Absurd

Die Vorstellung ist außerordentlich absurd: Für jeden Knirps, der sich bei der „Spirellibande“ eine warme Mahlzeit holt, müsste die Awo Meldung machen, damit seine Eltern weniger aus den Hartz-IV-Töpfen bekommen – schließlich erhält die Familie schon Geld für die Verpflegung des Kindes. Wo es keine „Spirellibande“ gibt, müssen sozial schwache Familien das Mittagsmahl schließlich vom Regelsatz bezahlen. Auch wenn das prinzipiell gerecht wäre, dürfte allein der finanzielle Aufwand, diese Meldungen entgegenzunehmen, in Geldwerte umzurechnen und vom Regelsatz abzuziehen, den erhofften Spareffekt bei weitem übersteigen. Dabei würde auch übersehen, dass Kinder, die sonst mittags ohne warme Mahlzeit blieben, nicht hungern, weil der Regelsatz zu niedrig ist, sondern weil die Eltern für das Geld oft eine andere Verwendung haben. So bliebe es bei allem guten Willen in Sachen Verteilungsgerechtigkeit mal wieder am schwächsten Glied der Kette, das Problem auszubaden: den Kindern. Dass die Paga daher soziales Gewissen vor Rechtslage gehen lässt, verdient Lob. Eine bundeseinheitliche Klärung dieser Frage drängt dennoch. Jede Küche, die bislang aus Unsicherheit kalt bleibt, ist eine zuviel.

Erschienen am 16.11.2007

Unverkrampft aufgelegt

Zugegeben, es ist befremdend zu lesen, es gehe um „Körper, Liebe, Doktorspiele vom ersten bis dritten Lebensjahr“. Selbst in unserer aufgeklärten Gesellschaft, der reflexartig Tabulosigkeit vorgeworfen wird. Doch die mediale Sexualisierung, all die Hintern und Brüste, die über den Bildschirm flimmern, das Internet bevölkern und auf tausenden Zeitschriftenseiten prangen, sie ersetzen keine frühe „Sexualerziehung“, wenn es denn unbedingt dieses gruselige Wort sein muss. Wir tragen gern das Etikett „aufgeklärt“ mit uns herum, und spätestens seit Sigmund Freud weiß auch die Wissenschaft, was man doch längst geahnt hatte: dass Kinder eine Sexualität besitzen. Doch es scheint, als ließe man es gern dabei bewenden. Und so wird weiterhin eher verschämt und verdruckst Doktor gespielt, weil Kinder die Tabus spüren, die ihre Eltern schon lange nicht mehr hinterfragen oder gar zu pflegen leugnen. Eine entsprechende Kampagne, erst recht, wenn sie so frisch und unverkrampft aufgelegt wird wie in „Nase, Bauch und Po“, kann für die gern zitierte „psychosexuelle Entwicklung“ nur förderlich sein. Die Praxen der Psychologen sind voll von Menschen, die derlei nie genossen haben.

Erschienen am 23.10.2007

Die Langzeiturlauber am Trabbi-Weg

Am Gaisberg campen manche schon seit 40 Jahren – verordnete fröhliche Ostalgie ist ihre Sache aber nicht

