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Neuer Landtag als Öko-Schloss

Freitag, 25. November 2011

Architekt Peter Kulka über die Kritiken der Knobelsdorff-Freunde und die Passivität der Stadt

Peter Kulka ist der Schlossarchitekt. Mit ihm sprachen Jan Bosschaart und Volkmar Klein über Potsdamer Debatten und Türen.

MAZ: Nach all dem Streit um Fenster, Türen, Dachneigungen und Kutschdurchfahrten – sind Sie froh, dass der Rohbau abgeschlossen ist?
Peter Kulka: Ich bin vor allem stolz, stellvertretend für die Bauleute. Es ist Halbzeit bei einem schwierigen Projekt. Modernisten würden jetzt aufhören, wir aber bauen das Gebäude zweimal, weil jetzt die Knobelsdorff-Fassade vor den Beton kommt. Sie macht den Landtag zum schönen Öko-Haus, das war beim Dresdner nicht möglich.

Sehr diplomatisch. Aber haben Sie diesen Grad an öffentlichem Interesse, auch an Einmischung schon erlebt?
Kulka: Wir machen das Beste aus der Schizophrenie: außen historisch, innen modern mit höchsten Anforderungen an Sicherheits- und Energiestandards. Die Kritiker haben über einen halben Zentimeter Fenstersprossen diskutiert, aber wenn die Skater auf die Rampe am Plenarsaal fahren und sich die Nasen an den Scheiben plattdrücken können, muss man an die Sicherheit der Abgeordneten denken. Wir verbauen hier gigantisch dickes und schweres Glas. Mit dem isolierten Blick auf die Fassade ist die Gesamtaufgabe nicht zu meistern. Hier sind Laien überfordert. Für die zweite Halbzeit wünsche ich mir daher mehr Vertrauen einiger Bürger, dass wir hier die Richtigen sind.

Die Laien halfen immerhin, das Kupferdach zu erstreiten.
Kulka: Das ist richtig. Zink war eine Lösung, um das Projekt nicht zu gefährden und das Budget einzuhalten. Mir wurde berichtet, dass das Schloss in knappen Zeiten mit Zink gedeckt war. Ich konnte mir kein Geld für Kupfer drucken, doch dann kam zum Glück Herr Plattner.

Da waren auch Sie froh?
Kulka:
Ja, und wir Bauleute haben nun die zusätzliche Arbeit (lacht). Aber ich habe zum Glück dicke Nerven.

Die sind jüngst strapaziert worden, als der Potsdamer Architekt Bernd Redlich klagte, Sie hielten die historischen Dachneigungen nicht ein.
Kulka:
Das ist doch dummes Zeug. Wir bauen die Neigung, die Pro Denkmal aus Messdaten ermittelt hat. Es gibt immer Leute, die glauben nachweisen zu müssen, dass die anderen alle Idioten sind. Herr Redlich täte gut daran, sich um seine eigenen Bauvorhaben zu kümmern.

Anders als im Bebauungsplan vorgeschrieben, wollten Sie Metalltüren im Nordflügel, nicht Holz wie im Original.
Kulka:
Ich denke manchmal, ich bin im falschen Film mit diesem schwachsinnigen B-Plan. Als Meister von heute muss man doch moderneTüren verwenden dürfen. Sie müssen neue Anforderungen erfüllen. Holz ist zu schwer, wenn die Oma zum Abgeordneten will. Dennoch widersetze ich mich nicht der Forderung nach Holztüren, in Dresdener Denkmalen lassen wir sie dann offen, dahinter kommt eine Schiebetür und dann eine dritte, die bei Sicherheitsproblemen schließt.

Haben Sie diese Debatten als reines Störfeuer erlebt?
Kulka:
Die Diskussion ums Kupferdach hat etwas gebracht. Bei aller Freude möchte ich darauf hinweisen, dass sich das Kupferdach in den nächsten 25 Jahren schwer auf die barocken Fassaden legen wird, da es erst dann seine hellgrüne Patina zeigen wird.

Ab sofort beginnt der Innenausbau – wo lauern dort die Herausforderungen?
Kulka:
Wir müssen mit knappen Mitteln arbeiten, da viel Geld für die historische Äußerlichkeit ausgegeben wird. Es wird die Kunst sein, aus nichts etwas sehr Schönes, Modernes zu machen. Ich bin unerschütterlich in dem Glauben, dass das gelingt.

Im Moment ist die Baustelle von den Kränen aus beleuchtet – gibt es ein Konzept, wie der fertige Landtag ins Licht gerückt wird?
Kulka:
Darüber wollte ich lange mit der Stadt reden, aber die Stadt redet nicht mit mir. Herr Klipp ist ziemlich arrogant und exzentrisch. Ich glaube, es fehlt noch das Bewusstsein, dass man hier dringend etwas tun muss. Wir reden über Kutschzufahrten, obwohl es keine Kutschen gibt, aber über so wichtige Details wird nicht geredet.

Sie haben immer gesagt, die Kutschzufahrten sind machbar. Wären sie auch sinnvoll?
Kulka:
Das liegt nicht in meiner Entscheidung. Ich wünsche mir, dass der Hof ein öffentlicher Raum wird.

Würden Sie den Auftrag noch einmal annehmen?
Kulka:
Ich würde es wieder tun! Wenn sie mich nicht hätten, was würden sie tun? (lacht) Selbst die Klage über zehn Prozent Mehrkosten ist doch dummes Zeug. Beim Berliner Schloss kostet der Kubikmeter umbauten Raums schon doppelt so viel, bevor der Bau begonnen wurde. Nein, es macht trotz allem Spaß. Wo hat man heute eine solche Gelegenheit, der Stadt ihre Erinnerung zurückzugeben und zugleich die Wandlung von einem Repräsentationsschloss zu einem modernen Landtag zu vollziehen?

Erschienen am 25.11.2011

„Es gibt natürlich auch etwas zu verbessern“

Montag, 4. April 2011

Politik: Die nur knapp wiedergewählte CDU-Kreisvorsitzende Katherina Reiche empfindet die Potsdamer CDU nicht als gespalten

Nach einem turbulenten Parteitag mit vielen Vorwürfen gegen sie wurde Katherina Reiche am Freitagabend knapp wiedergewählt. Jan Bosschaart sprach mit ihr über ihre künftige Arbeit.

MAZ: Legt man das Wahlergebnis zugrunde, sind Sie nur noch Vorsitzende von knapp 52 Prozent Ihres Kreisverbandes – sehen Sie sich ausreichend legitimiert, ihn zu führen?
Katherina Reiche: Ja, ich bin von der Mehrheit der Anwesenden gewählt worden und werde den Kreisverband wie bisher mit vollem Engagement führen, in enger Zusammenarbeit mit den Vorsitzenden der Ortsverbände. Da auch alle Vorschläge unserer Konsensliste für Beisitzer und Stellvertreter bestätigt wurden, hatte der Parteitag am Ende doch das Zeichen der Geschlossenheit und des Aufbruchs gezeigt.

