Archiv für die Kategorie „Toast & Honig“

Provokanter Brückenbauer

Mittwoch, 13. August 2008

Gedenken: Bob Bahra erinnert an die Toten der Hinterlandmauer/Vor der Ostalgie hat er längst kapituliert

Mauertote sind für Bob Bahra nicht nur die an der Grenze Erschossenen – auch still Gestorbene zählt er zu den Opfern

POTSDAM Die Idee, Ostalgie-Kurse für all jene anzubieten, die der DDR keine Träne nachweinen, gefällt ihm. Da könnten die Teilnehmer ostalgisches Argumentieren lernen: „Wenn sie etwa die Titelseiten der DDR-Zeitungen vom Tag des Mauerbaus in den Händen halten und beim Lesen erschüttert denken: ,Um Gottes Willen, was für Lügen, was für eine Sprache, was für ein Betrug!’, kann der ostalgisch Geschulte antworten: ,Ja, aber schau, die Zeitung kostete nur 15 Pfennig!’“
Bob Bahra provoziert gern, vor allem, wenn er resigniert ist. Die Resignation liegt hier auch räumlich nahe: Bahra steht am Potsdamer Ufer des Griebnitzsees, wo das von ihm gegründete „Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte im Land Brandenburg“ im November ein Holzkreuz am letzten verbliebenen Mauerabschnitt aufstellte und mit einer kleinen Tafel an die Toten erinnert. Der Grafiker Bahra, der in der DDR wegen Regimekritik zweimal im Gefängnis saß, informiert die Presse über eine weitere Veranstaltung: Von 17 bis 20Uhr werden an diesem 13. August Schauspieler, Pfarrer und Autoren Texte verlesen – Grußworte, Erinnerungen, Tagebucheinträge, Protokolle – um an die 17 Menschen zu erinnern, die auf diesem Abschnitt der Hinterlandmauer zwischen Wannsee und Sacrow gestorben sind.
Bahra, 66, mit Rauschebart und immer in Bewegung, geht keinem Streit aus dem Weg, doch er streitet auf eine eigene, versöhnliche Art. Während er am Mauerrest darüber spricht, dass man ehemaligen Stasi-IM die Hand geben müsse – „Wer, wenn nicht wir?“ – mischt sich eine Radlerin ein, die das Gespräch mit anhörte. Unter den IM seien so schlimme Menschen gewesen, dass sie diese Haltung nicht verstehen könne, sagt sie. Doch Bahra lässt sich nicht beirren. „Das ist doch Quatsch“, entgegnet er sanft. Überzeugen kann er die Frau nicht, aber zum Gedenken an die Mauertoten verspricht sie zu kommen.
Mauertote sind für den Michendorfer nicht nur die an der Grenze Erschossenen. Er rechnet auch jene Toten hinzu, die sich wegen des Eingesperrtseins in der DDR das Leben nahmen, dazu Menschen, die in Folge der Grenzkontrollen an einem Herzinfarkt starben, ja sogar den 14-Jährigen, der 1990 beim Pickern an den Mauerresten von einem Segment erschlagen wurde.
Die scheinbar einfachen Wahrheiten über den Umgang mit der DDR sind Bahra suspekt. Für die Aufregung etwa, wenn wieder eine Studie herausfindet, dass ostdeutsche Schüler ein verklärtes Bild von der DDR haben, hat er Verständnis. „Man kann doch nicht sagen, die Leute würden heute verdrängen“, sagt er, „sie haben damals verdrängt!“ Die DDR sei eine einzige Verdrängung gewesen. „Wir haben alle nicht hingeguckt und die Schnauze gehalten. Selbst im Mai 1989 haben noch 95 Prozent freiwillig Honecker gewählt – dabei wäre niemand bestraft worden, der nicht zur Wahl ging.“
Vor der Ostalgie hat er längst kapituliert. Nur manchmal macht er sich noch den Spaß und sprengt ostalgische Runden, in dem er so lange mittut und übertreibt, bis den Ostalgikern ihre Verklärung offensichtlich wird – oder werden müsste. Opfer sind für Bahra aber beide Bevölkerungsgruppen: diejenigen, die noch immer im Schatten der Mauer leben, die Linkspartei als Mauerpartei bezeichnen und keinen Ex-SED-Mann je grüßen würden ebenso wie jene Ostalgiker, deren DDR sich offenbar in Trabi, Club-Cola und kostenloser Kitabetreuung erschöpfte. Der Schatten der Mauer, sagt er, liegt noch immer über dem Land.
Deshalb, und um der Toten zu gedenken, kämpft Bahra um das Mahnmal am Griebnitzsee-Ufer, auch wenn es wohl nie unter Denkmalschutz gestellt werden wird und die Stadt Potsdam es am liebsten weg hätte, wie er sagt. Eine Bank direkt gegenüber fehlt seit einigen Tagen. Bahra hat das Grünflächenamt im Verdacht. Nur die aufgeworfene Erde kündet davon, dass dort ein städtisch gepflegter Platz zum Verweilen war. Dass Ministerpräsident Matthias Platzeck in seinem Grußwort den Erhalt des Mauersegments fordert, ist da willkommene Schützenhilfe, denn das Denkmal, das streng genommen sogar illegal dort steht, sei ein „notwendiger Pfahl im Fleisch“, der beweise, dass jedes Idyll bedroht ist. Dass viele Touristen und Spaziergänger anhalten, begeistert Bahra. Motiviert, es zu pflegen, wurde Bahra durch einen Schreck: Den Schreck, festzustellen, dass 15 der 17 Toten an diesem Mauerabschnitt aus seiner Generation waren.
Was die entidealisierende Wirkung der improvisierten Gedenkstätte angeht, macht sich Bahra dennoch wenig Hoffnungen: „Wenn ich jungen Leuten erzähle, was hier war, und ihr Opa erzählt, er hatte ein schönes Leben in der DDR, kann ich nicht sagen, das hatte er nicht. Das dürfen wir nicht, aber wir dürfen Ostalgie vermiesen durch Stätten wie diese. Den Rest muss man aussitzen.“
In solchen Momenten ist die Provokation nicht weit, und sie kommt zuverlässig, wenn er nachschiebt, dass „in der normalen brandenburgischen Familie 1932 das letzte Mal frei gedacht wurde“ – sei es nun durch Hirnwäsche, Resignation, freiwilligen Verzicht oder Abgeschnittensein von Information. In diesem Augenblick ist Bahra von dem Brückenbauer, der er gern wäre und oft ist, meilenweit entfernt. Es geht auch versöhnlicher: Dass er heute mit der Regierung telefonieren und mit ihr in vielen Punkten einig sein kann, ist für ihn immer noch ein „unglaubliches Gefühl“. Auch 20 Jahre nach dem Fall jener Mauer, an die sein Verein heute erinnert.