PIRSCHHEIDE Die Zuwegung beginnt ganz harmlos als „Eichenallee“. In ihrem Verlauf scheinen die Buchstaben ein wenig durcheinander zu geraten, denn plötzlich steht da: „Erich-Allee“. Ein Versehen scheidet aus, denn neben dem Schriftzug prangt das gewohnt grimmige Konterfei des Staatsratsvorsitzenden.
Es ist nicht die einzige Reminiszenz an die DDR im Campingpark Sanssouci-Gaisberg in der Pirschheide. Während in der Landeshaupstadt längst die Wilhelm-Pieck-Straße zur Charlottenstraße wurde, drängen sich zwischen Elster- und Drosselweg, zwischen Wildschweinwiese und Storchenufer die „DDR-Promenade“, der „Trabbi-Weg“ und der „Sandmännchen-Pfad“. „Es wäre doch albern, unsere Vergangenheit zu leugnen“, sagt Dieter Lübberding, der zur Betreiberfamilie gehört. Die kommt aus Niedersachsen. Das gilt als kleiner Schönheitsfehler unter den Dauercampern, wie auch der Umstand, dass Lübberding demonstrativ mit einem gelben Trabi-Kübel durch Potsdam und Umgebung kurvt – mit einem, den ein CLP-Kennzeichen ziert. CLP wie Cloppenburg.
Dieter Lübberding ist in dieser Hinsicht schmerzfrei: Er parkt den Gelben gut sichtbar am Eingangstor, auf einer extra gezimmerten Plattform. Für ihn ist das eine Form des Marketings. Vielen Gästen sei die DDR-Geschichte doch gar nicht gegenwärtig, oft werde er gefragt, ob Potsdam im Osten gelegen habe. „Wir müssen uns hier mit unserer Ost-Vita doch nicht verstecken“, sagt er.
Sein Campingpark gehört zu den besten in Deutschland – von Branchenführern und vom ADAC wird er regelmäßig mit den höchsten Auszeichnungen bedacht. Weil er wunderschön gelegen ist, weil die Betreiberfamilie mehr als rührig ist und weil auf jedes Detail geachtet wird. „Klein aber fein“ und „Urlaub ohne Sorgen“ sind die Firmenmantras, die Dieter Lübberding nicht nur unermüdlich wiederholt, sondern seit Übernahme des Platzes 1991 auch ebenso unermüdlich umsetzt. Über den Herrentoiletten, die es in drei Größen S, M und L für verschiedene Wuchshöhen gibt, wachen Friedrich der Große und Kaiser Wilhelm I., die Damen müssen unter Augusta von Sachsen oder Sophie-Luise von Mecklenburg-Schwerin hindurch, um sich zu erleichtern. Der Platz heißt nunmal königlicher Campingpark Sanssouci, und Adel verpflichtet.
Trotzdem ist es ein typischer Campingplatz, und ein typisch deutscher dazu. Von den ausländischen Gästen – Holländer und Dänen kommen besonders gern – werden etwa die allgegenwärtigen Verbotsschilder stets mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Verärgerung quittiert: Surfbretter verboten. Eltern haften für ihre Kinder. Keine Tiere füttern. Kinder unter 7 Jahren nicht allein aufs Klo. Kein Lärm vor 8 Uhr, kein Lärm nach 22 Uhr, kein Lärm zwischen 13 und 15 Uhr. Keine Besucher ohne Anmeldung. Keine Wasserentnahme aus dem Sanitärtrakt.
Der Platz ist gepflegt. Sehr gepflegt. Der englische Rasen zwischen den Dauercampern erstrahlt in fast unnatürlichem Grün, die Halme sind exakt gestutzt. Nur selten verunziert ein gelbes Blatt die reine Fläche. Dieser Tage kommt selbst der emsigste Laubfeger nicht hinterher. Es ist eine idyllische und – doch, ja – streckenweise auch ziemlich spießige Parallelwelt an den Toren der Landeshauptstadt.
Christel Herbst versucht es trotzdem. Die 67-Jährige hat den Besen fest in der Hand und ficht entschlossen ihren Kampf gegen das Laub. „Wer einen Tag aussetzt, hat verloren“, sagt sie und betont, dass daher wenig Zeit für weitere Fragen bliebe. Seit 1971 residiert die Dauercamperin auf einem der privilegierten Plätze ganz vorn am Ufer des Templiner Sees – mit dem vollen Programm: Wohnwagen, Vorzelt, Pavillon, umzäunte Fläche, Blumenkästen, Sat-Schüssel. Der Wohnwagen ist längst fest mit dem märkischen Boden verwachsen. Ihr Sohn nebst Frau hat den Platz rechts dahinter, die Enkelin nebst Urenkelin links daneben. Von Ende März bis Anfang November lebt Christel Herbst dort, in der „Übergangszeit dazwischen“ muss sie in ihre Stadtwohnung auf dem Kiewitt.
150 solcher Dauercamper gab es zu DDR-Zeiten auf dem Platz, nach der Wende hat sich die Schar der Alteingesessenen auf unter 50 reduziert, erzählt sie. Sie sagt es so nachdrücklich, dass es unmöglich ist, das Bedauern in ihrer Stimme zu überhören. Ob ihr daher auch Erich-Allee und Trabbi-Weg gefallen? Christel Herbst hält mit dem Kehren inne. „Ach das“, sagt sie und stellt den Besen weg, „das hat sich der Lübberding letztes Jahr einfallen lassen.“ Sie tippt mit der nun freien Hand an die Stirn, sieht sich um und senkt die Stimme: „Der hat von der DDR doch keine Ahnung. Für den ist das Spaß. Wir aber kennen den Unterschied noch – auch preislich.“ Drei Preiserhöhungen habe es seit der Wende schon gegeben, und dreimal Umziehen habe sie auch müssen, als der Platz umstrukturiert wurde. Umziehen, das kommt für Dauercamper offenbar einer Vertreibung aus dem Paradies gleich.
Dass sie für ihr Geld auf einem der besten Campingplätze residiert, ist Christel Herbst ziemlich gleich: „Ich brauche nur den See und die Bäume. Tolle Duschen, Toiletten, Küche und Restaurant nutze ich nicht. Wir sind Selbstversorger.“ Entsprechend kritisch sieht sie das Streben nach beständiger Verbesserung. „Wir heißen nicht mehr Dauercamper, sondern Langzeiturlauber, haben die beschlossen – so’n Quatsch!“ Mit den Urlaubern pflegt sie wenig Kontakt – „die neiden uns meist unsere Plätze“.
Dass es am Ende doch noch ein bisschen wie DDR ist, merkt an diesem Tag allgemeiner Abreise ein Autofahrer, der hoffte, über das Gelände des Campingparks den Weg zum Gaisberg abzukürzen: Gegen Besuchergebühr kommt er zwar rein, wegen eines Eisengitters am anderen Ende aber nicht wieder heraus.

