner, treffen hier zusammen, das Gesundheitsamt empfängt sie mit Kaffee und Spekulatius. In der Halle sitzen die Evakuierten in einer Reihe und tauschen angeregt Details über Krankheit und Altersplagen aus. Nachdem alles gesagt ist, schauen sie stumm ins Leere. Hilde Wandel hingegen lässt die Erinnerungen schweifen. Es hilft ihr, die Nacht zu verarbeiten, sagt sie.
In Halina Kiriljug, die am Kartoffelhof arbeitet, aber heute wegen Sperrung frei hat, findet sie eine dankbare Zuhörerin. Kiriljug stammt aus der Ukraine, lebt seit sechs Jahren in Deutschland. In ihrer Heimat ist sie zweimal wegen Erdbeben evakuiert worden. „Das war aber nicht so lustig wie hier“, sagt sie und deutet mit der Kaffeetasse in die Runde. „Hier ist alles so organisiert, so – wie sagt man? – routiniert!“
Das wiederum ist ein Wort, das Manuel Kunzendorf meidet. Routine ist für Bombenentschärfer gefährlich. Dennoch war es ein normaler Arbeitstag, betont er, als er um 12.35 Uhr die Freigabe verkündet. Der Zünder ist raus, die Bombe transportbereit. Gefahr gebannt. Sozialdezernentin Elona Müller hat ihm eine Jumbopackung Dominosteine geschenkt, hoffend, man treffe vor Weihnachten dienstlich nicht mehr zusammen. Kunzendorf witzelt: „Sprengbombe entschärft, Kalorienbombe bekommen.“
Auch Hilde Wandel ist erleichtert, als die Nachricht in die Turnhalle durchdringt. Als kurz darauf die Schulklingel durchdringend schrillt, zuckt sie dennoch zusammen.

Erschienen am 23.11.2007

Die Langzeiturlauber am Trabbi-Weg

Samstag, 20. Oktober 2007

Am Gaisberg campen manche schon seit 40 Jahren – verordnete fröhliche Ostalgie ist ihre Sache aber nicht