Info-Box: Mauer-Opfer
Von 1303 Toten an der Mauer geht das private Berliner Mauermuseum nach neuesten Schätzungen aus.
Das sind 58 Tote mehr als noch vor einem Jahr geschätzt.
Die Zahl fällt höher aus, weil aus der Zeit vor dem Mauerbau mehr Opfer an der innerdeutschen Grenze ermittelt wurden, sagt Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt.
Allein für die Berliner Mauer geht das Museum nun von 289 Opfern aus, von denen 67 vor dem Mauerbau am 13. August 1961 starben.
Alle Angaben sind allerdings noch Schätzungen.
Über die Gesamtzahl wird seit Jahren gestritten, weil es zu keiner Einigung kommt, welche Erfassungs- und Bewertungskriterien gelten.
Das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung etwa ermittelt für die Berliner Mauer lediglich 136 Tote.

Erschienen am 13.08.2008

Fein-bürgerlich im Grafenschloss

Samstag, 9. August 2008

Mitten in der Uckermark, zwischen Seen und Wäldern, fühlten sich schon die Arnims Jahrhunderte lang wohl. Ihr einstiger Stammsitz, das Schloss Boitzenburg, steht heute jedermann offen.

Auf dem Portikus sitzt es sich gräflich. Das säulengetragene Dach schützt vor der Mittagssonne, der Blick schweift über den Park zum Schlossweiher, die Kellnerinnen eilen mit voll beladenen Tabletts treppauf, treppab zur weitere 80 Plätze umfassenden Terrasse. Helge Leopold klappt die riesige, ledergebundene Karte zu, lehnt sich in seinem Korbsessel zurück und sagt, beim „saftigen Wildspieß auf Rotwein-Orangensoße mit Bechamélkartoffeln und überbackenem Fenchel“ müsste er nicht mehr weiterlesen – da hätte er sein Wunschgericht gefunden.

Leopold muss es wissen. Gemeinsam mit der Küchenchefin und der Restaurantleiterin kostet der Gastronomie-Chef des Schlosses Boitzenburg – seine genaue Berufsbezeichnung lautet „Food-and-Beverages-Manager“ – jedes Gericht, bevor es auf der Karte erscheint. Das ist eine härtere Arbeit, als es scheint, sagt er lächelnd, denn mit Rücksicht auf die Figur müsse es beim Probieren bleiben. Schloss Boitzenburg ist die zentrale Attraktion des gleichnamigen kleinen Städtchens im Herzen der Uckermark. Die Arnims haben dort – mit kurzen Unterbrechungen – seit dem Mittelalter gewohnt, und da nahezu jeder Schlossherr so seine Aus- und Umbauten an dem Gebäude tätigte, ist ein abenteuerlicher, aber romantischer Mix sämtlicher Baustile der letzten 500 Jahre daraus entstanden. Nach umfangreicher Restaurierung dient das Schloss heute als Hotel, der einst gräfliche Marstall ist zur Schlossbäckerei, Schokoladenmanufaktur und Kaffeerösterei umfunktioniert worden.

Seit 2003 ist das Restaurant in Betrieb, dass sich „fein-bürgerliche Küche mit großbürgerlichen Portionen zu bürgerlichen Preisen“ auf die Karte geschrieben hat. Der Grundgedanke hinter allem lautet Regionalisierung. Es gibt landestypische Gerichte mit Zutaten aus uckermärkischen Wäldern und Seen zu Preisen, die auch in einer strukturschwachen Region bezahlbar sind: Fischsuppe mit Frischkäsepfannkuchen kostet 4,50 Euro, Matjes an jungen Kartoffeln 9,50 Euro und Kräuterschnitzel an Sommerspargel 12,90 Euro. Küchenchefin Regina Rosin hat aber auch Ambitionierteres in petto: Gebratenes Rumpsteak auf Holler-Sternanissoße an Rotweincharlotten und Steckrübenpürree, Kaninchenkeule in Lavendel-Senfsoße oder Scholle auf Cassis-Sahnecremé bekommt der Gast eben nicht an jeder Ecke, auch wenn die zubereiteten Speisen manchmal nicht ganz so inspiriert schmecken, wie sie sich lesen. Das Rumpsteak etwa, immerhin Höhepunkt und teuerstes Gericht der Karte, erweist sich eher als gut durch- denn als medium gebraten, und die Holler-Sternanissoße lässt Ausgewogenheit vermissen, die auch die draufgekleckste Holundermarmelade nicht ausgleichen kann.

Kaffeerösterei und Schokoladenmanufaktur im Marstall sind nicht nur eine zusätzliche Touristenattraktion – den fleißigen Damen kann dank großzügiger Glasscheiben beim Confiserie-Handwerk und der Kaffeeröstung zugesehen werden. Von ihnen profitiert auch das Restaurant: Der Pralinen-Eisteller zum Nachtisch mit handgeschöpften Pralinen im Karamellkörbchen hat dem Schlossrestaurant bereits einigen Ruhm eingebracht, und die selbstgerösteten Kaffeesorten zeichnen sich durch kaum noch wahrzunehmende Restsäure aus. Raritäten wie wilder äthiopischer Waldkaffee sorgen dafür, dass auch experimentierfreudige Kaffeefreunde sich nicht langweilen, die Schlossmischung aus mildem Hochlandkaffee aus Guatemala und Brasil Santos ist höchst magenfreundlich und wer gern fülligen Geschmack in der Tasse hat, greift zum Costa Rica Tarrazu.

Um soviel gutes Essen zu verdauen, empfiehlt sich im Anschluss ein Spaziergang durch den Schlosspark oder der kurze Aufstieg zum Pavillon auf dem Hügel gegenüber, von dem aus sich ein imposanter Blick auf das Schloss eröffnet. Kinder können derweil den Streichelzoo besuchen oder über die weitläufige Anlage toben.