Insbesondere die Kluft zu Ihrer Fraktion scheint sehr tief zu sein – wie wollen Sie die überwinden?
Reiche: Schon im letzten Kreisvorstand waren von den fünf Fraktionsmitgliedern vier in diesem Kreisvorstand vertreten. Dort haben wir auch bisher miteinander gearbeitet. Wie auch immer: Es gibt natürlich auch etwas zu verbessern. Das christdemokratische Profil in der Stadtpolitik sollte stärker hervorgehoben werden.

Ist es nicht wichtig, dass Kreisverband und Stadtfraktion Hand in Hand, statt nebeneinander her oder gar gegeneinander agieren?
Reiche: Ihr Bild kann ich nicht nachvollziehen. Ich kann auch niemandem raten, dieses Bild in der Öffentlichkeit zu verfestigen. Mit Hans-Wilhelm Dünn, Michael Schröder und Horst Heinzel sind weiterhin drei Fraktionsmitglieder im Kreisvorstand, sie werden sich dort auch in Zukunft einbringen.

Fraktionsmitglied Peter Lehmann beklagt, sie wären in ihrer letzten Amtszeit nur einmal zu einer Fraktionssitzung erschienen.
Reiche: Ich bin präsent in Potsdam, in der Stadt und in der CDU, das wissen auch alle.

Sie haben angekündigt, um das Vertrauen jener, die sie nicht gewählt haben, zu werben. Wie wird dieses Werben aussehen?
Reiche: Ich habe ja am Freitag zehn Punkte vorgestellt, wie wir die Arbeit weiter entwickeln können. Dazu gehören Kreisverbandskonferenzen, also Kleine Parteitage zur inhaltlichen Arbeit, wir werden auch stärker in die Ortsteile gehen. Außerdem habe ich vier Stellvertreter und neun Beisitzer, die sich ebenfalls inhaltlich einbringen.

Nun hatten aber Sie angekündigt, um das Vertrauen zu werben, nicht der Vorstand …
Reiche: Der Vorstand arbeitet gemeinschaftlich und muss das Vertrauen in ihn rechtfertigen. Wie bisher, werde ich mit vollem Einsatz arbeiten. Wir werden alle intensiv arbeiten, um die Kommunalwahlen 2013 vorzubereiten. Das ist die Aufgabe dieses Kreisvorstandes.

Am Freitag wurden wiederholt die schlechten Ergebnisse bei der Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl beklagt. Was ist das Ziel für die nächsten Wahlen 2013?
Reiche: Bei der Kommunalwahl 2008 war ich gerade seit zwei Monate im Amt. Die Partei hat gekämpft, aber wir waren mit dem Ergebnis selbstverständlich nicht zufrieden. Bei der Oberbürgermeisterwahl gab es eine besondere Situation, da haben alle auf den Amtsinhaber und den stasibelasteten Herausforderer geschaut. Bei den Wahlen zum Bundestag haben wir gezeigt, dass 20 Prozent für die CDU erreichbar sind. Das soll auch unsere Perspektive bei den Kommunalwahlen sein.

Wo sehen Sie die Ursachen für die tiefe Gespaltenheit Ihres Kreisverbandes?
Reiche: Ich teile diese Einschätzung gar nicht. Es gab am Freitag eine zweite Kandidatur für die Position des Kreisvorsitzenden, die Mitglieder hatten eine Auswahl und haben sich entschieden. Ich nehme dies als Auftrag und werde mit meinem Herausforderer Andreas Ehrl natürlich auch weiterhin gut zusammenarbeiten.

Sie sind 2008 auch mit dem Versprechen angetreten, den Kreisverband zu einen. Ist das gescheitert?
Reiche: Trotz des Kommunalwahlergebnisses sind wir in der Rathauskooperation vertreten, wir stellen nach vielen Jahren eine Beigeordnete, im Kampf gegen die Flugrouten über Potsdam haben wir uns als erste positioniert. Wir haben im Falle des Uferweges am Griebnitzsee auf die Bundesregierung eingewirkt, die Ufergrundstücke an die Stadt zu verkaufen, haben mitgeholfen, das Töpfer-Institut nach Potsdam zu holen, und sorgen immer wieder dafür, dass Forschungsmittel sowie Unesco-Welterbemittel nach Potsdam fließen. Das ist unser Erfolg für die Stadt.

Erschienen am 4. April 2011

„Clever, oder?“

Freitag, 7. Mai 2010

Satire: Ein Interview mit Staatssekretär Steffen Kampeter zum Griebnitzseeufer, das nie stattgefunden hat

Steffen Kampeter (CDU) ist Staatssekretär im Finanzministerium. Jan Bosschaart hätte gern mit ihm über den Uferweg gesprochen.

MAZ: Herr Kampeter, seit Wochen bitten wir um ein Interview, aber Sie haben partout keine Zeit. Wir haben daher beschlossen, uns nicht nur ein paar Fragen, sondern gleich auch Ihre Antworten auszudenken. Geht das in Ordnung?
Steffen Kampeter: Lieb ist mir das nicht, aber ich kann wohl wenig dagegen tun. Also fangen Sie schon an.

Danke! Sie haben sich im Bundestag schon 2005 für den Griebnitzsee interessiert, da waren sie noch einfacher Abgeordneter aus Minden/Westfalen – woher das Engagement?
Kampeter: Das hat mit meinem alten Kumpel Balthy zu tun. Balthasar Schramm. Der wohnt am Uferweg. Wir kennen uns noch aus meiner Lobbyisten-Zeit: Er war als Sony-Chef ein hohes Tier in der Musikindustrie, ich Vorsitzender des Dialogforums Musikwirtschaft der CDU. Waren tolle Tage, damals, nur wurde der Balthy immer trauriger. „Steffen“, seufzte er im Sonnenuntergang beim Wein auf seiner Seeterrasse, „da unten laufen Leute über mein Grundstück, du musst was tun.“

Ihre kleine Anfrage im Bundestag blieb ohne große Wirkung.
Kampeter: Ja, aber der Balthy hat sich letztlich selbst helfen können. Gott sei Dank verboten die Richter am Oberlandesgericht ja den Pöbel zwischen Terrasse und Bootssteg.

Doch jetzt können Sie wirklich helfen …
Kampeter: Genau! Die Stadt will 3,2 Hektar Uferland vom Bund kaufen, um ihre Ausgangsposition im Streit um den Weg zu verbessern. Der Deal wäre um ein Haar durchgewesen. Mittlerweile bin ich aber Staatssekretär. Mein Minister hat mit Griechenland zu tun, da konnte ich den Verkauf an die Stadt stoppen – wegen Haushaltsbedenken. Clever, oder?

Sie wollen, dass der Bund die Grundstücke am Markt anbietet, damit eine interessierte Sperrergruppe kaufen kann?
Kampeter: Stimmt. Glücklicherweise sind sogar ein paar Argumente auf unserer Seite: Schließlich verdient der Bund dann mehr. Die klamme Stadt kann nicht mitpokern. Der Weg wäre damit erledigt.