PIRSCHHEIDE Die Zuwegung beginnt ganz harmlos als „Eichenallee“. In ihrem Verlauf scheinen die Buchstaben ein wenig durcheinander zu geraten, denn plötzlich steht da: „Erich-Allee“. Ein Versehen scheidet aus, denn neben dem Schriftzug prangt das gewohnt grimmige Konterfei des Staatsratsvorsitzenden.
Es ist nicht die einzige Reminiszenz an die DDR im Campingpark Sanssouci-Gaisberg in der Pirschheide. Während in der Landeshaupstadt längst die Wilhelm-Pieck-Straße zur Charlottenstraße wurde, drängen sich zwischen Elster- und Drosselweg, zwischen Wildschweinwiese und Storchenufer die „DDR-Promenade“, der „Trabbi-Weg“ und der „Sandmännchen-Pfad“. „Es wäre doch albern, unsere Vergangenheit zu leugnen“, sagt Dieter Lübberding, der zur Betreiberfamilie gehört. Die kommt aus Niedersachsen. Das gilt als kleiner Schönheitsfehler unter den Dauercampern, wie auch der Umstand, dass Lübberding demonstrativ mit einem gelben Trabi-Kübel durch Potsdam und Umgebung kurvt – mit einem, den ein CLP-Kennzeichen ziert. CLP wie Cloppenburg.
Dieter Lübberding ist in dieser Hinsicht schmerzfrei: Er parkt den Gelben gut sichtbar am Eingangstor, auf einer extra gezimmerten Plattform. Für ihn ist das eine Form des Marketings. Vielen Gästen sei die DDR-Geschichte doch gar nicht gegenwärtig, oft werde er gefragt, ob Potsdam im Osten gelegen habe. „Wir müssen uns hier mit unserer Ost-Vita doch nicht verstecken“, sagt er.
Sein Campingpark gehört zu den besten in Deutschland – von Branchenführern und vom ADAC wird er regelmäßig mit den höchsten Auszeichnungen bedacht. Weil er wunderschön gelegen ist, weil die Betreiberfamilie mehr als rührig ist und weil auf jedes Detail geachtet wird. „Klein aber fein“ und „Urlaub ohne Sorgen“ sind die Firmenmantras, die Dieter Lübberding nicht nur unermüdlich wiederholt, sondern seit Übernahme des Platzes 1991 auch ebenso unermüdlich umsetzt. Über den Herrentoiletten, die es in drei Größen S, M und L für verschiedene Wuchshöhen gibt, wachen Friedrich der Große und Kaiser Wilhelm I., die Damen müssen unter Augusta von Sachsen oder Sophie-Luise von Mecklenburg-Schwerin hindurch, um sich zu erleichtern. Der Platz heißt nunmal königlicher Campingpark Sanssouci, und Adel verpflichtet.
Trotzdem ist es ein typischer Campingplatz, und ein typisch deutscher dazu. Von den ausländischen Gästen – Holländer und Dänen kommen besonders gern – werden etwa die allgegenwärtigen Verbotsschilder stets mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Verärgerung quittiert: Surfbretter verboten. Eltern haften für ihre Kinder. Keine Tiere füttern. Kinder unter 7 Jahren nicht allein aufs Klo. Kein Lärm vor 8 Uhr, kein Lärm nach 22 Uhr, kein Lärm zwischen 13 und 15 Uhr. Keine Besucher ohne Anmeldung. Keine Wasserentnahme aus dem Sanitärtrakt.
Der Platz ist gepflegt. Sehr gepflegt. Der englische Rasen zwischen den Dauercampern erstrahlt in fast unnatürlichem Grün, die Halme sind exakt gestutzt. Nur selten verunziert ein gelbes Blatt die reine Fläche. Dieser Tage kommt selbst der emsigste Laubfeger nicht hinterher. Es ist eine idyllische und – doch, ja – streckenweise auch ziemlich spießige Parallelwelt an den Toren der Landeshauptstadt.
Christel Herbst versucht es trotzdem. Die 67-Jährige hat den Besen fest in der Hand und ficht entschlossen ihren Kampf gegen das Laub. „Wer einen Tag aussetzt, hat verloren“, sagt sie und betont, dass daher wenig Zeit für weitere Fragen bliebe. Seit 1971 residiert die Dauercamperin auf einem der privilegierten Plätze ganz vorn am Ufer des Templiner Sees – mit dem vollen Programm: Wohnwagen, Vorzelt, Pavillon, umzäunte Fläche, Blumenkästen, Sat-Schüssel. Der Wohnwagen ist längst fest mit dem märkischen Boden verwachsen. Ihr Sohn nebst Frau hat den Platz rechts dahinter, die Enkelin nebst Urenkelin links daneben. Von Ende März bis Anfang November lebt Christel Herbst dort, in der „Übergangszeit dazwischen“ muss sie in ihre Stadtwohnung auf dem Kiewitt.
150 solcher Dauercamper gab es zu DDR-Zeiten auf dem Platz, nach der Wende hat sich die Schar der Alteingesessenen auf unter 50 reduziert, erzählt sie. Sie sagt es so nachdrücklich, dass es unmöglich ist, das Bedauern in ihrer Stimme zu überhören. Ob ihr daher auch Erich-Allee und Trabbi-Weg gefallen? Christel Herbst hält mit dem Kehren inne. „Ach das“, sagt sie und stellt den Besen weg, „das hat sich der Lübberding letztes Jahr einfallen lassen.“ Sie tippt mit der nun freien Hand an die Stirn, sieht sich um und senkt die Stimme: „Der hat von der DDR doch keine Ahnung. Für den ist das Spaß. Wir aber kennen den Unterschied noch – auch preislich.“ Drei Preiserhöhungen habe es seit der Wende schon gegeben, und dreimal Umziehen habe sie auch müssen, als der Platz umstrukturiert wurde. Umziehen, das kommt für Dauercamper offenbar einer Vertreibung aus dem Paradies gleich.
Dass sie für ihr Geld auf einem der besten Campingplätze residiert, ist Christel Herbst ziemlich gleich: „Ich brauche nur den See und die Bäume. Tolle Duschen, Toiletten, Küche und Restaurant nutze ich nicht. Wir sind Selbstversorger.“ Entsprechend kritisch sieht sie das Streben nach beständiger Verbesserung. „Wir heißen nicht mehr Dauercamper, sondern Langzeiturlauber, haben die beschlossen – so’n Quatsch!“ Mit den Urlaubern pflegt sie wenig Kontakt – „die neiden uns meist unsere Plätze“.
Dass es am Ende doch noch ein bisschen wie DDR ist, merkt an diesem Tag allgemeiner Abreise ein Autofahrer, der hoffte, über das Gelände des Campingparks den Weg zum Gaisberg abzukürzen: Gegen Besuchergebühr kommt er zwar rein, wegen eines Eisengitters am anderen Ende aber nicht wieder heraus.