Info: Schlosshotel Boitzenburg, Templiner Straße 13, Tel. 039889/ 50930 , www.schloss-boitzenburg.de

Erschienen am 09.08.2008

Sie wäre besser begraben geblieben

Samstag, 9. August 2008

Film: „Die Mumie – Das Grabmal des Drachenkaisers“

POTSDAM Sie erwecken mal wieder eine Mumie, und natürlich wieder aus Versehen. Eigentlich hatten sich Rick O’Connell (Brendan Fraser) und seine Frau Evelyn (Maria Bello) längst aus dem Grabräuber-Geschäft ins Rentnerdasein zurückgezogen: Er versucht sich – gewohnt tölpelhaft – im Angeln, sie liest vor hingerissenen Frauenkreisen aus „Mumie“ 1 und 2 vor. Soviel Ruheständlerromantik ist dann doch zuviel des Guten, begeistert nehmen die O’Connells den Auftrag an, ein Artefakt nach China zu überführen, und die Dinge ihren üblichen Lauf – Mumienerweckung, actionreiche Hatz um den Globus, Weltrettung.
Es sind die selben Zutaten wie schon in den ersten beiden Teilen, die selben Figuren, die selben Darsteller – lediglich Rachel Weisz wollte die Evelyn kein drittes Mal spielen – und es ist das selbe Rezept wie schon in den Filmen von 1999 und 2001. Nur dass es diesmal eine chinesische Mumie ist, die des Drachenkaisers Qin, der vor 2000 Jahren die chinesische Mauer errichten ließ und sich mit seiner 10 000 Mann starken Terrakotta-Armee begraben ließ.
Dass das Gericht diesmal dennoch partout nicht schmecken will, liegt daran, dass nicht alles ehemals Lebendige wiederholt ausgegraben werden sollte. Diese Lektion lernen die Protagonisten der „Mumie“ jedes Mal aufs neue, und sie gilt auch für Filme. Können die O’Connells für ihr Tun zumindest Unabsichtlichkeit geltend machen, standen den Produzenten der „Mumie“ offenbar die Dollarzeichen in den Augen: Die ersten beiden Teile spielten 850 Millionen ein.
Also taten sie, was sie immer tun, wenn eine etablierte Marke bis aufs Letzte gemolken werden soll: Sie drehten alles noch ein Stückchen weiter. Brendan Fraser gibt sich noch tolpatschiger und grimassiert auf Jim-Carey-Niveau; sein listiger Bruder Jonathan (John Hannah) mimt den weinerlichen, hysterischen Meckerer noch penetranter, aber dafür ohne Charme, und Jet Li strebt als wütend wiedererweckter Drachenkaiser nach nichts weniger als ewigem Leben und unbegrenzter Macht. Das gab es irgendwie alles schon, nur besser. Man sehnt sich unversehens nach der beklemmden Düsternis des untoten Pharos Imhotep in den ersten beiden Teilen, gespielt von Arnold Vosloo.
Es ist der Fluch der Fortsetzung: Noch mehr Slapstick, brennende Hintern, explodierende Straßenbahnen, Pferde ohne Kopf. Es gibt wieder einen verrückten Piloten, einen völlig aufgesetzten Familienkonflikt und ein überzuckertes Ende. Im Bestreben, nur ja keine Langeweile aufkommen zu lassen, wurde immer noch einer draufgesetzt, noch mehr in den Film gequetscht. Nebensächlichkeiten wie eine schlüssige Story oder gar Atmosphäre bleiben da unter einem Haufen von nicht zündenden Effekte und vorhersehbaren, lahmen Gags begraben.
Technisch lässt sich der „Mumie“ nichts vorwerfen: Atemberaubende Landschaften, die neuesten digitalen Effekte, schnelle Schnitte, die packende Musik sind auf der Höhe der Zeit – lediglich der Yeti, der auch nicht fehlen durfte, ist etwas sehr künstlich geraten. Nur: Effekte allein tragen keinen Film.
Man wünscht den O’Connells am Ende doch sehr, dass sie es mit ihrem Ruhestand diesmal ernst meinen und ihr Sohn Alex (Luke Ford) nicht in die elterlichen Fußstapfen tritt, damit dem Kinogänger eine weitere seelenlose Fortsetzung dieser Art erspart bleibt. Oscar-Preisträgerin Rachel Weisz hatte offenbar den richtigen Riecher, als sie das lukrative Angebot ausschlug.

Erschienen am 09.08.2008

Typische Reizthemen

Mittwoch, 6. August 2008

Jan Bosschaart über die absolute Notwendigkeit psychologischer Einsichten
Diesen Psychologen bleibt aber auch nichts verborgen, nicht die kleinste Regung der unergründlichen menschlichen Seele. Und sie scheuen sich nicht, der Welt davon zu künden. Wie jener Kenner der Seele, der gestern nach Jahren aufreibender Forschung herausgefunden hat, warum so viele Menschen am 08.08.08 heiraten: „Weil es eine tolle Möglichkeit ist, dem Fest eine zusätzliche Bedeutung zu geben“, hat er das Fachblatt „emotion“ wissen lassen. Hut ab! Vor soviel Einsicht hätte auch Freud respektoll das Knie gebeugt. Eine andere Psychologin erhob mit großem empirischem Aufwand die nervigsten Frauensprüche und kam – völlig überraschend – zur der Erkenntnis, dass „Bin ich zu dick?“ und „Was denkst Du gerade?“ auf den vorderen Plätzen landen. Selbst vor einer grundschürfenden Interpretation scheute sie nicht zurück: „Das sind typische Reizthemen“, hat die gute Frau bemerkt, und auch, dass die Frage, was sie gerade denken, die meisten Männer überfordere. Zumindest das ist ein Vorwurf, den man solchen „Erkenntnissen“ nicht machen kann.

Erschienen am 06.08.2008

Magier an der Maus

Samstag, 2. August 2008

Olaf Skrzipczyk lässt für die Leinwand Tiere sprechen, Gebäude altern undMenschen jünger werden.Was Filmeffekte angeht, hält er Deutschland dennoch für ein Entwicklungsland.

Schnee. Schöner, weißer, großflockiger Schnee ist derzeit der Renner aus Olaf Skrzipczyks Angebot. Das hat so seine Gründe: Realer Schnee kommt und geht, wann er will, aber immer zum falschen Zeitpunkt – alte Filmregel. Kunstschnee kommt und geht, wann der Regisseur will, doch er ist teuer und er fällt, wie er eben fällt. Nur Olaf Skrzipczyks Schnee tut, was immer Olaf Skrzipczyk will – und was dem Regisseur vorschwebt. Sobald die Regisseure gemerkt haben, was möglich ist, sagt Skrzipczyk, fangen sie an, den Schnee zu choreografieren, ihn der gewünschten Wirkung der Szene anzupassen. Einer habe mal gesagt, „Olaf, der Schnee ist mir zu lyrisch. Ich brauche prosaischeren Schnee“. Für Skrzipczyk ist das kein Problem. Es kostet ihn ein paar Stunden Arbeit, einige Mausklicks und etwas Rechenpower. Danach fällt der Schnee eben prosaisch. Oder theatralisch. Vielleicht sogar sehnsüchtig. Regisseure sind, was das angeht, kreativ.