Erschienen am 20.10.2007

Kurze Wege, lange Betreuung

Kita in Uni-Nähe eröffnet / Betreiber plant schon die nächste in Golm

EICHE Edwina hat beschlossen, das Konzept der Frühförderung ernst zu nehmen. Wie das so ist mit den wirklich wichtigen Entschlüssen, musste er schnell und ohne Rücksicht getroffen werden. Die Vierjährige mit den kecken Zöpfen und den tiefschwarzen Knopfaugen entschied sich für musikalische Frühförderung mit Schlaginstrumenten. Dass es ausgerechnet den Eröffnungstag der Uni-Kita an der Kaiser-Friedrich-Straße traf, mag sie bedauert haben, aber wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. So bearbeitete Edwina stoisch die Trommel, während gestern früh Wissenschaftsministerium Johanna Wanka (CDU), Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), die Rektoren der Uni und der Fachhochschule Potsdam und andere Honoratioren von Kita-Leiterin Martina Günther durch die großzügigen Räume geführt wurden, die das Studentenwerk im Erdgeschoss des Studentenwohnheims für rund 700 000 Euro errichtet hat. 33 Jungen und Mädchen werden seit einer Woche dort von sieben Erzieherinnen und zwei Praktikanten betreut, hauptsächlich die Kinder von Studierenden und Hochschul-Angestellten. „Externe“ dürfen zwar auch in diese Kita, aber nur, wenn Plätze frei sind, und danach sieht es auf absehbare Zeit nicht aus: Die 60 Plätze für Kinder zwischen zwei Monaten und sechs Jahren sind längst vergeben, 20 Elternpaare stehen auf der Warteliste. Es scheint, als haben die Eltern nur auf so ein uninahes Betreuungsangebot gewartet. Wie Martina Günther verriet, steht der Betreiber, die Kinderwelt gGmbH, wegen des Andrangs bereits mit den Hochschulen, der Stadt und dem Studentenwerk in Verhandlung, um in Golm eine weitere Kita zu ermöglichen.
Der gestrige Nachmittag gehörte den Eltern und Kindern. Edwina war mittlerweile auf ein Becken umgeschwenkt, das sie jedem erwartungsfroh entgegenhielt, in der Hoffnung, er würde es schlagen. In der Wahl der Mittel war sie nicht festgelegt und ließ Finger, Kugelschreiber und Kuchengabeln als Schlegel gelten. Stellte sich über längere Zeit kein Impulsgeber zur Verfügung, nahm die kleine Chinesin ihre Ausbildung selbst in die Hände und bediente sich der Fensterbretter, Stuhlkanten und Tischbeine zum Scheppern. Die 17 Monate alte Lilli tappte ihr eine Weile fasziniert hinterher, als fordere sie zur Polonaise auf. Lillis Mutter Marie Wohlbrandt schaute mit einem Lächeln zu, nach einem stressigen Tag: Sie nahm gestern ihr Lehramtsstudium auf und zeigte sich glücklich, einen Kita-Platz ergattert zu haben. Die kurzen Wege und vor allem die flexiblen Betreuungszeiten von 7 bis 20 Uhr kämen ihr sehr entgegen, sagte sie. Da sie erst am Samstag nach Potsdam zog, bleibe dank Uni-Kita ein wenig Zeit, die Wohnung herzurichten.
Wenige Stunden später rüsteten Günther und ihre Kolleginnen zur dritten Feier an diesem Tag: Die Kinderwelt dankte den Helfern. Danach ging für das Team ein langer, stressiger erster Tag zu Ende. Vermutlich haben ihnen dann die Ohren geklingelt.