Dumm nur, dass die Haushaltsordnung ihres Ministeriums den Kommunen bei Eigeninteresse ein Vorrecht beim Flächenkauf einräumt.
Kampeter: Ach wissen Sie, Papier ist geduldig. Hinter echte Männerfreundschaft müssen Richtlinien mal zurücktreten. Schon der Name „Richtlinie“ deutet ja an, dass man sich danach „richten“ kann und nicht sklavisch jeden Buchstaben befolgen muss. Auf Linien kann man in gegensätzlichen Richtungen gehen, und man kann Richtlinien abändern. Alles kein Problem.

Und das Gutachten dieses Professors aus Speyer, das die Rechtsauffassung der Stadt in der Kauffrage stützt?
Kampeter: … ist rausgeworfenes Geld. Wir können flugs zwei Gegengutachten zaubern. Die Stadt täte besser daran, ihr bisschen Kohle für andere Zwecke einzusetzen.

Tja, dann danke für dieses sehr offene Gespräch!
Kampeter: Gern! Tat gut, so ungeschminkt zu reden.

Erschienen am 07.05.2010

„Manchmal fehlt der Mut zu etwas Neuem“

Mittwoch, 4. Februar 2009

Bauen: Stadt stellt neuen Bau-Fachbereichleiter vor

Mit Kulturstädten kennt er sich aus: Potsdams neuer Fachbereichleiter Oliver Graumann für Stadtentwicklung und Denkmalpflege hat in Weimar studiert und in Dresden gearbeitet. Mit ihm sprach Jan Bosschaart.

MAZ: Sie sind von Dresden nach Potsdam gewechselt. Gab es an der Elbe nichts mehr zu sanieren?
Oliver Graumann: Doch, aber Potsdam ist auch eine Kulturstadt von europäischem Niveau, eine Stadt mit unglaublichen Potenzialen. Außerdem hat mich die Herausforderung einer leitenden Funktion gereizt.

MAZ: Sie übernehmen keinen leichten Posten – ihr Vorgänger war umstritten. Gehörte das genaue Studium des Battis-Berichts zu den Stellenanforderungen?
Graumann: Ich habe den Bericht natürlich gelesen, wenn auch nicht in seiner Tiefe studiert. Ich komme da zum Glück unvorbelastet und damit etwas freier in die Stadt. Wichtiger als die alten Probleme ist es aber doch, die anstehenden Aufgaben zu lösen und alle mitzunehmen, die dazu beitragen können.

MAZ: Das heißt, sie hatten bislang noch keinen Kontakt mit Günther Jauch?
Graumann (lacht): Bislang hat er mich nicht angerufen.

MAZ: Sie werden unweigerlich auch zwischen die Fronten der Stadtschlossbefürworter und -gegner geraten. Sind sie dafür gewappnet?
Graumann: Es gibt – auch in Dresden – eine große Liebe zur Historie, weil das Bauen nach historischem Vorbild für solide gilt. Ich finde es schade, dass manchmal der Mut zu etwas Neuem fehlt und habe mich zum Beispiel gefragt, wie es wäre, wenn man im wunderschön sanierten holländischen Viertel ein Gebäude in seiner ursprünglichen Kubatur, aber aus Glas gebaut hätte.

MAZ: Diese Vorstellung dürfte einigen Potsdamern ein Graus sein.
Graumann: Mag sein, aber in der Diskussion um an der Historie orientiertes Bauen wird auch gern außer Acht gelassen, dass wir heute ganz andere Nutzungsanforderungen an Gebäude haben, etwa, was die Sicherheit, die Energie-Effizienz und die technischen Anlagen betrifft. Es kann ja auch keine Lösung sein, sich ein Museum zu bauen – es sollte eine Stadt sein, in der man leben kann, nicht etwas, das man sich in die Vitrine stellt. Das gilt auch fürs vieldiskutierte Havelufer an der Alten Fahrt.

MAZ: Das heißt, sie hätten einem modernen Landtag den Vorzug gegeben?
Graumann: Die Entscheidung fürs Stadtschloss ist völlig richtig. Was ich sagen will, ist, dass es leicht ist, als Behörde Vorschriften zu erlassen. Die Bauherren müssen aber auch mit den Vorgaben leben können, und manchmal sogar davon leben können.

MAZ: Wo sehen Sie Ihre Rolle in diesen Diskussionen?
Graumann: Die Stadterneuerung sollte eine starke Managementfunktion übernehmen. Wir sollten nicht nur eine Behörde sein, die über Anträge entscheidet. Wichtig ist es, die Interessen aufzunehmen und zu bündeln, Ziele zu formulieren und deren Umsetzung zu begleiten.

MAZ: Dresden hat seine Frauenkirche zurückbekommen. Was können die Potsdamer für das Projekt Garnisonkirche von der Elbestadt lernen?
Graumann: Wie wichtig bürgerliches Engagement für solche Projekte ist. Es ist unabdingbar, dass der Impuls aus der Bevölkerung kommt. Die Garnisonkirche wäre nicht nur für Stadtbild und Tourismus wichtig, sondern auch für die Potsdamer Identität: Sagen zu können, wir haben das aus eigener Kraft geschafft, denn das ist unsere Stadt, eine Stadt der Bürger, nicht die Stadt der Stadtverordneten oder der Verwaltung, ist höchst bedeutsam.

Infobox: Oliver Graumann
Der neue Fachbereichsleiter, Jahrgang 1962, ist studierter Bauingenieur.
Er arbeitet in der Dresdner Stadtverwaltung, zuletzt als Leiter der Stadterneuerung Süd, wo er unter anderem für den historischen Bereich Neumarkt zuständig war.

Erschienen am 04.02.2009

Gut aufgestellte Gegenszene

Donnerstag, 14. Februar 2008

Rechtsextremismus: Vorsitzender betrachtet das Brandenburger Aktionsbündnis als eine Erfolgsgeschichte

Der Wittstocker Superintendent Heinz-Joachim Lohmann sitzt dem Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus vor, das vor zehn Jahren gegründet wurde. Mit Lohmann sprach Jan Bosschaart.

MAZ: Das Aktionsbündnis wird zehn Jahre alt. Was hat es bisher bewirkt?
Heinz-Joachim Lohmann: Es hat eine steigende Aufmerksamkeit für das Problem des Rechtsextremismus im Land geschaffen. Es hat an ein paar Stellen dazu beigetragen, Rechtsextremismus zurückzudrängen. Und es hat Leute zum Kampf gegen Rechtsextremismus geführt, die sonst nie zusammengetreten wären – Gewerkschaften und Arbeitgeber ebenso wie Kirchen und den Humanistischen Verband, den Flüchtlingsrat und den Städte- und Gemeindebund.

Wo sehen Sie noch die größten Baustellen?
Lohmann: Die Probleme haben sich verlagert. Das Aktionsbündnis wurde in einer Zeit gegründet, in der Ausländerwohnheime brannten und es viel mörderische rechtsextreme Gewalt auf den Straßen gab. Heute drängen die Rechtsextremen stattdessen in die Parlamente. Wir haben begonnen, darauf zu reagieren, zum Beispiel mit einer Diskussionsreihe im ganzen Land.