Das muss Olaf Skrzipczyk, Geschäftsführer der Firma Exozet Effekte im Filmpark Babelsberg, auch sein. Das Geschäft mit den visuellen – heute heißt das vor allem: digitalen – Effekten ist keine Fließbandarbeit und darf auch keine werden. Selbst wenn drei Regisseure für verschiedene Filme digitalen Schnee wünschen, legen Skrzipczyks Leute am Computer nicht einfach ein paar Flocken über die fertige Szene. Im Gegenteil: Wenn es gut läuft, sagt der geborene Dessauer, werde seine Firma schon beim Drehbuchschreiben hinzugezogen, um von Anfang an erklären zu können, was möglich ist und wie es eingebunden werden kann: „Wer uns für Postproduktion hält, die nur hier und da ausbessert, nutzt uns nur unzureichend.“ Nicht zuletzt deshalb besteht Skrzipczyk auch darauf, den ganzen Film zu sehen, selbst wenn sein Team nur an einer Szene tätig wird. Ohne den Kontext zu kennen, sagt er, kann kein Effektspezialist gut arbeiten.

Mit Bernd Böhlich gibt es diese gute Zusammenarbeit. Der zweifache Grimmepreisträger war zunächst ebenso skeptisch wie viele seiner Regisseurskollegen; er hielt die Arbeiten aus dem FX-Center im Filmpark für Effekthascherei. Skrzipczyk aber konnte ihn überzeugen – nicht nur, aber auch mit Kostenargumenten. In Böhlichs neuestem Film „Der Mond und andere Liebhaber“ ließen die Exozet-Leute nun eine nagelneue Brücke digital altern und zerstörten die Straße davor mit einigen Mausklicks – Effekte, die in der realen Welt entweder unmöglich oder kaum bezahlbar wären. Ganz zu schweigen von der Sprengung einer Fabrik im Vorspann. Statt Steine fallen dort nur Pixel einer computergenerierten Detonation zum Opfer und verschwinden in virtuellem Staub. Besonders stolz ist Olaf Skrzipczyk auf die Szenen mit Mond und Sternen. Gerade Sterne sind im Film nicht darstellbar: Zu klein, nicht hell genug. Sie verschwinden, wenn das Filmlicht die Szene ausleuchtet, aus dem Blick der Kamera. Mit der Maus streuten die Exozet-Leute sie wieder ein. Dazu klebten sie nicht einfach ein paar Punkte an den Horizont, sie ließen sie flimmern, funkeln und synchronisierten sie mit den Kamerabewegungen.

Im Grunde ist Skrzipczyk ein Magier: Er lässt die Mongolen Europa überrollen und braucht dazu nur fünf Reiter. Die stürmen hunderte Male durchs Bild, und nach einigen Wochen Arbeit am Computer sind es unüberschaubare Horden, die den Kontinent niederwalzen. Er durchlöchert per Mausklick Menschen mit Gewehrkugeln, die danach putzmunter aufstehen und weder blaue Flecken vom Gummigeschoss noch rote Flecken vom zerplatzten Farbbeutel haben. Er lässt Tiere sprechen, Bauwerke altern und nichtexistierende Hubschrauber fliegen. Er knipst virtuos unerwünschte Lichter in gefilmten Gebäuden aus, ohne den Schalter zu kennen, räumt störende Bauwerke und andere Hindernisse aus dem Filmbild, flutet die Gustloff mit Meerwasser und sorgt dafür, dass Filmtote nicht blinzeln, atmen oder zucken. Es ist die hohe Kunst der schmerz- und trümmerfreien Zerstörung.

Wenn dann der Abspann flimmert und der Zuschauer sich fragt, warum dort digitale Effekte aufgeführt werden – er hat doch gar keine gesehen – hat Skrzipczyk sein Ziel erreicht. Gute Effekte sind Effekte, die nicht als solche wahrgenommen werden. Und sie sind mittlerweile überall, nicht nur in den Effektschlachten wie der „Matrix“ oder dem „Herrn der Ringe“, sondern auch in kleinen, leisen Autorenfilmen mit schmalen Budgets. Entsprechend breit ist das Auftragsspektrum bei Exozet. Die Firma hat in den zehn Jahren ihres Bestehens über 80 Filme bearbeitet – vom Sandmännchen bis zum Erotikthriller. Rund zwei Drittel der Aufträge sind für Fernsehfilme und -serien, das andere Drittel kommt vom Film – oft auch vom Studio gegenüber. Babelsberg hat so seine Synergien. Von den großen internationalen Produktionen dort, speziell jenen aus Hollywood, kann Exozet nicht profitieren. Die bringen ihre eigenen Leute mit, und sie machen ihre Effekte zuhause. Weil die Studios langfristige Verträge mit den Effektfirmen haben, und weil Deutschland im Grunde ein Entwicklungsland ist, was digitale Effekte angeht. Wo in den USA die Effektleute hinzugezogen werden, bevor der erste Satz im Drehbuch steht, sollen sie hierzulande oft am fertigen Film retten, was aus Kostengründen nicht möglich war. Wo amerikanischen Studios zwei Jahre Zeit und 20 Leute für eine Szene zur Verfügung stehen, muss Olaf Skrzipczyk mit drei Leuten und sechs Monaten für viele Szenen auskommen. Dafür bekomme er oft nur den Bruchteil der transatlantischen Honorare, aber die Produktionsfirma will am liebsten alle Effekte aus der „Herr der Ringe“-Trilogie sehen, sagt er. Das sind die Momente, wo Skrzipczyk tief Luft holt, einen Schluck Wasser trinkt und dann einen hundertfach gehaltenen Vortrag über die Möglichkeiten, Grenzen und vor allem Kosten digitaler Effekte hält.