Erschienen am 20.10.2007

Die dunkle Seite der Amundsenstraße

Mittwoch, 8. August 2007

RTL ließ für düsteren Krimi eine Verfolgungsjagd drehen

NEDLITZ Kein Hase und kein Reh musste am Montagabend um sein Leben fürchten, als im Wald an der Amundsenstraße scharf geschossen wurde. Dafür aber der Mann vom Special-Effects-Team: Hauptdarstellerin Melika Foroutan war sichtlich genervt, als ihre Pistole nach zwei Schüssen nur noch ein leises „Klack“ von sich gab – gerade, als sie zum dramatischen Höhepunkt abdrückte. Regisseur Peter Keglevic rief daraufhin „Abbruch“ und zog sich mit krauser Stirn zurück, Aufnahmeleiter Stefan Bechem sah aus, als explodiere gleich er statt der Patrone.

Pannen passieren, obwohl es hochprofessionell zugeht am Set von „Die dunkle Seite“, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Frank Schätzing („Der Schwarm“), den die Firma Network Movie für RTL dreht. Doch der lange Drehtag fordert an diesem Abend Tribut: Seit 6 Uhr morgens ist die vielköpfige Crew in der Amundsenstraße am Werk, die dafür voll gesperrt ist. Mehr als diesen einen Tag haben die Filmleute allerdings auch nicht für die rund sieben Filmminuten, in denen eine Verfolgungsjagd und deren nervenaufreibender Showdown zu sehen sein werden.

„Die Amundsenstraße ist grandios. Wir mussten dort einfach drehen. Diese dichte Allee, über der die Baumkronen ein durchgehendes Dach bilden, ist eine unglaubliche Kulisse“, schwärmte Andi Wecker, leitender Producer bei Network Movie am Telefon. Durch ihren rund 1,5 Kilometer langen, schnurgeraden Verlauf eigne sie sich zudem hervorragend zum Filmen der Verfolgungsjagd.

Die war am Montagabend schon längst im Kasten. Trotz erster Ermüdungserscheinungen konzentrierte sich das Team auf deren Schluss-Szene, wo Detektivin Vera Gemini (Melika Foroutan) den Privatdetektiv Christian Zander (Charly Hübner) schließlich stellt und zum Reden bringen will. Filmleute sind Perfektionisten. Nicht nur, dass der Zugang zum Set dem Passieren einer Hochsicherheitsschleuse glich, auch entlang aller denkbaren und einiger undenkbarer Zuwegungen zur Straße waren freundliche, aber strenge Sicherheitsleute aufgestellt. Vor Ort herrschte hochprofessionelles Gewusel. Spiegelungen in Autoscheiben, Lichteinfall, Störgeräusche durch überquerende Flugzeuge, Überreste der Ausrüstung im Bild, all das zu verhindern hatte Aufnahmeleiter Stefan Bechem im Blick. Während Melika Foroutan und Charly Hübner ihre Texte durchgingen, tupfte die Maske ihnen den Schweiß aus dem Gesicht, jemand verteilte Ohrstöpsel gegen den Knall der Pistole und ein Kamera-Assistenz sprintete nach dem Ersatz-Akku.