Erschienen am 16.10.2007

„Da hingehen, wo die Angst ist“

Sarah Kuttner liest ihre Kolumnen

Heute Abend gastiert Sarah Kuttner mit ihrem Buch „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ im Waschhaus. Die MAZ sprach vorab mit der umtriebigen Autorin über Potsdam, langweiliges Lesen und die geplante Radioshow mit ihrem Vater. Die Fragen stellte Jan Bosschaart.

Eine Lesung in Potsdam – ist das eine kleine Heimkehr?
Kuttner: Da ich Potsdam zu Berlin zähle: Ja! Es ist eine bewusste Entscheidung für Potsdam und gegen Berlin. Letztes Mal in Berlin wirkte das Publikum ziemlich reserviert. Da dachte ich: Nee, wenn die immer so schnell von allem genug haben, geh ich lieber nach Potsdam, die freuen sich sicher. Und ich mag Potsdam.

Ist Ihr unruhiger Geist überhaupt irgendwo zu Hause?
Kuttner: Klar! Ich bekomme sogar sehr schnell Heimweh, wenn ich mal weg bin.

Was erwartet die Besucher der Lesung?
Kuttner: Das wird gar keine reine Lesung. Nach der letzten Lesetour war mir ziemlich langweilig. Wenn man das so 30-mal macht, denkt man irgendwann: „Ach Gottchen, kann doch jeder selber lesen“. Doch die Anfragen rissen nicht ab, und auch ein „Best Of“ meiner Sendung wünschten sich viele. Da beschloss ich, eine Mischung zu machen und suchte aus dem Archiv die schönsten Einspieler raus. Es wird also Hälfte Kino, Hälfte Lesung. Und das Publikum darf aussuchen.

Es kommen also auch Nichtleser auf ihre Kosten?
Kuttner: Die meisten Leute kommen ohnehin nicht, um sich ein Buch vorlesen zu lassen, sondern um mich mal zu sehen. Außerdem gibt’s absurde Geschenke für jeden, der mit mir vorliest. Auf der letzten Lesung waren es tolle Krankheitserreger als Kuscheltiere, diesmal habe ich eine Geschenktüte gepackt mit Kram, den ich nicht mehr brauche.

Was macht denn nun die Gegenwart so anstrengend?
Kuttner: Na dass sie dauernd da ist! Ich finde die gar nicht so anstrengend, aber im Buch schimpfe ich darüber, dass viele Leute das offenbar tun. Die hören noch die besten Hits der 70er, 80er und 90er oder gucken sich die hundert witzigsten Werbespots im Fernsehen an. Ich finde, dass es durchaus schön ist im Hier und Jetzt und man sich damit ruhig beschäftigen sollte.

Demnächst moderieren Sie mit Ihrem Vater eine Radiosendung. Wie wird das?
Kuttner: Wir wissen’s beide nicht, wir finden’s aber eine irre Idee. Das reizvolle daran ist unsere Verschiedenheit. Es wird keine Jagd nach Pointen geben – wir können ja beide gleichzeitig irre witzig sein.

Gibt es ein Konzept?
Kuttner: Kaum. Wir lassen uns ins Studio sperren und schauen mal, was rauskommt. Mein Vater wollte das schon lange, aber ich war skeptisch. Jetzt dachte ich: Einfach mal da hingehen, wo die Angst ist.