Das macht er so gut, dass ihn die Filmhochschule, das ZDF und RTL regelmäßig buchen, damit deren Studenten, Mitarbeiter und Regisseure die Effektwelt besser zu nutzen lernen. „Wir sind aufgerufen, die Industrie zu entwickeln“, sagt Skrzipczyk, dessen Firma im FX-Center im Filmpark mittlerweile der einzige Mieter ist. „Viele Unternehmen haben es nicht geschafft, obwohl sie mehr Geld hatten“, betont er, und es ist nicht nur Stolz, sondern auch Bedauern, das in seiner Stimme mitschwingt. Mitbewerber, das hieße auch, eine größere Lobby für den visuellen Effekt zu haben, mehr Bewusstsein bei den Regisseuren. Manchmal komme er sich vor wie ein Vertreter, der einen Trick zu verkaufen hat, sagt der 48-Jährige, der ausgebildeter Kameramann ist, also beide Welten kennt und das als einen einzigartigen Vorteil begriffen hat: Als Grenzgänger zwischen Kamera und Computer, als einziger Geschäftsführer einer Visual-Effects-Firma, der – in Babelsberg! – an der Kamera ausgebildet wurde, kann Skrzipczyk anders beraten, anders helfen, anders am Set agieren. In Deutschland das durchzusetzen, was in den USA, Großbritannien und mittlerweile gar in Neuseeland längst State of Art ist, das wäre sein Traum, betont er. Er wird noch eine Weile träumen müssen, obschon es an Nachwuchs nicht mangelt.

Die Technikfreaks sind ihm aber suspekt. Einen PC bedienen können heute alle jungen Digital Artists, und auch die dafür nötigen Programme kennen sie entweder bereits seit dem Studium oder sie haben sich in kürzester Zeit eingearbeitet. Dafür vermisst der Exozet-Geschäftsführer immer häufiger den Kunstverstand, denn „Digital Artist“ wird auf dem zweiten Wort betont. Als die Exozet-Leute für einen Film einen gotischen Dom bauen sollten, sah das Ergebnis toll aus. Er hatte alles, der Dom: Säulen, Türmchen, Portale – nur nichts Gotisches. Seither schult Skrzipczyk seine Mitarbeiter: Architekturstile, Künstlerbiografien, Ausstellungsbesuche, die Geschichte Babelsbergs als Filmstadt, das alles steht auf dem Curriculum. Futter für Augen und Hirn, damit die Mitarbeiter nicht nur „Digital“, sondern auch „Artists“ sind. Dass derart umfassend gebildete Mitarbeiter auch in London oder Hollywood gefragt sind, nimmt Skrzipczyk dafür in Kauf. Er hofft, dass sich diese Investitionen auszahlen; hofft auf jene noch zu seltenen magischen Momente, wenn Regisseure neue Effekte anregen, die Exozets Kreativität herausfordern, statt sich aus Skrzipczyks Bauchladen bereits gemachter Tricks zu bedienen. Dafür würde er auch Schnee zaubern, der irgendwie „gotisch“ vom Himmel fällt.

Infobox: Exozet effects

Je nach Auftragslage arbeiten zehn bis zwölf feste Mitarbeiter für Exozet effects im Babelsberger Filmpark, in Spitzenzeiten wächst das Team um Olaf Skrzipczyk (Foto: Exozet) auf 25Leute an.
Seit rund zehn Jahren sitzt die Visual-Effects-Firma im sogenannten Special-FX-Gebäude des Filmparks.
Seither ist das Unternehmen kontinuierlich gewachsen. Mit der Offenheit für Effekte bei den Produzenten haben auch die Aufträge zugenommen.
Als Spezialist für visuelle Effekte arbeitet Exozet heute vor allem mit digitaler Nachbearbeitung – aber nicht ausschließlich: Für die ZDF-Tragödie „Die Gustloff“ baute das Unternehmen ein Modell im Maßstab 1:5, das dann mit Wasser geflutet wurde. Am Computer erhielten die Aufnahmen den letzten Schliff.
Den aufwändigsten Auftrag erledigte Exozet, als sie für die ARD „Frau Holle“ bearbeiteten. Die märchenhafte Landschaft entstand nahezu komplett am Computer, die Schauspieler agierten vor blauen Wänden.

Erschienen am 02.08.2008

Endlich!

Donnerstag, 31. Juli 2008

Jan Bosschaart über eine Ernährungsstudie, die längst überfällig war

Wir haben es ja immer geahnt, dass Vegetarier keine echten Kerle sind. Diese ganze Weinerlichkeit wegen ein paar geschlachteter Säuger; diese Genussunfähigkeit, wenn alles Fleisch außer totgestreichelten Tieren auf dem Teller blieb, das wirkte nicht eben wie die Inkarnation des Maskulinen auf uns. Da begrüßen wir eingefleischten Tofu-Brätling-Verweigerer, dass die Wissenschaft nun, nach Jahren voller Studien über Schädlichkeit und Schändlichkeit des Fleischgenusses, einmal unsere Sprache spricht: Ein Harvard-Mediziner fand heraus, dass der Verzehr von Soja-Produkten die Spermienqualität nachhaltig beeinflusst. Tofu-Typen, so die Studie, bilden nur halb so viele Spermien wie Eisbeinesser aus. Die Begründung dafür ist Wasser auf die Mühlen unserer Vorurteile: Soja enthält Isoflavone, die im männlichen Körper wie weibliche Hormone wirken. Ha! Ihr Weichlinge! Ihr Mädchen! Im Lichte der neu gewonnenen Erkennntis völlig überflüssig ist daher eine zweite Meldung, nach der vegan lebende junge Eltern ihre Ernährung vorübergehend umstellen sollten, weil Babys Eisen benötigen. Wir fragen an dieser Stelle besorgt und hämisch zugleich: Welche Babys?