Nur Peter Keglevic verströmte eine Ruhe, als säße er nicht im Zentrum des Orkans, sondern betrachte ihn durch eine Glasscheibe. Der in Salzburg geborene Drehbuchschreiber und Regisseur ist bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grimme-Preis für seine Verfilmung der Oetker-Entführung und dem Goldenen Löwen für „Die Roy-Black-Story“. Darüber hinaus gilt Keglevic als Krimi-Spezialist: Er drehte auch mehrere Tatort-Folgen und Episoden bei „Doppelter Einsatz“ und „Der Elefant“. Wann „Die dunkle Seite“ auf RTL gesendet wird, ist derzeit noch unklar.

Erschienen am 08.08.2007

„Maßlos enttäuscht“

Donnerstag, 1. März 2007

Opfer-Verbände demonstrierten gegen die geplante SED-Opfer-Rente

BERLIN Die Höhe ist Peter Lehmann egal. „Ein Hunderter im Monat würde mir vollkommen reichen, selbst ein Fünziger“, sagt er. Viel wichtiger ist dem 63-Jährigen der Stolz: „Ich könnte endlich sagen: Ich kriege Opferrente, das ganze Leid war nicht umsonst. Das ist wie ein Orden auf der Brust.“
Einen Tag, bevor im Bundestag der Entwurf für das „3. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz“ erstmals gelesen wird, haben die Opferverbände zur Demonstration aufgerufen, weil sie vom Entwurf „maßlos enttäuscht“ sind, wie Harald Möller, Vorsitzender des Bautzen-Komitees, es formuliert. Rund 200 Demonstranten sind gekommen. Mit Plakaten, Trillerpfeifen und einer Sirene ziehen sie gegen die geplante Opferrente zu Felde: Weil die mit 250 Euro zu niedrig bemessen sei und nur an Bedürftige ausbezahlt werden soll.
Der Oranienburger Peter Lehmann ist einer von ihnen. Insgesamt vier Jahre hat er in DDR-Gefängnissen eingesessen. Zunächst wegen versuchter Republikflucht für 15 Monate. „Dabei hatten wir den Plan längst aufgegeben, als ich gefasst wurde“, sagt er. Als Lehmann nach sieben Monaten auf Bewährung herauskommt, ist er nicht mehr der alte. Immer wieder sei er mit der Staatsmacht in Konflikt geraten, beim Anblick einer Uniform ausgerastet, habe sich geprügelt. Dafür ging der Oranienburger erneut ins Gefängnis. Besonders schlimm wurde es, als Lehmann sich zustimmend zum Prager Frühling äußerte. „Da steckten sie mich in ein noch tieferes Verlies“, sagt er.
Unter lautem Getriller ziehen die Demonstranten die Berliner Wilhelmstraße herunter zum Willy-Brandt-Haus. Warum gerade zur SPD, wo der Gesetzesentwurf doch von der Regierungskoalition eingebracht wurde? „Weil die SPD auf der Bedürftigkeitsklausel beharrt. Auf diese Weise macht sie aus SED-Opfern Opfer zweiter Klasse“, sagt Alexander Latotzky, Vorsitzender des Verbandes der Opfer des SED-Regimes (VOS). Opfer des Nazi-Regimes erhielten 717 Euro pro Monat, und zwar ohne Rücksicht auf ihre soziale Lage: „Wir fordern nichts weniger als Gleichbehandlung.“ Dass die Opferverbände heute zum Willy-Brandt-Haus marschieren, heiße nicht, dass man die CDU für besser halte, fügt er hinzu: „Der Gesetzesentwurf wird dreimal gelesen. Beim nächsten Mal gehen wir zur CDU.“
An der Kreuzung vor der SPD-Zentrale greift Latotzky zum Megaphon. Die Polizei habe den Demonstranten angeboten, die Kreuzung vor dem Willy-Brandt-Haus zu blockieren, sagt er, „weil wir mehr geworden sind, als wir gehofft haben“. Zögerlich stellen sich die ersten auf die Fahrbahn. „Los, los, nur keine Scheu“, ruft Latotzky und wedelt mit den Armen. „Wir mögen zwar SED-Opfer und Widerständler sein, aber wir sind eben auch gelernte Ossis“, kommentiert ein Plakatträger.
Peter Lehmann wird sie wohl nicht bekommen, die Opferrente. Zwar gehört er mit 690 Euro Rente im Monat durchaus zu den Bedürftigen, doch da seine Frau in Vollzeit arbeitet, liegen sie über der Einkommensuntergrenze von 1300 Euro. Groll hegt er nicht, ihm gehe es mehr um die Geste als das Geld, betont Lehmann nochmal.
So zurückhaltend sind nicht alle Demonstranten. „Du warst wohl auch bei der Stasi, so ein kleiner Mitläufer“, muss sich der frühere Bürgerrechtler Hans Misselwitz anhören, der mit SPD-Bundesgeschäftsführer Martin Gorholt vor das Willy-Brandt-Haus tritt, um mit den Demonstranten zu diskutieren. Der Rufer ist hochrot im Gesicht, er hat sich während des Umzugs in Rage gebrüllt. Da nützt es Misselwitz, der in der Parteizentrale für Ostdeutschland zuständig ist, wenig, dass er auf seine Oppositionsvergangenheit verweist. „Warst Du je im Knast? Hast nichts zu fressen bekommen? Musstest auf Befehl scheißen?“, schreit der Fragesteller zurück. Dann kommen ihm die Tränen. Misselwitz verneint und steht etwas hilflos inmitten der Plakatträger. Er finde einiges am Gesetzentwurf ja durchaus kleinlich, murmelt er mit gesenktem Kopf. Dann schaut er verschreckt wieder auf, als er bemerkt, dass die Presseleute fleißig mitschreiben und beeilt sich hinzuzufügen: „Bisher ist es ja nur ein Entwurf.“
Indes steht Martin Gorholt, der früher Landesgeschäftsführer der SPD in Brandenburg war, wie ein Fels in der Menge und verteidigt das Gesetz gegen die ihn bestürmenden Demonstranten. Es sei eine „sinnvolle und gute Lösung“, sagt er und dass man über die Höhe der Renten ja noch diskutieren könne, nicht aber über die soziale Bedürftigkeit als Voraussetzung für den Bezug.
Das macht Alexander Latotzky wütend. Neben einer Staffelung der Renten nach Haftdauer fordert er die Ausdehnung des Berechtigtenkreises auf alle SED-Opfer, auch solche, die in die Psychiatrie eingesperrt oder Opfer von Zersetzungsmaßnahmen wurden. Einige Demonstranten gehen noch weiter und möchten auch eine Kompensation für Zwangsausgesiedelte und DDR-Bürger, die wegen ihrer Kirchenmitgliedschaft nicht studieren durften.
Peter Lehmann hält sich in diesen Debatten etwas abseits. „Was hätte wohl Willy Brandt dazu gesagt?“, fragt er.


