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„Ich sag, der Türke war’s“

Freitag, 10. Juli 2015

Oder: Wie viele McDonalds-Mitarbeiter es braucht, eine Energiesparlampe zu wechseln

Samstag Abend, Berlin. Schwach besetzte McDonalds-Filiale. Über dem Eingang flackert eine Lampe. Hinter dem Tresen stehen zwei Mitarbeiter männlichen Geschlechts, einer eindeutig mit Migrationshintergrund. Faszinierend beobachten sie mangels Kundschaft das An und Aus der Lampe. Der türkische Mitarbeiter, nach Uniform und Schild Schichtleiter, übernimmt schließlich Initiative und Verantwortung. Er fordert den Kollegen auf, einen Hocker zu holen. Das dauert nur wenige Minuten, dann stellt der Kollege für den Schichtleiter den Hocker (der sich, streng genommen, als eine kleine Trittleiter materialisiert) unter die Lampe, die sich trotz beharrlichen Anstarrens durch den Schichtleiter noch immer nicht zwischen An und Aus entschieden hat. Er steigt nun auf den Hocker, streckt sich und merkt, das sein Arm gerade so an die Abdeckung reicht. Da das jeder sieht, zwingt ihn sein Stolz zu einem waghalsigen Manöver. Er bittet nicht etwa den deutlich größeren deutschen Kollegen auf den Hocker – der steht offenen Mundes – sondern überstreckt sich, und berührt so die Abdeckung gerade mit den Fingerspitzen. Diese quittiert den Eingriff mit schepperndem Herunterfallen. Beim Überstrecken legt der Schichtleiter ein weiteres waghalsiges Manöver, diesmal rhetorischer Natur hin, den seine Lippen formen den unsterblichen Satz: „Ich würde mich ja länger machen, aber dann kannst Du Honk ja meine Waffe sehen“. (Für nicht Dabeigewesene: Er hatte offenbar Sorge, dass sein Bauch aus der Hose rutscht – das war bereits eingetreten –, und zwar soweit, dass Teile des Genitaltrakts freigelegt würden.)

Der Kollege lacht pflichtschuldig, aber nicht überzeugen. Der Schichtleiter hat indes nun die perfekte Ausrede gefunden, den Hocker zu verlassen. Er ist nicht zu klein, sondern hat Sorgen, seinen Kollegen Minderwertigkeitskomplexe oder gar unerfüllbare Begierden aufzubürden, falls sie seiner gewaltigen Fortpflanzungsausstattung ansichtig würden. Außerdem hat ihn das ewige Schauen in die nach wie vor unbeeindruckt an- und ausgehende Energiesparlampe, die zudem ihres mattierten Schutzes beraubt ist, geblendet. Also darf der größere Kollege dran. Der klagt zunächst auch über Blendung, kommt aber gerade so an die Lampe, greift sie allerdings nicht am Sockel, sondern am Glas. Das hat zwei völlig unvorhersehbare Auswirkungen: Er verbrennt sich und schreit auf. Der Schichtleiter grübelt einen Moment angestrengt und bringt dann eine unschlagbaren Idee ein: Ein Lappen muss her. Selbstverständlich kann er als Schichtleiter den Posten unmöglich verlassen, also muss der Kollege von der Trittleiter herunter und den Lappen selbst holen. Die Zeit nutzt der Schichtleiter, ein gelbes „Vorsicht, rutschig“-Warnschild vor die Trittleiter zu platzieren. Es ist zwar nicht rutschig, aber irgendwie sollten die nicht existenten Kunden ja gewarnt sein, dass hier eine Gefahrenstelle vorliegt, die schon einen Kollegen verletzt hat.

Der Verletzte kommt derweil mit zweierlei zurück: verpflasterten Fingern und dem Lappen. Er steigt nun auf die Trittleiter, und fasst die Lampe durch den Lappen an. Leider nicht am Sockel – der wäre ja kalt gewesen –, sondern erneut am Glas, so dass er sie abbricht und ein bisschen Quecksilberdampf in die Küche weht. Dank des Lappens verbrennt er sich zumindest nicht. Aber er schneidet sich an den Scherben. „Wenigstens ist sie aus“, sagt der Schichtleiter, sein mediterran-optimistisches Naturell unter Beweis stellend. Jetzt werden zwei Kolleginnen gerufen: Eine, um die Scherben aufzufegen, eine weitere, um mehr Pflaster zu bringen. Das dauert weitere fünf Minuten, der Schichtleiter tauscht derweil den Tritthocker gegen eine Stehleiter aus, die so hoch ist, dass sie nicht unter die Decke passt. Mit leichtem Schrägstellen gelingt es, er muss sie nun aber durch Besteigen der untersten Stufe austarieren. Die verpflasternde und die scherbenfegende Kollegin haben ihre Aufgaben erfüllt, bleiben aber sicherheitshalber – und weil’s lustig zu sein scheint – noch am Ort des Geschehens.

Der nun vierfach verpflasterte Kollege erklimmt unsicheren Schritts die schwankende Leiter, die sein Schichtleiter dank höheren Körpergewichts immerhin stabilisieren kann. „Wenn ditt ma nich schiefjeht und der noch runtasaust“, sagt die Kollegin mit den Scherben auf der Kehrschaufel. „Ich sag dann einfach, der Türke war’s“, witzelt der Kollege auf der Leiter, dem es mittlerweile tatsächlich gelang, den Sockel der Lampe ohne weitere Verbrennungen, Schnittwunden oder Quecksilberwolken herauszuziehen. „Jetzt die neue“, sagt er, und sein Knie zittert etwas – ob der Höhe oder mangels Vertrauens in das Gegengewicht des Schichtleiters, muss unklar bleiben. „Ach Du kacke, wo sind denn neue?“ fragt dieser. Die Pflasterkollegin mutmaßt, dass Katrin das wissen müsse. Katrin ist im Moment die einzige noch arbeitende Kollegin und bedient gerade jemanden am McDrive-Fenster. Also warten. Sobald Katrin frei ist, weiß sie es tatsächlich, kann aber gerade nicht ins Lager, weil ein neuer Kunde anrollt. Die Kollegin mit den Scherben bietet sich an, ins Lager zu gehen und diese dort auch gleich zu entsorgen. „Einer muss hierbleiben, falls Kunden kommen“, entscheidet der Schichtleiter, „ich kann hier ja nicht weg und er“ – er meint den immer stärker zitternden Kollegen am oberen Ende – „auch nicht“. „Ich bin ja noch da“, bringt sich die Pflasterkollegin in Erinnerung. Der Schichtleiter denkt kurz nach. „Das müsste gehen“, entscheidet er schließlich, ganz Schichtleiter. So wird es gemacht. Fünf Minuten später kommt die Kollegin aus dem Lager mit einer herkömmlichen Glühbirne zurück, die mit ihrem Gewinde nicht in den Stecksockel der Energiesparleuchte passt. Das merken die Herren aber erst nach einigen Versuchen, das runde Gewinde in den quadratischen Sockel zu drehen. Also muss die Kollegin erneut ins Lager.

Inzwischen kommen Kunden, ein Pärchen. „Habt ihr schon zu?“ fragt der Mann, weil das gelbe Anti-Rutsch-Schild, die wankende Aluleiter und der Tritthocker eine unüberwindliche Barriere bilden. „Nee, ist offen“, sagt der Schichtleiter, „ihr müsst nur außen rum gehen, durchs ganze Lokal“. „He“, ruft der Kollege von oben zaghaft, denn der Schichtleiter hat sich zur Beantwortung der Frage etwas zu weit vorgelehnt und das Konstrukt gerät bedrohlich ins Wanken. Erschrocken lehnt er sich zurück. Die Kunden gehen brav durchs ganze Lokal – statt einfach über den Hocker zu steigen – und die Kollegin kehrt aus dem Lager zurück. Sie will an diesem Abend offensichtlich den Preis für den intelligentesten Mitarbeiter gewinnen, denn sie hat sicherheitshalber von jedem verfügbaren Leuchtmittel im Lager ein Exemplar mitgebracht – auch wenn das bedeutet, dass sie einen Extraweg in Kauf nimmt, um die nicht passenden zurückzubringen. Es sind dies: drei weitere Glühlampen mit dem selben Sockel, nur in anderen Wattstärken, zwei Glühlampen mit kleinerem Sockel und zwei Energiesparlampen mit quadratischem Stecksockel. Sie werden genau in dieser Reihenfolge und unter zunehmender Resignation durchprobiert: Erst die drei mit dem Drehsockel groß, dann die beiden mit dem Drehsockel klein.