Erschienen am 28.09.2007

Musik, die den Horizont erweitert

Alf Ator im MAZ-Gespräch über Dummheit, Tod und Exkremente

Knorkator rocken am Sonnabend im Lindenpark. Die MAZ sprach vorab mit dem Keyboarder Alexander Thomas alias Alf Ator. Die Fragen stellte Jan Bosschaart.

Im Internet steht, Knorkator seien Blödelrocker? Eine zutreffende Bezeichnung?
Alf Ator: Nö. Wir wollen nur gute Musik machen. Das gelingt uns so sehr, dass wir es nicht nötig haben, uns ernst zu nehmen.

Wie würden Sie Ihren Musikstil denn nennen?
Alf Ator: Er ist ein Gemisch aus Industrial-Metal und klassischen Elementen. Zugleich haben wir Freude an Härte. Wenn man übers Auf-die-Schnauze-hauen singt, hilft Soul nicht weiter.

Laut Pressetext dient die Tour dazu, einen Film zu drehen?
Alf Ator: Jaaa! Ein weltbekannter Regisseur dreht „Aufstieg und Fall“ von Knorkator. Bisher spielten wir in riesigen Stadien, das war nicht glaubwürdig, um unsere Anfänge nachzustellen. Daher die Tour in kleinen Clubs: Um behaupten zu können, das wären wir als junge Menschen. Leider sind wir längst alt und dick.

Der Film soll auch künftige Ereignisse zeigen – welche denn?
Alf Ator: Unseren Abstieg und den Tod unseres Gitarristen Buzz Dee. Das wird eine stark berührende Szene mit vielen Fans aus aller Welt.

Buzz Dee plant abzutreten?
Alf Ator: Wir planen das. Er weiß noch nichts davon.

Vermissen Sie manchmal die Berühmtheit nach dem Grandprix-Ausscheid 2000?
Alf Ator: Selten. Wir hatten davor schon einen treuen Fankreis, der hat sich nicht verändert. Die anderen haben sich kurz für Idioten, die Keyboards zerschlagen, interessiert, aber nicht für unsere Musik. Es ist nur ein kleiner Bevölkerungsteil Knorkator-kompatibel. Das ist okay. Ein Ferrari pro Bandmitglied reicht uns.

Eine Zeitung schrieb, Knorkator weigere sich, erwachsen zu werden.
Alf Ator: Da ist endlich die gesamte Wahrheit über uns. Im Ernst: Diese Bands, die immer jugendlich frisch sind und nur drei Themen haben: ich wachse – ich bin verliebt – ich finde die Welt ganz schlimm, sind doch langweilig. Weil wir das nicht tun, und wir Texte über Exkremente machen, heißt es gleich „Chaoten“.

Wie läuft der kreative Prozess bei Knorkator ab?
Alf Ator: Die anderen sitzen und warten. Ich beginne zu denken, schreibe Lieder und Texte, lese viel, konsumiere Kultur. Daraus erwächst Kunst, die die anderen lediglich interpretieren dürfen. Sie sind dankbar und froh, für mich zu spielen.

Als Berliner Band berlinern Sie gern in ihren Texten.
Alf Ator: Wir stellen es sprachlich nur nach vorn, wenn es sich anbietet: wenn Dummheit zelebriert wird.

Das wird die Potsdamer aber freuen.
Alf Ator: Ich hege keine Arroganz gegenüber Potsdam. In den Anfangstagen war Potsdam für Knorkator extrem wichtig, weil dort die Radiostationen waren, die sich für uns interessiert haben.

Was erwartet die Konzertbesucher?
Alf Ator: Sie werden das Glück haben, von meiner Aura beschienen zu werden. Das gibt Auftrieb, das hilft durchs Leben: Musik, die den Horizont erweitert.