„Aufrechnung der Opfer ist unwürdig“

Der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz (CDU) setzt sich seit Jahren für die SED-Opfer-Rente ein. Mit ihm sprach Jan Bosschaart.

Haben Sie für den Protest der Opferverbände Verständnis?
Vaatz: Ja, aber eine weitergehende Regelung ist aus Gleichheitserwägungen unmöglich.

Die Verbände beklagen aber gerade eine Ungleichbehandlung von Opfern.
Vaatz: Die Opfer der Nazizeit sind nur in Ostdeutschland besser gestellt, weil hier die so genannten VN-Renten gezahlt werden, ein Besitzstand aus den DDR-Zeiten, der übernommen wurde. Im Westen bekommt jeder, der länger als sechs Monate in ein KZ eingesperrt war, ebenfalls etwa 250 Euro, wenn er weniger als etwa 10 000 Euro im Jahr verdient. Daran orientiert sich der Gesetzentwurf. Wer mehr fordert, will mehr, als NS-Opfer bekommen.

Weitergehende Forderungen lehnen Sie ab?
Vaatz: Den jetzigen Kompromiss sollten die Opfer akzeptieren. Ich verstehe aber, dass die Bedürftigkeitsprüfung einer Reihe von Opfern die moralische Anerkennung versagt. Die wirklich bedürftigen Opfer werden die 250 Euro aber spüren. Besserverdienende sollten den Kompromiss nicht durch allzu harsche Forderungen gefährden.

Viele Täter – Richter, Polizisten, Wärter – bekommen heute solide Renten. Die Opfer müssen sich mit 250 Euro begnügen?
Vaatz: Das beklage ich mit Entschiedenheit! Aber wer das bemängelt, möge sich ans Bundesverfassungsgericht wenden.