Missmut macht sich breit. Erst bei der ersten Energiesparlampe hellt sich das Gesicht am oberen Ende der Leiter auf: „Hey, die sieht ja aus wie die, die wir rausgenommen haben!“ Der Schichtleiter vergisst vor Freude fast wieder die Balance, doch die Begeisterung ist nur von kurzer Dauer: Die Lampe ist zu klein, passt nicht in den Sockel. „Gib mal die letzte“, sagt der Kollege oben, und es ist kaum noch Hoffnung in seiner Stimme. „Lass gut sein“, sagt der Schichtleiter, „wenn die anderen nicht passen, passt die auch nicht. Wir fragen Chef am Montag“. Doch der Kollege oben riskiert nicht seit 20 Minuten sein Leben und hat vier Pflaster an den Fingern, um jetzt den letzten Strohhalm vorbeischwimmen zu lassen. „Gib schon her“, beharrt er, steckt die Lampe in den Sockel, sie passt – und bleibt dunkel. „Du muss sie tiefer reindrücken“, sagt der Chef. Das tut der Kollege, fasst sie aber wieder am Glas an. Kurzes Leuchten, dann ein Schrei, Scherben, Quecksilberqualm. „Na wenigstens war es die richtige“, sagt die Kollegin mit der Vorliebe fürs Lager, „ich hol noch eine und sag Katrin, sie soll Pflaster bringen.“

Geistesgegenwärtig hat auch der Schichtleiter die Lage analysiert und fordert bei der fünften Kollegin erneut den Lappen an. Auf die Idee, die Lampe am Plastikfuß zu berühren, kommt niemand. Muss auch niemand. Mit vereinten Kräften gelingt es im nächsten Anlauf ganz zufällig. Nach nur einer halben Stunde, sieben Pflastern und mit Hilfe von fünf Kollegen hat die Crew eine Energiesparleuchte gewechselt. „Was für ein Tag“, sagt der Schichtleiter, tief ausatmend. Dann verteilt er die Aufgaben zum Wegräumen von Leiter, Tritthocker, nicht passenden Lampen, Scherben und Pflasterresten. Das gelbe Schild klappt er eigenhändig zusammen.
Was bleibt, ist ein Hauch Quecksilberduft über der Küche.

Veröffentlicht am 10. März 2013

Gloegglich macht besonders glücklich

Dienstag, 2. Dezember 2014

MAZ-Leser testen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt in der „Brandenburger” — und küren einen eindeutigen Sieger

Die Mission: Sie scheuen weder Kater noch Kopfschmerz, weder Sodbrennen noch Schluckauf, sie kennen keine Zimt- und keine Nelkenallergie, sind bereit, sich schlimmstenfalls Magen und Leber zu ruinieren: Acht MAZ-Leser stürzten sich in eines der letzten Abenteuer, das diese Stadt noch zu bieten hat, und tranken sich gnadenlos durch den Weihnachtsmarkt auf der Brandenburger Straße — mit nur einem Ziel: den ultimativ besten Glühwein zu finden.

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Die Teams: Drei Gruppen zu je drei Mitgliedern galt es, aus der Zahl der Bewerber zu filtern, um einen repräsentativen Durchschnitt des Weihnachtsmarktbesuchers abzubilden: Junge und Ältere, Männer und Frauen, Feinschmecker und Vieltrinker. Nur ein Jurymitglied bekam kurz vor Beginn Angst vor der Verantwortung und fehlte. Am Ausgangspunkt, einer Hütte mit einem sprechenden und singenden Elch auf dem Dach (erster Kommentar: „schrecklich!”), trafen sie zusammen, um dann, mit Bewertungsbogen bewaffnet, auszuschwärmen, und die Weine auf Aroma und Temperatur, Originalität und Alkoholgehalt, Preis und Schuss zu testen.

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Das Revier: Um Doppeltests zu vermeiden, ward die Arena in drei Areale unterteilt: Ebert- bis Dortu-Straße, Dortu- bis Elfleinstraße, Elfleinstraße bis Luisenplatz. Das ambitionierte Ziel jedes Testers: Drei bis vier Glühweine die zunächst noch kühle Kehle hinunterrinnen zu lassen.

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Der Start: Die Stimmung ist zunächst noch nüchtern und analytisch. Kritisch posieren die Kritiker auf dem Gruppenbild. Dann geht’s los — zwei Stunden Zeit, dann Manöverkritik unterm Elch.

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Team 1: Die Trinkfesten. Nico Höhne (27) und Bärbel Lubosch (73) — die Gruppe mit der größten Altersdifferenz — steuern zuerst den Stand aus der italienischen Partnerstadt Perugia an. Dort gibt es einen klassischen Glühwein, für 2 Euro, der auf Merlot und Sangiovese beruht und mit einer streng geheimen Gewürzmischung zum Adventsgetränk wird. Als Wirt Domenico Giacomino merkt, dass hier getestet wird, kommt er aus seiner Hütte und instruiert die Tester, wie es wohl nur Italiener tun: Worauf sie beim Trinken zu achten haben, welche Aromen herauszuschmecken sind. Die Styroporbecher, in denen der Wein kommt, erregen erstmal kein Wohlwollen, halten das Getränk aber immerhin lange heiß. Nico Höhne stellt seine noch jugendliche Leber unter Beweis und ordert alle Weine konsequent „mit Schuss” (+1 Euro) — er hat die Wahl zwischen Limoncello und Sambuca und entscheidet sich für den Zitronenlikör. Das tut dem Wein durchaus gut, befindet er, seinem Geschmack entspricht es aber nicht.

Station 2 ist der Stand des Restaurants „La Madeleine”, wo ein Beaujolais, verfeinert um eine ebenfalls geheime Würzmischung des Chefkochs, in Tassen gereicht wird. Nico Höhnes Schuss ist in diesem Fall ein Rum, den Amaretto lässt er nach der schlechten Erfahrung mit Likören links liegen — „macht den Wein noch süßer”. Bärbel Lubosch aber ist begeistert, „ein klassischer Glühwein auf hohem Niveau”. Die Gruppe zieht weiter — sie wird am Ende die einzige sein, die vier (Lubosch) und fünf (Höhne) Weine getestet hat: „Wir verfügen eben über die perfekte Mischung aus Erfahrung und Gesundheit”, kommentieren sie trocken.

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Team 2: Die Experimentierfreudigen. Antje Schäfer und Peter Gotthardt (49) kommen als Paar. Gotthardt misst 2,06 Meter, er ist im Gewühl jederzeit zu finden. „Da passt viel rein”, scherzt Burkhard Otte (70), der mit Abstand bestaufgelegte Tester. Unermüdlich reiht der Stahnsdorfer Scherz an Scherz, wohl wissend, dass ihn am Ende seine Tochter nach Hause chauffieren wird. Alle drei testen konsequent drei verschiedene Weine, sodass sie am Ende neun Buden auf ihren Bögen haben — und ein breites Spektrum von Schlehen-, Holunder-, Kirsch-, Heidelbeer-, und Apfel-Zimt-Glühwein im Magen. Es ist die einzige Gruppe, die sich in den Sperlingshof wagt, wo es einen Glühwein mit Doppelschuss für zwei Euro gibt. Der ist im Preis-Dröhnungsverhältnis ungeschlagen, schmeckt aber nur „naja” und kommt lau im kleinen Becher. „Für Leute, die den Geschenkekauf hassen, aber günstig Mut tanken wollen”, sagt Otte. Peter Gotthardt, der ihn trank, belässt es bei einem angedeuteten Aufstoßen. So richtig begeistert ist die Gruppe nirgends, lediglich der Grüne Kobold, ein Weißwein mit Minze und Waldmeister, bekommt Bestnoten. Ein Flammkuchenstand kurz vor dem Luisenplatz serviert indes den Verlierer dieses Tests: Einen muffig riechenden, faden, lauwarmen Wein ohne spürbaren Alkohol. Für diese „Qualität” ist der Preis von 2,50 Euro „stolz”, vermerkt Otte.