Die DVU ist in diesen zehn Jahren zweimal in den Landtag eingezogen. War das ein Rückschlag für das Bündnis?
Lohmann: Zu erwarten, wir könnten jeglichen Rechtsextremismus mit Stumpf und Stiel entfernen, wäre übertrieben. Es geht darum zu zeigen, dass die Mehrheit der Gesellschaft weder rechtsextrem ist, noch mit Rechtsextremismus etwas zu tun haben will. Natürlich hört der Rechtsextremismus davon nicht auf. Die DVU ist zweimal nur deshalb in den Landtag gekommen, weil sie extrem populistische Wahlkämpfe geführt und die Stimmen vieler Unzufriedener bekommen hat.

Ein Potsdamer Politologe sagte kürzlich, das Land begünstige den Rechtsextremismus in dünn besiedelten Gebieten, weil es nur noch die Zentren fördert. Macht die Landespolitik hier Fehler auf Kosten des Bündnisses?
Lohmann: Meines Wissens stimmt das nicht: Die meisten rechtsextremen Gewalttaten werden aus Potsdam gemeldet. Dort gibt es aber eine gut aufgestellte Gegenszene, was in der ländlichen Weite oft nicht der Fall ist. Die Aufstellung dieser Gegenszene ist das Ziel des Aktionsbündnisses: von ganz links bis zur CDU, von den Bürgerlichen bis zur Antifa.

Fühlen Sie sich von der Politik ausreichend unterstützt?
Lohmann: An die Zusammenarbeit mit der Landesregierung habe ich keine Forderungen. Die eigentlichen Kämpfe werden in den Städten und Gemeinden geschlagen. Da läuft es zwar unterschiedlich gut, aber besser als vor zehn Jahren. Gerade in den letzten zwei Jahren ist es verstärkt lokal angekommen, dass Rechtsextremismus etwas ist, was wir in Brandenburg nicht haben wollen.

Ist es nicht ein Pyrrhussieg, wenn sich die Rechten aus der Öffentlichkeit in Parlamente zurückziehen?
Lohmann: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Rechten im Anzug und mit freundlich frisiertem Haar in Brandenburg stark punkten. Vielmehr hat sich das Land in den letzten 15 Jahren gut aufgestellt und angemessen reagiert. Ein Erfolg dessen ist, dass es keine flächendeckende rechtsextreme parteiliche Struktur gibt. Von organisiertem Rechtsextremismus reden wir vor allem im Südosten des Landes und mit Abstrichen im Nordosten. Die NPD wird die DVU zwar verdrängen, aber sie ist nicht so aufgestellt, dass sie überall antreten oder gar ganze Landstriche übernehmen könnte.

Im Jahr 2000 entspann sich eine teils harsche Debatte darüber, ob auch der Linksextremismus zum Aufgabenspektrum des Bündnisses gehört. Wie hat sich das auf lange Sicht auf die Arbeit ausgewirkt?
Lohmann: Wir sind gestärkt daraus hervorgegangen. Der damals neue Innenminister kam aus Berlin und brachte seine Erfahrungen von dort mit. Mein Eindruck ist, dass Jörg Schönbohm die These aufgegeben hat, dass Linksextremismus hier eine große Gefahr ist. Er sagt heute ganz selbstverständlich: Der Brandenburg bedrohende Extremismus ist Rechtsextremismus.

Muss sich das Bündnis auch gegen das Stimmenfischen mit den Vorurteilen der schweigenden Mehrheit positionieren, wie es im hessischen Wahlkampf geschah? Oder gefährdet das den gesellschaftlichen Konsens, der für die angestrebte Breite des Bündnisses nötig ist?
Lohmann: Es hat ja in Hessen zum Glück nicht wirklich funktioniert. Dass Roland Koch zwölf Prozentpunkte verloren hat, ist gerade dieser Kampagne geschuldet. Jugendliche Straftäter zwischen zwölf und 25 Jahren mit Migrationshintergrund würde in Brandenburg selbst im Wahlkampf niemand aufs Plakat heben, denn bei uns ist die Gewalt in dieser Altersgruppe einheimisch und hat häufig eine Glatze. Zudem ist in Brandenburg der Konsens in dieser Frage von Linkspartei bis CDU zu groß, um sich so niederzumachen, dass davon die Rechten profitieren.

Wie lange wird das Bündnis noch gebraucht?
Lohmann: Solange Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Gewalt in Brandenburg ein Thema sind, wird das Bündnis gebraucht. Es ist im Moment kein Ende abzusehen, aber ich kann mir vorstellen, dass die Vernunft siegt und Rechtsextremismus irgendwann weitgehend verschwunden ist. Aber das lässt sich zeitlich nicht eingrenzen – solange es noch rechtsextreme Straftaten gibt und die Rechten bei Wahlen mehr als 0,2 Prozent bekommen, wird das Bündnis gebraucht.

Erschienen am 14.02.2008

„Da hingehen, wo die Angst ist“

Freitag, 28. September 2007

Sarah Kuttner liest ihre Kolumnen

Heute Abend gastiert Sarah Kuttner mit ihrem Buch „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ im Waschhaus. Die MAZ sprach vorab mit der umtriebigen Autorin über Potsdam, langweiliges Lesen und die geplante Radioshow mit ihrem Vater. Die Fragen stellte Jan Bosschaart.

Eine Lesung in Potsdam – ist das eine kleine Heimkehr?
Kuttner: Da ich Potsdam zu Berlin zähle: Ja! Es ist eine bewusste Entscheidung für Potsdam und gegen Berlin. Letztes Mal in Berlin wirkte das Publikum ziemlich reserviert. Da dachte ich: Nee, wenn die immer so schnell von allem genug haben, geh ich lieber nach Potsdam, die freuen sich sicher. Und ich mag Potsdam.

Ist Ihr unruhiger Geist überhaupt irgendwo zu Hause?
Kuttner: Klar! Ich bekomme sogar sehr schnell Heimweh, wenn ich mal weg bin.

Was erwartet die Besucher der Lesung?
Kuttner: Das wird gar keine reine Lesung. Nach der letzten Lesetour war mir ziemlich langweilig. Wenn man das so 30-mal macht, denkt man irgendwann: „Ach Gottchen, kann doch jeder selber lesen“. Doch die Anfragen rissen nicht ab, und auch ein „Best Of“ meiner Sendung wünschten sich viele. Da beschloss ich, eine Mischung zu machen und suchte aus dem Archiv die schönsten Einspieler raus. Es wird also Hälfte Kino, Hälfte Lesung. Und das Publikum darf aussuchen.

Es kommen also auch Nichtleser auf ihre Kosten?
Kuttner: Die meisten Leute kommen ohnehin nicht, um sich ein Buch vorlesen zu lassen, sondern um mich mal zu sehen. Außerdem gibt’s absurde Geschenke für jeden, der mit mir vorliest. Auf der letzten Lesung waren es tolle Krankheitserreger als Kuscheltiere, diesmal habe ich eine Geschenktüte gepackt mit Kram, den ich nicht mehr brauche.