Sie haben sich seit Jahren für das Gesetz stark gemacht. Nun hagelt es Protest, auch persönliche Angriffe. Sind sie enttäuscht?
Vaatz: Nein. Politik bedeutet oft, dass man von denjenigen, für die man sich am meisten einsetzt, am schlechtesten behandelt wird. Meine Bezüge sind in solchen Situation für mich auch eine Art Schmerzensgeld.

Erschienen am 01.03.2007

Klarheit und Reinheit

Mittwoch, 21. Februar 2007

2005 konvertierten mehr als 4000 Deutsche zum Islam – darunter auch einige Märker

POTSDAM Für Christian Hoffmann war es wie ein Blitz. Auf seinem Balkon sitzend, durchflutete ihn plötzlich die Erkenntnis: „Himmel und Erde sind Allahs Schöpfung, und der Islam ist die letzte von ihm offenbarte Religion.“ Glaubt man seinen Worten, so war er damals glücklich und nach nichts auf der Suche. Später hat der ehemalige CDU-Pressesprecher ein Buch über seinen Wechsel zum Islam und all die Folgen geschrieben, das 1995 für einigen Wirbel sorgte: „Zwischen allen Stühlen“ heißt es.
Nicht immer gibt es diesen einen Moment, wo sich eine neue Religion mit Blitz und Donner oder einem inneren Erdbeben zeigt. Bei Abdalhafidh Ullmann war es ein langsamer, konflikthafter Prozess. Am Anfang stand Unzufriedenheit. „Etwas war aus der Balance geraten“, sagt der 25-Jährige und rückt seinen leuchtendroten Fez zurecht. Was genau, das weiß er nicht. Oder er mag es nicht sagen. Es ist schwer, hinter Abdalhafidhs Stirn zu blicken. Nach jeder Frage nippt er am Espresso, schaut eine Weile zum Fenster und setzt ein wissendes Lächeln auf, bevor er antwortet. „Ich weiß nicht, was gefehlt hat, aber der Islam hat es mir gegeben. Ich bin jetzt ein glücklicher Mensch.“
Nach der Schule ging Abdalhafidh für vier Jahre zur Bundeswehr. Damals hieß er noch Alexander. Die klare Struktur, die Ordnung dort haben ihm gefallen. Und der Respekt, den Jüngere vor Älteren haben. „Draußen“, sagt er, und meint die Welt außerhalb der Kaserne, „draußen habe ich das vermisst“. „Draußen“, das war auch das Volkswirtschaftsstudium, auf das sich Abdalhafidh, der bereits eine Lehre zum Bankkaufmann in der Tasche hatte, schließlich einließ. Nicht für lange. Das Gebot des Geldvermehrens, „diesen Zynismus“, das habe er nicht ertragen. Die nächste Station, eine Ausbildung zum Heilpraktiker, füllte ihn mehr aus. Die Unzufriedenheit mit seinem Leben aber blieb. Alexander war ein Suchender, Abdalhafidh ist ein Angekommener. Sagt Abdalhafidh.
Klarheit, Reinheit, Respekt: Viele Deutsche, die zum Islam konvertieren, fühlen sich davon angezogen. In den letzten Jahren wurden es stetig mehr, rund 4000 ermittelte das Islam-Archiv in Soest für 2005, und die Tendenz scheint weiter steigend. „Die Konvertitenszene hat sich total verändert“, sagt Salim Abdullah, der Leiter des Islam-Archivs. Waren es früher Ehepartner, vorrangig Frauen, die bei der Heirat mit einem Muslim dessen Religion annahmen, so sind es heute vor allem junge Akademiker, die sich intensiv mit dem Koran beschäftigen und dann aus freien Stücken den Weg zu Allah suchen. „Die wenigsten sind älter als 35“, sagt Abdullah.
Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. „Das ist eine ganz individuelle Entscheidung“, meint der Leiter des Islam-Archivs. Auffällig ist, dass die Zahl der deutschen Konvertiten seit etwa 2001 rapide ansteigt – von etwa 300 im Jahr vor 2001 auf mehr als 4000 heute. Es scheint, als habe der 11. September eine Lawine ausgelöst.