Erschienen am 27.09.2007

Schießerei in der Rotunde

Tom Tykwer ließ das Guggenheim-Museum in Babelsberg nachbauen

Dass es wirklich passte, sei die größte Sensation gewesen, sagt Produktionsdesigner Uli Hanisch. Die Suche nach einem passenden Gelände hatte er schon fast aufgegeben, doch dann kam Babelsberg: Ein alter, ein „ruinöser“ Lokschuppen, wie Hanisch betont, rettete den Plan. Dieser Plan besagte, dass für Tom Tykwers neuen Film „The International“ eine wilde Schießerei in der berühmten Rotunde des New Yorker Guggenheim-Museums notwendig ist. Aus technischen, filmischen und musealen Gründen kam ein Dreh am Originalschauplatz nicht in Frage, also musste nachgebaut werden. Doch welches Gebäude hat die Ausmaße, die Rotunde im Originalmaßstab – 40 Meter Durchmesser, 15 Meter Höhe – aufzunehmen? Die Filmstadt konnte weiterhelfen.
Doch bevor das „Gug“ in Babelsberg, wo seit gestern gedreht wird, entstehen konnte, hatten die Götter den Schweiß gesetzt: Während das Original in 16 Jahren erbaut wurde, hatte das Team um Bauleiter Dirk Grahlow nur 16 Wochen Zeit. Zunächst musste der Schuppen geflickt werden – alte Schienenstränge verschwanden unter Asphalt, das Gebäude wurde gegen Wind und Regen geschützt, große Teile des Daches bedurften einer neuen Abdichtung. Zwei Wochen teure Sanierung waren das, erzählt Hanisch, der für Tom Tykwer auch schon das Set im „Parfum“ baute. Nach weiteren vier Wochen Entwicklungszeit kam dann wieder Dirk Grahlow zum Zuge: Innerhalb von nur zehn Wochen musste die Rotunde im Lokschuppen entstehen: eine umlaufende Gerüstkonstruktion mit innenliegenden Strahlträgern. 40 Leute arbeiteten fast rund um die Uhr und sechs Tage pro Woche daran, verbauten 7000 Kubikmeter Gerüst, 3000 Tonnen Stahl und acht Kilometer Kantholz.
Das Ergebnis trägt nicht nur Dutzende von Menschen, sondern erzielt die selbe „Raumwirkung“ wie das Original, wie Uli Hanisch stolz berichtet. Guggenheim-Mitarbeiter aus New York haben sich bereits angekündigt, um sich davon zu überzeugen. Sie halfen während der Konzeptions- und Bauphase kräftig mit, etwa, indem sie Hanisch die Originalbaupläne überließen. Uli Hanisch ist vollauf begeistert: „Es hat wirklich auf 50 Zentimeter genau reingepasst“, sagt er und schüttelt noch immer ungläubig den Kopf. Dem Team von Dirk Grahlow bescheinigt er „eine Riesenleistung“, doch der drückt sich bescheiden in den Hintergrund. Auch Tom Tykwer ist begeistert. Mit Hilfe von 30 Beamern sollen Video-Kunstwerke auf ebenso vielen Leinwänden die Szene beleuchten, verrät er. Hanisch, mit dem Tykwer regelmäßig zusammenarbeitet, habe sich selbst übertroffen: „Solchen Wahnsinn hat noch niemand gemacht“, sagt der Regisseur und lächelt. Dem stimmt sogar Dirk Grahlow zu: „Das war das Komplizierteste, was ich je gemacht hab.“

Erschienen am 25.09.2007

Wie Münzenwerfen

Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht: In Potsdam geblitzt zu werden, ist wie ein Münzwurf – 50 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit. Gerade angesichts der drohenden Allgegenwart der überteuerten „Passbildautomaten“, die selbst mancher Staatsanwalt schon als „moderne Wegelagerei“ schalt, ist das eine tröstliche Vorstellung. Doch das hämische Grinsen, das dem geplagten Fahrzeuglenker darüber aufs Gesicht huscht, verschwindet schnell zugunsten eines schalen Nachgeschmacks: Geschwindigkeitskontrollen sind – wenn nicht extensiv und an reinen Abzockpositionen eingesetzt – ein wichtiges Mittel, die Allgemeinheit vor notorischen Bleifuß-Hasardeuren zu schützen. Diese Abschreckungswirkung auf als „Flitzer“ verharmloste Raser dürfte unter der „guten“ Nachricht nachhaltig leiden. Und auch der relativ reuige Normalbürger, der schamhaft das Bußgeld bezahlt, um die Sache aus der Welt zu schaffen, ist letztlich der Dumme, wogegen chronische Prozesshanseln (statistisch) in jedem zweiten Fall triumphieren. Das beweist erneut, dass Autofahrer längst zu Melkkühen degradiert wurden. Die Polizei sollte ihre Mehr-Einnahmen in Kurse zu investieren: Wo stellt man Blitzer wirklich sinnvoll auf?