Was macht denn nun die Gegenwart so anstrengend?
Kuttner: Na dass sie dauernd da ist! Ich finde die gar nicht so anstrengend, aber im Buch schimpfe ich darüber, dass viele Leute das offenbar tun. Die hören noch die besten Hits der 70er, 80er und 90er oder gucken sich die hundert witzigsten Werbespots im Fernsehen an. Ich finde, dass es durchaus schön ist im Hier und Jetzt und man sich damit ruhig beschäftigen sollte.

Demnächst moderieren Sie mit Ihrem Vater eine Radiosendung. Wie wird das?
Kuttner: Wir wissen’s beide nicht, wir finden’s aber eine irre Idee. Das reizvolle daran ist unsere Verschiedenheit. Es wird keine Jagd nach Pointen geben – wir können ja beide gleichzeitig irre witzig sein.

Gibt es ein Konzept?
Kuttner: Kaum. Wir lassen uns ins Studio sperren und schauen mal, was rauskommt. Mein Vater wollte das schon lange, aber ich war skeptisch. Jetzt dachte ich: Einfach mal da hingehen, wo die Angst ist.

Erschienen am 28.09.2007

Musik, die den Horizont erweitert

Donnerstag, 27. September 2007

Alf Ator im MAZ-Gespräch über Dummheit, Tod und Exkremente

Knorkator rocken am Sonnabend im Lindenpark. Die MAZ sprach vorab mit dem Keyboarder Alexander Thomas alias Alf Ator. Die Fragen stellte Jan Bosschaart.

Im Internet steht, Knorkator seien Blödelrocker? Eine zutreffende Bezeichnung?
Alf Ator: Nö. Wir wollen nur gute Musik machen. Das gelingt uns so sehr, dass wir es nicht nötig haben, uns ernst zu nehmen.

Wie würden Sie Ihren Musikstil denn nennen?
Alf Ator: Er ist ein Gemisch aus Industrial-Metal und klassischen Elementen. Zugleich haben wir Freude an Härte. Wenn man übers Auf-die-Schnauze-hauen singt, hilft Soul nicht weiter.

Laut Pressetext dient die Tour dazu, einen Film zu drehen?
Alf Ator: Jaaa! Ein weltbekannter Regisseur dreht „Aufstieg und Fall“ von Knorkator. Bisher spielten wir in riesigen Stadien, das war nicht glaubwürdig, um unsere Anfänge nachzustellen. Daher die Tour in kleinen Clubs: Um behaupten zu können, das wären wir als junge Menschen. Leider sind wir längst alt und dick.

Der Film soll auch künftige Ereignisse zeigen – welche denn?
Alf Ator: Unseren Abstieg und den Tod unseres Gitarristen Buzz Dee. Das wird eine stark berührende Szene mit vielen Fans aus aller Welt.

Buzz Dee plant abzutreten?
Alf Ator: Wir planen das. Er weiß noch nichts davon.

Vermissen Sie manchmal die Berühmtheit nach dem Grandprix-Ausscheid 2000?
Alf Ator: Selten. Wir hatten davor schon einen treuen Fankreis, der hat sich nicht verändert. Die anderen haben sich kurz für Idioten, die Keyboards zerschlagen, interessiert, aber nicht für unsere Musik. Es ist nur ein kleiner Bevölkerungsteil Knorkator-kompatibel. Das ist okay. Ein Ferrari pro Bandmitglied reicht uns.

Eine Zeitung schrieb, Knorkator weigere sich, erwachsen zu werden.
Alf Ator: Da ist endlich die gesamte Wahrheit über uns. Im Ernst: Diese Bands, die immer jugendlich frisch sind und nur drei Themen haben: ich wachse – ich bin verliebt – ich finde die Welt ganz schlimm, sind doch langweilig. Weil wir das nicht tun, und wir Texte über Exkremente machen, heißt es gleich „Chaoten“.

Wie läuft der kreative Prozess bei Knorkator ab?
Alf Ator: Die anderen sitzen und warten. Ich beginne zu denken, schreibe Lieder und Texte, lese viel, konsumiere Kultur. Daraus erwächst Kunst, die die anderen lediglich interpretieren dürfen. Sie sind dankbar und froh, für mich zu spielen.

Als Berliner Band berlinern Sie gern in ihren Texten.
Alf Ator: Wir stellen es sprachlich nur nach vorn, wenn es sich anbietet: wenn Dummheit zelebriert wird.

Das wird die Potsdamer aber freuen.
Alf Ator: Ich hege keine Arroganz gegenüber Potsdam. In den Anfangstagen war Potsdam für Knorkator extrem wichtig, weil dort die Radiostationen waren, die sich für uns interessiert haben.

Was erwartet die Konzertbesucher?
Alf Ator: Sie werden das Glück haben, von meiner Aura beschienen zu werden. Das gibt Auftrieb, das hilft durchs Leben: Musik, die den Horizont erweitert.

Erschienen am 27.09.2007

„Männliche Rituale ablösen“

Dienstag, 13. März 2007

Daniel Cohn-Bendit über den Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich

Als deutsch-französischer Politiker und Europa-Parlamentiarier verfolgt Daniel Cohn-Bendit (Grüne) den Wahlkampf in Frankreich mit besonderem Interesse. Im MAZ-Interview spricht er über die Unberechenbarkeit französischer Wahlabsichten, die Misere von Frankreichs Grünen und erklärt, warum er sich die Sozialistin Royal zur Präsidentin wünscht. Die Fragen stellte Jan Bosschaart.

Frankreich nimmt großen Anteil an diesem Wahlkampf, nach einer Umfrage wollen so viele Bürger wählen gehen wie noch nie. Woher rührt die überdurchschnittliche Mobilisierung?
Cohn-Bendit: Die Wahl 2002 war keine richtige Wahl. Weil der rechtsextreme Politiker Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl kam, war, mussten viele für Jacques Chirac stimmen, ob sie ihn mochten oder nicht. Das hat frustriert. Nachdem Chirac nun auf eine erneute Kandidatur verzichtet hat, kommt es in jedem Fall zu einer Erneuerung. Zudem gibt es eine große Auswahl: Bei vier Kandidaten ist für fast jeden etwas dabei, es fühlen sich mehr Franzosen angesprochen. Auch weil es scheint, als sei der erste Wahlgang noch nicht entschieden.

Knapp die Hälfte der Wähler ist noch unentschlossen. Sind alle Kandidaten so reizvoll oder können sich die Franzosen nicht zwischen verschiedenen Übeln entscheiden?

Cohn-Bendit: Weder noch: es liegt an der Überschneidung der Programme. Wer die Rechten verhindern will, weiß nicht, ob er die Sozialistin Royal oder den Zentrumspolitiker Bayrou wählen soll. Wer sich eine Mitte-Rechts-Regierung wünscht, ist unsicher, ob ihn Sarkozy oder Bayrou besser vertreten. Die Kandidaten können daher kurzfristig noch sehr viele Wähler für sich einnehmen.