Eine Erklärung lautet: Durch die politische Entwicklung ist der Islam ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt, und viele Menschen begannen, sich damit näher zu befassen. Einige fanden darin eine neue Heimat. Ahmad Gross, der Amir der Potsdamer Muslime, sagt, für manchen sei der Wechsel zum Islam auch eine politische Aussage: gegen Globalisierung, gegen die Macht des Zinses, den der Koran ausdrücklich verdammt, und gegen die amerikanische Außenpolitik. Das ist die andere Erklärung.
Auf Abdalhafidh treffen beide nicht zu. Der Islam ist für ihn ein Weg, sein Leben neu zu ordnen. Und nicht nur für ihn. „Meine Frau war depressiv. Jetzt ist sie zum zweiten Mal schwanger. Einen besseren Beweis für meinen Glauben gibt es nicht.“ Auch er schätzt am Islam die Klarheit. Mit der Dreifaltigkeit des christlichen Gottes kann er wenig anfangen. Für Moslems sind Christen Polytheisten. Außerdem stehe bei ihnen die Kirche zwischen dem Einzelnen und Gott.
„Im Islam schließt der Gläubige hingegen einen Privatvertrag mit Allah. Keine Priesterkaste entscheidet über Aufnahme oder Ablehnung“, sagt der Leiter des Islam-Archivs. Lediglich zwei muslimische Zeugen sind nötig, um die Schahada, das Bekenntnis, abzulegen. Auch einen formellen Austritt gibt es nicht. „Das muss der Gläubige mit Allah ausmachen“, so Abdullah.
Die Klarheit seines neuen Glaubens – ein Gott, ein Prophet, eine seit ihren Ursprüngen unveränderte heilige Schrift – korrespondiert für Abdalhafidh mit der Klarheit, die sein Leben seitdem gewann. Mit seiner Herkunftsfamilie habe er sich ausgesöhnt, nachdem er den Koran studiert hatte. Auf einige Freunde müsse er verzichten. „Die dachten, ich renne künftig mit dem Sprengstoffgürtel durch die Welt“, erzählt er und versucht ein Lächeln. Die Aufnahme in die muslimische Gemeinde ersetze sie ihm hundertfach.
Es ist ein enger Kreis, etwa 20 Familien, der sich in den hellen, spartanisch eingerichteten Räumen in der Potsdamer Weinbergstraße trifft. Der Sonntag gehört ganz den Familien. Man liest gemeinsam im Koran, hört Vorträge, betet und singt. Die Frauen bereiten im Obergeschoss Essen zu, die Männer sitzen in Grüppchen auf dem Boden und reden. Draußen tobt ein munterer Haufen Kinder. Aufgaben und Hierarchien sind klar verteilt, und Abdalhafidh findet hier den Respekt, den er „draußen“ so schmerzlich vermisst: Die Kinder sind höflich, und sie übernehmen selbstverständlich Pflichten: decken den Tisch, räumen auf, machen sauber. Reinheit ist auch eine Besonderheit des Islam. Viele Moslems fühlen sich schon von der christlichen Lehre der Erbsünde „irgendwie beschmutzt“, wie Abdalhafidh es nennt. Vor jedem Gebet ist eine Waschung Pflicht, um in den Zustand ritueller Reinheit zu gelangen. Wer Moslem wird, bekommt alle zuvor begangenen Sünden vergeben. Alkohol und Schweinefleisch lehnen Muslime als verunreinigend ab.
Abdalhafidh hat einige Religionen „angetestet“, wie er sagt, bevor er zum Islam fand. Das haben sie hier fast alle. Die meisten der Potsdamer Muslime sind in der DDR großgeworden und waren sehr skeptisch. „Wie in einem Warenhaus haben sie alles genau geprüft und abgewogen“, sagt Amir Gross. Für viele Ostdeutsche ist es die erste Religion, was die Skepsis nicht eben minderte. Die Geschichte von Christian Hoffmann und dem Blitz kann Abdalhafidh daher nicht nachvollziehen. „Der Glaube wächst in einem – dafür bleibt er dann auch.“

Erschienen am 21.02.2007


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