Erschienen am 31.07.2008

Schluss mit lustig

Samstag, 19. Juli 2008

Musik: Deutschlands vulgärste Boygroup Knorkator hört auf

BERLIN 2006 hieß es noch, „Wir werden auf die Kacke hauen, bis man uns das per Gesetz verbietet oder unsere zerfetzten Körper es nicht mehr zulassen.“ Nach Erschlaffung sah es aber zum Auftakt der Knorkator-Abschiedstournee am Donnerstag im Berliner Monbijoupark gar nicht aus: Frontmann „Stumpen“ wirkte wendig und vulgär wie eh und je und eröffnete gut gelaunt mit „Es kotzt mich an“ das zweistündige Konzert, in dessen Verlauf kein Knorkator-Klassiker wie „Ding in die Schnauze“, „Ich hasse Musik“, „Ick wer zun Schwein“ und einige weitere mit nicht zitierfähigen Titeln und Texten folgten.
Die Atmosphäre war trotz mehrerer hundert Gäste im hölzernen Amphitheater familiär. Knorkator, die sich selbst die „etwas andere Boygroup“ nennen, sind eine Band des Entspanntseins: Ohne Konzept, ohne Schuhe, ohne politische Korrektheit. Etwa die Hälfte der Lieder wurde nicht zu Ende gespielt, weil irgendwer daneben griff, „Stumpen“ aus dem Rhythmus kam oder den Text vergessen hatte.
Das passierte ihm besonders gern bei „Westliedern mit englischem Text“ wie seiner Persiflage auf „Highway to Hell“, das er im Falsett als Ballade anlegte. Die Fans lieben Knorkator nicht nur für hintergründige Komik: Sie kommen vor allem, um den Anarcho-Charme der „weltweit meisten Band Deutschlands“ zu genießen.Knorkator machen alles, was anstößt: Sie beschimpfen das Publikum, sie nehmen nichts ernst – sich selbst zum Glück auch nicht –, sie beleidigen jeden, zelebrieren den Ekel und alles Fäkale, lassen an nichts ein gutes Haar. Sie sind wie Riesenbabys, die sich weigern, erwachsen zu werden, aber das mit soviel Charme und Selbstironie und – ja, doch – auch Intelligenz, dass es schon wieder fast reif wirkt. Lange galt die Band aus Berlin als subversiver Geheimtipp. Dann kam der Grand-Prix-Vorentscheid im Jahr 2000, und Deutschland reagierte auf die Provokationen der Spaßrocker, die im ARD-Abendprogramm in Plüschkostümen Möbel zersägten, wie es sollte: beleidigt. Einen größeren Gefallen hätte man der Band kaum tun können. „Soviel Spaß hatten wir selten“, sagte Stumpen.
Nun, nach elf Jahren, ist erstmal Schluss mit lustig. „Es hat einfach Gründe“, ist alles, was von Stumpen an diesem Abend zu den Gründen zu hören ist. Mehr war von einer Band, die nichts ernst nimmt, nicht zu erwarten.

Erschienen am 19.07.2008

Zur Not auch im Schlamm

Freitag, 18. Juli 2008

Kultur: Roland Seidler wuchtet das Theater Boitzenburg fast allein: Er schreibt, inszeniert und spielt mit

Es muss nicht immer Ralswiek sein: In der Uckermark etabliert sich ein Freilichttheater. Dahinter steht ein Mann, der schon mit Gojko Mitic durch die Mongolei ritt.

BOITZENBURG Auch das Wetter hat im Drehbuch geblättert. Feiner Landregen geht über Boitzenburg nieder – kurz bevor die Generalprobe beginnt. Das passt durchaus, um ein Stück in den englischen Wäldern des Sherwood Forest zu untermalen, doch soviel Werktreue hatte Roland Seidler eigentlich nicht im Sinn. Er setzt die schwere Holzbank ab, die er geradevor die Bühne schleppte, schaut grimmig gen Himmel, wirft sich in die Brust und donnert: „Scheiße, warum regnet es denn?“ Publikum gibt es zwar keines – die Helfer haben ihre Bänke stehen gelassen und sind unter Bäume geflüchtet – doch Seidler lässt seine rauhe Stimme erschallen, als handle es sich um eine lange geprobte Szene.
Die Generalprobe verschiebt der Regisseur Seidler wegen des Regens aber nicht. Im Naturtheater an der Boitzenburger Klosterruine müssen alle wetterfest sein: Darsteller und Helfer ohnehin, und auch die Zuschauer tun gut daran, auf jede Witterung vorbereitet zu sein – obgleich Seidler am Eingang auch Regencapes verkaufen lässt. „Das ist eine clevere Angelegenheit, nicht?“, sagt er und setzt ein Lausbubengesicht auf.
Seine Freude währt nicht lange, denn es regnet sich ein. Er fürchtet nicht um sein Stück – nach Jahren als Winnetou in Annaberg-Buchholz und als Oberbösewicht bei den Störtebeker-Festspielen in Ralswiek ist der Schauspieler Seidler einiges gewohnt, zur Not spiele er auch knietief im Schlamm, sagt er. Doch der Unternehmer Seidler fürchtet um die Zuschauerzahlen. Trotz allgemeinen Lobes für Idee und Umsetzung ist das Theater in der Klosterruine Boitzenburg im vierten Jahr seines Bestehens noch lange keine sichere Bank. „Finanziell ist das grenzwertig“, sagt er, „ich habe in letzter Zeit nichts verdient. Das muss sich ändern, sonst kann ich’s lassen.“ Beim Freiluft-Theater gilt: Gutes Wetter gleich gute Einnahmen. Die letzten Sommer waren eher regenreich.
Vor 15 Jahren hatte Roland Seidler erste Theaterpläne für die Uckermark. Sie waren deutlich größer: Mit dem Deutschen Theater Berlin und dem Nationaltheater in Weimar wollte er eine Klassikbühne in Boitzenburg gründen. Er hatte bereits zwei Minister im Boot, Kontakte nach Brüssel und zur Unesco, aber es scheiterte an den Leuten in der Gemeinde, die lieber ihre Ruhe haben wollten. „Da ist der Uckermärker komisch. Er will zwar Touristen, aber am liebsten solche, die Geld überweisen und dann wegbleiben.“ So wurde nichts aus dem Plan, doch der Kulturförderer Seidler nahm einen zweiten Anlauf: „Nun mache ich halt einfaches Volkstheater, schreibe die Stücke, inszeniere, entwerfe das Bühnenbild und spiele selbst mit“, sagt er mit einem Lächeln, das zwischen Wehmut und Trotz schwingt: „Uckermärker gelten als die stursten Menschen Deutschlands. Was die Gemeinde damals unterschätzt hat, ist: Ich bin auch einer.“
Jahr für Jahr nimmt Seidler sich vor, diesmal nicht mitzuspielen, und Jahr für Jahr tritt er dann doch auf: Weil Schauspieler ausfallen oder kurzfristig andere, besser dotierte Engagements bekommen. „Einmal musste ich alter Mann sogar den d’Artagnan spielen“, erzählt der 57-Jährige etwas kokett und fasst sich an die Leiste, die seit der Hauptprobe am Vortag schmerzt: Muskelzerrung beim Reiten.
Neben der Liebe zum Theater ist es diese uckermärkische Sturheit, die Seidler antreibt, die ihn dazu bringt, Schmerztabletten einzuwerfen, um trotz Verletzung reiten und fechten zu können. Sie hilft ihm, den Regen nach Kräften zu ignorieren, sie lässt ihn die Nachricht, ein Nebendarsteller habe wegen Brechdurchfalls kurz vor der Premiere abgesagt, mit einem Schulterzucken quittieren.
So bringt er seine Generalprobe trotz des Wetters sauber über die Bühne: Eine verschlungene Geschichte um fliehende Tempelritter, finstere Inquisitoren und den strahlenden Helden Robin Hood, den der Drehbuchautor Seidler als wendig-wieseligen Anarchisten anlegt. Als der Schauspieler Seidler schließlich die Bühne betritt – diesmal ersetzt er einen Tempelritter – wird klar, warum es letztlich egal ist, ob er wirklich so widerwillig einspringen muss oder ob das Abenteurer-Herz in ihm nicht doch einen Freudensprung macht, wenn ein Kollege ausfällt. Allein seine Präsenz auf der Bühne macht aus der soliden Mantel- und Degengeschichte ein Erlebnis: Was für eine Stimme, was für ein Charisma, welche Verve! Es ist ein klein wenig, als würde über Boitzenburg die Sonne aufgehen, trotz Regens. Wo die anderen nur spielen, verkörpert Seidler; wo sie deklamieren, lebt er seinen Text – mit jener Stimme, die unter anderem in Musicals am Ost-Berliner Metropoltheater geformt und beim Synchronsprechen für die Defa verfeinert wurde. Als Seidler neben Gojko Mitic durch die Mongolei galoppierte und in der Seeluft von Ralswiek zum Angriff rief, kam der entscheidende Hauch Rauheit hinzu.
Wegen dieser Präsenz sind es, trotz 26 Leuten auf der Bühne und einigen weiteren an der Technik, letztlich doch Seidler-Festspiele, die Aufführungen im Naturtheater Boitzenburg. Mit dem wettergegerbten Uckermärker, unter dessen Kettenhemd sich ein kleiner Bauch wölbt, steht und fällt das Theater, und Seidler weiß das: Er bindet seine 25-jährige Tochter als Regieassistentin und den 16-jährigen Sohn als Schauspieler ein. So lange er lebe, wolle er aber weiter in Boitzenburg Theater spielen, sagt er. Da mittlerweile nicht nur die Touristen, sondern auch immer mehr Uckermärker ins professionell ausgestattete Naturtheater kommen, könnte diese Rechnung aufgehen. Nur den Regen, den muss Seidler künftig ins Drehbuch einbeziehen. Und ihn bei den Auftritten weiterhin stur ignorieren.