Ist es an der Zeit, dass Frankreich seine erste Präsidentin bekommt?
Cohn-Bendit: Ich fände es in der Tat richtig. Zwei Dinge sind in Frankreich längst überfällig: eine Präsidentin und die Einführung des Verhältniswahlrechts. Das derzeit geltende Mehrheitswahlrecht ist undemokratisch: Wer auf einer Welle reitet, bekommt überproportional viele Abgeordnete in die Nationalversammlung und dann hat dort eine sichere Mehrheit. Das ist nicht gut für Frankreich. Das Land muss lernen, auch von Koalitionen regiert zu werden.

Im EU-Parlament haben Sie kürzlich von Angela Merkel und Ségolène Royal „Hand in Hand und Wange an Wange“ geträumt. Was versprechen Sie sich von einer Präsidentin?

Cohn-Bendit: Diese doch sehr männlichen Symbole der deutsch-französischen Freundschaften, ob es nun de Gaulle und Adenauer, Kohl und Mitterand, d’Estaing und Schmidt oder Chirac und Schröder waren, sollten mal abgelöst werden. Zwei Frauen symbolisieren die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 15 Jahre besser. Zudem verspreche ich mir davon eine zivilere Form der deutsch-französischen Freundschaft.

Was würde ein Sieg eines der „Großkandidaten“ für die deutsch-französischen Beziehungen bedeuten?
Cohn-Bendit: Ein Sieg von Ségolène Royal würde eine integriertere Kooperation beider Länder einleiten. Nicolas Sarkozy steht eher für das traditionell Französisch-Gallische, für ein „Frankreich zuerst“. Das würde die Kooperation erschweren.

Ségolène Royale erfreut sich großer medialer Beliebtheit, ist aber nicht unumstritten. Manche Kommentatoren werfen ihr vor, nur durch ihre Beliebtheit und Attraktivität zu punkten.
Cohn-Bendit: Es ist eine sehr männlich-dominierte Sicht, die sich da in Frankreich zeigt. Als sich Ségolène Royal in einem Interview einen Fehler leistete, griffen alle Medien das Thema auf. Sofort wurde gefragt, ob sie zu diesem Amt fähig ist. Zwei Wochen später machte Sarkozy einen ähnlichen Fehler, aber niemand bezweifelte seine Eignung. Hier zeigt sich ein uraltes Muster: eine Frau muss immer noch doppelt so gut sein, wenn sie mit einem Mann konkurriert, ihr wird bei gleicher Fähigkeit weniger zugetraut.
Hoffen Sie, dass ein Sieg Royals etwas an diesem Muster ändert?
Cohn-Bendit: Ein Sieg Royals würde symbolisch zeigen, wie eine Frau sich durchsetzen kann, das würde anderen Frauen Mut machen. Das wäre ein sehr positives Signal.
Was sind die drängendsten Probleme in Frankreich, die der Nachfolger von Jacques Chirac angehen müsste?
Cohn-Bendit: Die soziale Schieflage, in der Frankreich sich befindet, ist das wichtigste Thema. Zweitens ist es dringend nötig, die Umweltpolitik nach vorn zu bringen, weg von der Atomkraft, hin zu erneuerbaren Energien. Und dann muss man mit den Franzosen dringend diskutieren, wie eine vernünftige Position zur europäischen Einigung und zum Verfassungsvertrag aussieht.
Welcher Kandidat wäre für Europa am besten?
Cohn-Bendit: Ségolène Royal und François Bayrou würden die europäische Einigung am schnellsten voranbringen.
Wiederholt Bayrou das Kunststück von Jean-Marie Le Pen und wird Überraschungssieger im ersten Wahlgang?
Cohn-Bendit: Bei der derzeitigen Entwicklung ist das nicht ausgeschlossen. Aber es ist in Frankreich sehr schwer, sechs Wochen vor der Wahl eine Prognose zu machen. Die meisten entscheiden sich erst in der letzten Woche. Wie sie schon sagten: Wir haben etwa 50 Prozent Unentschlossene.
Kann Le Pen noch einmal einen Überraschungserfolg feiern, oder sind die französischen Wähler vorgewarnt?
Cohn-Bendit: Le Pen ist noch lange nicht abgeschrieben. Es kann sein, dass viele sagen, sie wählen Sarkozy, und im letzten Moment entscheiden sie sich für Le Pen. Die Situation ist unsicher, spannend und unübersichtlich. Alle vier können in die zweite Runde kommen, ich wage da momentan keine Prognose.
Wagen Sie doch mal eine andere Prognose: Ziehen die französischen Grünen wieder in die Nationalversammlung ein?
Cohn-Bendit: Die haben momentan große Schwierigkeiten. Es gab zunächst eine große Chance, mit Umweltthemen ein gutes Ergebnis zu erzielen. Doch die Grünen haben sich sehr linkslastig entwickelt und ihre Qualitäten nicht gezeigt. Ihr internes Funktionieren ist eher abstoßend. Das macht nicht gerade Lust, für sie zu stimmen.