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Team 3: Die Kritischen. Barbara Seiwert (63) war früher selbst Innenstadt-Händlerin und hatte auch einen Weihnachtsmarkt-Stand . Sie blickt mit dem kühlen, kritischen Blick der Geschäftsfrau in die Tasse und auf den Tresen, bewertet Freundlichkeit, Beratung, Sitzgelegenheiten, Regenschutz und sonstige Details akribisch, macht gar Verbesserungsvorschläge wie den, die Tassen vorzuwärmen. Ihr Begleiter Uwe Trotte (63) ist dagegen recht still, dafür aber unerbittlich in seinem Urteil. Komplettiert werden die Kritischen von Gerd Hampel (40), der hinter sehr jovialem Auftreten einen unbestechlichen Gaumen verbirgt. Blumes Glühweinhütte, wo die drei zunächst einen Glühwein mit Bacardikirschen bestellen, bekommt ein differenziertes Urteil im Mittelfeld: Geschmacklich alles okay, aber die kalten Kirschen und die kalten Tassen lassen den ansonsten guten Wein zu schnell erkalten. Besser ergeht es dem Stand „Zur Feuerzangenbowle”, wo die Kritischen einen weißen Apfel-Zimt-Glühwein ordern. Er gefällt ihnen sehr gut, auch der gesamte Stand erhält gute Noten. Doch er verblasst vor dem Gesamtsieger, dem „Gloegglich”-Stand des Lakritzkontors. Hier gibt es fast nur Lob: Super Geschmack, eine Riesenauswahl an „Schüssen” (Barbara Seiwert wählt Schokoladenwodka), Rosinen und Mandeln kostenlos nach Bedarf, gute Beratung — selbst die Kritischen vergeben hier durchweg Bestnoten.

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Die Manöverkritik: Eine deutlich munterere, redseligere Gruppe trifft unter dem Elch wieder zusammen, der plötzlich so schrecklich gar nicht mehr ist. Erfahrungen werden ausgetauscht, Empfehlungen gegeben. Nico Höhne findet, eigentlich könne man doch noch eine Abschlussrunde nehmen, jetzt, wo’s so gemütlich sei. Geschäftsfrau Barbara Seiwert überschlägt das Restbudget — alle haben gut gewirtschaftet — und befindet: müsste reichen! Der vierte Glühwein für die Tester (Nummer fünf und sechs für die Trinkfesten) trinkt sich wie von allein in der Euphorie. Alle sind nach des Testens Mühe gelöst, aber geistig wie körperlich in denkbar bester Verfassung: kein Schwanken, kein Lallen. Über Sieger und Verlierer gibt es dennoch keine Zweifel: Gloegglich und Kobold, keine Frage. Kurz bevor Burkhard Otte von seiner Tochter abgeholt wird, macht jemand noch einen letzten Vorschlag: Vielleicht sollten doch nun alle noch den Testsieger kosten? Er findet rege Zustimmung.

Krampnitz: Streifzug durchs Sperrgebiet

Samstag, 12. Juli 2014

Oberbürgermeister Jann Jakobs lud zur Tour über das marode Kasernenareal — die Vermarktung hat schon begonnen

Krampnitz — Sie haben immer etwas von „Klassenfahrt mit Beigeordneten”, die Oberbürgermeisterspaziergänge — es werden nicht nur Vorhaben präsentiert, seien sie nun kurz vor dem Beginn oder kurz nach dem Abschluss, es wird sich auch mal locker gemacht. Lockerer zumindest als in Sitzungen, so locker, wie sich Verwaltung halt „locker” vorstellt. Von dieser Regel bildete auch die gestrige Tour durch die Kaserne Krampnitz keine Ausnahme.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) erschien mit verspiegelter Sonnenbrille, in der Baudezernent Matthias Klipp (Grüne) den Sitz seiner Frisur prüfte. Bürgermeister Burkhard Exner (SPD) kam im Bus zwischen zwei Journalistinnen zu sitzen und fühlte sich „von der vierten Gewalt in die Mangel genommen”. Der OB dozierte während der Fahrt und aus dem Radio bat Madonna flehentlich „Papa don’t preach”. Dann waren alle erstens das erste Mal durchgeschwitzt, da die Klimaanlage nur den OB kühlte und zweitens in Krampnitz angekommen.

Mittels einer Entwicklungsmaßnahme will die Stadt das 125 Hektar große Areal in ein Wohngebiet verwandeln, um dem stetigen Zustrom von Einwohnern — derzeit etwa 1500 pro Jahr — Herr zu werden. In rund 1600 Wohnungen werden 3800 Menschen ein Zuhause finden. Da die Flächen noch dem Land gehören, war auch Daniela Trochowski, Staatssekretärin im Finanzministerium, mit dabei. Die Flächen seien noch nicht an die Stadt übertragen worden, weil das Land noch im Rechtsstreit mit der TG Potsdam liege, die gern einige Filetstückchen das Areals hätte, weil sie dereinst eine Kaufoption abschloss, sagte sie (siehe Infokasten). Diese Option hat nach Auffassung des Landes aber keinen Bestand, nichtsdestotrotz klagt sich die TGP durch alle Instanzen. Der Kampf ist aussichtslos, denn selbst wenn sie gewönne, würde die Stadt sie dank der Entwicklungsmaßnahme sofort enteignen. Der Rechtsstreit dürfte schon jetzt teurer sein als die mögliche Entschädigung bei Enteignung, schätzten sowohl die Stadtbauexperten als auch das Land, aber offenbar kämpfe die TGP aus Prinzip.

Die eigentliche Tour startete dann an der Ketziner Straße, wo denkmalgeschützte Zweigeschosser stehen, die für je vier Familien erbaut wurden. Hier will die Stadt über ihren Entwicklungsträger zuerst an die Erschließung und Vermarktung gehen, denn Denkmal-Immobilien sind stark nachgefragt, weil die Restaurierungskosten von der Steuer abgesetzt werden können. „Der Andrang ist sehr groß”, sagte Bert Nicke, Geschäftsführer des zuständigen Entwicklungsträgers Potsdam (ETP), einer Stadttochter. Der ETP erschließt das Gebiet, reißt ab, baut Straßen und zieht Leitungen und verkauft dann die Flächen unter Vorgaben an Investoren — genau nach dem Vorbild des viel größeren Bornstedter Feldes. Nur die Originalbauten aus den 1930er Jahren wie Turm, Casino, Heizhaus, Stabsgebäude und Fähnrichsheim sowie T-förmige Bauten bleiben erhalten, die in den 1970er Jahren von der Sowjetarmee errichteten Plattenbauten hingegen komplett abgerissen, um neuen Angerdörfern Platz zu machen. Über viele Details wie Zuwegung, Tramtrasse, Platzierung der Angerdörfer und vieles mehr werden im Zuge der Entwicklung Wettbewerbe entscheiden. Klar ist nur, dass Anfang 2015 erste Baumaßnahmen geplant sind und die Vermarktung schon läuft.

Dass die Nachfrage trotz fünf Kilometern Entfernung zur Innenstadt so groß ist, liegt laut Nicke auch daran, dass das Areal an zwei Seen liegt und an die Döberitzer Heide grenzt. Es sei ruhig, naturnah und damit familientauglich. Seit im Mai die Kommunalaufsicht grünes Licht für die Entwicklungsmaßnahme gab, arbeiten Stadt und ETB emsig an Plänen, Wettbewerben und Vermarktung.

Nach soviel Information blühte dann wieder der Flachs: Auf dem ehemaligen Exerzierplatz stellte sich Jann Jakobs auf den Kommandostand und sein Baudezernent, ganz gegen sonstige Gewohnheit, salutierte vor ihm. Der ETP sei für die Maßnahme angetreten und kampfbereit. Lächelnd nahm Jakobs das Defilee der Zuständigen ab. Danach durften alle noch einen Blick in die teils sehr maroden historischen Gebäude werfen, um sich von der Größe der Aufgabe zu überzeugen, bevor es bei einer Tasse Kaffee — die Pressestelle wollte auch humorvoll sein und servierte „Jacobs Krönung” — wieder schwitzend zurück in die verstopfte Innenstadt ging. „Tja”, sagte ein Verantwortlicher, während die Karawane im Stau stand, „für den Verkehr gen Norden müssen wir uns wohl auch noch was einfallen lassen.” Da war es plötzlich ganz ruhig im Wagen. Selbst Madonna schwieg.

Eine gespaltene Stadt

Samstag, 21. Juni 2014

Potsdam vor der Wahl: Alles wächst und gedeiht, aber die Menschen finden nicht so recht zueinander

Potsdam — Ein schöner Maitag in der Landeshauptstadt. Die Sonne scheint, der Bauminister ist da, Hunderte Kinder jubeln, kreischen, spielen, toben. Der Konrad-Wolf-Park im Stadtteil Drewitz wird eingeweiht. Einst eine vierspurige Durchfahrtsstraße zwischen DDR-Platten, in einem Stadtteil, dem drohte, abgehängt zu werden, während in der Mitte alles schön und barock wiederersteht. Doch die Stadt hat gegengesteuert, einen Bundeswettbewerb gewonnen — und damit EU-Fördermittel —, um Drewitz vor der Ghettobildung zu retten, und nach zähen Debatten um Parkplätze und Verkehrsverlagerung mit den Anwohnern einen Kompromiss erzielt. Der Park ist schon vor der Eröffnung bevölkert. Kinder klettern auf Felsen, Paare knutschen auf der Liegewiese, ältere Leute drehen ihre Runde nebst Dackel direkt vor der Haustür. Idylle pur. Eigentlich.