Erschienen am 18.07.2008

Schippern für Flugsäuger

Dienstag, 15. Juli 2008

Spandaus Artenschützer und das Bezirksamt sorgen mit Kreativität für satte Fledermäuse

Spandaus Fledermäuse lebten bislang von Eintrittsgeldern. Als die weggefielen, drohte Hunger. Doch findige Menschen hatten eine Idee: Jetzt leben die Fledermäuse von geführten Bootstouren.

Als der Katamaran zuviel Schlagseite bekommt, begann Gerhard Hanke, öffentlich an seinem Diäterfolg zu zweifeln. Er sitzt von seinem Mitarbeiter begleitet auf der linken Seite, ihm gegenüber sitzen sechs Journalisten. Genau genommen hängen sie in der Luft, denn der Katamaran kippt bedrohlich in Richtung Bezirksstadtrat – auch wenn schnell versichert wird, das Boot sei unsinkbar. Wären die Fotografen nicht an Bord, sie könnten vom Kai aus ein sehr unvorteilhaftes Bild schießen. Doch Spandaus Bildungs- und Kulturstadtrat ist schlagfertig: Es handle sich um sein politisches Gewicht, das für die Einseitigkeit an Bord sorge. Einseitigkeit? Die Pressevertreter dürfen sich was denken.
So munter geht es zu an diesem sonnigen Junimorgen, ein gut gelaunter Stadtrat trifft gut gelaunte Journalisten, die sich eine Stunde lang durch die Sonne schippern lassen, an Bord eines Katamarans, mit dem ab sofort die Kanäle rund um die Spandauer Zitadelle erkundet werden dürfen. Gekauft hat das 12 000 Euro teure Gefährt das Bezirksamt, nutzen dürfen es die Herren vom Berliner Artenschutz-Team (BAT), das in der Zitadelle eine Fledermausstation betreibt.
Es handelt sich quasi um eine Kompensationsleistung: Früher, als die Zitadelle noch ohne Eintritt besucht werden konnte, namen die Artenschützer einen kleinen Obolus am Eingang des Fledermaushauses, damit sie davon Futter für die Tiere kaufen können. Seit kurzem kostet die Zitadelle jedoch Eintritt, und innerhalb der Festung will niemand ein zweites Mal bezahlen. Irgendwo musste aber Geld herkommen, wenn die geflügelten Säuger nicht hungern sollen. Also setzten sich BAT und Bezirksamt an einen Tisch, und so wurde die Idee des Katamarans geboren.
Für geführte Touren entlang der Gräben der mächtigen Zitadelle dürfen die Artenschutz-Freunde nämlich eine geringe Gebühr nehmen, und auch wenn das nicht die Kosten deckt oder die Höhe der Eintrittsgelder erreicht, ist zumindest der Futterstrom für die Fledermäuse vorerst wieder gesichert. 3,50 Euro kostet die zirka 45-minütige Rundfahrt für Erwachsene, ermäßigt werden zwei Euro fällig. Der Katamaran fährt in der Saison (März bis Oktober) samstags immer um 12.30, 13.30, 14.30 und 15.30 Uhr; sonntags dann um 11.30, 12.30, 13.30, 15 und 16 Uhr, in der Woche nach Anmeldung. Jörg Harder vom Berliner Artenschutz-Team kündigte zudem Nachtfahrten an, um die Fledermäuse über dem Wasser beim Jagen zu beobachten. Dazu werden sie mit einem speziellen Rotlicht angestrahlt, dass die Tiere nicht irritiert, aber den Mitfahrern Gelegenheit gibt, die Mini-Vampire bei der Futterbeschaffung zu beobachten. Vermutlich sechs Euro wird die Teilnahme kosten, der 13 Personen fassende Katamaran kann aber auch für Feiern oder Betriebsausflüge gebucht werden. Das alles soll dem Verein zugute kommen, auch Werbung an den Außenseiten ist geplant.
Ein fast unhörbarer Elektromotor treibt das zwei Meter breite Gefährt an, das wie ein umzäuntes Floß auf dem Wasser liegt. Damit kommt der Kapitän sogar durch die engen Stellen im Festungsgraben, ein Tiefgang von nur 40 Zentimeter sorgt dafür, dass das Boot jede Untiefe im zwischen drei Meter und 50 Zentimeter tiefen Graben sicher übergleitet.
Durch geschicktes Umsetzen ist Gerhard Haukes politisches Gewicht mittlerweile neutralisiert, und Jörg Harder steuert sicher durch den Graben auf das Ravelin „Schweinekopf“ zu. Dieser Vorposten der Festung vor dem Graben soll zum Naturlehrpfad umgebaut werden, Bezirksstadtrat Hanke erwägt auch, hier ein offenes Klassenzimmer für die Spandauer Schulen einzurichten. Am Festungstor ist kein Durchlass: Es ist dauerhaft heruntergelassen, und zöge man es hoch, so versperrte weiterhin ein Abwasserrohr den Weg. Der Kamataran muss kehrt machen und fährt die Zitadelle, deren beeindruckende Dimensionen vom Wasser aus erst richtig deutlich werden, von der anderen Seite an.
Jörg Harder jedenfalls ist sichtlich zufrieden: Die Festungsgrabenrundfahrt zum Fledermauslehrpfad ist ganz in seinem Sinne, vereint sie doch touristische Nutzung mit Naturerlebnis und einem tieferen Verständnis für seine zeitweise 10 000 geflügelten Schützlinge, während die Schippergebühr dem Futterhaushalt zugute kommt. Bei soviel Freude nimmt er es auch gern in Kauf, dass beim Unterzeichnen der Nutzungserklärung zwischen dem Bootsinhaber Bezirksamt und dem Nutzer BAT der Kugelschreiber mehrfach vom Tisch rollt: Das politische Gewicht Gerhard Hankes hat trotzdem Nutzen gebracht..