Erschienen am 13.03.2007

„Maßlos enttäuscht“

Donnerstag, 1. März 2007

Opfer-Verbände demonstrierten gegen die geplante SED-Opfer-Rente

BERLIN Die Höhe ist Peter Lehmann egal. „Ein Hunderter im Monat würde mir vollkommen reichen, selbst ein Fünziger“, sagt er. Viel wichtiger ist dem 63-Jährigen der Stolz: „Ich könnte endlich sagen: Ich kriege Opferrente, das ganze Leid war nicht umsonst. Das ist wie ein Orden auf der Brust.“
Einen Tag, bevor im Bundestag der Entwurf für das „3. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz“ erstmals gelesen wird, haben die Opferverbände zur Demonstration aufgerufen, weil sie vom Entwurf „maßlos enttäuscht“ sind, wie Harald Möller, Vorsitzender des Bautzen-Komitees, es formuliert. Rund 200 Demonstranten sind gekommen. Mit Plakaten, Trillerpfeifen und einer Sirene ziehen sie gegen die geplante Opferrente zu Felde: Weil die mit 250 Euro zu niedrig bemessen sei und nur an Bedürftige ausbezahlt werden soll.
Der Oranienburger Peter Lehmann ist einer von ihnen. Insgesamt vier Jahre hat er in DDR-Gefängnissen eingesessen. Zunächst wegen versuchter Republikflucht für 15 Monate. „Dabei hatten wir den Plan längst aufgegeben, als ich gefasst wurde“, sagt er. Als Lehmann nach sieben Monaten auf Bewährung herauskommt, ist er nicht mehr der alte. Immer wieder sei er mit der Staatsmacht in Konflikt geraten, beim Anblick einer Uniform ausgerastet, habe sich geprügelt. Dafür ging der Oranienburger erneut ins Gefängnis. Besonders schlimm wurde es, als Lehmann sich zustimmend zum Prager Frühling äußerte. „Da steckten sie mich in ein noch tieferes Verlies“, sagt er.
Unter lautem Getriller ziehen die Demonstranten die Berliner Wilhelmstraße herunter zum Willy-Brandt-Haus. Warum gerade zur SPD, wo der Gesetzesentwurf doch von der Regierungskoalition eingebracht wurde? „Weil die SPD auf der Bedürftigkeitsklausel beharrt. Auf diese Weise macht sie aus SED-Opfern Opfer zweiter Klasse“, sagt Alexander Latotzky, Vorsitzender des Verbandes der Opfer des SED-Regimes (VOS). Opfer des Nazi-Regimes erhielten 717 Euro pro Monat, und zwar ohne Rücksicht auf ihre soziale Lage: „Wir fordern nichts weniger als Gleichbehandlung.“ Dass die Opferverbände heute zum Willy-Brandt-Haus marschieren, heiße nicht, dass man die CDU für besser halte, fügt er hinzu: „Der Gesetzesentwurf wird dreimal gelesen. Beim nächsten Mal gehen wir zur CDU.“
An der Kreuzung vor der SPD-Zentrale greift Latotzky zum Megaphon. Die Polizei habe den Demonstranten angeboten, die Kreuzung vor dem Willy-Brandt-Haus zu blockieren, sagt er, „weil wir mehr geworden sind, als wir gehofft haben“. Zögerlich stellen sich die ersten auf die Fahrbahn. „Los, los, nur keine Scheu“, ruft Latotzky und wedelt mit den Armen. „Wir mögen zwar SED-Opfer und Widerständler sein, aber wir sind eben auch gelernte Ossis“, kommentiert ein Plakatträger.
Peter Lehmann wird sie wohl nicht bekommen, die Opferrente. Zwar gehört er mit 690 Euro Rente im Monat durchaus zu den Bedürftigen, doch da seine Frau in Vollzeit arbeitet, liegen sie über der Einkommensuntergrenze von 1300 Euro. Groll hegt er nicht, ihm gehe es mehr um die Geste als das Geld, betont Lehmann nochmal.
So zurückhaltend sind nicht alle Demonstranten. „Du warst wohl auch bei der Stasi, so ein kleiner Mitläufer“, muss sich der frühere Bürgerrechtler Hans Misselwitz anhören, der mit SPD-Bundesgeschäftsführer Martin Gorholt vor das Willy-Brandt-Haus tritt, um mit den Demonstranten zu diskutieren. Der Rufer ist hochrot im Gesicht, er hat sich während des Umzugs in Rage gebrüllt. Da nützt es Misselwitz, der in der Parteizentrale für Ostdeutschland zuständig ist, wenig, dass er auf seine Oppositionsvergangenheit verweist. „Warst Du je im Knast? Hast nichts zu fressen bekommen? Musstest auf Befehl scheißen?“, schreit der Fragesteller zurück. Dann kommen ihm die Tränen. Misselwitz verneint und steht etwas hilflos inmitten der Plakatträger. Er finde einiges am Gesetzentwurf ja durchaus kleinlich, murmelt er mit gesenktem Kopf. Dann schaut er verschreckt wieder auf, als er bemerkt, dass die Presseleute fleißig mitschreiben und beeilt sich hinzuzufügen: „Bisher ist es ja nur ein Entwurf.“
Indes steht Martin Gorholt, der früher Landesgeschäftsführer der SPD in Brandenburg war, wie ein Fels in der Menge und verteidigt das Gesetz gegen die ihn bestürmenden Demonstranten. Es sei eine „sinnvolle und gute Lösung“, sagt er und dass man über die Höhe der Renten ja noch diskutieren könne, nicht aber über die soziale Bedürftigkeit als Voraussetzung für den Bezug.
Das macht Alexander Latotzky wütend. Neben einer Staffelung der Renten nach Haftdauer fordert er die Ausdehnung des Berechtigtenkreises auf alle SED-Opfer, auch solche, die in die Psychiatrie eingesperrt oder Opfer von Zersetzungsmaßnahmen wurden. Einige Demonstranten gehen noch weiter und möchten auch eine Kompensation für Zwangsausgesiedelte und DDR-Bürger, die wegen ihrer Kirchenmitgliedschaft nicht studieren durften.
Peter Lehmann hält sich in diesen Debatten etwas abseits. „Was hätte wohl Willy Brandt dazu gesagt?“, fragt er.


„Aufrechnung der Opfer ist unwürdig“

Der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz (CDU) setzt sich seit Jahren für die SED-Opfer-Rente ein. Mit ihm sprach Jan Bosschaart.

Haben Sie für den Protest der Opferverbände Verständnis?
Vaatz: Ja, aber eine weitergehende Regelung ist aus Gleichheitserwägungen unmöglich.

Die Verbände beklagen aber gerade eine Ungleichbehandlung von Opfern.
Vaatz: Die Opfer der Nazizeit sind nur in Ostdeutschland besser gestellt, weil hier die so genannten VN-Renten gezahlt werden, ein Besitzstand aus den DDR-Zeiten, der übernommen wurde. Im Westen bekommt jeder, der länger als sechs Monate in ein KZ eingesperrt war, ebenfalls etwa 250 Euro, wenn er weniger als etwa 10 000 Euro im Jahr verdient. Daran orientiert sich der Gesetzentwurf. Wer mehr fordert, will mehr, als NS-Opfer bekommen.

Weitergehende Forderungen lehnen Sie ab?
Vaatz: Den jetzigen Kompromiss sollten die Opfer akzeptieren. Ich verstehe aber, dass die Bedürftigkeitsprüfung einer Reihe von Opfern die moralische Anerkennung versagt. Die wirklich bedürftigen Opfer werden die 250 Euro aber spüren. Besserverdienende sollten den Kompromiss nicht durch allzu harsche Forderungen gefährden.

Viele Täter – Richter, Polizisten, Wärter – bekommen heute solide Renten. Die Opfer müssen sich mit 250 Euro begnügen?
Vaatz: Das beklage ich mit Entschiedenheit! Aber wer das bemängelt, möge sich ans Bundesverfassungsgericht wenden.

Sie haben sich seit Jahren für das Gesetz stark gemacht. Nun hagelt es Protest, auch persönliche Angriffe. Sind sie enttäuscht?
Vaatz: Nein. Politik bedeutet oft, dass man von denjenigen, für die man sich am meisten einsetzt, am schlechtesten behandelt wird. Meine Bezüge sind in solchen Situation für mich auch eine Art Schmerzensgeld.

Erschienen am 01.03.2007

Ein Prinz als Schirmherr

Donnerstag, 1. Februar 2007

Sebastian Krumbiegel über die Probleme als „Betroffenheits-Gutmensch“

Sebastian Krumbiegel, Sänger der „Prinzen“, wird Schirmherr der ökumenischen Friedensdekade 2007, die unter dem Motto „andere achten“ steht. Krumbiegel tourt derzeit mit dem von ihm herausgegebenen Buch „Hoffnung säen“ durch Deutschland. Gemeinsam mit Kristof Hahn liest er auf dieser „musikalischen Lesereise“ aus Lebensgeschichten von Flüchtlingen. Die Fragen stellte Jan Bosschaart.