Doch das Einweihungskomitee aus Politikern, Baudezernent und Landesminister schafft keine Runde durch den Park, ohne kritisch angesprochen zu werden. „Na, ist das nicht schön geworden?” fragt der Minister leutselig, und jedesmal bekommt er ein „Jaja, aber . . .” zu hören. Aber da hinten fehlt noch ein Stein, aber da vorne ist es gefährlich, aber die Mutter muss vorübergehend umziehen, weil alle Platten energetisch saniert werden, ohne dass die Miete steigt. „Das ist so typisch Potsdam”, sagt Dana Stachura, Referentin im Rathaus. Sie ist neu in der Landeshauptstadt. Vorher war sie in Dresden. „In Dresden”, sagt Stachura, „wird vorher auch gemeckert, aber hinterher ist man stolz.”

Von diesem Status ist man in Potsdam weit entfernt. Obgleich sich nach der letzten Kommunalwahl sämtliche bürgerlichen Parteien — SPD, CDU, Grüne und FDP — zu einer Rathauskooperation zusammenschlossen um der Linken als stärkster Fraktion Paroli bieten zu können. Obwohl sie den Stadtschlosswiederaufbau und die berühmten Palazzi an der Alten Fahrt durchsetzen konnten, sodass am Ende einer der schönsten Plätze Europas wiedererstehen wird. Obwohl die Stadt Mäzene hat wie den SAP-Gründer Hasso Plattner (spendete mehr als 20 Millionen für Schlossfassade und Kupferdach) und den TV-Moderator Günther Jauch (spendete Millionen für das Fortunaportal und für das Kinderhilfswerk „Die Arche”), bleibt sie tief gespalten.

Die Kampflinien laufen entlang der Stadtteile. Die Innenstadt und alles rund ums Weltkulturerbe oder mit Blick aufs Wasser ist von reichen Zuzüglern in Besitz genommen worden, die Ur-Potsdamer sind in die Plattenbaugebiete verdrängt oder gleich nach Berlin gezogen. Potsdam hat Zuzug ohne Ende, um 2000 Menschen wächst die Stadt jährlich, während der Rest Brandenburgs immer dünner wird. Potsdam ist die kinderfreundlichste Stadt Deutschlands, hat die besten Taxis, das beste Parkhaus und demnächst wohl auch die besten Radwege, aber das Klagen hört nicht auf. Statt sich des Zuzugs zu erfreuen, stöhnt der Potsdamer Politiker gern über die immensen Kosten für Kitas, Schulen, Straßen, neue Wohnungen, die nun entstehen müssen. Er stöhnt über immer verstopftere Straßen und zu wenig öffentlichen Nahverkehr in den Norden.

Norden ist die einzige Richtung, in die sich die Insel Potsdam noch ausdehnen kann. Die Alternative, die sogenannte Nachverdichtung, also das Füllen von Lücken in der Kernstadt, wo schon alles erschlossen ist, kommt in absehbarer Zeit an ihre Grenzen. Der Elmshorner Immobilienkonzern Semmelhaack hat rund um den Hauptbahnhof unglaublich viele kleine Wohnungen auf unglaublich engstem Raum gestapelt, doch sie werden ihm aus den Händen gerissen. Und er baut jeden weiteren Fleck auf dem Areal zu, sodass die Potsdamer schon scherzen, es gebe neben der Nauener, Brandenburger, Templiner, Teltower und Jägervorstadt wohl bald auch eine Semmelhaack-Vorstadt. Gleichzeitig stampft das Unternehmen auch in den Nordgemeinden in den nächsten Jahren 11 00 Wohnungen aus dem Boden.

Mietwohnungen von unter zehn Euro je Quadratmeter sind kaum zu bekommen. Potsdam ist das München des Ostens geworden, und für Eigentumswohnungen sind Preise von 4000 Euro je Quadratmeter inzwischen normal — und das ohne gute Verkehrsanbindung oder Weltkulturerbenähe. Kommt die oder gar ein Wasserblick hinzu, dürfen es auch schon mal 5500 Euro für den Quadratmeter sein. Man gönnt sich ja sonst nichts — und in Potsdam ist in der Regel jede Wohnung verkauft, bevor der erste Spatenstich erfolgt ist.

Die Stadtentwicklung ist es dann auch, an der sich die Konflikte am stärksten manifestieren: Zwischen jenen, die das alte Potsdam wiedererstehen lassen wollen und jenen, die mit jedem Abriss ihre DDR-Indentität verschwinden sehen. Und so wird auch gewählt in Potsdam. Jedenfalls bisher, eine Trendumkehr zeichnet sich nicht ab. Eigentlich hätte Potsdam mit den vielen zugezogenen jungen, gutverdienenden Familien ein enormes Potenzial an Grünen-Wählern, doch die Grünen bleiben klein, weil sie fürs Pflaster und historische Bauten streiten und sich sonst für Ökologie und andere grüne Kernthemen nur am Rande interessieren. Eigentlich müsste Potsdam mit den ganzen wohlbetuchten Villenbesitzern an den Seen eine starke CDU-Fraktion zusammenbekommen, doch deren Kreisverband ist, schlimmer noch als im Land, so zerstritten, dass sie den meisten als unwählbar gilt. Also wird regelmäßig die Linke stärkste Kraft, dicht gefolgt von der SPD. Doch was auf Landesebene geht, ist in Potsdam unwahrscheinlich: Für Rot-Rot sind die Wunden, die sich beide Fraktionen in den Jahren geschlagen haben, zu tief. Da müsste schon viel geschehen, sollte sich das nach der Wahl ändern.

Wahrscheinlicher ist, dass freie Wählergruppen wie das Bürgerbündnis mit gut gefüllter Kriegskasse — dank eines Immobilienunternehmers an der Spitze — deutlich zweistellige Wahlergebnisse erzielen werden. Spannend wird dann, wie das alles zusammenpasst im Sitzungssaal des sanierungsbedürftigen Rathauses, auf den Fluren und in den Fraktionsräumen .

Eines aber ist sicher: Potsdam wird kein Dresden. Es wird nicht nur vorher gemeckert und nachher stolz gezeigt. Es wird immer gemeckert.

Zwischen alten und neuen Mauern

Freitag, 12. Oktober 2012

„Mercure“-Statiker und Fotograf Herbert Posmyk hat einen Bilderschatz im Keller und einen Erinnerungsschatz im Kopf

Er war DDR-Stadtplaner und kämpfte gegen die Sprengung des Stadt- Schlosses. Die Statik des Hotel Mercure ist sein Hauptwerk, dennoch plädiert er für den Abriss. Posmyk passt in keine Schublade außer einer: unerschütterlicher Potsdam-Freund.