Erschienen am 14.09.2007

Medien-Ethik in Europa

Prominente Journalisten diskutierten vor dem M100-Jugendworkshop

„Mein Beileid“, eröffnete Hans-Ulrich Jörges, Vizechef des „Stern“, „sie müssen sich jetzt stundenlang langweilige Debatten anhören. Doch gewöhnen sie sich dran: Das wird ihnen noch die nächsten 50 Jahre so gehen.“ Es war eine knackige Eröffnung des M100-Jugendmedien-Workshops, die der Ankündigung scheinbar widersprach. Und so lachten sie zunächst, die 35 Teilnehmer aus zwölf europäischen Ländern und Israel, die zur Podiumsdiskussion ins Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte gekommen waren. Die 18- bis 25-Jährigen erwartete ein Podiumsgespräch über „Ethische Richtlinien für Journalismus in Europa“. Jörges im Podium ist da eine gute Idee, denn er redet nicht nur zu allen journalistischen Themen in der Öffentlichkeit gern und ausdauernd, sondern meist auch bissig und daher unterhaltsam. Und so ging es dann los: Richtlinien seien schonmal schlecht, denn sie schränkten die Pressefreiheit ein, man spräche doch besser von ethischen Standards, ließ er die Runde wissen. Ehrlichkeit, Integrität und Unabhängigkeit seien die einzigen Rezepte, verkündete Jörges. Er erklärte das so, als sei nun alles gesagt und man könne endlich zum Buffet schreiten. Doch ein wenig reden wollten die anderen im Podium doch noch. Andrea Seibel, Vize-Chefin der „Welt“, erklärte, die Tendenz zur Unterhaltung sei gefährlich. Susan Neiman vom Einstein Forum warnte die jungen Teilnehmer davor, der verführerischen Berufskrankheit Zynismus zu verfallen („Guter Journalismus gehört in die Tradition der Aufklärung!“), und Joachim Huber, Ressortleiter Medien beim „Tagesspiegel“, fasste es pragmatisch: „Lügen Sie nicht, wenn sie wissen, dass Sie lügen!“ Dann kam wieder Jörges, der wusste, dass 80 Prozent der Journalisten ohnehin schon vom Weg abgekommen und den vielen Verführungen erlegen seien. Die Gesichter der Teilnehmer wurden während dieser Debatte immer leerer – wohl auch, weil sie nicht mitreden durften. Da war es gut, dass der Journalist Mathew D. Rose dazu riet, nie den Humor zu verlieren, obwohl der Journalismus in der Krise sei. Ein Rat, den etwa Hans-Ulrich Jörges schon seit Jahren befolgt.

Erschienen am 01.09.2007

Risse in der Familie

Die „Grüns“ mussten repariert werden

INNENSTADT Frau Grün hatte in letzter Zeit einige Sorgen mit der Gesundheit: Nicht nur, dass der Arm furchtbar schmerzte, auch um ihre Standfestigkeit war es schlecht bestellte – sie schwankte gewaltig hin und her, das dauernde Stehen bekam ihr gar nicht. Doch zum Glück erbarmte sich Joachim Buhlmann: Mit Keller und Kleber, Binden und Beton nahm er sich des herunter gefallenen und zerbrochenen Armes sowie des gelockerten Sockels an, und nun strahlt die Familie Grün wieder in gewohnter Eintracht auf der Ecke Brandenburger Straße/Lindenstraße den Passanten entgegen – zwar um ein paar Narben reichen, aber so ist das halt im Alter und wenn man 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche und 52 Wochen im Jahr draußen steht. Die Grüns führen ein öffentliches Familienleben, mit all den Vor- und Nachteilen. Zu letzteren gehören Vandalismus oder zumindest Unbedachtheit. „Kinder klettern darauf herum, sitzen auf den Schultern, zerren daran“, sagt Joachim Buhlmann, dessen Frau Carola die Familie 1979 schuf – und damit ein kleines Wahrzeichen Potsdams. „Dass die drei angefasst und genutzt werden, war ja auch so geplant“, verteidigte Buhlmann die jungen Kunstnutzer. Nur für echten Vandalismus und mutwillige Zerstörung hat er kein Verständnis, auch wenn er betont, dass „Halbstarke es in unserer Zeit sehr schwer haben“. Es wird nicht die letzte Reparatur an der Familie gewesen sein.

Erschienen am 29.08.2007


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