Ein Pop-Sänger als Schirmherr der Friedensdekade – wie kam es denn dazu? Krumbiegel: Das liegt daran, dass ich zurzeit mit meinem Buch „Hoffnung säen“, den Geschichten von neun Flüchtlingen, durch Deutschland toure. Es klingt hochtrabend, aber ich glaube, die Kirche ist auf mich aufmerksam geworden, weil ich mich mit dem Buch für ein menschlicheres Miteinander ausspreche.
Was müssen Sie als Schirmherr tun, außer ihren Namen hergeben?
Krumbiegel: Ich werbe für die Idee, ich mache die Leute darauf aufmerksam, dass die Friedensdekade stattfindet. Mit Auftritten ist das nicht verbunden.
Was hat Sie bewogen, ja zu sagen?
Krumbiegel: Dass es um menschliches Miteinander geht, darum, dass wir aufeinander zugehen sollten. Wir verlassen uns zu sehr auf den Staat oder denken: „Irgendjemand sollte irgendetwas für mich tun.“ Stattdessen sollte jeder die Dinge selbst in die Hand nehmen und sich darum kümmern, dass die Welt um ihn herum besser wird. Das ist ja auch ein Anliegen der Lesetour. Es macht Spaß, weil wir merken, dass wir die Leute erreichen. Sie hören zu und sie werden berührt von dem, was wir vorlesen.
Sie touren nur durch ostdeutsche Städte?
Krumbiegel: Wir wollten dahin, wo es die Leute angeht. In ein multikulturelles Zentrum nach Berlin-Kreuzberg zu gehen, hieße Eulen nach Athen tragen. Wichtiger sind Gegenden, wo Rechtsradikalismus ein Thema ist, wo Übergriffe stattfinden. Das ist statistisch im Osten häufiger. Dennoch werden wir das ändern: Ab April sind wir auch in Westdeutschland – sogar in Bayern – unterwegs, denn es geht auch darum, die Toleranz in die Welt hinauszutragen – allerdings, ohne den Heilsbringer zu spielen. Es ist problematisch, sich vor die Leute zu stellen und zu sagen: „Ich weiß was!“ Wir versuchen, die Texte und die Musik für sich wirken zu lassen.
Haben die ostdeutschen Bundesländer größeren Nachholbedarf in Sachen Ausländertoleranz?
Krumbiegel: Ich glaube ja. Wir sind 40 Jahre lang anders sozialisiert und anders groß geworden. Mit Ausländern waren wir kaum konfrontiert. Die wenigen Ausländer hier blieben unter sich, es gab nicht, wie in Westdeutschland, die typischen Gastarbeiter, die ihre ganze Kultur mitbrachten. Das ist es sicher nicht allein, aber Fakt bleibt: Die Übergriffe im Osten sind häufiger, es gibt hier mehr Nazis, sie werden sogar in die Landtage gewählt – das muss schon mit unserer DDR-Vergangenheit zu tun haben.
Was erhoffen sie sich von der Lesereise?
Krumbiegel: Ich hoffe, dass ich die Leute anknipse, sie für ein Thema sensibilisiere, das kein populäres ist. Die Leute rufen ja nicht „Juhu, jetzt kommt einer und erzählt uns was über Ausländer in Deutschland.“ Ich hoffe, dass ich vor allem die erreiche, die noch gar keine gefestigte Meinung haben. Selbst bei Nazis ist nicht Hopfen und Malz verloren, es gibt viele, die man einfach nur zur Besinnung bringen sollte.
Kommen nicht ohnehin nur die, die schon ihrer Meinung sind?
Krumbiegel: Das ist ein Problem, mit dem wir umgehen müssen. Ein Beispiel: Bei einer Lesung in einer Dresdner Berufsschule fragte ich, ob alle freiwillig da seien. Da haben einige gemault und gesagt „Gezwungen!“, und ich sagte: „Okay, wer gehen will, kann gehen“. Von über hundert sind wohl fünf aufgestanden und gegangen, die fühlten sich dann stark. Hinterher habe ich gedacht: „Eigentlich blöd!“ Vielleicht hätte ich die noch kriegen können. Andererseits will ich niemanden zwingen. Aber ich würde es beim nächsten Mal anders machen.
Wie haben Sie die Flüchtlinge, deren Geschichten Sie lesen, kennengelernt?
Krumbiegel: Die „Bunten Gärten“ sind ein Leipziger Integrations-Projekt. Bei gemeinsamer Gartenarbeit können Migranten hier der Isolation entrinnen. Mit der Einrichtung hatte ich schon mehrfach Kontakt. Irgendwann fragte man mich, ob ich ein Buch herausgeben würde, das die Schicksale der Migranten beschreibt. Zwei Journalistinnen haben die Interviews geführt, und gemeinsam haben wir neun Geschichten ausgewählt. Mit der Tour will ich den Menschen dahinter ein Forum verschaffen.
Ein Kritiker schrieb, man spüre, dass das Buch betroffen machen soll.
Krumbiegel: Ich sehe darin nichts Schlechtes. Natürlich ist es immer ein Balanceakt und schwer, als Betroffenheits-Gutmensch durch die Gegend zu eiern. Oft ist es aber der einzige Weg, die Menschen zu erreichen. Man kann sich zu Recht auch über Betroffenheitsgalas im Fernsehen aufregen – aber am Ende bleiben dennoch Millionen für Bedürftige hängen.
Haben Sie nach einem Lese-Abend wieder Lust auf Prinzenkonzerte?
Krumbiegel: Die Prinzen sind meine Lieblingsband, darauf habe ich immer Lust. Wir kaspern ja als Prinzen auch nicht nur herum, da kommen auch ernste Töne. In beiden Fälle schlüpfe ich nicht in eine Rolle. Weder sage ich mir vor der Lesung „Jetzt gehe ich als Literat raus!“, noch setze ich mir als Prinz die Narrenkappe auf. Ich bin jetzt 40 Jahre alt und weiß schon, dass das zwei verschiedene Dinge sind. Aber es sind Seiten, die beide zu mir gehören.
Sie sind im Juni 2003 in Leipzig von zwei Jugendlichen zusammengeschlagen und schwer verletzt worden. Hat diese Erfahrung ihr Engagement verstärkt?
Krumbiegel: Ich denke nicht. Wir waren auch vorher aktiv, richten zum Beispiel seit zehn Jahren das „Courage zeigen“- Festival in Leipzig aus. Die wichtigste Lektion ist, dass mir jemand geholfen hat, dass einer mutig war. Er spielte nicht den Helden, er hat einfach nur Lärm gemacht und die Täter in die Flucht geschlagen. Es geht bei Zivilcourage nicht darum, mit einer Kung-Fu-Nummer dazwischenzuspringen. Es geht darum, dass man sich einmischt und Alarm schlägt.

Erschienen am 01.02.2007


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