Erschienen am 15.07.2008

Händler, Tiere, Ackerbürger

Montag, 30. Juni 2008

Freizeit: Hunderte strömten trotz mäßigen Wetters in die Nauener Altstadt – sehr viele sogar kostümiert

Sie haben kein Glück in diesem Jahr, die Nauener bei ihren großen Festen: War schon das Altstadtfest im Mai von dicken Wolken überschattet, so galt es beim Ackerbürgerfest, mit Schauern und kaltem Wind zu leben.

NAUEN Es gibt erhebendere Momente im Leben eines Zwölfjährigen: Max steht am „Hau-den-Lukas“, er legt alle seine Kraft in den Hammer, es ist der zweite Schlag, er beißt auf die Unterlippe, presst die Augen zu Schlitzen zusammen, lässt den Hammer krachen, doch nein: Der Zeiger geht nicht über die erste von fünf Stufen hinaus: „Bettnässer“ steht da, und das ist nicht erhebend, wenn man zwölf ist und die Mädels im Halbkreis drumherum stehen. „Stell dir vor, es wäre dein Lehrer“, sagt der Schausteller, und ja, doch, im dritten Versuch kratzt der Zeiger doch fast an der zweiten Kategorie „Flitzpiepe“. Dann sagt der freundliche Herr auch noch „Ich zeig dir das mal“, nimmt den Hammer wie ein Spielzeug über die Schulter, am Oberarm bauen sich Muskelpakete auf, es kracht, der Zeiger schießt durch bis „Yippie Yeah Schweinebacke“, schlägt die Glocke, der Mann patscht Max auf den Kopf und sagt: „Ist doch gar nicht so schwer.“ Sowas können nur Erwachsene sagen. Sie können grausam sein, selbst wenn sie es gut meinen.

Es ist voll beim 4. Nauener Ackerbürgerfest, der Martin-Luther-Platz quillt über vor Menschen, zeitweise geht es nur im Schritttempo voran, und das, obwohl das Wetter den Nauenern schon wieder nicht wohlgesinnt ist: Gelegentliche Schauer und kräftige Windböen fahren in die Menge, doch niemand lässt sich vertreiben.

Vielleicht liegt das auch an der Mühe, die sich viele Besucher gegeben haben: Wer so lange an seinem Kostüm geschneidert hat, will es nun auch zeigen. Zeitweise flaniert fast die Hälfte der Gäste im historischen Gewand über den Luther-Platz. Bei den Nauener Heimatfreunden steht eine elegante Dame mit Schirm und versucht sich im Hobelhalten: Mit ausgestreckten Armen muss der Langhobel so lange wie möglich in die Luft gehoben werden – es gelingt ihr fast anderthalb Minuten lang. Ein Zuschauer kommentiert „Die hat Übung mit der Pfanne!“. Niemand lacht. Ihr Begleiter – Frack, Kordhose, gewienerte Stiefel – versucht es ebenfalls, muss aber nach knapp einer Minute aufgeben.

Hinter der Kirche schlummern zwei Kälbchen um die Wette, während ihre Bäuerin die Plagen und Freuden der Milchviehwirtschaft schildert und berichtet, dass eine Kuh 90 Liter Wasser und 40 Kilogramm Futter pro Tag braucht, um 30 Liter Milch zu geben.

Überhaupt, die Tiere: Zwei Stände weiter hat sich ein Frettchen eingekringelt und schläft so selig, dass selbst die Stupser der Kinder durchs Gitter es nicht aus seinen Träumen reißen. In einer Seitengasse zeigt sich die Alpaka-Familie von Joachim Kuntzagk von ihrer besten Seite: Olivia und Caral stehen in unverhohlenem Elternstolz um ihren zwei Monate alten Nachwuchs Otello, der das Besucherinteresse mutig aushält und sich sogar mal ein, zwei Schritte von Muttis Seite löst.

Zwischendrin bindet immer wieder das Bühnenprogramm die allgemeine Aufmerksamkeit: Kinder der Tanzschule Amanda versuchen sich im Schwanensee, der Sportverein bringt eine Modenschau auf die Bühne, und um 18 Uhr ist das Theaterstück des „Stadtgeflüster e.V.“ ein Höhepunkt des Programms.

Doch auch mitten im Trubel ist’s unterhaltsam: Jongleure und Fakire mischen sich unters Volk, wer mag, kann sich im Bogenschießen üben, es gibt Getränke und Naturprodukte, die Kinder reiten auf Eseln, die Männer versuchen sich im Erbsenschlagen, es riecht nach Grillwurst, nassem Hund und Eselhäufchen, doch das gehört zum mittelalterlichen Flair.

Auf dem Rückweg versucht es Max noch einmal – er hat sich Tipps geben lassen. Er kommt bis „SoapStar“, Stufe drei. Immerhin.

Erschienen am 30.06.2008


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