Als die Männer von der Kampfgruppe einmarschierten, wusste Herbert Posmyk, dass dies keine Fachdebatte werden würde. Immer abwechselnd einer mit Fahne, einer mit Kalaschnikow zogen die Uniformierten in den Saal im Rat des Bezirkes ein, wo eine Aussprache angesetzt war, die – so dachte Posmyk – nur eine baufachliche Frage klären sollte. „Ich war halt jung und naiv, noch keine 30 Jahre alt“, sagt der heute 83-Jährige und lächelt altersweise. Mit 14 weiteren Kollegen vom VEB Hochbauprojektierung Brandenburg hatte Posmyk sich 1959 dafür in die Bresche geworfen, das kriegszerstörte Stadtschloss nicht abzureißen. „Für uns war das keine ideologische Frage, sondern eine städtebauliche“, sagt er.
Zwei Gutachten zum Erhalt hatten er und die Kollegen unaufgefordert erstellt und dem Rat der Stadt vorgelegt, doch blieb das ohne Reaktion. Nun sollte der Abriss beginnen, und Posmyk und seine Mitstreiter hatten einen letzten Rettungsversuch gewagt: Sie schickten sechs Telegramme und baten um Hilfe: drei aus Potsdam an DDR-Staatspräsident Wilhelm Pieck, den Rat des Bezirks und die Bau-Akademie, drei über Posmyks Bruder aus Westberlin an die Akademie der Wissenschaften Moskau, die Akademie der Künste in Paris und den ehemaligen französischen Außenminister Georges Bidault, weil der beim Potsdamer Abkommen 1945 die Schlossruine besichtigt hatte und schwer beeindruckt war.
Kurz darauf fanden sie sich zur Aussprache verdonnert, von Kampfgruppen flankiert. Drei Stunden saß man so zusammen, ein Gespräch war es eher nicht. „Ich untersage jegliche Diskussion über das Stadtschloss“, sagte der Vorsitzende, „sonst finde ich Mittel und Wege, Sie zum Schweigen zu bringen“. Dieser Satz, sagt Posmyk, habe sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Verstehen konnte er es immer noch nicht. „Wir waren gar keine Rebellen, nur eine fachliche Opposition“. Als Strafmaßnahme sollten die 15 abtrünnigen Baufachleute bei den Absperrungen zur Sprengung des Schlosses helfen und das Publikum fernhalten. „Von uns ist aber niemand hingegangen“, sagt Posmyk, „obwohl das ein Affront ersten Ranges war.“
In die Stadtschlossruine verliebte sich der junge Bauingenieur, als er 1953 nach Maurerlehre, Arbeiter- und Bauernfakultät in Halle und Ingenieursstudium in Cottbus nach Potsdam kam. Vor allem der Schlosshof erschien dem 24-Jährigen wie eine andere Welt: Die Säulen und Fragmente, Teile des Figurenschmucks, diese riesige Ruine, teils mit Brennnesseln überwuchert, „dort konnte ich gut abschalten, fühlte mich manchentags wie auf einer Agora in Griechenland, es war traurig, es war romantisch, und erst hinter den Resten des Fortunaportals tobte wieder das Leben“.
Zugleich beunruhigten ihn Gerüchte, die Partei wolle die Ruine sprengen, weil sie einen Aufmarschplatz brauche. Im 300 Mann starken Hochbau-VEB blieben solche Pläne nicht lang geheim. Also sann Herbert Posmyk darauf, wenigstens die Stimmungen zu erhalten.
Als begeisterter Hobbyfotograf griff er zu seiner „Exakta Varex IIa“, auf die er ein halbes Jahr gespart hatte – 1200 Ostmark waren ein kleines Vermögen – und seinem geliebten Zeiss-Objektiv und machte mehr als 500 Bilder von der Schlossruine. 300 in Schwarzweiß, die er im Betrieb selbst entwickelte und abzog; 200 auf Farbdias, die er zum Entwickeln direkt zu Orwo nach Wolfen schicken musste – auch das ein teurer Spaß: Zehn Mark kostete ein Film, fünf Mark die Entwicklung, auf die man zwei Wochen wartete. Die Ergebnisse zeigen nicht nur Posmyks Talent für Fotografie, seinen Motivblick, die akribische Belichtungsmessung und seine unermüdliche Suche nach der richtigen Perspektive, sondern auch, dass das Schloss bei weitem nicht so kaputt war, die viele heute annehmen: Zwar waren das Dach komplett eingestürzt und die Innenräume komplett ausgebrannt, doch von den Außenmauern standen mehr als 80 Prozent.
Besser noch als Posmyks Worte beschreiben seine Bilder den morbiden Charme der Ruine. Das haben auch der Stadtschlossverein und die Initiative „Mitteschön“ erkannt, die aus Posmyks Fotoschatz einen Kalender schöpften, aus dessen Erlös sie die Reparatur des originalen Stadtschloss-Figurenschmucks finanzieren wollen. Das Interesse an seinen Bildern und die professionelle Aufarbeitung für den großformatigen Kalender machen Herbert Posmyk, der dem Fotohobby zeitlebens treu blieb und auch den Umstieg aufs Digitale sofort mitmachte, glücklich. Dennoch ist er kein Wiederaufbau-Fetischist, wie er betont. Wie schon bei der Frage um den Stadtschloss-Abriss bemüht sich Posmyk um den Blick aufs Gesamte. Das Hotel Mercure etwa habe nach dem Schlossaufbau keinen Platz mehr in der Innenstadt, sagt er.
Ein Satz, der ihn zugleich schmerzt, denn als Chefstatiker für den Bau hat er sechs Monate lang mit dem Rechenschieber die Stabilität des Hauses kalkulierte. „Es war das statische Hauptwerk meines Lebens“, sagt Posmyk, „ein komplexer Bau, auch wenn es nicht so aussieht.“ Obwohl er keinen Platz mehr für den Betonriesen sieht, verletzte es Posmyk doch, dass in der Debatte im Frühjahr TV-Moderator Günther Jauch es „Notdurftarchitektur“ und Schauspielerin Nadja Uhl „verpupst“ nannte.
Als das Leitbautenkonzept für die Innenstadt 2011 diskutiert wurde, wollte Herbert Posmyk sich auch äußern. Als Statiker des Mercure und Projektierer der Staudenhofplatte galt er aber von vornherein als Ewiggestriger, kam kaum zu Wort. Auch das tat ihm, dem Stadtschlossfreund, weh. „Da war wieder keine fachliche Debatte möglich“, sagt er. „Immerhin kamen keine Kampfgruppen.“

(Erschienen am 13.10.2012)

Schaulust und Seitenhiebe

Samstag, 15. September 2012

Fasziniert von Fußballfotos, angeraunzt von Ortsvorstehern: Die Stadt lud zur 65. Stadtwanderung

Es ging um „Wohnen und Arbeiten“ in Potsdam, aber auch um alten Ärger, neue Entdeckungen und das ganz normale Leben.

Es scheint ihn wirklich zu interessieren. Wer schon einmal Bürgermeister, Minister oder Abgeordnete auf Vor-Ort-Terminen erlebt hat, weiß, wie aufgesetzt das wirken kann – das gedehnte „Lecker!“ beim zwölften Gürkchen auf dem Messerundgang und das fünfte gepresste „Schön haben Sie’s hier“ im Wähler-Wohnzimmer beim Stadtteilrundgang lässt selbst Berufspolitiker mit allumfassendem Bürger-Umarmungs-Drang nicht mehr sonderlich überzeugend wirken. Jann Jakobs dagegen ist entweder sehr breit interessiert oder ein unglaublich begabter Schauspieler. Der Oberbürgermeister steht beim Tischler Gänserich in Fahrland und interessiert sich für Schleifbänke und Spanabsauganlagen, als hinge seine Leben davon ab. Er entdeckt den alten Ofen zum Veredeln von Spanplatten in der Ecke der Werkhalle, den selbst der Chef schon halb vergessen hatte.
Dass selbst das noch steigerbar ist, lernen selbst seine zur Mitreise verpflichteten Beigeordneten im Dachgeschoss von Ralf Grengel. Grengel gehört die „Powerplay Medienholding“, er hat vor zehn Jahren sein Zehn-Mann-Unternehmen und den Familienwohnsitz in eine Villa mit Seeblick verlegt und steuert von dort ein Unternehmen, das die Herzen von Sportfans höher schlagen lässt: Er schreibt Bücher mit, für und über Athleten wie Katarina Witt, Claudia Pechstein und Graciano Rocchigiani, erstellt das Stadionmagazin für Hertha BSC und hält das größte historische Sportfotoarchiv unter seiner Ägide. Jakobs betritt das Büro und ist sofort verzaubert, als er an den Wänden ein großes Foto von der einzigen Saison Franz Beckenbauers beim Hamburger Sportverein entdeckt und eines, auf dem Fritz Walter das Bundesverdienstkreuz von einem seltsam jugendlichen Helmut Kohl bekommt. Auf einem extra Ständer steht die 50 mal 75 Zentimeter große, in Holz und Leder gebundene Edelchronik des FC Bayern, 25 Kilo schwer, 3000 Euro teuer und für 1444 Euro Aufpreis mit einem Bild der „Jahrhundertelf des Vereins“ versehen: einer Fotomontage der besten Spieler der Vereinsgeschichte in einer Mannschaft. Jakobs erkennt sie alle, auf Anhieb, Ralf Grengel ist begeistert, die Kultur- und Sportdezernentin Iris Jana Magdowski applaudiert, der Rest des Trosses schweigt andächtig. Als Jakobs dann noch erfährt, dass der Macher und Sportgeschichtsfanatiker Grengel alle Jahrgänge der Fachzeitschrift „Kicker“ seit 1936 im Keller hat, ist es fast um seine Selbstbeherrschung geschehen. Mitarbeiter müssen Jakobs zaghaft aber bestimmt daran erinnern, dass weitere Termine warten.
Es geht um „Wohnen und Arbeiten in Potsdam“ bei der vierten Stadtwanderung in diesem Jahr. Insgesamt ist es bereits die 65., und Jakobs ist der einzige, der bei allen dabei war. Alles beginnt in Groß Glienicke, wo Ortsvorsteher Franz Blaser Jakobs und den Beigeordneten die Pläne für ein Nahversorgungszentrum und Wohnungen am Kreisverkehr vorstellt. Ein Rewe-Markt, eine Drogeriefiliale, ein Bekleidungsgeschäft und ein Tierfutteranbieter sollen dort den existierenden Discounter auf der anderen Straßenseite ergänzen und die Versorgung sichern, falls der kleine Laden im Seecenter 2014 die Pforten schließt. Außerdem entstehen – hauptsächlich nördlich der Potsdamer Chaussee – 70 bis 100 Wohnungen in Einzelhäusern und im Geschosswohnungsbau, die Stadt kümmert sich um die Erschließung. Der nötige Bebauungsplan ist noch im Werden, Erik Wolfram vom Bauamt zeigte sich aber optimistisch, dass schon im nächsten Jahr die ersten Spaten in die Erde gestochen werden. Für Franz Blaser ist das eine „dringend nötige städtebauliche Abrundung“ des Ortes, nur Ortsbeiratsmitglied Andreas Menzel (Grüne), erklärter Gegner des Projekts, murrt vernehmlich, wofür ihn Blaser anraunzt. Die Kulturdezernentin hatte Menzel bereits mit „Was will denn die Promenadenmischung hier?“ begrüßt und dabei offen gelassen, ob sie Menzel oder dessen mitgebrachten Hund meinte. „Das ist ein ungarischer Mudi“, gab der ungerührt zurück.
Angeraunzt wurde der Stadtwanderungs-Trupp auch von Fahrlands Ortsbürgermeister Claus Wartenberg, der nicht nur wegen der oberbürgermeisterlichen Fußballfaszination wartengelassen wurde, sondern auch sauer ist, dass der Bauherr Semmelhaack in seinem Ort zwar Hunderte Wohnungen gebaut hat und weitere 450 ab dem nächsten Jahr bauen will, „aber die versprochene Infrastruktur nicht herstellt“. Speziell beklagen die Fahrländer das Fehlen eines Arztes und einer Apotheke – erst recht, wenn der Ort demnächst um weitere 1000 Anwohner anschwillt. Die Stadt und Semmelhaack-Vertreter Berko Dibowski betonen daraufhin erneut, dass man keinen Arzt und Apotheker zur Ansiedlung zwingen könne, was Wartenberg noch eine Spur wütender macht: „Diese Ausreden höre ich schon seit fünf Jahren.“ Ihm entgleiten endgültig die Gesichtszüge, als der Trupp nach wenigen Minuten wieder aufbricht, um die beim Fußballfachsimpeln verlorene Zeit aufzuholen.
In Bornim wird am Hügelweg die letzte Freifläche ab nächstem Jahr mit 200 Wohnungen in 40 Häusern bebaut, die Erschließung hat schon begonnen. Erik Wolfram schafft es, das in drei Minuten zu erläutern, exakt eine Oberbürgermeisterzigarettenlänge, dann geht’s zum Schlusspunkt, der Semmelhaack-Siedlung am Krongut Bornstedt. 114 Häuser habe man dort gebaut, sagt Berko Dibowski, seit 2007, nun sei alles so gut wie fertig. Der Bau zog sich, weil das Grundwasser Probleme machte, auch der Verkauf lief schleppend, nun vermietet Semmelhaack einen großen Teil der Häuser. „Das läuft viel besser“, sagt er. „Die sehen alle gleich aus“, bemängelt jemand aus der zweiten Reihe. „Die haben verschiedene Farben“, wendet Dibowski ein.
Ansonsten ist auch diese 65. Stadtwanderung die bewährte Mischung aus „Wir schauen uns auch mal vor Ort an, worüber wir sonst in Sitzungen nur hören“ und Betriebsausflug. Der Baudezernent fehlt, was allgemeinen Unmut hervorruft, der Finanzdezernent sagt kein Wort und ist auf sein Handy konzentriert, die Kulturdezernentin stellt am Ortsschild von Groß Glienicke erschreckt fest, dass das ja „am Arsch der Welt“ liege und die Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger juchzt auf einer Fahrländer Brache, als ihr Handy ihr meldet, dass sie soeben zum fünften Mal Oma geworden ist. Das ganz normale, pralle Leben halt.

Erschienen am 15.09.2012

Broschüren statt Bußgeld

Dienstag, 22. Mai 2012

Stadt, Polizei und Behindertenbeirat erinnerten Radler in Babelsberg daran, dass Gehwege für sie tabu sind

Dutzende Radfahrer erwischte ein Infoteam gestern Nachmittag in nur zwei Stunden auf Babelsberger Gehwegen.

Der Absprung ist so schnell und elegant, dass mancher Stuntman vor Neid erblassen würde, das Gesicht danach die reine Unschuld. Binnen Sekundenbruchteilen hat die junge Frau ein Schaufenster im Blick, schiebt das Rad nun, als habe sie seit Stunden nichts anderes getan. Polizeiobermeister Hans-Thomas Christ lässt sie dennoch nicht vorbei. Charmant, aber bestimmt, weist er sie darauf hin, dass sie doch eben auf dem Gehweg geradelt sei. „Waaaas?“ Entsetzter Blick aus grünen Augen. Nein, da müsse er sich verguckt haben. Erst als Christ erklärt, dass er nur aufklären möchte und nicht etwa fünf Euro Bußgeld kassieren, bekommt er ein Geständnis.
So geht es gestern Nachmittag zwei Stunden lang. Die Stadt, der Fahrradclub ADFC, der Behindertenbeirat und die Polizei haben sich zusammengetan, um etwas gegen das Radlerunwesen auf Gehwegen zu tun. Statt Knöllchen verteilen sie Broschüren mit der Aufschrift „Rücksicht kommt an“. Schwerpunkte der Kontrolle sind der Weg vor dem Thalia-Kino und die Mündung der Schornsteinfegergasse auf die Karl-Liebknecht-Straße.
Dass die meisten Radler durchaus wissen, dass sie etwas Verbotenes tun, beweist der Umstand, das 80 Prozent der Gehsteigradler hastig abspringen, wenn sie der Polizei oder auch nur der gelben Warnwesten des Infoteams ansichtig werden. Manche wechseln auch schleunigst die Straßenseite oder müssen plötzlich eiligst etwas im nächsten Geschäft erledigen. Bar jeden Schuldbewusstseins sind hingegen zwei 14-Jährige, die munter auf die Streife zuradeln und erwartungsvoll schauen, was man von ihnen wolle. Sie zeigen sich danach mustergültig einsichtig und sagen sogar „danke“, bevor sie weiter schieben.
So gute Erfahrungen macht Stefanie Seidel eher selten. Sie ist blind, und Radler auf Gehwegen sind für sie ein fast schon existenzielles Problem. „Wenn ich aus dem Weg geklingelt werde und mich schnell zur Seite drehe, verliere ich regelmäßig die Orientierung“, erzählt sie. Selbst wenn sie nur fünf Minuten von Zuhause entfernt sei, verlaufe sie sich dann oft so gründlich, dass sie erst nach einer Stunde wieder den Weg zurück finde. Und viele Gehwegrowdys seien zudem auch noch unfreundlich oder machten sich über sie lustig. Der Aktionstag ist Stefanie Seidel daher ein Herzensbedürfnis, was man ihr anmerkt, wenn sie mit den Erwischten spricht. Seidel wohnt in der Brandenburger Vorstadt, wo es besonders schlimm sei, weil die engen Gehwege auch noch mit parkenden Rädern zugestellt würden. Auch Rollstuhlfahrer kämen da oft kaum durch.
Angesichts der geballten Menschenmenge, der Polizei und der Presse gibt es kaum jemanden, der an diesem Nachmittag nicht Einsicht zeigt oder heuchelt. „Was die Leute allerdings ab der nächsten Ecke tun, darüber sollten wir uns nicht zuviele Illusionen machen“, sagt ein Polizist. Die Gründe für die Fehlfahrten sich vielschichtig: Einer sagt, das Fahren auf dem Kopfsteinpflaster schade seinen Bandscheiben, andere empfinden die Fahrbahn auf der Karl-Liebknecht-Straße als zu gefährlich, weil dauernd Autos ein- und ausparken. Das noch größte Verständnis haben die Polizisten, wenn Eltern ihre Kinder – bis zehn Jahre dürfen die auf dem Gehweg fahren – auch auf dem Gehweg begleiten. Verboten ist es dennoch, und die Ermahnung hilft. Meistens. Nur ein Vater fährt aus der Haut. „Wenn jetzt etwas passiert, mache ich Sie verantwortlich“, ruft er, und fährt schlicht weiter. Da hätte dann wohl doch eher ein Knöllchen geholfen. Die Broschüre lässt er demonstrativ liegen.

Erschienen am 22.05.2012

Viele Besucher, viele Fragen

Montag, 14. Mai 2012

Der Andrang beim Tag der offenen Baustelle im Stadtschloss ebbte zu keiner Zeit ab

Schauen, Staunen, Fragen stellen: ein Rundgang mit einer schloss-skeptischen Besucherin.

Während Martin Richter Löcher in den Sandstein schlägt, fragt ihm Else Hoyer welche in den Bauch. Der Steinmetz der sächsischen Sandsteinwerke befreit mit Beitel und Knüpfel eine von 1000 Palmetten fürs Stadtschloss aus dem Reinhardtsdorfer Sandstein, die 78-Jährige Besucherin hingegen legt ihrer Neugier im Schlosshof keine Fesseln an. Wie lange er für eine Palmette brauche? Elf Stunden. Wieso er keine Schablone benutze? Weil er nach der 100. Palmette die Form fest im Kopf hat. Was passiert, wenn er mal zuviel abschlägt? Dann gibt es „Middel und Wege“, sagt Martin Richter mit seinem sächsischen Akzent trocken. Ob er nicht eigentlich eine Schutzbrille tragen müsse? Müsse er, und eine Gesichtsmaske, aber dies sei nun mal ein Tag der offenen Tür und er wolle allen Interessierten zeigen, wie die Palmetten entstünden. Mit Maske ließen sich nur schwer die ganzen Fragen beantworten.
„Aha“ sagt Else Hoyer und schaut, als leuchte ihr wenigstens diese Antwort unmittelbar ein. Sie ist resolut, und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie vom Stadtschloss eigentlich wenig hält. Zwar ist sie vor 13 Jahren „nach der Verrentung“ wegen der Schlösser und Parks aus Chemnitz nach Potsdam gezogen, aber den neuen Landtag im alten Gewand findet sie „affig“. „Unzeitgemäß und affig“, korrigiert sie. Zum Tag der offenen Tür kam sie trotzdem, wie auch 21 500 andere Besucher. Um ihre Vorurteile zu prüfen, wie sie sagt. Und um Experten zu löchern.
Ihr nächstes Opfer ist Sandro Hilmes, beim Baukonzern BAM fürs Kupferdach zuständig. Wie weit das Dach denn nun sei? Im Moment arbeite man am Südflügel, etwa ein Drittel des Daches sei bereits gedeckt. Dann werde man sich auf beiden Seitenflügeln vom Norden nach Süden durchdecken. Wann das denn fertig sei? Bis Oktober, sagt Hilmes, und das müsse es auch, weil Kupfer bei Kälte nicht verlegt werden könne. Was man denn gegen diese Buntmetalldiebe tue? Hilmes lächelt. „Wir haben Tag und Nacht gutes Wachpersonal.“ „Und wenn der Bau fertig ist? Kann ein frecher Dieb das dann nicht vom Dach reißen?“, lässt Else Hoyer nicht locker. Hilmes lächelt breiter und ein wenig angestrengt und sagt: „Das ist eher unwahrscheinlich. Fallrohre und Regenrinnen würden zudem hinter der Fassade verlegt, seien also unerreichbar. So mit Fakten versorgt, geht Else Hoyer zur Bewertung über: Sie finde das Kupfer furchtbar protzig, das glänze wie Gold und sehe bei Sonne „nur großspurig“ aus. Hilmes kann beruhigen. Schon nach zwei Wochen sei der ärgste Glanz vorüber, die Patina brauche allerdings 30 Jahre.
So geht es weiter. Im dichten Besucherstrom durchs Treppenhaus, dessen Ausblick auf Fortunaportal und Nikolaikirchenkuppel Else Hoyer um ein Haar mit dem Schloss versöhnt hätte, am Plenarsaal vorbei („bisschen mickrig für so ein Riesenschloss, finden Sie nicht?“) durch den Ostflügel mit den künftigen Büros, wo Landtagsabgeordnete wie Dieter Dombrowski schon mit dem Zollstock Maß nehmen für die Büroeinrichtung. Die Fragefreudigkeit Else Hoyers ist unermüdlich, doch auf seltsame Weise kreuzen nach gewisser Zeit kaum noch BAM-Mitarbeiter ihren Weg. Sie sind mit Funkgeräten untereinander verbunden. Else Hoyer fragt dann einfach andere Besucher oder stellt sich die Fragen selbst. Nach einer guten Stunde ist der Rundgang beendet. Else Hoyer hat nicht ihren Frieden mit dem Schloss gemacht, sagt sie. Aber sie weiß jetzt eine Menge drüber.

Erschienen am 14.05.2012

Grube in Aufruhr

Dienstag, 27. März 2012

60 Linke, 30 Rechte, 40 Polizisten: Das Dorf als Schauplatz eines Konflikts, der eigentlich nach Berlin gehört

Weil der Vermieter eines Bekleidungsgeschäfts für Rechte in Grube gemeldet ist, kam es dort am Sonntag zu gleich zwei Demonstrationen.

Es gab ein böses Erwachen für Grube an diesem schönen Frühlingssonntag: Von einigen Straßenbäumen baumelten Galgenschlingen, auf Beton und Asphalt waren mit Kreide rechte Parolen geschmiert, Thor-Steinar-Aufkleber verunzierten die Leitplanken. Zwar hatten Ordnungsamt und Polizei das meiste schnell entfernt, doch sahen viele Gruber ihre böse Vorahnung bestätigt: Bereits als in der letzten Woche die Antifa und die Fraktion „Die Andere“ eine Demonstration in dem kleinen Ortsteil angekündigt hatten, um dem Vermieter eines Geschäftes für „rechte“ Bekleidung in Berlin-Weißensee ihren Protest vor die Haustür zu tragen, zeigte sich der Ortsbeirat besorgt, dass damit „politische Auseinandersetzungen“ in die „Privatsphäre“ getragen würden, man fürchtete gar „Straßenschlachten“.
Der Sonntagmorgen war da kein gutes Omen. Klammheimlich waren die Rechten in der Nacht vorgegangen – doch vielleicht nicht taktisch klug. Denn die Polizei reagierte sofort und setzte statt wie geplant ein Dutzend Beamte noch Einheiten der Bereitschaftspolizei ein, so dass am frühen Nachmittag schon 40 Polizisten in dem in der Mittagsruhe dämmernden Dorf standen, als sich rund 30 Rechte am Ortsrand versammelten. Die Polizisten fingen sie ab. Da die Rechten keine Veranstaltung angemeldet hatten, wollte Einsatzleiter Karsten Blöss sie wegschicken, doch die Herren erwiesen sich als geschult und beantragten eine „Eilversammlung“ mit dem Thema „Gegen linke Gewalt“. Der musste Blöss stattgeben, weil das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit höher wiege als die Nicht-Anmeldung, sagte er nachher. Er sorgte aber dafür, dass die Herren am Ortsrand stehen blieben und sicherte das mit einem Dutzend Polizisten ab. Zudem nahm die Polizei von allen die Personalien auf, für den Fall, dass sie Straftaten begehen würden – allein diese Maßnahme dezimierte die Gruppe im Nu auf 20. Auch die mitgebrachten Fahnen und Transparente unterzog die Polizei einer Vorprüfung. Aus einem Kofferraum mit Reichsadler-Bedruck, der statt des Hakenkreuzes aber das Logo einer – natürlich deutschen – Automarke zeigte, holten die Rechten zwei Reichskriegsflaggen und ein Transparent, das dazu aufrief „antifaschistische Strukturen zu zerschlagen“. „Ist leider legal“, sagte trocken dazu der überprüfende Polizist.
Indes waren auch die eigentlichen Demonstranten per Bus angelangt: Hannes Püschel von der „Anderen“ und sieben weitere Mitstreiter, darunter Martin Sonnenburg von der Berliner Initiative „Kein Kiez für Nazis“. „Dann hat sich’s ja gelohnt, dass wir die Demo nicht abgesagt haben“, meinte Püschel trocken mit Blick auf die rechte Front. Sonnenburg indes klärte nochmal über die Gründe auf: Seit einiger Zeit gibt es einen Thor-Steinar-Laden in der Berliner Allee in Berlin-Weißensee. Der Vermieter wohne in Grube, und da man ihn gern bitten würde, den Laden anderweitig zu vermieten, ihn aber nicht erreiche, schaue man nun vorbei, sagt Sonnenburg. Zwar hatte der Ortsbeirat schon recherchiert, dass der Mann zurzeit in Thailand im Urlaub ist, aber Sonnenburg hoffte, die Gruber dazu zu bringen, ihn auf das Problem anzusprechen. In Weißensee habe sich längst eine parteienübergreifende Koalition gebildet, die den Vermieter auffordert, anders zu vermieten, doch bislang sei man noch nicht im Gespräch. Ob der Mann selbst Neonazi sei oder einfach nur Geschäftsmann, der an den Meistbietenden vermiete, konnte Sonnenburg nicht sagen.
Ins Gespräch kamen die Linken, deren Zahl im Laufe des Nachmittags dank Linienbussen und Fahrrädern noch auf 60 anwuchs, aber weder mit Vermieter noch mit den Rechten – die Polizei hielt die Gruppen säuberlich getrennt – noch mit den Grubern. Die standen zwar an Gartentoren, lugten hinter Gardinen vor oder beobachteten das Geschehen in einer größeren Gruppe aus gehörigem Abstand, mochten sich aber nicht zu längeren Meinungsäußerungen hinreißen lassen. „Überflüssig“, „gespenstisch“ und „die sollen uns in Ruhe lassen“ war das einzige, was ihnen an Kommentaren zu entlocken war. Carola Walter, die als einzige vom Ortsbeirat gekommen war, ärgerte sich vor allem über drei Gartenzwerge, die für „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ standen und von den Linken an die Hauptstraße gepflanzt wurden. Das sei „eine völlig überflüssige und deplatzierte Provokation“, sagte sie. Die Demonstranten nahmen die Zwerge darauf hin weg – um sie vor den Rechten erneut aufzupflanzen.

Erschienen am 27.03.2012

Martinsgans mit Meisterköchen

Freitag, 11. November 2011

Kürbisraspel statt Rotkohl, Innereienstrudel und Brüste auf Cranberrys: MAZ-Leser trafen Herdkünstler

Ein Hausrezept für Gans mit Rotkohl und Klößen hat jeder Hobbykoch – doch was machen die Profis? Drei MAZ-
Leserinnen durften es sehen – und probieren.

Der Vorhang hob sich um Punkt 11 Uhr. Die Stars: Alexander Dressel, Sterne-Koch im Bayrischen Haus, Steffen Specker, Küchenchef im hoch dekorierten „Speckers Landhaus“, Steffen Schwarz, Meisterkoch im Dorint-Hotel. In den Nebenrollen: die MAZ-Leserinnen Gabriele Rothe, Karin Briesemann und Brigitte Lüdicke, letztere nebst Lebensgefährten Thomas Weigt. Die Bühne: die Lehrküche des Bayrischen Hauses in der davor gelegenen „Alten Försterei“, ein Traum in Holz und Edelstahl, mit magnetgesteuerten Induktionsherden, Wärmebrücken und sonstiger Hightech. Die Mission: die perfekte Martinsgans. Das Rekrutierungsverfahren: außergewöhnlich. Wer teilnehmen wollte, war aufgerufen, sein liebstes Gänsebratenrezept an die MAZ zu senden. Die drei Sieger waren nicht wenig aufgeregt, den Profis gegenüberzutreten. Was folgte, war ein fröhlicher Schwank in drei Akten, voller Dramatik, mit Blut und Schweiß, aber ohne Tränen.
Zunächst stehen noch alle andächtig um die beiden großen Gänse auf dem blank polierten, perfekt ausgeleuchteten Edelstahl-Küchenblock herum, doch Alexander Dressel lässt keine Ehrfurcht aufkommen. Flugs überbrüht er die Haut der Gans, damit die Marinade besser einzieht, dann verteilt er die Aufgaben: Marinade anrühren, aufwellen lassen, Gans einstreichen. Wer noch nichts zu tun hat, darf Rosenkohl schälen oder Birnen rasieren. Schnell tauen die Damen auf und stellen erste Fragen: Was, wenn ich keinen Champagneressig habe? Dann tut es auch jeder andere helle, milde Essig. Gabriele Rothe bemisst den Honig mit dem Löffel nach Gefühl, statt mit der Waage – großes Gelächter. „Das können wir uns nicht leisten“, kommentiert Dressel trocken. Er lässt mittlerweile die Innereien in einer Pfanne aus, nebst Flügeln und Hals. Die Gans soll auf diesen Innereien thronen, um im Herd besser rundum mit Hitze versorgt zu werden – drei Stunden lang unter Umluft. Dressel prüft regelmäßig die Konsistenz per Fingerdruck, regelt die Temperatur nach, deckt Teile, die zu braun zu werden drohen, mit Alufolie ab.
Auftritt Steffen Specker. Er bereitet einen Strudel mit Gänseklein, rohem Gemüse, Balsamico-Gelee und drei Sorten Kresse. Während er den gefüllten Gänsemagen schön rosa hinbekommt – zum Neid der Damen, bei denen er immer braun wird – philosophiert Specker über die Vor- und Nachteile von Gas- und Induktionsherden und rät am Ende zur Induktion: leichter zu reinigen und heizt die Küche nicht so auf. Die Damen nicken andächtig. „Sie haben zarte Hände“, sagt eine Teilnehmerin anerkennend. „Das kommt vom Gänseschmalz“, gibt Specker zurück. Kollektives Gelächter. Derweil rollt er den fertigen Filloteig aus und die zubereiteten Innereien in denselben ein. Das Blech verschwindet im Ofen. Indes flucht Brigitte Lüdicke über die „Futzelei“ des Entblätterns von Rosenkohl. Das Birnenschälen behagt ihr schon mehr, allerdings nicht mit dem professionellen Pendelschäler, den Steffen Schwarz reicht: „Hamse keen Messer?“ Er hat, doch Brigitte Lüdickes Ehrgeiz ist geweckt. Sie schält tapfer zuende.
Gabriele Rothe ist aus Neugier, wie die Profis arbeiten, gekommen. Sie kommt voll auf ihre Kosten. „Warum werden ihre Birnen nach dem Aufschneiden nicht braun?“ fragt sie. „Weil wir sie in Wasser mit etwas Zitrone legen. Ascorbinsäure verhindert das Bräunen“, sagt Steffen Schwarz. Der Dorint-Koch hat vier Gänsebrüste eingeschweißt, um sie bei niedriger Temperatur zu garen. Am Ende bekommen sie in der Pfanne den letzten Schliff. Großes Gelächter am anderen Tischende. Jemand hat einen Löffel entdeckt, auf dem „Leck mich!“ steht. „Das war ein Geschenk“, outet sich Alexander Dressel etwas verlegen als Eigentümer. „Du mich auch“, entgegnet Steffen Specker, der gerade etwas gestresst wirkt. Seine Vorspeise ist fertig, doch jeder in der Küche ist noch beschäftigt. Also: Erstmals zu Tisch. Die Speckerschen Gänsekleinstrudel werden hochgelobt. Das Balsamicogelee mit seiner zarten Säure bildet ein schönes Gegengewicht zum Gänseklein im hauchdünnen, knusprigen Teigmantel. Dazu gibt’s einen Südtiroler Weißburgunder.
Zurück in die Küche, der Zwischengang steht an. Für Steffen Schwarz’ Gänsebrüste werden die Birnen mit Cranberrys und Zwiebeln in der Pfanne erhitzt, dazu gibt’s Schupfnudeln, die – um das Weitergaren nach der Pfanne zu verhindern – in Eiswasser gestoppt werden. Gabriele Rothe notiert eifrig. Der zweite Gang kommt mit einem leichten Rotwein, die Gespräche werden zunehmend entspannter. Die Herren Köche plaudern von Kindern und Karriere und verraten auf Nachfrage von Karin Briesemann, was sie privat gern essen – meist sehr rustikale Gerichte von Mutter oder Oma, die sie noch aus der Kindheit kennen, aber nie so hinbekommen haben, wie sie einst schmeckten: Kartoffelsalat ohne Mayonnaise, Bechamelkartoffeln mit Petersilie, Gehacktesstippe.
Zur Krönung kommt dann Alexander Dressels Ente auf den Tisch, auf Kraut aus Kürbis, begleitet von mit Pflaumenmus gefüllten Buchteln, dazu ein schwererer Rotwein. Das Gespräch dreht sich um die Qualität der Gastronomie in Brandenburg („Nimm Dir Essen mit, das war einmal!“ sagt Alexander Dressel), Verletzungen beim Kochen – eine Frau hat sich am Messer geschnitten und ist routiniert verbunden worden – und den Unterschied zwischen der Martins- und der Weihnachtsgans (letztere ist schlicht fetter, weil sie noch fünf Wochen länger fressen durfte). Noch schnell einen Kaffee, dann müssen die Herren Spitzenköche auch wieder los, das Abendgeschäft in ihren Restaurants wartet. Die Küchengäste hingegen ziehen beseelt in die graue Novemberluft hinaus – angefüllt mit Eindrücken, Tipps, Gänsefleisch und drei Sorten Wein.

Erschienen am 11.11.2011


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